La canicule und Gedankenmäander

Emiliedie Enkelin, entspannt, nach der Schwimmgala

Nein, keine kühlen Bilder aus den Bergen, ich sitze und schwitze seit einer Woche in Cannes. Es ist la canicule. Eine Hitzewelle. Der heißeste Juni seit wann auch immer. Hat nicht nur Südfrankreich erwischt, und selbst Teile Deutschlands scheinen betroffen, wie ich höre. Familiäre (s. o.) und andere Verpflichtungen haben mich aus der Bergwelt in das feuchtheiße Klima an der Küste geholt. Schon eine Woche lang schwitze ich und ächze  und jammere und bin aggressiv, ich kann ja alles jenseits von 25°C nicht mehr so richtig gut aushalten und hier dauert dieses Wetter ja unendliche drei Monate, ohne jedes abkühlende Gewitter. Schwimmen im Meer gehe ich jetzt morgens um Sieben. Die Kühle hält dann einen kleinen Moment an, vorausgesetzt, man geht vor Acht wieder aus der Sonne. Danach sitzt man leicht bekleidet in abgedunkelten Wohnungen, trinkt viel (wir werden via Radio und Fernsehen ständig ermahnt, auch ja zu trinken, ich hingegen muss Monsieur ermahnen, dass er nicht alle Flüssigkeit ausschließlich in Form von Kaffee und Rosé zu sich nimmt), bewegt sich hingegen möglichst wenig und öffnet und schließt die Fenster- und die Fensterläden der Sonne folgend, bis dass man gegen 23 Uhr alles aufreißt, in der Hoffnung auf ein Lüftchen, das nicht kommen will. Was kommt sind die Schnaken und morgens um Drei ein Auto, das in unsere Gartenmauer rast. Die Nächte sind, mal abgesehen von der Luft, animé, wie man hier sagt: bewegt. Und laut. Sehr laut. Jeden Tag denke ich, dass ich über die Stille schreiben muss. Es ist mein Thema. Der Lärm, meine Lärmempfindlichkeit, das Bedürfnis nach Stille. Überhaupt würde ich gern sooo viel sagen. Aber ich muss ja anderes schreiben, weshalb so vieles an dieser Stelle nicht geschrieben wird. Über das, was ich am Strand finde zum Beispiel. Letztes Jahr sammelte ich Blau, darunter waren viele Mosaiksteinchen eines vermutlich abgesoffenen Schwimmbads, dieses Jahr Weiß. Rot gibt es tatsächlich ganz selten. Ich habe einmal eine schöne, rundgewaschene und knallrote Scherbe gefunden, da sie aber immer alleine blieb, flog sie irgendwann wieder weg. Hätte ich nicht tun sollen, aber da wusste ich noch nicht wie wertvoll vor allem rote Scherben sind (via Buddenbohm, denken Sie sich schon).

weiße Scherben römisch? drei Farben Blau Fundsachen Blau

Bei Buddenbohm fand ich auch den Text, dass er seine Jungs jetzt zum Einkaufen schickt, damit sie Rechnen lernen und überhaupt. Beim Lesen erinnerte ich mich plötzlich an früher und an eine Nachbarsfamilie A., an den stark sächselnden Dialekt von Herrn und Frau A., an den Vornamen des Sohnes: Michael, der auch, aus ähnlichen Gründen, schon in den späten Sechziger Jahren (mithilfe der Werbezettel im Briefkasten) zum Einkaufen geschickt wurde, und: ich war soooo neidisch! Ich hätte das auch so gerne gemacht, aber ich durfte nicht! Nur, weil ich noch nicht rechnen konnte, ph! Ich kann heute noch nicht rechnen, wenn wir es genau nehmen wollen. Einmal bat mich die Tochter (im Grundschulalter) einer Freundin darum, ihr zu Übungszwecken Rechenaufgaben zu stellen, mehr und immer mehr wollte sie, und immer „schwerer“ sollten sie werden; das war für mich schwieriger als für sie. Ich staunte, dass man Spaß haben konnte 47-18 rechnen zu wollen. Dsykalkulie. Dass ich weiß, dass und warum ich nicht rechnen kann, verdanke ich einem frühen Text bei Smilla (und den weiterführenden Links), die gerade wundervolle Fotos von Istanbul zeigt.

Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, denn als ich eben schrieb, Herr Buddenbohm schicke seine Kinder zum Einkaufen, hätte ich beinahe „zum Bier holen“ geschrieben. Das ist aber eine andere Geschichte, die von Werkmeister Scheel nämlich, der im Untergeschoss der Phil-Fak an der Uni Mainz für die Buchwissenschaftler eine kleine Druckerei sehr selbstherrlich führte (unter anderem hielt er beharrlich seine Frühschicht ein, und wer was von ihm wollte, und selbst wenn es der Institutsleiter war, der musste schon frühmorgens zu ihm in die Druckerei kommen), und uns, dort Praktikum machende Studis, morgens gleichmal zum Bier und Fleischwurst holen schickte, damit wir die richtige Arbeitswelt kennenlernen. Und dann gabs ausgiebiges Vesper, und wenn Werkmeister Scheel seine erste Flasche Bier abgekippt hatte, wurden seine Hände wieder ganz ruhig, und er konnte auch den fitzeligsten Viertelgeviertstrich in unseren Handsatz einfügen. Daran musste ich denken, an die Welt von Werkmeister Scheel nämlich, an die Kondome, die dort an der Pinnwand hingen und wie unwohl ich mich dort gefühlt habe. Einerseits solidarisch, denn mein Vater arbeitete auch in einer Druckerei, ich kannte also den Geruch von Farbe und Lösungsmitteln, den Lärm der Druckmaschinen, die Arbeits- und Männerwelt der Drucker und deren Spinde, die mit irgendwelchen Busenwundern vollgeklebt waren. Andererseits snobistisch, denn ich war Studentin, und Kondome an der Pinnwand und Bier und Fleischwurst zum Frühstück waren nicht meine Welt. Wie gut kennen wir Menschen jenseits unserer „Filterblase“, wie das heutzutage heißt?! Kennen wir sie überhaupt? Reden wir mit ihnen? Also so richtig? Interessieren wir uns wirklich für ihr Leben, für ihre Sorgen? Verstehen wir sie? Können wir sie überhaupt verstehen? Ein Chefredakteur nimmt an einem Gesprächs- und Streitexperiment mit Menschen jenseits seiner „Filterblase“ teil, das ist nett, aber trotz der ironisch-reißerischen Überschrift („Sie glauben nicht, was dann geschah“) geschieht nicht viel. Viel geschieht hingegen bei Henning Sußebach, der durch Deutschland wandert. Bis zum Schluss kein falscher Ton. Habe ich gerne gelesen.

Und auch wenn es nachgemacht aussieht (Musik am Ende des Beitrags meine ich), ich will schon lange dieses Lied veröffentlichen, und in einer halben Stunde ist immerhin Johannistag, la fête de Saint Jean.

Zuerst habe ich es aber in dieser Version gehört

und auch das brachte etwas in meinem Kopf zum Klingen – das habe ich doch schon auf Deutsch gehört, dachte ich – ich suchte und suchte und ich glaube, es ist ein Song von Element of Crime. Erst dachte ich, es ist „Weißes Papier“ und dann „Draußen hinterm Fenster“ und je länger ich die CD höre, desto weniger denke ich, es ist „nur“ ein Lied, sondern es ist vielleicht die Stimmung auf der CD „Weißes Papier“?! Was meinen Sie? Sind Element of Crime Kenner unter uns?

Nachtrag: Dank Herrn B. haben wirs wohl gefunden: „Kaffee und Karin“ merci dafür! – wird daher hier zusätzlich verlinkt,

und auch wenn der Text damit am Ende etwas EoC-lastig wird, bekommen Sie noch gratis ein ganzes Konzert dazu :D Und eine Widmung gibts für Arne P. aus HH, der mir EoC kurz vor Ende des letzten Jahrhunderts auf die Ohren gab!

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9 Antworten auf La canicule und Gedankenmäander

  1. Wegen EoC: „Kaffee und Karin“. Passt ganz gut.

  2. Und was ich auch zufällig gerade sehe: Element Of Crime Rudolstadt Festival 2016, gibt es auf Youtube. Anderthalb Stunden aus dem letzten Jahr, ein schöner Rundumschlag.

  3. Marion sagt:

    Hihi, Sven Regner sieht in dem Kaffee und Karin-Video aus wie ein junger Depardieu. Kann Hitze und Lärm auch nicht gut vertragen, heute werde ich wohl wieder fliehen müssen (Volksfest vor der Haustür), ansonsten drohen Hitzepickel und Ohrenkrebs. Aus der Filterblase traut man sich nicht so oft raus, oder? Stehe gerade vor der Entscheidung, ob ich mich auf ein Rendezvous jenseits der Filterblase einlasse. Allein das so verkopft anzugehen, spricht schon Bände. Dir einen schönen erholsamen Sonntag!

    • dreher sagt:

      Ich bin aus meiner Filterblase gefallen, seit ich Deutschland verlassen habe und ich habe nie wieder in eine „entsprechende“ Blase hineingefunden. Ich sage das immer mal wieder, dass mich das „ins Leben geworfen“ hat. Das Dorfleben ist auch genau das: Zusammenleben mit Menschen, die anders sind als man selbst. Ich habe das hier (in einem Kommentar) bereits ausführlicher gesagt. Und hier kopiere ich einen Teil eines Kommentars, den ich unter einem Text über das „Unfreundliche“ im Netz (und anderswo) bei Kiki hinterlassen habe.

      „Anfangs bekam ich Hilfe von Leuten, die schlechte oder nur wenige Zähne und abgewirtschaftete Hände hatten. Sie erklärten mir Dinge oder schrieben für mich Briefe am Küchentisch mit der klebrigen Wachstuchtischdecke. Menschen, denen ich in meinem vorherigen Leben in Deutschland nie begegnet wäre, und an klebrigen Wachstuchtischdecken glaubte ich, auch nie zu sitzen, geschweige denn Hilfe von „solchen“ Menschen zu brauchen. Ich werde das nie vergessen. Der eine oder andere gebildete Mensch in meiner neuen Familie jedoch schämt sich meiner manchmal fehlerhaften Rede oder bespöttelt meine Aussprache. Das nehme ich zunehmend übel. Das alles aber macht demütig und nachsichtig.“

      Mein Fazit: raus aus der Filterblase und rein ins Leben!

      • Marion sagt:

        Ja, verstehe, was Du meinst. Das Thema hatten wir ja auch schon mal. Ich wäre eigentlich lieber in meiner Blase geblieben, bin aber durch die Umstände rausgefallen. Mir fällt es aber weiterhin eher schwer, mich Lebenswelten zu öffnen, denen ich ursprünglich mal entfliehen wollte, habe damit auch nicht die besten Erfahrungen gemacht, wenn ich es denn versucht habe, und verziehe mich deshalb gerne schnell wieder in mein Schneckenhaus.

        • dreher sagt:

          Ich verstehe dich ebenso – und ohne sehr in die Tiefe gehen zu wollen, sage ich dir, dass mich das fern von meiner „Blase“ sein (in Frankreich zumindest) befreit hat und ich habe zweimal Männer gewählt, die nicht aus meiner „Blase“ kommen. Ich war und bin mit ihnen glücklich geworden – wenn auch die Familien, die da mit dran hängen, mich nicht immer glücklich machen (das kann aber auch ein generelles Schwieger-und/oder-Familien-Problem sein). Gewinkt aus der südlichen Hitze! (macht mich auch nicht glücklich ;) )