Zwischenruf: Fillon

Ich weiß, Sie sind im Karneval- oder Fastnachtsfieber, Sie wollen das alles gar nicht wissen, und Sie wollen vermutlich überhaupt gar nicht so viel von französischer Politik wissen, aber wenn man einmal angefangen hat, sich zu interessieren und darüber zu schreiben, dann kann man wichtige Dinge nicht einfach auslassen, nicht wahr. Ich werde das „Politische“ auch zukünftig „Zwischenruf“ betiteln, dann wissen Sie gleich, um was es geht. Heute wirklich nur ganz kurz, nur schnell dazwischengerufen, zwischen Rucki-Zucki und In unserm Veedel …

Le Parquet financier, eine Art Finanz-Staatsanwaltschaft hat (endlich) entschieden, dass es ausreichend Elemente gibt, den „Fall Fillon“ weiterzuverfolgen und man wird den Fall an einen oder mehrere Untersuchungsrichter weitergeben (ich dachte, so weit wären wir schon gewesen, aber nein, tatsächlich erst jetzt). Fillon, das wissen Sie schon, steht unter Verdacht, seine Frau Penelope jahrelang scheinbeschäftigt zu haben. Während ich das hier schreibe, hält Fillon gerade eine engagierte Wahlkampfrede, sehr patriotisch, und die Claque in der ersten Reihe applaudiert nach jedem Satz und brüllt „Fillon Président! Fillon Président!“. Monsieur Fillon wird nämlich, entgegen ursprünglich anderslautenden Äußerungen, die man doch glaubt, gehört zu haben („Wenn ich belangt werde, werde ich mich von der Kandidatur zurückziehen“), weitermachen, bis zum „Sieg“. Jawohl. Um Frankreich zu retten natürlich. Er ist nämlich, so sagt er, der einzige Kandidat mit einem profunden Programm und staatsmännischen Fähigkeiten (Das sagen auch seine Anhänger, die es schändlich finden, dass man Fillon 55 Tage vor der Wahl dermaßen schwächt! Besser einen Kandidaten, der eines „kleinen“ Vergehens beschuldigt wird, der aber ein fähiger Staatsmann ist, und später keine außenpolitischen Katastrophen verursacht.). Voilà die Rede ist zu Ende. Kein Kommentar zur „Affaire“, er lässt die Anwälte kommunizieren. Vive la France!

Es gibt dazu schon eine AFP-Meldung.

PS: Unter uns, so lange er weitermacht, hofft er, dass man ihn doch nicht belangen wird, und sollte er tatsächlich gewählt werden, dann hat er für fünf Jahre eine Immunität. Und nach fünf Jahren, ach … wer weiß, was dann ist, nicht wahr.

Schon gibts einen weiteren Nachtrag:  Die Finanzstaatsanwaltschaft hat sich deshalb heute noch (Freitag Abend!) zu diesem Schritt entschieden, weil bereits letzte Woche im Parlament ein Gesetz „verabschiedet“, sprich gewählt wurde, das eine (kurze) Verjährungsfrist für genau diese Art Delikte vorsieht. Ooooh! Das hätte Fillon ja retten können (und alle anderen in der gleichen Situation). Das Gesetz tritt bereits nächste Woche in Kraft.

Um es deutlich auszusprechen: Politiker von Rechts und Links haben schnell, still und leise ein Gesetz gewählt, das in gewisser Weise Straffreiheit für Fillon (und andere Politiker in der gleichen Situation) vorsieht (so ähnlich wie es in Rumänien geplant war) Es gibt eine starke Solidarität unter Politikern: Wir machen’s uns schön, so lange wir dran sind. Die Konsequenzen sind uns wurscht, aber wehe, das Volk wählt unzufrieden Marine, die als einzige Kandidatin (noch) nicht im hassenswerten System ist (was nicht stimmt, aber es wird ihr von ihren Anhängern geglaubt).

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4 Antworten auf Zwischenruf: Fillon

  1. Mumbai sagt:

    „If you can’t convince them-confuse them“ dass wusste schon Harry Truman. Letzteres
    passiert jedoch viel oefter , aber wenn man staendig mit Selbstverteidigung und Rechtfertigung beschaeftigt ist hat man ja seine ganze Ueberzeugungskraft schon
    verpulvert. Bin wirklich gespannt wie die Wahl ausgeht.

    • dreher sagt:

      Ich glaube, Fillon hatte nicht die Absicht, uns zu verwirren, er hätte lieber Wahlkampf „as usual“ gemacht. Die Frage ist, wer ihn ursprünglich beim Canard enchainé angeschwärzt hat. Denn seine ganze Masche von „Transparenz“ und „Aufrichtigkeit“ ist damit in sich zusammengefallen.
      Es ist wirklich sehr spannend!

  2. Marion sagt:

    Sollte das Horrorszenario trotz aller gegenteiligen Bemühungen wahr werden und Le Pen an die Macht kommen, wirst Du dann das Land verlassen? Na ja, realistischerweise vermutlich nicht, aber ich versuche mir gerade vorzustellen, in einem solchen Land zu leben, all das subtile oder nicht subtile Brainwashing, die schleichenden Veränderungen… einfach gruselig… Trotzdem einen schönen Sonntag nach Cannes!

    • dreher sagt:

      Gute Frage, Marion, nein, natürlich nicht. Würde (und werde) ich gerne bei Gelegenheit noch genauer beantworten! Schönen Sonntag zurück!