Zwischenseufzen: …

Die aktuelle Berichterstattung auf diesem Blog hinkt ein wenig hinterher, verzeihen Sie, man kommt ja zu nichts. Jetzt wissen Sie sicher schon, wie das Rededuell Macron – Le Pen war. Steht ja auch überall in der deutschen Presse, ich gebe Ihnen nur mal diesen Artikel. oder diesen. Ich habe bis zum Schluss durchgehalten und dabei gebügelt. Monsieur hat sich um 22 Uhr zurückgezogen, er hatte genug gesehen und gehört, und das dachte sich auch der Journalist der Welt, der um 21. 45 Uhr schon einen abschließenden Bericht veröffentlicht hatte (den ich jetzt nicht mehr finde, er wird wohl von vielen anderen, ausführlicheren (s.o.) überlagert), obwohl die Kandidaten sich noch zwei weitere Stunden lang stritten. Es war ziemlich so, wie es in den verlinkten Artikel steht: „Vous dites des betises“ (Sie reden Unsinn) musste Macron ununterbrochen sagen, und er hatte seinen großen Moment, als Marine Le Pen den Verkauf des Telekomunternehmens SFR mit dem Verkauf des Turbinenherstellers Alstom verwechselte und sich von Macron erklären lassen musste, wie es wirklich war. Macron, der Le Pen ununterbrochen im nachsichtigen „Ich erkläre Ihnen die Welt“-Ton ansprach, ging mir aber auch auf die Nerven. Le Pen verhaspelte sich noch das eine ums andere Mal. Sie hatte ihre großen, giftigen Momente immer dann, wenn sie wohl vorbereitete (platte) Angriffe startete. Ich hatte ein bisschen Angst, dass der sanft sprechende Macron nicht laut oder kräftig genung sein könnte neben der wuchtigen Präsenz von Marine Le Pen. Und ich fürchtete auch, Marine Le Pen würde ihn ohrfeigen, so oft sagte Macron „Vous dites des betises, Madame Le Pen!“ Er hat es mit Intelligenz und Eloquenz geschafft, sich zu positionieren. Frankreich verdiene besseres als Marine Le Pen, sagte er. Voilà, Macron ist sicher der intelligentere von beiden, Marine Le Pen aber „holt“ mit ihren Platitüden „den einfachen Mann auf der Straße ab“, um mal mit einer alten Worthülse zu kommen. Die Presse sieht Macron vorne, er sei überzeugender gewesen. Ich bin nicht sicher, ob der „einfache Mann auf der Straße“ das genauso sieht.

Herr Diehl hat mir einen Artikel der Journalistin Annika Jöres zukommen lassen. Ha! Frau Jöres wohnt neuerdings in Puget-Théniers, das ist ein Ort auf halber Strecke auf dem Weg in mein Bergdorf. Dorthin fährt man (aus dem Bergdorf kommend), wenn man einen Tierarzt braucht, oder einen Zahnarzt, einen Notar, wenn man etwas mehr Pflanzenauswahl in der Cooperative sucht oder einen Sack Zement im Baustoffhandel erwerben will; es gibt einen richtigen Supermarkt, eine kleine Druckerei und eine weiterführende Mittel-Schule, das Collège. Ich finde ja Puget-Théniers, oder einfach „Puget“ (sprich: Pühschee) wie man da oben sagt, ist so „dazwischen“, nichts Halbes und nichts Ganzes. Man hat nicht die Stille der kleinen Bergdörfer und nicht die Dynamik der Stadt Nizza, aber beides ist nur jeweils eine Dreiviertelstunde Kurvenfahrt entfernt, insofern vielleicht eine gute Alternative, wenn man weder das ganz Ruhige noch das ganz Quirlige will. Wie dem auch sei, lesen Sie mal den oben verlinkten Artikel. Genau so ist es hier im Süden. Und so ist es überall auf dem Land. Bis auf kleine Ausnahmen: Wo sich in kleinen Dörfern in den sechziger oder achtziger Jahren Hippie- oder Babacool-Bewegungen niedergelassen haben, kippt das Wahlergebnis immer nach links. Ansonsten wird hier stramm rechts gewählt. Frankreich ist ein ländliches, konservatives Land. Das musste ich auch erst lernen. Auf dem Land (und nicht nur dort) werden platte Witze erzählt, alle gern zweideutig, manche auch nur zotig, andere rassistisch oder frauenfeindlich. All die Anzüglichkeiten, die man als Frau so zu hören bekommt, nehme ich heute mit einem Achselzucken zur Kenntnis und ziehe den Mund schief. So ist er halt der Franzose. Die Dirndl-Affäre, die Herrn Brüderle vermutlich die Karriere gekostet hat (ich habe das nicht weiter verfolgt), wäre hier keine Erwähnung wert.

Ich erzähle Ihnen jetzt mal wieder was aus meinem Bergleben. Denn das, was Annika Jöres in Puget erlebt, ist in jedem anderen Dorf, auch in „meinem“, genauso. Ich gebe zu, dass es mich auch immer mal wieder erschreckt, zu sehen, wer alles aus meinem früheren Dorf-Umfeld extrem rechts wählt. Das letzte Mal hat es mich in meinen Grundfesten erschüttert, als ich begriff, dass ein älteres Ehepaar, das ich seit zehn Jahren kenne, sehr fromme Menschen, die mir in schweren Zeiten liebevoll und warmherzig beigestanden haben, der identitären Bewegung in Nizza angehören. Ich war zwei Tage lang verstört. Nicht so Monsieur, der sagte, „X und Y können denken und wählen, was sie wollen, wichtig ist nicht, was sie sagen, wichtig ist, was sie tun“.

Und so habe ich erneut eine pragmatische Lösung gewählt und schaffe es, bei den Menschen zwischen ihrem Handeln (mir gegenüber) und ihren Gedanken, ihrer politischen Überzeugung (sofern sie mich nicht bedroht) zu unterscheiden. In „meinem“ Dorf, habe ich seinerzeit viel Hilfe und Unterstützung erfahren, vor allem als mein erster Mann sehr krank wurde und starb. Die hilfsbereitesten, warmherzigsten und großzügigsten Menschen habe ich dort kennengelernt. Ich werde das, was diese Menschen für mich und uns getan haben, nie vergessen. Und nicht wenige von ihnen sind eingefleischte FN-Wähler. Ich mag ihren politischen Reden nicht ausgesetzt sein, aber ich nehme es hin. Dass ich keine rassistischen Mails in meiner Mailbox vorfinden will, das sagte ich offen, und ich wurde kommentarlos aus dem Verteiler gestrichen. Wir wissen von der jeweils anderen Meinung, aber sie hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen derartigen Spagat vollbringen könnte, und es hat sicher auch damit zu tun, dass man in den Bergen grundsätzlich nicht allzuviele Menschen um sich hat und man, sofern man dort ganzjährig lebt, auf die Dorf-Solidarität angewiesen ist. Man kann es sich gar nicht leisten, Leute wegen ihrer Gedanken oder politischen Überzeugung wirklich zu verstoßen. Das mag anders sein, wenn man in Paris und Berlin lebt und vielleicht kann man auch in Puget ein gemeinsames Essen in „eisiger Stimmung“ beenden, und den Gast zukünftig nicht wieder einladen. In einem Bergdorf mit 30 Einwohnern ist das anders. Und ich wette, weder in Puget noch in Châteauneuf würde sich viel ändern, wenn am Sonntag Marine Le Pen gewählt würde. Rassistisch, homophob und frauenfeindlich war man auch vorher schon. Vor dem rechten Mob in großen Städten jedoch habe ich Angst. Und hoffe daher auf Macron, selbst, wenn auch bei ihm nicht klar ist, wie es wirtschaftlich in Frankreich weitergehen wird. On va se faire baiser en tout le cas, sagte Monsieur heute. Ou d’un gosse qui a l’air charmant, ou d’une femme vulgaire. Mais on va nous baiser. Weniger zotig übersetzt heißt das so viel wie, „wir werden so oder so verarscht, entweder von einem charmant wirkenden Knaben oder von einer vulgären Frau. Verarscht werden wir auf jeden Fall.“

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9 Antworten auf Zwischenseufzen: …

  1. mhs sagt:

    Wie wahr, wie wahr, Monsieur ist ein weiser Mann. Hier wird ja der Präsident anders gewählt, und bei den Landtagswahlen in 14 Tagen haben wir etwas mehr Auswahl bei links und rechts aber letztlich endet es genauso. Viel reden tun sie alle, viel bewegen können sie nicht, aber die kleinsten Schrittchen werden uns als großen Fortschritt verkauft. Und, um ehrlich zu sein, so eine Schicksalsentscheidung wie in F, ist es nun auch nicht. Auch im September nicht.

  2. Micha sagt:

    Nach dieser niveaulosen Fernseh-Debatte von mir ein Doppel-Örgs!

  3. Marion sagt:

    Vielleicht muss man ja tatsächlich manchmal zwischen der (politischen) Sozialisation und dem Herzen unterscheiden… es kommt eben darauf an, wie man ist und nicht, was man ist…

    • dreher sagt:

      Genau. Das Besondere am Leben auf dem Land in solch kleinen Gemeinden ist, dass man nicht (nur) mit Leuten zusammen ist, die einem ähnlich sind. In Köln (und in Göttingen und in Mainz …) war ich immer in einer „Blase“ – umgeben von Menschen, die ähnlich sozialisiert sind, ähnlich ticken und wählen. Und man bleibt immer in dieser Blase. Der Rest der Welt bleibt einem fremd (es sei denn man steigt durch Umstände gesellschaftlich auf oder ab). Ich musste lernen, mit anderen Menschen, komplett anders, kulturell und intellektuell anders, zusammenzuleben und sie und mich in der Welt einzuordnen. Es war für mich eine befreiende Erfahrung, nicht mehr für mein „Haben“ (in jedem Sinn) sondern allein für mein „Sein“ angenommen zu werden. Aber andere umgekehrt ebenso zu schätzen, für ihr Sein, auch wenn sie weniger „klassische“ Bildung haben, auch wenn sie FN wählen … musste ich lernen. (Es gibt natürlich trotzdem auch Menschen, mit denen man bei aller „Liebe“ nichts zu tun haben will oder nur so wenig wie möglich, das muss man auch sagen.) Aber mit diesen (wenigen) „anderen“ Menschen muss man leben, wenn man dazu nicht bereit ist, dann sollte man (nicht nur im Ausland) besser nicht aufs Land ziehen.

  4. Eva sagt:

    So, trotzdem Glückwunsch! Ich hoffe, dass es so mit Europa weitergehen kann!
    Schönen Sonntag noch,
    Eva

  5. Marion sagt:

    Zwischengequetscht: Auch hier Erleichterung! Und Santé! (Frage: Da machst Du Dir soooo viel Arbeit mit der Wahlberichterstattung und dann kann man den letzten, entscheidenden Beitrag nicht kommentieren?)

    • dreher sagt:

      Deshalb … *an den Kopf schlag* ich habe in der Eile und im Jubel vergessen ein Häkchen zu setzen … tsss jetzt gehts!

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