Wo man singt …

Einmal im Jahr, im Winter, gibt es oben in den Bergen, wo wir unser Sommerhaus haben, in der kleinen Kirche eine Messe. Um dorthin zu kommen, muss man sich in dieser Jahreszeit in der Regel mit Schneeschuhen ausstatten, raquettes heißen die auf Französisch und das Evenement heißt daher gerne „la Messe à raquettes“, eine Schneeschuh-Messe, eigentlich natürlich eine Schneeschuhwanderung mit anschließender Messe. Danach gibt es dort oben ein gemeinschaftliches Picknick und die einzige ganzjährig ansässige Bewohnerin kocht 100 Liter Suppe für alle. Dann geht es wieder runter. Wir haben daran bislang noch nie teilgenommen, aus allerhand Gründen, einer ist die Gesundheit Monsieurs, die so eine Unternehmung an einem Tag (Aufstieg, Messe, Abstieg) nicht zulässt. Dieses Jahr aber haben wir, spontan wie man hier so ist, daran teilgenommen, mit kurzfristig geplanten Zwischenstopps allerdings. Wir waren mit unserer Spontaneität natürlich viel zu spät, um in der Auberge oder in der Gîte weiter oben noch einen Schlafplatz zu ergattern, denn auch viele andere machen diese Wanderung nun in zwei oder gar drei Tagen und reisen vorher schon an, die Plätze sind aber begrenzt. Wir haben, dank der Spontaneität und und Unkompliziertheit aller, trotzdem Schlafplätze gefunden, sehr einfache in Châteauneuf und ebenso einfache oben in unserem Sommerhaus bei 6°C Innentemperatur. Muss man wollen.

Am ersten Abend hat man uns ebenso spontan in der Auberge in Châteauneuf noch zwei Stühle an den langen Tisch gestellt, es war schrecklich eng, das war schon immer so, auch zu Zeiten als ich dort Gäste empfangen habe. So schlecht machen sie das gar nicht in der Auberge, ich hatte da ja so meine Zweifel, ich nehme das zurück.

Es gab zwei Gruppen, acht „Fremde“ und 15 „Einheimische“. Und an unserem Tisch fingen wir an, alte französische Küchen- und Bänkellieder zu singen. „Wir“ ist missverständlich, denn alle außer mir sangen, um korrekt zu sein, ich konnte nicht, weil ich weder Melodie noch Text dieser Lieder kenne und bewegte daher nur rhythmisch den Kopf und summte mit. Mir ist von all diesen Liedern nur „la rirette“ im Kopf geblieben, es ist, wie so oft in Frankreich „coquin“ und aus heutiger Sicht keinesfalls politisch korrekt, ich gebe es mit Rücksicht auf meine weiblichen Leserinnen auch nicht wieder. In Frankreich stört sich aber selten jemand an solchen Anzüglichkeiten, auch keine Frau, und so wurde fröhlich gesungen und am Nachbartisch, mit den eigentlich fremden Gästen, sang man gerne mit. Das war richtig schön. Am Nachbartisch saßen auch zwei Russen, die man irgendwann nötigte, russische Volksweisen zu singen, was sie (nach dem Genuss viel ermutigenden Wodkas) bereitwillig taten, es waren schwermütige Lieder, die sie mit Inbrunst sangen. Und dann war die Reihe an mir: Was singt man denn so in Deutschland, Christjann?“ Und „Du hast doch so eine schöne Stimme, sing uns mal was!“

Eh beh. Was singen Sie denn so abends im Freundeskreis? Sehen Sie. Kein Mensch singt heute noch, oder? Wir haben früher sogar im Auto gesungen, damals gab es nämlich noch nicht mal Autoradio, das kann man sich ja kaum noch vorstellen. Aber WAS haben wir da nur gesungen? Mein Kopf blieb leer. Mir wollte wirklich nichts einfallen. Nichts. Also nichts Deutsches. „Bella Ciao“ hätte ich singen können, oder „The House of the Rising Sun“, aber ich fand, dass ein italienisches Partisanenlied oder ein Lied über das Schicksal von armen Typen in New Orleans wenig mit dem deutschen Liedgut zu tun haben. Herrjeh, dabei singe ich wirklich gerne. Immer schon. Keine Jugendfreizeit, kein Lagerfeuer, an dem ich nicht alle Lieder der Mundorgel rauf und runter geschmettert habe. Aber mir fiel nichts ein. Mein stets singender Pfadfindervater drehte sich verzweifelt im Grab herum. Als ich an meinen Vater denke und an all die Pfadfindertreffen, taucht aus irgendwelchen Hirnwindungen immerhin „Mariechen saß weinend im Garten“ auf. Aber leider wollten mir weder Melodie noch Text verlässlich dazu einfallen. Hatte sie nicht ein Kind mit dem Schuster aus Treuenbrietzen?  In Unkenntnis des Ortes Treuenbrietzen habe ich das Lied früher nie verstanden, ich dachte der Schuster käme mit ‚treuen Absichten‘ und war dann sehr schockiert von seinem Verhalten.  Aber nein, ich verwechselte Mariechen mit Sabinchen, alle Frauen im Diminutiv, Ännchen, Käthchen, Röschen. Erst hier, vor dem PC finde ich wieder die richtigen Zusammenhänge. Sabinchen wars, das Frauenzimmer, deren Blut am Ende spritzt und der Schuster, der rabenschwarze Hund, steht um sie herum. Uh, wie grausig.

Dort oben fallen mir dann nur Lieder wie „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ ein, aber ich bin plötzlich unsicher, war das nicht eigentlich ein Kriegslied? So etwas möchte ich hier gerade nicht zum besten geben. Oder „Wir lagen vor Madagaskar“. Das wäre vielleicht sogar gegangen, trotz Pest und Leichen, die über Bord gehen, da gehts ja auch um Sehnsucht und Heimat. Aber ich bin total verunsichert, was haben „wir“ eigentlich vor Madagaskar gemacht?, frage ich mich. War das vielleicht ein Sklavenschiff? Keine Ahnung. Besser singe ich es nicht, denn ich müsste ja auch erklären, was ich singe. „Sing ‚Lilly Marleen'“, drängt mich Monsieur, weil ich das schonmal irgendwo gesungen habe, aber mein Kopf ist leer, der Text ist weg. Wie schade.

Hier zu Hause, weiß ich natürlich wieder alles: „Jetzt fahrn wir übern See, übern See …“ trällere ich, und, ach, die Geschichte von der Flunder, zwo, drei, vier, die unglücklich in den Harung verliebt ist, tirallala.  Oder „Zogen einst fünf wilde Schwäne …“. Jetzt könnte ich auch schwermütig „Sing, Nachtigall sing“ geben oder fröhlich „Veronika, der Lenz ist da“, oder „Nur nicht aus Liebe weinen“ und natürlich „Lilly Marleen“ oder meinen absoluten Lieblingsschlager: „Heißer Sand“ von Mina.

Auf der Suche nach manch einem Text bin ich übrigens auf diesen (der volkskundlichen Liedforschung zugehörigen) Blog gestoßen und habe mich an der einen oder anderen Stelle sehr amüsiert. Und erstmals hat man mir den Sinn des rätselhaften Liedes „Heißer Sand“ erklärt. Ganz groß!

Ich bin übrigens festen Willens, mir ein kleines deutsches Gesangs-Repertoire anzueignen. Die nächste Gelegenheit zu singen, kommt in Frankreich bestimmt.

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15 Antworten auf Wo man singt …

  1. Anne sagt:

    Liebe Christjann,
    schönes Fest und schöne Idee! Vielleicht „Die Gedanken sind frei“? Damit müsste die Nation von liberté, égalité etc.pp. doch auch etwas anfangen können…
    Oder hier mal blättern: http://www.singliesel.de
    Liebe Grüße
    Anne
    (die es großartig findet, wenn auf Feiern der Generation meiner Eltern zur Quetschkommode gegriffen wird, aber selber auch nichts zusammen bekommt)

    • dreher sagt:

      Ja, toll! Danke! Und das Singbuch für Demenzkranke muss ich noch genauer ansehen – aber ich weiß, dass ein demenzkranker Pfadfinderfreund meines Vaters die „alten“ Pfadfinderfreunde, die ihn an seinem Geburtstag besucht hatten, nicht mehr erkannt hat, aber fröhlich mit ihnen mitsingen konnte!

  2. Anne sagt:

    Ja genau. Singen bleibt…
    Noch eine Anekdote: Wir hatten vor vielen Jahren eine japanische Familie zu Gast. Der Vater schmetterte oben auf der Turmspitze des Kölner Doms die Loreley („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“), alle Strophen. Auf deutsch.

    • dreher sagt:

      Ja, das habe ich schonmal gehört, dass die Rheinromantik und die Loreley bei Japanern beliebt und bekannt sind; sie sind dann allerdings immer enttäuscht, wenn sie die Loreley wirklich sehen: einen Felsen!

  3. Marion sagt:

    Wie wärs mit „Fuchs Du hast die Gans gestohlen“ (gerade auf Deinem netten Link entdeckt)? In F erntest Du damit vermutlich auch keine Proteste von militanten Veganern, so wie gerade in D geschehen, wo das Lied aus dem Glockenspiel des Limburger Rathauses verbannt wurde, weil eine Veganerin sich darüber beschwert hat…
    Gerade fiel mir auch Udo Jürgens ein (Merci Cherie gibts sogar als frz. Version, da kannst Du die Übersetzung gleich hinterher schmettern) oder Hildegard Knef (Rote Rosen)?

    • dreher sagt:

      Ja, das habe ich sogar mitgekriegt, so ein Schmarrn!
      An Hildegard Knef habe ich auch gedacht. Nicht an Udo Jürgens, aber an Reinhard Meys „Gute Nacht Freunde“.

  4. Micha sagt:

    Die Kinder unserer Feriengäste dürfen sich bei uns ein Eis am Tag ersingen. Einschränkung: *Alle meine Entchen* gilt nicht. Fazit: Es wird in D VIIIIEL zu wenig gesungen. Die Kids bekommen kaum ein einziges Lied zusammen, geschweige denn von irgend einem 2 Strophen…

    Von den ganz alten Liedern fiel mir auch zu allererst *die Gedanken sind frei* ein. Und *Weißt Du wieviel Sternlein stehen* oder – wenn auch für so eine Gelegenheit vielleicht weniger passend *Guten Abend, gute Nacht*.

    • Micha sagt:

      Achso, und den Dietrich- Schlager *Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre* – den mag ich ja auch sehr…

    • dreher sagt:

      Ja, schade, aber die Franzosen sagten auch, dass ihre Kinder oder Enkel nicht mehr wirklich sängen.
      Ich habe sogar „Sternlein am Himmelszelt“ fotografiert, als ich da oben war, habe aber natürlich kein adäquates Material, wurde nicht so richtig gut.

  5. Angela sagt:

    ich singe kölsch-katholisch, mit „Pänz,Pänz“ könnten Sie in der fernen Heimat doch landen?
    Kölle Alaaf zu Wieverfastelovend
    Angela

    • dreher sagt:

      Oh weh, ich habe ja nur 5 knappe Jahre echte Karnevalserfahrung und bin bei den kölschen Liedern ganz alleine in der fremden Welt nicht wirklich textsicher, da muss man im Getümmel stehen, dann gehts :)

  6. Pingback: Zwei Tage im Schnee | Au fil des mots

  7. Tine sagt:

    Ach ja, wir können doch alle noch viele halbe Strophen, aber kaum ein ganzes Lied…

    Ich habe vor einiger Zeit mal alte Lieder nachgeforscht, woher sie eigentlich kommen. Mir ging es da wie Dir, ich wusste auch nicht so recht, woher die alten Pfadfinderlieder eigentlich stammen. Die Wildgänse müssten aus der bündischen Jugend stammen, sie sind aber später von allen vereinahmt worden. Über das Tscherkessenlied (Die Steppe zittert) bin ich auf die Geschichte der Edelweißpiraten und Navajos in Köln gestossen, auch dies recht interessant: http://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0411_schanghai_neu/projekt.htm

    Meine Lieblingslieder bei den Volksliedern sind meist Abendlieder: „der Mond ist aufgegangen“ ist wunderschön (…und unseren kranken Nachbarn auch…) Oder auch „Ade zur guten Nacht“.

    Sehr schöne Lieder hat Zupfgeigenhansel gesammelt, ich mag auch die politischen Lieder, da sind viele noch von den Revolutionen im 19. Jahrhundert. Hier ist mein Favorit das Lampenputzerlied (der Revoluzzer heißt es, ist von Erich Mühsam: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Revoluzzer)

    Ein sehr beeindruckendes und schönes Lied ist „Andre die das Land so sehr nicht liebten“, ich glaube es ist eine Vertonung eines Gedichts von Theodor Kramer.

    Danke für den Anstoss zu all den Erinnerungen.

    • dreher sagt:

      Erst eben komme ich dazu, das alles anzuhören und den Link zum Museum anzusehen. Danke für die schönen Anregungen – „Der Mond ist aufgegangen“ ist ja wirklich wunderschön, ich erinnerte mich tatsächlich nur an Fragmente – es stimmt, man kennt leider von den meisten Liedern nur noch halbe Strophen. „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ gefällt mir sehr! Kannte ich nicht.