WMDEDGT im November

Oups, es ist der fünfte November! Facebook spült ja immer irgendwelche Erinnerungen nach oben und hat mich gerade mit meinem allerersten Beitrag für Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag, kurz WMDEDGT, konfrontiert. Das fragt Frau Brüllen allmonatlich am 5., und schon lange habe ich nicht mehr mitgemacht. Heute aber passt es, auch wenn ich nicht so viel gemacht habe, oder vielleicht passt es auch genau deswegen.

Aufstehen so gegen Acht. Heute ist Nathalie-Tag. Sie kommt um Neun. Bis dahin will ich in Ruhe gefrühstückt haben, im Bad gewesen sein und ein kurzes Vor-Aufräumen vorgenommen haben. Nathalie ist meine Hilfe seit ein paar Monaten. Eine alleinerziehende Mutter, deren gerade flügge gewordenes Mädchen auch schon alleinerziehende Mutter geworden ist. Alles schon nicht einfach, auch wenn die ganz Kleine ein Sonnenschein ist. Und dann wurde Nathalie arbeitslos. Und es wurde knapp mit dem Geld. Als ich Nathalie das erste Mal sah, war sie ziemlich deprimiert, grau im Gesicht und sie roch nach Alkohol. Das kann ich nicht mehr so gut aushalten seit ich selbst keinen Alkohol mehr trinke, aber ich wollte so gerne jemanden haben, der mir hilft, diese Wohnung halbwegs in Ordnung zu halten, und sagte „ja“. Nathalie sagte auch „ja“ – obwohl Hausarbeit nicht ihre liebste Tätigkeit ist, denn früher war sie Chefsekretärin einer kleinen Sicherheitsfirma, die in Konkurs gegangen ist. Aber Nathalie ist knapp über 50 und gilt als schwer vermittelbar. Fremdsprachen, die man heute für so einen Posten können muss, kann sie nicht. Einen Führerschein hat sie auch nicht. Jetzt macht sie einen vom Arbeitsamt verordneten Intensivkurs Englisch und kann nur noch samstags zu uns kommen.

Während ich frühstücke, will ich nur schnell den Silberbecher mit frischem Vogelsand auffüllen – feiner, weißer Sand, in den ich meine Räucherstäbchen stecke oder mein Papier d’Arménie abbrennen lasse und zerre an dem Sack mit Sand, der im Küchenunterschrank neben dem Katzenfutter steht. Pepita hat aber auch schon mal an diesem Sack gezerrt, vielleicht roch der Muschelsand für sie verführerisch, ich weiß es nicht, der Sack ist auf jeden Fall angefressen und es rieselt aus vielen kleinen Öffnungen, ich hinterlasse überall in der Küche Sand und werfe den Sack erschrocken ins Waschbecken. Es rieselt. Der Boden des Küchenunterschrank ist auch voll mit Sand. Ich weiß, was ich heute mit Nathalie machen werde.

Um 9 Uhr kommt Nathalie. Sie hat die langen Haare abgeschnitten und trägt sie jetzt lockig kinnlang, steht ihr gut. Sie sieht trotz des Regenwetters froh aus, der Englischkurs, den sie fürchtete, gefällt ihr gut, ist wirklich intensiv und keine Zeitverschwendung. Ich lasse sie in der Küche und mit dem Küchenschrank zunächst alleine und räume in den angrenzenden Zimmern in Windeseile, zumindest grob, auf. Nathalies Anwesenheit hilft mir bei dem Versuch, wenigstens einmal in der Woche all unsere Unordnung zu bändigen, all die herumliegenden Klamotten im Schlafzimmer wieder zusammenzufalten oder in Schränke zu hängen, die Briefe, Papiere, Zeitungen und Bücher im Wohnzimmer und all den Krempel auf den diversen Kommoden und Tischen zusammenzuschieben, zu ordnen und das eine oder andere vielleicht sogar wegzuwerfen.

Dann durchforste ich mit Nathalie vier große Kisten mit Putzmitteln aus grauer Vorzeit, inklusive Sattelfett und Kupferpoliermittel, trenne mich von verrosteten Dosen und dubiosen Flaschen, deren Inhalt ich nicht mehr bestimmen kann, dazu Schwämme, Bürsten, und wühle mich durch eine weitere Kiste mit Schuhputzzeug. Sie ist voller halbausgedrückter Tuben Schuhcreme, vorzugsweise in den Farben Blau und Braun. Und eine Kiste mit Katzenkram. Und Plastiktüten. Und Papiertüten. Hunderte. Und eine Plastiktüte voller zusammengeknüllter Plastiktüten. Tausende vermutlich. Wie es dieses Land und seine Bewohner je schaffen werden, ohne all diese Tüten zu leben, wie es für nächstes Jahr geplant ist, weiß ich nicht. Ich habe zwei riesige Basttaschen zum Einkaufen und jede Menge wiederverwendbare große Plastiktaschen und trotzdem sammeln sich in Windeseile wieder Tüten in allen Farben, Größen, Formen und Stärken an. Am Ende haben wir zwei große Müllsäcke voller Kram wegzuwerfen, der Küchenunterschrank ist aber immer noch voll. Man fragt sich, wie das alles vorher da reingepasst hat.

Das alles hat lange gedauert. Nathalie wirbelt nun mit dem Staubsauger in den anderen Räumen und ich überlege, was ich zu Mittag machen könnte. Kaum habe ich Fleisch aufgetaut, kommt Monsieur mit zwei neuen prallgefüllten Plastiktüten nach Hause. Er hat mit seiner Mutter Einkäufe gemacht und das eine oder andere, das ihn inspiriert hat, für uns mitgebracht. Das alles wird beguckt und verstaut. Kurzerhand wird das aufgetaute Fleisch in den Kühlschrank verfrachtet, wir essen jetzt frische Lammleber.

Eigentlich ist jetzt Wochenende. Die Wohnung ist sauber. Draußen regnet es. Ich lese ein bisschen im Internet herum, Monsieur spielt gegen den PC Bridge. Beide machen wir eine kleine Sieste. Pepita schleicht sich dazu. Um Viertel vor Drei stehe zumindest ich wieder auf, mache mir einen Kaffee und setze mich an den Schreibtisch. Das Manuskript von Christine ist gesetzt und die erste Umbruchkorrektur wird Korrektur gelesen. Ich finde nicht viel, grübele aber doch über den einen oder anderen Satz und schlage in vorigen Büchern nach. Wie haben wir französische Worte da behandelt? Klein oder groß? Kursiv oder nicht? Muss ich morgen noch einmal drüber nachdenken. Denn schwupps ist es Sechs Uhr und Monsieur schaltet zur täglichen Politiksendung den Fernseher an. Kleiner Klick in FB: Stelle fest, es ist der Fünfte. Siehe oben.

Neben mir köchelt ein Milchreis. Das richtige Essen für einen regnerischen Novemberabend. Nachher nehme ich ein Bad.

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6 Antworten auf WMDEDGT im November

  1. Friederike sagt:

    Ein Bad! Das wäre es gewesen heute! Ich wusste, ich habe was vergessen…
    Das klingt doch aber alles sehr produktiv da bei Ihnen!

    • dreher sagt:

      Jaha! Erstes Bad in der Wintersaison. Mit warmem Wasser trotz Regen. Das war nicht immer so. Luxus in Cannes.
      Bei Ihnen klang es auch nett!

  2. Marion sagt:

    Eine Haushaltshilfe, seufz. Den Luxus habe ich mir in besseren Zeiten auch schon mal gegönnt und es war eine Wohltat. Den Luxus eines Bades würde ich ebenfalls gerne mal wieder genießen, leider gibt es in dieser Wohnung nur eine Dusche. „Warmes Wasser trotz Regen“, habt Ihr eine Solaranlage, die ohne Sonne funktioniert? ;-)

    • dreher sagt:

      Genau, die Betonung liegt dabei auf „Hilfe“. Nathalie hilft mir, dass ich das Chaos bewältige, das mich alleine oft an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Da war dann so viel zu räumen, dass ich es oft gar nicht erst anging. Ich kriege schnell eine Haushaltsdepression. Ich hebe ein T-Shirt auf, denke „Wie soll ich das alles schaffen?“, und lasse es resigniert wieder auf den Boden fallen. Nathalie würde auch lieber wieder etwas anderes machen, als Staubsaugen bei anderen, ich verstehe sie da vollkommen. Ich wünsche ihr auch, dass sie wieder einen qualifizierten Job findet, aber in der Zwischenzeit helfen wir uns gegenseitig. Alleine wäre ich diesen Küchenunterschrank nie angegangen –
      Na, und mit dem heißen Wasser, das müsstest du aber wissen, du die du alles weißt, Marion, oder? ;-) Wir haben eine Solaranlage, die nur bei Sonnenschein funktioniert, aber sehr lange (Jahre! nicht nur gefühlt!) war die Zusatzheizung defekt, die einspringt, wenn eben keine Sonne scheint. Das wollte hier keiner zu einem vernünftigen Preis reparieren. Die Firma, die es installliert hat, gibt es schon nicht mehr. Und andere wollten nur eine komplette Neuinstallation machen oder boten eine Reparation zum Preis einer Neuinstallation an. Da war Monsieur sauer und sagte „das geht auch so!“ Nach Jahren (!) des kalten Wassers bei kaltem Wetter, habe ich dann so geschimpft, dass wir den Radius der Suche nach Handwerkern ausgeweitet haben. Jetzt kommt jemand aus Nizza, da sind vor allem die Anfahrtskosten hoch, aber er kam und die Reparatur hat er auch zu einem vernünftigen Preis gemacht.

      • Marion sagt:

        Neee, alles weiß ich auch nicht ;-)
        Sag‘ mal, wie hast Du denn im Winter geduscht oder gebadet? Gut, dass Du Monsieur Beine gemacht hast. Das mit der Haushaltsdepression kenne ich. Aufräumen geht ja noch, aber diese Putzerei… Da gibt’s schon schönere Beschäftigungen. Genieße einfach die Hilfe von Nathalie.

        • dreher sagt:

          Ich dachte nur, weil ich das schon mal irgendwo hier erzählt habe – der Winter in Südfrankreich ist vielleicht kalt, aber dabei zu bestimmt 80% sonnig, da ist alles kein Problem, und an den anderen Tagen muss man eben mit dem warmen Wasser sparsam sein. Kurze Dusche muss reichen. Nur wenn es tagelang regnet, was ja auch hin und wieder vorkommt, wird es ab Tag drei schwierig. Dann gibts Katzenwäsche und zum Haarewaschen habe ich tatsächlich oft Wasser heiß gemacht. Aber natürlich würde man gerne an genau diesen Tagen, wo es nass, kalt und grau ist, ein Bad nehmen, das ging dann eben nicht.