Der Himmel über Paris … la fin

im NebelIch hatte mir ja extra diesen „Wo mache ich Pipi in Paris?“-Führer gekauft, ihn aber nur einmal mitgeschleppt und dann brauchte ich ihn nichtmal, oder sagen wir, indirekt vielleicht schon, denn, einmal aufs Thema fixiert, fand ich öffentliche Toiletten erstaunlich oft. In Parks, an Metrohaltestellen, unter Brücken und hier und da. Einmal,

Parc Georges Brassens Katzenbücher Flohmarkt Brel Ferret Brassens

im 15. Arrondissement, ganz nahe am Parc Georges Brassens (das ehemalige Schlachthofgelände, dort war ein Bücherflohmarkt und ach, über Brassens sollte ich auch einmal schreiben!) habe ich dann auch ein vollautomatisches Häuschen benutzt. Gratis übrigens, ganz anders als in Cannes. So richtig weiß man ja nie, was einen darin erwartet, aber es war total sauber. Wird nach jedem Benutzer vollautomatisch gereinigt. Man muss aber immer abwarten, bis das Lichtchen neben der Eingangstür grün leuchtet. Und wenn man drin ist, verriegelt sich die Tür auch ganz von alleine. Man muss gar nichts tun, draußen leuchtet derweil das Besetztzeichen. (Das hat mir natürlich Monsieur bestätigt, ich war ja nicht gleichzeitig drinnen und draußen, logisch nicht wahr?!) Ich habe ja immer so ein bisschen Angst, dass die vollautomatische Reinigung einsetzt und man komplett durchnässt herauskommt (irgendwo habe ich das mal gelesen), aber so etwas passiert wohl nur, wenn man nicht auf die Lichtchen an der Eingangstür achtet. Also, anders als an Fußgängerampeln, geht der Franzose hier wirklich nur bei Grün los.

toilette publique Eingang Lichtchen Blick nach innen

Ich ließ mich diesmal, abgesehen von den touristischen Besuchen im Picassomuseum, dem Eiffelturm und der Fondation Louis Vuitton, zumindest, wenn ich alleine war, einfach treiben.

dsc01157 dsc01156 dsc01155 dsc01151allemand Bistro soupe de tears cafe gourmand

Lief in unspektakulären Wohnvierteln herum und freute mich über viele kleine Alltagsszenen, die ich dabei entdeckte. Einmal fragte mich eine junge Französin nach dem Weg. Eine Französin fragte MICH nach dem Weg!

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Ich habe zum ersten Mal auch Fahrradfahrer bewusst wahrgenommen. Es gibt sogar Fahrradwege in Paris. Die Fahrradkuriere sausen natürlich jenseits aller Fahrradwege in einem Affenzahn auf ihren Rennrädern quer über sämtliche Kreuzungen, sogar um den Arc de Triomphe hüpfte einer inmitten des mehrspurigen Autoverkehrs slalomartig herum. Zu schnell für meine Kamera waren sie fast alle. Es gab hin und wieder auch sportliche Trittrollerfahrer, neben den vielen rollernden Kindern, die ihre Roller vor der Ecole Maternelle geparkt hatten. Ich sah aber auch Mütter, die ihre Hollandfahrräder mit Kindersitzen in der Nähe von Metrostationen angeschlossen hatten, und sich abends mit Kind und Einkaufstaschen aufs Rad schwangen. Mutig. Alle.

KIndersitz Kurier Räder drei Rad

Das Berührendste erlebte ich am letzten Tag. Angezogen von bunten Herzen und Kerzen am Zaun eines Parks entdeckte ich einen Erinnerungsort für den dort vor kurzem verstorbenen Obdachlosen Georges H. Er, ein SDF (sans domicile fixe), hatte in diesem Park gelebt, war also kein SDF im wortwörtlichen Sinn, denn er hatte ja ein „domicile fixe“, einen festen Wohnsitz, nur war er unter freiem Himmel: in diesem Park eben. Die liebevollen Zeichen, dass an ihn gedacht wurde, haben mich sehr berührt.

k800_dsc01445 Ami stairway to heaven SDF 

Klammer auf: Man kann vor Weihnachten ja nicht ohne eine Botschaft und so, tut mir leid, aber da müssen Sie jetzt durch. Also, ich freute mich, dass man an diesen verstorbenen SDF so freundlich dachte, und vielleicht, es klingt auf den Zetteln zumindest so, war man auch freundlich zu ihm, als er noch lebte. Denn das ist ja das Wichtigere, nichtwahr. Es gibt viele SDF’s in Paris, und sicher auch in Ihrer Stadt, ich muss Ihnen da nichts erzählen. Manche schlafen in der Metro. Manche stehen vor einer Bäckerei, wenn sie Hunger haben. Deutliches Zeichen. „Hö“, machen Sie vielleicht, „mach erst mal selber was!“. Hab‘ ich. Mache ich. Ich kann nicht allen helfen und nicht die ganze Welt retten, aber ich unterstütze einen Mann und eine Frau hier in Cannes. Immer mal wieder, und auf jeden Fall immer, wenn ich an ihrem Standort vorbeikomme. Und die Frage, ob sie etwas (Besonderes) brauchen, oder ob sie sich was wünschen (zu Weihnachten) stelle ich auch mal. Geht ganz einfach. Kann man dann vielleicht nicht erfüllen (bei neuen Zähne musste ich passen, ich kenne keinen Zahnarzt, der so etwas übernehmen würde), aber er hatte sich gefreut, dass ich gefragt hatte. In Lille hat letztes Jahr ein Student eine schöne Aktion angeleiert. Und es gibt ganz viele andere dieser Art, gerade jetzt, wenn Sie sich alleine nicht trauen, möglicherweise. Wobei es nicht ehrenrührig ist, sich jemanden zu suchen, der einem sympathisch ist, denke ich. Ich bin nicht sicher, ob ich stark alkoholisierte Männer liebevoll unterstützen könnte. Ich schreibe das, weil ich gerade etwas gelesen habe. Aber das können vielleicht andere. Abschließend noch ein Kapitel der Geschichte eines deutschen Freundes, der auch ein paar Jahre als SDF unterwegs war, und den es nach Marseille verschlagen hat. So. Reicht schon. Klammer zu.

Zuguterletzt fotografierte ich schnell noch das kleine Häuschen, das unserem Pariser Domizil gegenüberstand. Eigentlich wollte ich nur diesen Kontrast des kleinen Häuschens neben den herrschaftlichen Häusern festhalten, und ging dann doch näher ran, um die verschiedenen Plakate an der Fassade zu lesen. Eine Fahne hatte sich über der Tür verhakt. Was war das? Ein Handwerksbetrieb vielleicht?

kleines Haus

Nein, zu meiner Überraschung war und ist es eine Grundschule. Ich überflog die Anschläge zu den Schulaktivitäten und Ferienzeiten und blieb dann an einer schwarzen Marmortafel hängen, die ebenfalls dort angebracht war. Mehr als 80 kleine jüdische Kinder aus dem Viertel wurden von hier zwischen 1942 und 1944 in Konzentrationslager verschleppt. Keines von ihnen hat überlebt.

gedächtnisltafel

Ach. Es trifft mich, dass sich das genau gegenüber des Hauses, in dem wir logierten, ereignet hat. Als hätte ich etwas ändern können. Wenn ich nur schon dagewesen wäre, vor mehr als siebzig Jahren. Ne les oublions jamais. Vergessen wir sie nie, lautet der letzte Satz auf der Gedächtnistafel.

Das war Paris. Sie merken schon, lauter fröhliche Geschichten, es geht in Riesenschritten Richtung Weihnachten, auch wenn die Welt da draußen schlecht ist. Ich will versuchen, meine unweihnachtliche Stimmung noch rechtzeitig in einen Text zu fassen. Anschließend will es ja sonst wieder keiner lesen. Also, bis dahin!

Und dann passierte Berlin. Der Text ist seit Sonntag Abend fertig und war auf „Dienstag früh veröffentlichen“ gesetzt. Ich wollte Sie nicht so zuknallen mit Paris und habe ihn daher nicht schon montags in die Welt geschickt. Heute Abend, nachdem ich andere Blogs gelesen habe, habe ich noch etwas ergänzt. Aber jetzt interessiert Sie das Geplänkel aus Paris natürlich nicht mehr. Ich frage mich, ob ich den Text gar nicht veröffentlichen soll?! Oder später? Wann? Ich schicke diesen Text jetzt raus. Still und leise, mitten in der Nacht. Damit das Paris-Thema fertig ist, und weil es darin auch um Themen geht, die mir wichtig sind. Dann werde ich mal einen Moment schweigen, vielleicht. Ich fühle mich nicht berufen, etwas zu Berlin zu sagen. Weder heute noch in den folgenden Tagen. Ist ja auch noch alles nicht klar. Ich bin erschüttert und triste. Ich bin ein Berliner. 

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10 Antworten auf Der Himmel über Paris … la fin

  1. Anne sagt:

    Danke für die Paris-Eindrücke und die Ergänzungen. Sie haben mich sehr interessiert und nach dem Nachrichten-Schock die Gedanken in die schöne Stadt wandern lassen, um dann doch wieder den Bogen zurück zu bekommen…. Ne les oublions jamais.
    Fräulein Read-On hat auch eine Idee, um SDFs das Leben ein bisschen leichter zu machen: https://www.instagram.com/p/BN7romRBvJY/?taken-by=marieundauchsophie
    Ruhige Feiertage uns allen.
    Anne

    • dreher sagt:

      Danke Anne, ich bin jetzt auch froh, dass ich den Text veröffentlicht habe. Mutig bleiben! Danke auch für den Link zu Fräulein Read-On.

  2. Franka sagt:

    Ein informativer (Toiletten) und nachdenklicher und vorweihnachtlicher Bericht.

    Und der Schrecken hat uns – wieder einmal – eingeholt.

    Und gerade deswegen ein friedliches Fest für uns. Ein paar Stunden … schön wären viele Tage … überall

    (Hab am Sonntag im Weihnachtsoratorium mitgesungen … und den Menschen ein Wohlgefallen …)
    Herzliche Grüße!
    ♥ Franka

    • dreher sagt:

      Danke Franka! Sich nicht nur vom Schrecken einholen lassen, mutig sein, auf Weihnachtsmärkte gehen und laut singen, ergänze ich. Ich muss wohl doch noch was zu Berlin schreiben –

  3. Karin sagt:

    Uns, die wir nie einen Krieg erlebt haben, schockiert die Gewalt, die in unser Land getragen wird, umso mehr. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen, zu schnell geht man auf sehr dünnem Eis. Meinen Hass bekommt ihr nicht, aber meine Traurigkeit über eine aus den Fugen geratende Welt.

    Doch, doch, das Leben geht weiter, und es war gut, dass Du die Serie abgeschlossen hast. Das Leben geht weiter, und wir dürfen uns nicht von Verblendeten einschüchtern lassen.

    Liebe Grüsse,
    Karin aus Genf

    P.S. Das Bild ziemlich weit oben ist wohl ein „café gourmand“?!? Lecker!

    • dreher sagt:

      Danke Karin! Nein, keinen Hass und auch keine Angst! Traurigkeit ja, aber auch Mut! Weitermachen, nicht dem Terror das letzte Wort lassen!
      Ja, café gourmand, sehr lecker, und das in einer kleinen Eckkneipe im 15. Arrondissement :)

  4. Marion sagt:

    Vielleicht gibt es ja doch in der näheren oder weiteren Umgebung eine Ärzteinitiative, die SDF oder allgemein nicht Krankenversicherte behandeln, z.B. indem sie für eine karitative Einrichtung ehrenamtlich tätig sind? Evtl. könnte da auch ein Zahnarzt dazu gehören? So abwegig ist das doch gar nicht.

    • dreher sagt:

      Hast du schon recht, aber das war nicht „mein“ SDF, das war ein unbekannter Mann, dem ich etwas Geld gegeben habe und nur nochmal nachfragte, ob ich sonst noch etwas für ihn tun könnte. Da kam der Wunsch nach den Zähnen, und das hat mich in der Situation kurz überfordert, ich bin ja nicht in irgendeiner Organisation tätig, noch nicht zumindest.

  5. Marianne Quénéhervé sagt:

    Weihnachten
    Ich sehn‘ mich so nach einem Land
    der Ruhe und Geborgenheit
    Ich glaub‘, ich hab’s einmal gekannt,
    als ich den Sternenhimmel weit
    und klar vor meinen Augen sah,
    unendlich großes Weltenall.
    Und etwas dann mit mir geschah:
    Ich ahnte, spürte auf einmal,
    daß alles: Sterne, Berg und Tal,
    ob ferne Länder, fremdes Volk,
    sei es der Mond, sei’s Sonnnenstrahl,
    daß Regen, Schnee und jede Wolk,
    daß all das in mir drin ich find,
    verkleinert, einmalig und schön
    Ich muß gar nicht zu jedem hin,
    ich spür das Schwingen, spür die Tön‘
    ein’s jeden Dinges, nah und fern,
    wenn ich mich öffne und werd‘ still
    in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
    der all dies schuf und halten will.
    Ich glaube, daß war der Moment,
    den sicher jeder von euch kennt,
    in dem der Mensch zur Lieb‘ bereit:
    Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit!
    von Hermann Hesse

    Besser kann ich es nicht ausdrücken, was mich gerade auch so bewegt.
    Und Dir liebe Christjann danke von ganzem Herzen für Deine Beiträge.