Zwischenruf: über Fillon, Macron und die anderen

Während in Cannes am Wochenende der Frühling ausgebrochen ist und die Mandelbäume sich in weiße und rosafarbene Blütenwolken verwandelt haben, sind wir spontan in die Berge und in den Schnee gefahren. Bis gestern Abend einschließlich. Es war wundervoll und liefert zukünftig mindesten zwei Beiträge für „Was schön war“. Dort oben, ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Fernsehen und Radio und auch ohne Zeitung, waren wir wirklich wie aus der Zeit gefallen. Ich dachte mir, wenn es einen Krieg geben sollte, dann werde ich mich nach da oben zurückziehen und krieg dann einfach gar nichts mit vom Krieg. Im letzten Krieg kamen die Deutschen nicht bis hier hinauf. Nur die Italiener. Die waren der eigentlich Feind da oben und auf so manchem Gipfel lagern noch Stacheldrahtrollen. Ich würde natürlich wünschen, dass dann da oben zukünftig gar niemand Feind ist. Und würde dann einfach vor mich hinleben, und das ist insbesondere im Winter anstrengend genug, mit der Kälte und dem Schnee und dem Holz holen und Feuer machen und dem sich ernähren, und darüber würde die Zeit vergehen und irgendwann käme ich wieder runter und dann wäre alles anders. So ging es mir gestern nach nur drei Tagen. Alle reden von Schweden und ich verstehe nicht, warum. Was war in Schweden? Gar nichts sagen manche, nur ein Songcontest und etwas Schnee auf den Straßen. Aber der amerikanische Präsident war dank einer schlechten Fernsehsendung schlecht informiert und glaubte, es wäre etwas anderes los gewesen. „Alle reden von Schweden“ stimmt natürlich gar nicht. Die Deutschen reden von Schweden. Und von Trump. Die Franzosen reden nachwievor über Fillon, Macron und die anderen. Und daran hat sich in den vergangenen drei Tagen auch nichts geändert. Ich hätte Ihnen in den letzten Tagen ja ständig erzählen können, was Fillon gesagt hat und was Macron gesagt hat und was Le Pen gesagt hat, aber es war so ein bisschen wie im Kindergarten mit ätschibätsch und so (Macron wurde ein homosexuelles Doppelleben unterstellt, und diese Info kam wohl aus „gut unterrichteten“ russischen Kreisen), aber all das war so unsäglich und ich wartete ehrlich gesagt auf etwas Entscheidendes, um Ihnen zu sagen: So. Ist. Es. Jetzt.

Ist. Es. Nicht. Fillon ist immer noch da. Es ist nicht zum Aushalten. Er hat, wie zwischenzeitlich herauskam, auch seine Kinder für ein bisschen Computerarbeit oder was weiß ich, sehr gut entlohnt. Aber das ist ja alles legal und alle machen das, nicht wahr. Er hat sich zwar entschuldigt beim französischen Volk, damit es schön stille hält, und damit muss es jetzt aber auch mal gut sein. Die Richter halten tatsächlich schön still und man weiß nicht, ob sie irgendwann kurz vor der Wahl oder danach oder auch gar nicht zuschlagen wollen. Sehr unsicher das alles für Fillon, aber er macht verbissen Wahlkampf, letzte Woche in Übersee, Outre-mer heißen all die kleinen Inselchen aus Kolonialzeiten, wo der Empfang trotz der warmen Temperaturen ein wenig frostig war, weil sich die Leute dort eine Summe von 800.000 Euro (Sie erinnern sich: Penelopes „Einkommen“) gar nicht vorstellen können. Fillons Umfrageergebnisse (wer würde ihn als Präsidenten wählen, wenn heute Wahl wäre) sind insgesamt deutlich hinter Marine Le Pen (1.!) und Macron (2.!) zurückgefallen. Vorfeiern bringt Unglück, sag ich’s doch!

Macron hingegen hat noch nicht mal sein Programm vorgestellt, vielleicht hat er noch keins, was ihm seine Gegner spöttisch unterstellen, vielleicht will er es auch nur noch nicht vorstellen, weil es den Rechten dann nicht rechts genug ist und den Linken nicht links genug, und dann fängt das Geschacher an. Es ist unglaublich, dass er dennoch Säle füllt und den Menschen dort voller Zärtlichkeit zuruft „Je vous aime farouchement, mes amis!“ Und die so sehr geliebten „Freunde“ und nicht etwa Wähler oder schnöde das Volk, die sind hin und futsch, von diesem Zuversicht ausstrahlenden Charmeur. Er lächelt. Er ist positiv. Alles wird gut. Dummerweise hat er bei einem Algerienbesuch gesagt, dass die Kolonisation, die Outre-mer doch so schön geklappt hat, in Algerien hingegen „ein Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen sei und man müsse sich dafür entschuldigen. Das hat vielleicht den Algeriern gefallen und vielleicht wollte Macron in den Banlieus ein Zeichen setzen, denn da geht es gerade wieder hoch her, aber den Franzosen hier im Süden, wo viele Pieds Noirs und Harkis und ihre Nachkommen leben, gefiel es absolut nicht. Schwieriges Thema. Ich finde ja auch, dass mal einer anfangen müsste, sich zu entschuldigen, zumindest für das, was im Algerienkrieg passiert ist, aber soweit ist noch keiner, außer vielleicht Macron, aber es ging nicht um den Krieg, sondern um die Kolonisation, und diese etwa mit der systematischen Vernichtung der Juden gleichzusetzen („Verbrechen gegen die Menschheit“), ist vielleicht doch fragwürdig.

Mélenchon hält dank moderner Hologrammtechnik an zwei Orten gleichzeitig Versammlungen ab und ist von sich und seinem Double selbst am allermeisten begeistert. Dass sich die Linke von Mélenchon, die Grünen und die PS mit Hamon zusammenschließen müssten, um überhaupt etwas auszurichten, ist zwar allen Beteiligten klar, aber keiner will zurückstecken. Mélenchon findet, er habe die älteren Rechte, alle sollten sich also hinter ihn als Kandidaten stellen. Das sieht Hamon genau andersherum: Mélenchon hat es noch nie geschafft, ich bin der Kandidat der Hoffnung!

Ach so, und François Bayrou, der Zentrumspolitiker, der, weil er zu ehrlich ist, nie einen Blumentopf gewinnen konnte, sagt hin und wieder, „Coucou! Vielleicht bin ich auch noch Kandidat, ich weiß es noch nicht, ich überlege noch.“

Und da wundert man sich, dass Marine Le Pen supergute Umfrageergebnisse hat?! Sie sagt spöttisch, „ich muss nicht mal gut sein, die anderen sind so schlecht“. Leider hat sie Recht.

Voilà, ich wollte doch mal einen Zwischenbericht geben, auch wenn er so unbefriedigend ausfällt und Sie es in diversen deutschen Zeitungen auch nachlesen können oder vielleicht sogar getan haben. Aber Martin Oetting, auf dessen Blog Kaffee und Kapital ich neulich hingewiesen habe, hat wiederum mich verlinkt (merci!) und will, das sagt er zumindest, immer mal hier reinschauen, um zu wissen, was sie gerade so denken, die Frenchies. Da will ich ihn nicht enttäuschen und nur über schlecht gelierte Orangenmarmelade schreiben, nicht wahr. Obwohl dies kein dezidierter Politikblog ist und auch nicht werden wird. Es ist weiterhin ein „Anything goes“-Blog über mein Leben in Frankreich. Ich sage das auch deshalb, weil meine Besucherzahlen sich in den letzten Monaten, dank des mehrfachen Verlinkens durch Herrn Buddenbohm aber auch von anderen, buchstäblich verdoppelt haben, was ich natürlich unfassbar klasse finde, aber während ich früher wusste, für wen ich in etwa schreibe, für Eva und Marion und Jasmin nämlich und für noch ein paar andere Stammleserinnen, die ich jetzt nicht alle auflisten will, also, wir waren so ein kleiner Haufen netter Frauen, und ab und zu schaute auch mal ein Herr rein, nicht wahr, aber jetzt, jetzt weiß ich gar nicht, wer all die vielen tausend neuen LeserInnen so sind, und das ist ein bisschen fremd für mich. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Sie müssen mir jetzt nicht alle schreiben, um sich vorzustellen, nein, um Gottes Willen nur das nicht, ich habe eh schon viel zu viele Menschen, die mir jenseits der Kommentare schreiben, darüber freue ich mich auch immer sehr, aber vielleicht kann ich das zukünftig nicht mehr alles beantworten. Es wird doch ein bisschen viel. Muss ich sehen. Lesen tue ich natürlich alles, immer! Und ich freue mich aufrichtig, wenn Sie hier lesen, und wenn es Ihnen irgendwie zusagt, das eine oder das andere oder alles, dann bleiben Sie gern da, kommen Sie wieder, machen Sie das, wie Sie wollen, alles ganz ungezwungen hier.

Und wie Sie sehen, schreibe ich nachts, tags kommt man ja zu nichts.

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Und schon (22.02.2017 abends) kommt ein Nachtrag, alles dreht sich so schnell: 

Francois Bayrou sagte gerade, dass er nicht als Kandidat antreten werde, hingegen wird er sich, tatataaa mit Macron zusammentun! Ganz neue Variante.

 

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13 Antworten auf Zwischenruf: über Fillon, Macron und die anderen

  1. Eva sagt:

    Dann wünsche ich Dir doch jetzt einen guten Morgen!
    Völlig unpolitisch,
    herzliche Grüße,
    Eva

  2. Mumbai sagt:

    Wenn man TV hoert, Zeitungen liest und sonstige politische Infos sich holt , denke
    ich „es ist wirklich besser sich Gedanken ueber Marmeladekochen“ zu machen.
    Letzteres haelt einem zumindest in seelischer Balance. Ich moechte es nicht gerade
    „Trost“ nennen, aber die Gelassenheit hilft mir es als Entwicklung der gesamten
    Menschheit zu sehen was sich so alles in der Welt abspielt. Die Historie zeigt aber,
    dass es leider nie viel anders war. Ein laaanger Weg steht den Menschen bevor um
    das zu werden , was sie sein sollten.

    • dreher sagt:

      Mir fällt dazu Brecht ein :

      „Dauerten wir unendlich
      So wandelte sich alles
      Da wir aber endlich sind
      Bleibt vieles beim alten.“

      Und alles (sage ich) geht wie in Wellenbewegungen vor und zurück, um vielleicht stärker wieder zu kommen oder gar nicht, um auszulaufen – ich glaube, so ist es. Und ja Marmeladekochen oder Gartenarbeit können sehr tröstlich sein.

      • Mumbai sagt:

        Diese Aussage von Bert Brecht kannte ich nicht und ich finde
        sie sehr passend. Die Wellenbewegung ist auch ein guter
        Vergleich, ich nenne es die Auf-und Abwaertsspirale. Momentan
        sind wir sicher am absteigenden Weg.

      • Evelun Kerry sagt:

        Ich halte mich ans Holzmachen, für den nächsten Winter. An Kreisläufe.Dann kann ich meine Gedanken fließen lassen, höre die Vögel schon vorfrühlingsmäßig in den kahlen Bäume zwitschern was das Zeug hält und und gegen besseres Wissen glauben, dass hier noch die Welt in Ordnung ist. Aber wie du sagst, alles kommt und geht und Brecht hat das sehr schön ausgedrückt. Mich beruhigt ein großer, schöner Holzstapel im Préhaut udn das alle Jahre wieder. Dann brauche ich nächsten Winter wenigstens nicht zu frieren, und das denke ich jedes Jahr, wenn ich den höchst zufrieden in Augenschein nehme. Auch wenn hier dann die Welt vielleicht überhaupt nicht mehr in Ordnung ist.
        Und danke für die Frau Rauscher! Als äächte Hess‘ hat das natürlich bei mir auch nostalgische Gefühle ausgelöst, obwohl ich nie und nimmer von meinem Berg in diese Stadt , weder hibb, noch dribb de Bach zurückkehren werde, naja, höchsten zu Besuch bei der Verwandschaft. Wo ist der Augenzwinkersmilie?

        • dreher sagt:

          Ich finde aufgestapeltes Holz auch schön und sehr beruhigend. Dazu gibts auch eine Geschichte, muss ich mal in einem Beitrag erzählen, ist etwas zu lang für einen Kommentar.
          Ach ja, die Frau Rauscher, mich hat es ganz melancholisch gemacht, fühle mich gerade so weit weg von meinen Wurzeln. Vermutlich würde ich, wenn ich je und so … doch wieder nach Hessen gehen. Das hab‘ ich einfach am tiefsten verinnerlicht.

  3. Martin sagt:

    Danke für dieses. Und in der Tat, ich persönlich kann mit den Marmeladegeschichten nicht so viel anfangen — aber anything goes, die muss ich dann ja nicht lesen.

    • dreher sagt:

      Bitte gerne. Fühle mich geehrt. Und nein, die Marmeladentexte und das Himmelblau können Sie gern überspringen. Bis zur französischen Wahl bleibe ich aber auf jeden Fall näher dran an der Politik im Blog, und je nachdem wer gewinnt, natürlich auch danach – es ist so katastrophal und doch spannend. Meine „Politisierung“ hat übrigens mit dem Attentat auf Charlie Hebdo angefangen.

    • dreher sagt:

      Danke, kannte ich nicht, habe es hier heute Abend im Fernsehen erfahren und gerade einen Nachtrag zum Text verfasst.

  4. Marion sagt:

    Vielen Dank für die namentliche Erwähnung, denke mal, ich war gemeint :-) Dein Blog gehört schon so viele Jahre zu meinem festen Programm. Danke dafür, dass Du u.a. FÜR MICH geschrieben hast (*gebauchpinselt fühl*), auch wenn es jetzt mit dem exklusiven Club vorbei sein sollte. Ich gönne Dich auch anderen Lesern, bin ja gar nicht so…