Berlin

cl5_cqzwkaabseiIch wollte nichts zu Berlin sagen, weil ich dachte, das würden andere schneller und besser machen können. Ich lebe schon so lange nicht mehr in Deutschland, ich kann so vieles nicht mehr richtig einschätzen. Ich wollte nicht belächelt und mit einem abwinkenden, „ach du, du lebst hier doch gar nicht mehr, was weißt du schon, wie es hier ist“ bedacht werden. Nein, ich weiß nicht, wie es in Berlin und überall in Deutschland ist. Wie das Leben dort aktuell ist, mit allem, was Sie beschäftigt und umtreibt.

Berlin kenne ich noch aus Mauerzeiten, ich kenne es kurz nach der Maueröffnung, als man für einen kurzen Moment dachte, alles, wirklich alles sei möglich, und ich war immer wieder in Berlin. Ich habe liebe Freunde in Berlin. Ich mag Berlin. Ich habe mich dort immer sehr frei gefühlt.

Ich weiß nicht, wie das Leben in Deutschland und Berlin ist, aber ich weiß aus Frankreich, wie sich das Leben nach einem Attentat anfühlt. Fassungslos. Traurig. Angstvoll. Es bricht einem das Herz. Und die Angst kriecht einem den Nacken hoch. Und alles verklumpt sich zu einem komischen Gefühlsgemisch und man denkt und sagt so allerhand Unqualifiziertes. Ich wünsche uns allen (immer wieder) einen wachen Geist, um nicht in diesem Nebel aus unklaren Gefühlen, Angst, Traurigkeit und vielleicht auch Hass steckenzubleiben. Und den Mut weiterzuleben. Rauszugehen, auf Weihnachtsmärkten Glühwein zu trinken, laut Weihnachtslieder oder was auch immer zu singen und zu leben. Lassen wir uns nicht einschüchtern! Und lassen wir nicht dem Terrorismus das letzte Wort!

Und deswegen schreibe ich jetzt doch etwas.

Denn ich finde es unerträglich zu hören oder zu lesen,  es sei Merkels Schuld, ihre Flüchtlingspolitik sei Schuld oder es seien „die Toten Merkels“! Unerträglich! Es sind die Toten des Atten-Täters und des IS (hier sagt man Daesh). Es sind die Toten des Terrorismus! Voilà, das wollte ich wenigstens einmal laut gesagt haben.

Eigentlich wollte ich Ihnen geschrieben haben, dass Weihnachten dieses Jahr bei mir ausfällt. Endzeitstimmung mal wieder. Das war sogar noch vor Berlin. Nach allem, was passiert ist und mit diesen entsetzlichen Bildern aus Syrien im Kopf. Weihnachten kann ich dieses Jahr nicht. Dazu kam, selbst wenn Sie mich lächerlich finden wollen, dass es hier so warm war und die Sonne schien, das passt für mich nachwievor nicht zu einem weihnachtlichen Gefühl. Das Jahr war anstrengend, die Adventszeit zu kurz, ich bin zu spät für Geschenke, Ideen habe ich auch nicht und mir ist das Geschiebe und Gedränge in den Läden lästig. Geschenke, ach je. Ich hatte auch keine Weihnachtsdeko. Die angeheirateten Enkelkinder sind jetzt schon so groß, dass sie bei der sich im Kerzenschein drehenden Weihnachtspyramide nicht mehr in Verzückung geraten, das Weihnachtsessen findet nicht bei uns statt (ich habe mich dezent zurückgehalten), Monsieur ist es eh wurscht, muss also alles nicht sein, tant mieux. Umso besser. Mein Back-wahn hat sich mit den missratenen Christstollen erschöpft. Weihnachtskarten werde ich wohl erstmals auch nicht schreiben, was soll man auch wünschen in diesen Zeiten?! Weihnachten fällt aus. Basta.

Aber wissen Sie was? Gestern kam ein verspäteter Adventskalender und viele Texte darin rührten mein Herz, heute kam ein Päckchen mit deutschen Plätzchen und deutscher Weihnachtsdeko einschließlich echter Tannenzweige, so dass ich beschloss, nun doch die Weihnachtskrippe aufzubauen und ein bisschen zu dekorieren, nicht für die Kinder, nein, für mich, um mein verzagtes inneres Kind leicht im Arm zu wiegen. Und tatsächlich gab die sparsam verteilte Weihnachtsdeko den heute einzigen Anlass zum Lächeln: die schon so lethargisch gewordene Katze hat sich nämlich wie wild auf die Goldsterne gestürzt und einen nach dem anderen vom Tisch gefegt. Ha! Sie sah mich danach triumphierend an. „Die Goldsterne haben angefangen“, sagte sie leichthin und leckte sich ausgiebig die Pfoten. Natürlich. Die Aggressivität von Goldsternen ist ja bekannt. Früher lief die Katze auch gern durch die Krippenlandschaft und kickte abwechselnd die Plastikschafe oder den armen Josef vom Regal.

Ich hielt das Jesuskind in der Hand und zögerte – hier baut man die Krippenlandschaft früh auf, legt das Jesuskind aber erst in der Heiligen Nacht in die Krippe. Aber ich legte es entschlossen jetzt schon hinein. Das ist doch die Weihnachtsbotschaft: Jesus, das Kind in der Krippe, Liebe. Vielleicht glauben Sie das alles nicht, mit dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, und der unbefleckten Empfängnis undsoweiter, müssen Sie auch nicht, aber das, was das Christentum auszeichnet, ist doch die Liebe. Die Liebe, die mit Jesus Christus in die Welt kam. Und Liebe brauchen wir wohl mehr denn je. Viel viel Liebe. Davon kann man gar nicht genug bekommen. Das ist die Botschaft dieser Tage, würde ich meinen. Lieben gegen alle Widerstände, Jesus hat das gemacht, wir können das auch machen, Guerilla Loving sozusagen. Ich glaube, Weihnachten findet doch statt.

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Christine sieht das übrigens genauso!

 

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