Zwischenruf: Bayrou – Macron zusammen en marche

Herrjeh, wenn man einmal nicht hinschaut, passierts! Denn eigentlich müsste ich was ganz anderes schreiben, und ich habe mich gestern schon mit schlechtem Gewissen mit dem letzten Blogtext vertändelt, so dass ich die geradezu sensationelle politische Veränderung gestern fast verpasst habe:

François Bayrou hat Emmanuel Macron ein Bündnis vorgeschlagen, und dieser hat es angenommen! Wow! Das muss man in einer fetten Typographie schreiben. Als historisches Ereignis in der Geschichte Frankreichs wurde diese Veränderung gestern von manch einem Journalisten bezeichnet. Alles könnte sich ändern!

Die Presse hat heute nur dieses eine Titelbild: Bayrou und Macron gemeinsam „en marche“, wie das Motto von Macron lautet. Die Zeitschrift Marianne hatte dieses Bild sogar schon gestern und der junge Redakteur war nicht wenig stolz darauf.

Alle sind erleichtert. Wir auch. Nicht alle, das wäre gelogen. Politiker von Rechts finden es natürlich lächerlich, „Verrat“ wird hier geschrien, und die von ganz Links sind auch nicht zufrieden. Aber langsam, eins nach dem anderen.

François Bayrou kennen Sie nicht? Ganz kurz: 1951 geboren, Sohn eines Landwirts, heute Bürgermeister von Pau, war bereits dreimal Präsidentschaftskandidat, einmal sogar mit recht ordentlichen Zahlen, aber immer nur im ersten Wahldurchgang. Er ist ein sozial-liberaler Zentrumspolitiker, heißt, ein Politiker, der gegen das stete Rechts-Links-Gezerre der französischen Politik ist, und der einzige, der offen sagte, dass Schluss sein müsste, als Staat immer weitere Schulden zu machen. Hier der etwas ausführlichere Wikipedia-Artikel, sogar schon versehen mit den allerneuesten Entwicklungen.

Er war bei der letzten Präsidentschaftswahl die Alternative für manchen Mitte-Rechts Wähler, der nicht Sarkozy wollte, und was diese Wähler ihm in der Folge (und Sarkozy im besonderen) übel genommen haben, und was ihn politisch aufs Abstellgleis gebracht hat, war seine dezidierte Wahlempfehlung im zweiten Wahldurchgang „gegen“ Sarkozy und für Hollande, was Hollande (da ist man sich einig) zum Sieg verholfen hat. Er hätte besser gar nichts gesagt, ist die allgemeine Meinung der verletzten Mitte-Rechts-Wähler.

Bayrou hatte sich für die anstehende Wahl ursprünglich an Alain Juppé angeschlossen, aber nachdem dieser von Fillon überflügelt wurde, lange überlegt, tatsächlich noch einmal selbst anzutreten. Seine Chancen standen aber nicht besonders gut, Wählerstimmen in einen zweistelligen Bereich einzufahren, und er hat insofern tatsächlich im letzten Moment (selbst sein privates Umfeld war wohl überrascht) entschieden, seine eigenen Ambitionen hintenanzustellen und Macron, den er bislang häufig kritisiert hatte, eine Alliance anzubieten. „L’heure est grave“ sagte er. Die Lage ist ernst. Und es gehe um die Zukunft Frankreichs, das sei wichtiger als seine persönliche Eitelkeit, er sagt es sichtlich bewegt, es ist wirklich eine Vernunftsentscheidung, sich hinter einen neuen und so jungen Präsidentschaftskandidaten einzureihen. Aber er will Marine Le Pen verhindern, auch wenn er es so deutlich nicht ausspricht, da er sie als „große Gefahr“ einschätzt, und deren Chancen die Wahl im zweiten Wahldurchgang (egal gegen welchen Kandidaten) zu gewinnen, in den Umfragen immer mehr steigen. Und er will wirklich eine Änderung des Systems, einige Bedingungen sind an die Alliance mit Macron geknüpft: er möchte unbedingt ein Verhältniswahlrecht einführen und ebenso das politische Leben „moralischer“ gestalten.

Bayrou hat genau das: ein aufrichtiges, moralisches Standing, bislang wirklich keine Skandale (so hoffe ich), das könnte Macron, dem ein bisschen „Unterbau“ und Erfahrung fehlen, die älteren, eher konservativen Wähler bringen. Befürchtet wird hingegen, dass sich die jungen Wähler, die wirklich frischen Wind wollten, von der Behäbigkeit des Altpolitikers erschrecken lassen.

Natürlich unterstellt man Bayrou nun trotzdem Karrieredenken, er sei nur scharf auf einen hohen Ministerposten, heißt es. „Verräter“ und „Opportunist“ geifern die rechten Politiker. Das unterstellt man auch dem grünen Politiker François de Rugy, der sich gestern auch noch schnell für Macron und gegen Hamon entschieden hat, dem er eigentlich verpflichtet war. Mit zufriedenem Lächeln (noch schnell aufs richtige Pferd gesetzt zu haben) sagte er gerade, er fühle sich Macron wirtschaftspolitisch näher als Hamon und „Kohärenz sei wichtiger als Gehorsam“, auch ihm ist die „Zukunft Frankreichs wichtiger“.

Nun, Karriere hin oder her, die bislang geradezu katastrophale Situation der Präsidentschaftswahl Frankreichs hat sich gewendet. Uff!

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