Zwischenruf: elf Kandidaten plus Nachtrag

Heute Abend, diesmal auf den Privatsendern C NEWS und BMFTV, wird die zweite „große Debatte“ der Präsidentschaftskandidaten gesendet. Alle sind diesmal da. Elf sind es:  Nathalie Arthaud, François Asselineau, Benoit Hamon, François Fillon, Jacques Cheminade, Nicolas Dupont Aignan, Jean Lassalle, Philippe Poutou, Jean-Luc Mélenchon, Emmanuel Macron und Marine Le Pen werden für dreieinhalb Stunden (bis nach Mitternacht) „debattieren“. Diesmal gibt es nur eine Minute Redezeit für jede und jeden und insgesamt nur fünf Fragen. Eine Vorstellrunde (Wer sind Sie?), drei Themenfragen (Wie wollen Sie Arbeitsplätze schaffen? Wie wollen Sie die Franzosen schützen? Wie wollen Sie Ihr Sozialmodell umsetzen?) und eine zusammenfassende Aussage, wie der oder die Kandidatin die Franzosen hinter sich zu vereinen gedenkt.

Erwartet werden eigentlich drei „große“ Rededuelle: Mélenchon und Hamon; Dupont-Aignan und Fillon, und Macron und Le Pen.

Gut. Ich habe mein Augenmerk etwas mehr auf die Kandidaten gerichtet, die wir noch nicht in dieser Runde gesehen haben:

Nathalie Arthaud ist die ganze Zeit sehr wütend und antwortet schon auf die Frage, wer sie sei, dass sie das Volk zu Gehör bringen werde. Sie will die Gesellschaft, die „verfault“ sei, komplett verändern. Die Diskussionen über Europa, die Grenzen etc. seien nur Ablenkungsmanöver, nicht die anderen Arbeiter seien der Feind sondern das Patronat. Sie würde die großen Unternehmen zwingen, Arbeitsplätze zu erhalten und das Geld für alles nimmt sie von den Reichen. Sie greift Fillon offen an.

Philippe Poutou ist, wenn es möglich ist, noch wütender, stellt sich immerhin als der einzige Arbeiter (bei Ford) der Gruppe vor, ist auch als einziger in Jeans und T-Shirt gekleidet und verdrückt sich fürs Gruppenfoto. Er will eine direkte Demokratie, ist gegen das kapitalistische System, will das Geld umverteilen, die Polizei entwaffnen, denn der Terrorismus sei nur ein Vorwand, damit die Polizei das Volk mit Waffengewalt unterdrückt. Allerdings will er auch den internationalen Waffenhandel unterbinden.

Ich habe mich oft gefragt, warum man sich unbedingt als Präsidentschaftskandidat präsentieren will, wenn man so gut wie keine Aussichten hat, gewählt zu werden. Poutou zeigt es sehr deutlich: weil es ihm die Möglichkeit gibt, einmal öffentlich alles (im Stakkato) rauszukotzen, was er zu sagen hat. Er greift Fillon und Le Pen offen und agressiv an, nennt sie Lügner und korrupt und Betrüger, und er tut es mit sehr großer Genugtuung.

Nicolas Dupont-Aignan ist wütend gegen die Kandidaten der etablierten Parteien, einschließlich Macron. Er greift Fillon ebenso an, allerdings nicht so offen und anklagend wie Poutou. Er will die Abgaben für Firmen, die in Frankreich produzieren reduzieren. Und  findet, dass die Polizei und das Militär personnel und materiell am Ende seien und man müsse reinvestieren. Außerdem müsse man gegen die „barbarischen Hassprediger“ entschieden vorgehen.

Jacques Cheminade und François Asselineau kann ich irgendwie nicht richtig greifen. Assilenau will auf jeden Fall raus aus Europa, will dass Schluss mit den Schulden ist, und auf die Frage, wie ein guter Präsident sein müsse, antwortet er mit dem chinesischen Sprichwort „Der Fisch verfault vom Kopf her“: Wenn der Präsident, „der Kopf“ eines Landes, kriminell sei, habe das tragische Auswirkungen auf das gesamte Land und Volk. Und wenn er Präsident würde, dann wäre seine Frau nicht „First Lady“, und sie wäre weder im Showbusiness noch würde sie sonstwie von sich reden machen.

Jacques Cheminade hat ein sehr bizarres Programm will mir scheinen, er will raus aus Europa, aber will mehr Geld für Erasmus Programme ausgeben,, so ganz logisch ist das nicht. Er will mit Putin, Trump und den Chinesen zusammenarbeiten, wenn ich es richtig verstanden habe, aber mit den Verflechtungen der FranceAfrique aufhören. Gerade hat er sich sehr echauffiert und sieht Frankreich „moribund“.

Mein Lieblingskandidat, und es ist schwierig, sich nicht über ihn lustig zu machen, ist Jean Lassalle, für mich eine komplette Neuentdeckung. Er spricht, anders als alle anderen, betont langsam und mit dem Akzent des Südens. Er kommt ein bisschen zu spät und wegen des Grunds befragt, sagt er, och, er sei wohl zu spät weggefahren und dann waren da Staus, naja, aber seine Mutter habe eben acht Tage gebraucht, um ihn auf die Welt zu bringen (sie sei erst 17 gewesen und er wog über 4 Kilo), das stecke in ihm, diese Verspätung könne er wohl nie mehr aufholen. Er ist Sohn eines Schäfers, selbst Schäfer in den Pyrenäen und stolz darauf. Und dann, erzählt er, als er sich vorstellt, dann kam aus Paris die Pascale (er betont das e am Ende, wie man das im Süden macht) und die habe ihm vier Kinder geschenkt, ist das nicht wunderbar?! Er macht sich stark für die Landwirte, von denen sich jeden Tag 30 (!) umbrächten, wegen ihrer verzweifelten Situation, setzt sich für das ländliche Frankreich ein, will zurück zu den kleinen Gemeinden, die menschlicher seien, und erstaunlicherweise setzt er auf die Jugend  in den Banlieues, und er beklagt, dass die Politik seit dreißig Jahren nichts Gescheites auf die Reihe gebracht habe. So ganz klar ist mir nicht geworden, wo er das Geld für seine Projekte hernehmen will, aber er würde Lösungen finden, da ist er sicher, jawohl, und Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Außerdem will er eine Armee gegen die Cyberkriminalität schaffen. Ansonsten glaubt er an die Diplomatie, man kann mit allen reden.

So, ich kann nicht mehr zuhören, meine Zusammenstellung ist vielleicht etwas zufällig gewählt, das, was im wilden Debakel gerade hängenbleiben wollte, den Rest lese ich morgen nach. Oder hier. Sehr unerträglich ist mir der strenge Lehrerinnenton der beiden Moderatorinnen gewesen, die ununterbochen „MERCI!“ dazwischenrufen und die Minutenkonten überwachen „Sie sind im Rückstand!“ oder „Merci! Ihre Zeit ist überschritten!“ Voilà, mein Müdigkeitskonto ist schon sehr weit überschritten. Bonne nuit!

Nachtrag: Hier eine deutsche Einschätzung, allerdings nur mit Blick auf die „großen“ Kandidaten. Wo es gestern doch vor allem darum ging, die „kleinen“ Kandidaten vorzustellen, aber man hat wohl davon abgesehen, die Deutschen noch zusätzlich mit Kandidaten zu verwirren, die (dieses Mal) sowieso nicht Präsident werden werden.

Von französischer Seite hieß es gestern noch, die Debatte sei lebendiger gewesen, vor allem durch die deutlichen Worte der „kleinen“ Kandidaten, die es wagten, offen ihre Unzufriedenheit auszudrücken und die Affären von Fillon und Le Pen anzusprechen. Wobei Philippe Poutou auch gerügt wurde für seine ungehobelte Art, sich nicht für das gemeinsame Foto aufzustellen, für seinen hemdsärmeligen Kleidungsstil, und dass er nicht einmal die Kandidaten, an die er sich wandte, persönlich ansprach etwa mit „und Sie Monsieur Fillon“ sondern einfach herumholzte wie am Kneipentisch „und Fillon macht dies und Le Pen macht das“ – aber für ihn war es vermutlich schon eine Leistung, dass er sie nicht noch zusätzlich mit Schimpfwörtern bedachte. Auf Twitter wurde übrigens sofort zurückgerufen, besser hemdsärmelig, aber ehrlich, als im teuren Anzug und verlogen!

Die „großen“ Kandidaten hielten sich deutlich etwas zurück, sie hatten ihre „l’heure de gloire“ ja schon beim letzten Mal gehabt. Was bleibt? Wer hat am wenigsten Fehler gemacht? Fragt der Figaro (Fillon gibt sich staatsmännisch, Macron hat keine Fehler gemacht, und Mélenchon macht in diesen Sendungen den besten Eindruck) und liefert freundlicherweise eine kurze Zusammenfassung der Aussagen der Kandidaten.

Und zum Schluss, Jean Lassalle sei nach der Debatte der meistgesuchteste Kandidat auf google gewesen, heißt es, kann ich verstehen, er ist ein sehr authentischer Mensch. Er hat sich nicht besonders vorbereitet sagt er kurz vor der Sendung, es passiere sowieso alles anders als man denke. Und nein, die Sendung sei für ihn kein historischer Moment, ein historischer Moment wäre seine Wahl. Hier die Szene, in der er seine Verspätung erklärt.

 

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