Was schön war

Das Jahr geht zu Ende. Es war nicht leicht und alles andere als schön. Ich wollte gerade deswegen gerne einen „Was schön war“-Jahresrückblick schreiben. „Was schön war“ ist eine Rubrik in so manchem Blog, ich weiß nicht mehr, wer damit angefangen hat, um in all dem tristen Alltag das Schöne nicht zu vergessen, und es, im Gegenteil, mal explizit hervorzuheben. Nun, ich habe meinen Blog Revue passieren lassen und, oh malheur, so richtig groß und schön war da nur wenig. Das Schöne waren Momente in der Natur: in den Bergen oder am Meer. Aber immer stand da (für mich) spürbar groß und dunkel das Weltgeschehen dahinter.

Gerade eben noch einmal, an Weihnachten, ging es mir so. Es war mir dieses Jahr ein Bedürfnis zur Christmette zu gehen, das Bedürfnis wurde verstärkt, da man uns explizit dazu aufgerufen hat: die Kirchen seien gesichert, hieß es. Wenn es ein mutiger und politischer Akt wird, in die Kirche zu gehen, dann will ich das tun. Ich hatte nicht die Mitternachtsmesse, sondern die Familienweihnachtsfeier in der Eglise Sacre Coeur gewählt, ich war recht früh da, um noch einen Sitzplatz zu bekommen und wunderte mich daher über die Menschenmenge, die sich schon vor der Kirche eingefunden hatte, reihte mich dann aber in die lange Schlange ein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es neben der schon üblich gewordenen, häufig nachlässigen, Taschenkontrolle auch eine weitere Überprüfung geben würde: Aber diesmal wurden unsere Taschen gründlich und wir alle, groß und klein und selbst die Allerkleinsten, einzeln von drei Polizisten ausführlich durchsucht und zusätzlich mit einem Metall- oder was auch immer für einem Detektor abgesucht. Je näher ich der Überprüfung kam, desto enger wurde mir die Kehle, und als ich endlich durch den Eingang der Kirche schritt, schluchzte ich los. Ich wurde dieses aufgewühlte Gefühl während der gesamten Messe auch nicht mehr los, obwohl es eine schöne und anrührende Messe war, mit einer symbolhaften Geschichte, von Kindern gespielt, und mit vielen wuseligen Kindern rundherum, und obwohl ich mich bemühte, laut und kraftvoll Gloria in Excelcis Deo zu singen.

Jedes Jahr zu Weihnachten erhalte ich von einem meiner Cousins einen Brief mit einem Jahresrückblick. Es ist ein ganz privater Jahresrückblick, all die Attentate, Katastrophen und politischen Ereignisse haben darin keinen Platz. Es geht nur um Familienaktivitäten, Ausflüge, Geburtstagsfeste, Ski-, Wander- und andere Urlaube und schwupps, schon ist es rum, das Jahr der Familie des Cousins, und es liest sich immer schwungvoll, aktiv und gut gelaunt: Mir tut es gut, das zu lesen, auch wenn ich mich jedes Mal frage, wie es sein kann, dass wir eigentlich der gleichen Familie angehören, und ich so komplett anders bin. So wenig heiter, leicht und aktiv. Zumindest komme ich mir so vor. Aber egal, so eine Art des frohen Jahresrückblicks wollte ich dieses Mal auch versuchen.

Da der Blog so wenig hergab, habe ich also unseren Kalender durchgesehen, aber auch im ganz Privaten war in unserem Jahr das Schwere vorherrschend: eingetragen sind Gerichts- und Arzttermine, schwere Krankheiten und Operationen, eigene und die von nahen Menschen, und ich habe kaum freudige Ereignisse gefunden und nur wenig Helles. Ich bin sicher, bei aller Schwere, hat es auch Frohes, Leichtes gegeben, aber es ist in all dem Dunklen untergegangen. In meinem Gedächtnis ist auch kein Lieblingsfilm, kein Lieblingsbuch, kein Lieblingssong aus diesem Jahr hängengeblieben, hingegen drängen sich all die Sänger, die in diesem Jahr gestorben sind, in den Vordergrund.

So kann das nicht weitergehen. Für das nächste Jahr will ich bewusst eine Agenda „Was schön war“ anfangen. Ich hatte seit 2015 zwar ein Schlagwort „oh, wie schön“ in meinem Blog, es damit aber jährlich nur auf einen und insgesamt nur auf zwei Einträge gebracht. Nicht so richtig viel. Ich will versuchen, das nun täglich in einem Kalender oder wöchentlich hier im Blog festzuhalten, so ganz genau weiß ich das noch nicht. Aber nächstes Jahr um diese Zeit blättern wir das dann mal durch. Das wird dann vielleicht ganz schön.

Und bis dahin hören wir uns Maurice Chevalier an, der die Freuden des Alltags besingt:
Y a de la joie

 

(eigentlich ein Chanson aus dem Jahre 1936 von Charles Trenet, der es selbst auch vorträgt, ich mochte aber dieses Video, trotz des starken Kratzens der Schellackplatte, lieber.)

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15 Antworten auf Was schön war

  1. Franka sagt:

    Liebe Christine,
    ich war dieses Jahr auch seit langem wieder einmal am 1. Feiertag im Weihnachtsgottesdienst. Ohne jegliche Kontrollen.
    Es war ein Kantatengottesdienst mit Bachs Weihnachtsoratorium und ich hab im Chor mitgesungen.
    Am Ende haben viele Augen geglitzert – auch meine.

    In meinem Blog sind eigentlich *nur* schöne Momente zu sehen.

    Wut – Sorgen – ganz persönliche Ansichten … sind unsichtbar.

    Ich will mich nicht angreifbar machen – oder missverstanden werden – oder rechtfertigen müssen.
    Das ist bequem. – Ich habe keinen Nerv meine Kraft für Argumentationen mit mir im Normalfall völlig unbekannten Personen herzugeben.

    Um so mehr bin ich beeindruckt von diesem Blog und froh ihn entdeckt zu haben.

    Alles Liebe für 2017!
    ♥ Franka

    • dreher sagt:

      Danke Franka!
      Naja, ich filtere schon auch, was ich im Blog sage, schreibe weniger impulsiv, auch wenn es vielleicht so „offen“ aussieht – und alles erzähle ich nicht, manches aus Rücksicht auf andere, manches aus Rücksicht auf mich: denn nein, ich habe auch keine Nerven, mich mit schwierigen, provokanten oder hasserfüllten Menschen über was auch immer herumzustreiten. Es gab auch schon andere Zeiten, da ging es lebendiger und auch aggressiver zu auf meinem Blog, zu Brigitte-Zeiten, als der Blog noch „French Connection“ hieß; aber das brauche ich heute nicht mehr. Ich freue mich über freundliche und konstruktive Kommentare, bislang habe ich auch keine anderen, und das ist doch schon etwas für die zukünftige „was schön war/ist-Liste“ :)
      Liebe Grüße!

  2. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, vielen Dank für deinen sehr persönlichen Text. Ich kann deine Gefühlslage sehr gut verstehen. Auch unser Jahr war nicht sehr glücklich. Leider habe ich nicht deine Gabe mir alles so nachvollziehbar von der Seele zu schreiben. Dass unsere Tochter in einem schlimmen Sorgerechtsstreit, wo wir nun als Familie an unserem Rechtssystem zweifeln, ihre Kinder an ihren Ex-Mann verloren hat, ist kaum verkraftbar und zu verstehen. Dass wir diese 2 Enkelkinder nun schon über ein Jahr nicht mehr gesehen haben lässt uns schlecht schlafen und mein Mann musste sich im Sommer mit einer Darmkrebserkrankung auseinandersetzen. Unser Traum von längeren Wohnmobil-Reisen ist damit vergessen. Dazu die ganze politische Lage in der Welt und in Deutschland ………, wie soll das weitergehen? Wir versuchen uns mit Planungen für kurze Reisen/Auszeiten abzulenken und uns an kleinen Dingen zu freuen, zB. Beim Wandern in unsere nahen Wälder. Liebe Grüße aus Dresden

    • dreher sagt:

      Liebe Birgit, das klingt alles sehr anstrengend, und ich kann deine Seelenlage nachvollziehen, denn wir schlagen uns hier auch und an mehreren Fronten mit der K-Krankheit herum, der eine oder andere Gerichtstermin hat uns schlaflose Nächte bereitet, und manchmal habe ich tatsächlich keine Lust mehr, Nachrichten anzusehen. Ich weiss nicht, ob es tröstlich ist, zu wissen, dass es anderen ebenso geht?! Ich will versuchen mich zukünftig bei alledem (auch) darauf zu konzentrieren, was (trotz allem) schön ist! Wandern im Wald ist sehr gut! Liebe Grûsse!

  3. Marion sagt:

    Schön war aber doch z.B., dass Du wieder einen tollen Krimi geschrieben hast… Ich bin sowas von neidisch auf Dein Schriftstellerdasein… und freue mich schon auf Krimi Nr. 4, dessen Titel ich durch Deine dezenten Hinweise schon herausgefunden habe. Da fällt mir gleich „Endstation Sehnsucht“ ein, dieses Meisterwerk, das mich schon als Jugendliche so bewegt hat. Aber genug der traurigen Assoziationen, auch wenn ich wie Du tendenziell eher zur Schwermut neige. Aber das ist nicht nur negativ, denn: „La mélancholie, c’est le bonheur d’être triste“.
    Mein eigenes Jahr war bitter und schwer (beruflich und privat, dann Mutter ganz plötzlich fast gestorben, dadurch Wiederaufbrechen massiver familiärer Konflikte), aber es gab Menschen, die mir aufmerksam zugehört haben. Dafür bin ich dankbar, für das offene Ohr von Fremden. Einer dieser klugen Menschen sagte: „Das Leben ist ein Wert an sich.“ Diese Aussage fand ich wunderbar und werde sie mit ins neue Jahr nehmen.
    Aber lassen wir nun erstmal die Sektkorken knallen (oder wie auch immer feiern oder auch nicht feiern). Ein Hoch auf da kommende Jahr 2017, auf dass es uns auch viel Schönes bringen werde!

    • dreher sagt:

      Dankeschön für den schönen Satz über die Melancholie, Marion. Tut mir leid, dass dein Jahr so bitter war und ja, gut, dass dir jemand zugewandt zugehört hat und du etwas davon mit ins neue Jahr nimmst.
      Und ja, ein Krimi ist erschienen und ein anderer fertig geworden, das ist wahrhaftig schön – da ich ja aber meine Persönlichkeit zweigeteilt habe, ist das natürlich auf Christines Konto zu verbuchen und findet hier nur indirekt Erwähnung. Endstation Sehnsucht habe ich erst vor kurzem zum ersten Mal gesehen, hat mich sehr beeindruckt!

  4. Sunni sagt:

    Liebe Christiane, Ihnen und dem Gefährten alles Gute für 2017! Es muss einfach besser werden. So sehr uns die K-Front die Kraft und Gedanken raubt, resignieren ist ja keine Option, weder privat noch politisch (auch wenn man oft nahe dran ist). Alles Liebe! Sunni

    • dreher sagt:

      Herzlichen Dank! Und nein, wir resignieren an keiner Front! Sie hoffentlich auch nicht. Nur Gutes für Sie beide und ebenso alles Liebe!

  5. Ich freue mich sehr, dass ich diesen Blog „gefunden“ habe!
    Der Beitrag ist wunderbar und Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Aus dem 16. Stock sende ich herzliche Grüsse und wünsche Ihnen zahlreiche schöne Momente in der Natur. Möge Ihr (und unser aller) Kalender Ende des Jahres voll sein mit solchen hellen Miniaturen!

    • dreher sagt:

      Dankeschön, fand es gerade auch nett, bei Ihnen zu stöbern! Und ja, lassen Sie uns zukünftig alle schöne Momente sammeln!

  6. Uschi sagt:

    Liebe Christiane,
    Danke für Deinen so lebendigen Blog. Ich mag Deinen Schreibstil und freue mich immer, von Dir zu hören.
    In meinen Augen bist Du alles andere als „wenig aktiv“. Im Gegenteil: Ich bewundere Deine Aktivitäten, die Du neben der „Schriftstellerei“ noch bewältigst!
    Nun wünsche ich Dir und Monsieur alles Gute für 2017 und jeden Tag ein paar Sonnenstrahlen auf Eurem Weg.
    Denn nach Mark Twain:
    „Der große Reichtum unseres Lebens, das sind die kleinen Sonnenstrahlen, die jeden Tag auf unseren Weg fallen“.
    Ganz liebe Grüße
    Uschi