WMDEDGT Januar 2017

Oh, oh, es ist der erste 5. im neuen Jahr und es hat sich nichts geändert, auch dieses Jahr will Frau Brüllen an jedem 5. wieder von uns wissen, was wir eigentlich so machen, den lieben langen Tag: WMDEDGT?! Auf gehts zum Tagebuchbloggen! Und ich war mal schnell gucken, es ist schon ganz schön voll da!

Mein Tag beginnt spät, gegen 9 Uhr, denn die letzten Tage und Nächte waren bewegt: la crise de foie, ich schrieb darüber. Heute Nacht hatte ich Angst, es könnte auch was Schlimmeres sein und deswegen schlief ich lange nicht ein und wache entsprechend spät auf. Immerhin habe ich nachts beschlossen, meine Verdauungsstörungen doch einem Arzt anzuvertrauen. Da gehe ich heute früh hin und warte gar nicht so lange im erstaunlich leeren Wartezimmer. Der Arzt drückt mir auf dem Bauch herum und es ist dann wohl doch nicht die Galle, sondern der in Cannes grassierende Magen-Darm-Virus. Um Viertel nach Elf bin ich wieder zuhause und sinke etwas erschöpft aufs Sofa. Monsieurs Frage, was wir heute essen, habe ich nur ein kurzes Rülpsen entgegenzusetzen. Er nickt resigniert. Noch ein Tag, an dem er, ganz autonom, ein Stück Fleisch in die Pfanne werfen muss. Ich esse später zerdrückte Banane und etwas Apfelkompott, dazu gibts ein leckeres Glas Stilles Wasser und ein aufgelöstes Citrat de Bétaïne. Monsieur will später einen „richtigen“ Krankenbesuch machen (wir haben viele Menschen in unserem Umfeld, die sich mit der bösen K-Krankheit herumschlagen) und ich weiß nicht warum, vermutlich ist meine Fähigkeit, mich in der französischen Sprache auszudrücken, angesichts meines eigenen Leidens heute eher grobmotorisch auf jeden Fall sage ich etwas, was Monsieur nicht gefällt und auch wie ich es sage, gefällt ihm nicht und wir fangen an, uns zu streiten und das dauert. Damit ist dann auch die Sieste eher wenig erholsam, denn keiner von uns kann wirklich schlafen.

Irgendwann nähern wir uns wieder an, Monsieur geht gegen 15 Uhr aus dem Haus, ich klicke ein bisschen im Internet herum.

Ich stoße in FB auf meiner Timeline auf das Bild eines braven kleinen Mannes aus den Bergen: Jean-Pierre Cotton, der überraschend gestorben ist, und heute in Guillaumes beerdigt wurde. Es rührt mich an. Ich mache mir einen Tee, setze mich aufs Sofa und lese die Kommentare und denke an Jean-Pierre. Button d’Or, Butterblume, war sein Spitzname und tatsächlich passte dieser Name zu ihm: klein, rundlich, sanft und mit sehr gelben Haaren. Er war ein so freundlicher und großzügiger Mann, er liebte seinen Garten und konnte einem stundenlang in voller Ernsthaftigkeit von seinen Tomaten oder Kartoffeln erzählen, viel mehr Austausch gab es zumindest mit mir nicht und manchmal war auch das etwas mühsam (für mich), weil alles mit ihm so lange dauerte, und er kaum zu bremsen war, wenn er einmal angefangen hatte. Aber er hatte nur seinen Garten, den saubersten und gepflegtesten und ergiebigsten Gemüsegarten im ganzen Tal, wage ich zu sagen. Und er gab allen von seiner Ernte ab, verschenkte großzügig Salat oder Tomaten, Zucchini oder Bohnen, und er gab immer mehr, als man erbat. Er lud auch großzügig in der Bar Tabac ein, allez, ein Gläschen Roten für alle oder was immer man wollte. Manche lächelten über ihn, er war ein bisschen einfältig und man sah ihm an, wenn er sich wieder in eine Frau verliebt hatte. Der kleine rotgesichtige Mann strahlte dann noch mehr als sonst. Aber nie ist es etwas geworden mit den Frauen, die sich gerne ein Glas bezahlen ließen und auch gerne mit einer Kiste Gemüse davongingen, aber mehr, mehr ist daraus nie geworden. Aber er war ihnen nie böse, er war überhaupt niemals jemandem böse, vielleicht ein bisschen traurig oder resigniert. Ich hätte ihm gern ein liebes Frauchen gewünscht, aber er verliebte sich natürlich immer in unerreichbare Stadtschönheiten. Ich bin froh, zu erfahren, dass viele, viele Menschen zu seiner Beerdigung gekommen sind, um ihm ein letztes Geleit zu geben. Er wird fehlen, da oben in den Bergen.

Dann beschließe ich, noch etwas „halbwegs Richtiges zu tun“ und mein Zeitungsabo für eine Wochenzeitung zu kündigen, die ich nicht lese. Es war eine Fehlentscheidung gewesen. Sie sollte eine andere Wochenzeitung ersetzen, die ich fast mein ganzes Leben lang gelesen hatte, und die ich plötzlich „über“ hatte,  jedes Mal dachte ich, die „besseren“ Beiträge stünden woanders. Seitdem ich sie gekündigt und durch eine andere ersetzt habe, geht es mir genau umgekehrt. Ich finde nun plötzlich, die besseren Beiträge stehen in der gerade gekündigten Zeitung. Ich konnte mich mit der „neuen“ Zeitung nicht anfreunden. Sie liegt ungelesen hier, Woche für Woche. Nur fürs Rumliegen ist sie ein bisschen zu teuer. Schluss jetzt. Ich wollte dann noch schnell die letzte Rechnung für eben dieses Abo überweisen und stelle fest, dass mir die Internetbank mein Konto blockiert hat, weil meine persönlichen Angaben „zweifelhaft“ wirkten und meine Kontobewegungen Anlass gäben, an Geldwäsche zu denken. Terrorismus ist ein weiteres Wort, das sie erwähnen. Na danke schön. Meine Situation: Ausländerin, die ihr Geld aus dem Ausland bezieht und zwar eine größere Summe, aber eben nur einmal im Jahr (so werden Autoren nunmal bezahlt) statt brav monatlich kleine Häppchen, das lässt sich schlecht erklären, dafür gibt es in keinem Formular irgendwelche Kästchen. Auch das Finanzamt sieht meine Einkünfte immer sehr misstrauisch an, und ich muss jedes Jahr erneut persönlich vorsprechen.  Gut, ich beschließe, im gleichen Aufwasch die Internetbank zu kündigen, die ich eigentlich nur gewählt habe, weil die Auslandsüberweisungen, Euro hin oder her, Europa hin oder her, mit der klassischen französischen Bank immer so aufwändig waren, und ich ums Verrecken keine Auslands-Online-Überweisungen machen konnte. Französische Briefe dauern bei mir lang, ich radebreche noch mühsam diese höfliche Abschlussformel, die mir stets unverständlich bleibt: Dans cette attente je vous prie, Madame, Monsieur blablabla. Voilà. Erledigt. Es bleibt kompliziert.

Monsieur ist zurück, die Nachrichten laufen im TV, ich werde mir etwas Reis kochen, dazu einen kleinen Thymiantee, Monsieur isst vielleicht die Reste seiner gestrigen Tütensuppe. Selbst ist der Mann. Später wird vielleicht noch ein bisschen gelesen. Ich habe von Monsieur die Klaus Mann Biographie geschenkt bekommen, auf Französisch. Gestern habe ich das Vorwort schon gelesen: Klaus Mann hatte seine Autobiographie (mit Mitte 40!) zunächst auf Englisch verfasst und in den USA veröffentlicht, später dann zurückübersetzt ins Deutsche und ich lese jetzt die französische Übersetzung eines cosmopoliten Mannes, der sich in Cannes im Mai 1949 das Leben genommen hat. Hm, kein sehr glücklicher Abschluss für den Text, vielleicht fällt mir nach dem Essen noch etwas ein.

Genau, ich sehe doch kurzfristig einen alten Depardieu-Film im Fernsehen :) Das war mein Tag. Danke, wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind. Bonne soirée!

Die anderen Tagebuchblogger finden Sie, wie gesagt: hier!

 

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18 Antworten auf WMDEDGT Januar 2017

  1. Mumbai sagt:

    1. Sagte doch, „nicht den Teufel andie Wand malen“ und die Magen-Darmgrippe
    vergeht ohne Nachwirkungen. Hat mich gefreut, das zu hoeren…..
    2. Bankueberweisungen….wir sind bereits so glaesern, dass wir von Freiheit nicht
    mehr sprechen koennen…. macht mich sehr traurig und auch aggressiv.
    3. Lese gerade „Die Mann’s“ zum 2.x und denke es war die schillerndste Familie
    im 20.Jh….faszinierend. Ruhm ist oft nicht erstrebenswert …der Preis fuer diese
    (und nicht nur diese) Familie war sehr hoch. Suizid lag aber auch in deren Genen.

    • dreher sagt:

      ad 1) ja, aber noch bin ich ziemlich „barbouillée“ wie man hier sagt, unwohl, Ekelgefühle, aber vielleicht wollte ich auch nur
      ad 2) all das rauskotzen …
      ad 3) mir ist Thomas Mann an der Uni verleidet worden, aber tatsächlich würde mich eine Familiengeschichte der Manns gerade reizen, danke für die Anregung!

      • Mumbai sagt:

        der Buchtitel „Die Manns-ein Jahrhundertroman“ v. Heinrich
        Breloer und Horst Koenigstein erschienen im S.Fischer-Verlag
        unter ISBN 3-10-005230-7

        • dreher sagt:

          Ah, dankeschön. Habe jetzt gleich zwei (andere) Mann-Biographien bestellt, wird auch gehen.

  2. Marion sagt:

    Heißt das, Klaus Mann hat sein Werk nicht nur vom Englischen ins Deutsche, sondern auch noch selbst ins Französische übersetzt? :-)
    Welcher Film des Fahnenflüchtlings war es denn? Mach‘ es doch wie er, weggehen aus F, dann haben die Franzmänner und ihre blöden Banken gar nichts mehr von Deinen hohen Einkünften und Steuern, hehe, wenn sie sich so dämlich anstellen, da wäre ich auch sauer.

    • dreher sagt:

      Nee, das dann doch nicht mehr, hätte er aber vielleicht gekonnt ;)
      War ein blöder Film, „Le plus beau metier du monde“, Depardieu spielt einen Lehrer an einem schwierigen Collège im Banlieue. Mischung aus Komödie (hin- und hergerissen zwischen seiner Ex-Frau und einer Kollegin, die aus dem Banlieue stammt) und Drama (Gewaltszenen der Banlieue-Jugend etcpp) : nicht überzeugend.
      Ich wusste, dass die „größere“ Geldsumme Anlass für Missverständnisse werden würde, sooo groß ist sie nun auch nicht, dass ich schon ins Ausland müsste, um Steuern zu sparen. Das „Jahresbruttogehalt“ kommt eben nur auf einen Schlag, aufgeteilt in 12 Häppchen und insgesamt nach Abzug aller Sozialabgaben, Rentenversicherung und Steuern etc. ist das gar nicht bemerkenswert. Gar nicht.

      • Marion sagt:

        Bist du in D sozialversichert? Das ist doch super. Ich hätte gedacht, dass Autoren immer frei arbeiten.

        • dreher sagt:

          Ich bin seit zwei Jahren in der FRANZÖSISCHEN Künstlersozialkasse (das ist super!), vorher hatte ich eine Micro-Entreprise; Steuern, Rente, Sozialabgaben alles in Frankreich.

  3. Marianne Quénéhervé sagt:

    Du meine Güte, wußte gar nicht, dass die französischen Banken so kompliziert arbeiten. Wir haben seit Jahren Online-Banking mit unserer Bank, wo wir auch unser Konto haben. Und ich muss sagen, es funktioniert hervorragend. Große oder größere Summen muss man hier aber auch deklarieren.
    Habe unter Anderen, ein Buch von Tilmann Lahme: „Die Manns, Geschichte einer Familie“ gefunden. Vielleicht ist es das, was Dich interessiert.
    Nochmals gute Besserung- viel trinken und ausgiebige Ruhe.
    Und obwohl ich mich meinem Monsieur in unserer Sprache mehr als sehr gut verständlich machen kann, versteht er mich trotzdem nicht immer und meinte vor Kurzem : Wann bist du mal endlich gesund? Noch Fragen?

    • dreher sagt:

      Genau: „Die Manns“ von Tilman Lahme und „Das Jahrhundert der Manns“ von Manfred Flügge habe ich jetzt mal bestellt. Manfred Flügge konnte ich hier in Nizza bei einem ausgezeichneten und kurzweiligen Vortrag über Exilschriftsteller kennenlernen. Ich mochte auch sein Buch „Wider Willen im Paradies“ bzw. „Amer Azur“ zu eben diesem Thema. Ich bin nun gespannt und freue mich auf die Lektüre!
      Es geht ums Auslands-Online-Banking! Normales Online Banking IM Land ist kein Problem. Das nur zur Ehrenrettung der frz. Banken. Ich weiß nicht, ob Auslands-Online-Banking in Deutschland einfach so geht? (Ich weiß, für dich schon, du gibst es einfach an deine Tochter ;) )

      • Sunni sagt:

        Für Auslandsbanking von D aus muss man persönlich – jedenfalls ich bei meiner Bank – dort vorsprechen und das Konton(online) für einen Zeitraum dafür freischalten lassen. Finde ich ausgesprochen aufwändig. LG Sunni

        • dreher sagt:

          So war es zum Schluss bei der Internetbank, fand ich auch nervig. Bei meiner „klassischen“ Bank muss ich körperlich vortellig werden und die Dame am Schalter nimmt die Überweisung für mich vor.

          • Marion sagt:

            Ich mache nur noch Online-Banking in D und auch – selten – Auslandsüberweisungen online, absolut kein Problem, eine Überweisung wie jede andere auch. Vielleicht liegt’s an den kleinen Beträgen?

          • dreher sagt:

            HAHAHA! Genau, zu kleine Beträge, bei den Banken wird alles einfacher mit große Summen. Sie möchten 150 Euro überweisen? Nehmen Sie doch besser eine Million :D

  4. Sunni sagt:

    Sehr schön auch „Meine ungeschriebenen Memoiren“ von K. Mann, der Ehefrau.LG Sunni

  5. Franka sagt:

    Ich bin gefolgt – bis zum Ende und freue mich, dass es *nur* ein MagenDarmVirus war .
    Den lieben Gärtner habe ich direkt vor Augen.
    Und falls das Biographielesen zu viel wird – es gibt da noch:
    https://www.amazon.de/Die-Manns-Jahrhundertroman-Geschenkbox-DVDs/dp/B0000E261N/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1484070753&sr=8-1&keywords=dvd+die+Manns

    ♥ Franka

    • dreher sagt:

      Ja, zwischenzeitlich war ich nicht sicher mit dem Magen-Darm, es dauerte so lang, aber heute!!! (acht Tage immerhin) scheint wieder alle in Ordnung und ich hatte wieder Lust auf Kaffee! :)
      Ach ja, Jean-Pierre, ich finde es so schmerzlich, dass die Menschen, mit denen ich dort oben gelebt habe, verschwinden. Ihc würde so gerne „meine“ Welt erhalten.
      Danke für den DVD-Tipp, hatte ich gesehen, wollte tatsächlich aber gern lesen.