Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung

Vor Sonnenaufgang …

vor Sonnenaufgang

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Gerade ist die Sonne über die Berge gekommen und es wird hell, die Schafe blöken und bimmeln schon eine Weile, die Vögel zwitschern sogar schon seit Stunden. Gestern dachte ich, ich müsse mal das Wortfeld „summen“ erstellen. All diese Insekten, die hier durch die Gegend surren und sirren und zirpen und brummen und summen, mir fehlt es da wirklich an adäquaten Worten für diese kleinen Geräusche der Stille. Die Stille ist ganz schön laut, wenn man mal hinhört, schon allein dieses durchdringende Vogelgezwitscher frühmorgens.

Sonne

Cime de pal

Und die pfeifenden Murmeltiere abends. Neulich schrie eines so lange, bis ich dachte, ich muss mal schauen, was dort passiert, vielleicht kreist ein Adler. Aber ich zumindest sah keine direkte Gefahr, die das Murmeltier veranlasste, so ausdauernd schrill zu pfeifen.

Wege

Suchbild mit Murmeltier …Murmeltier(in der Mitte über dem Geröllhaufen; näher kam ich nicht ran mit dem Zoom)

Ich bin in den Bergen. Es ist alles wie immer. Lange kein Internet, Ärger mit der Telekom und stundenlanges Telefonieren mit irgendwelchen Technikern, vergebliche Versuche, die defekte Livebox auszutauschen, wozu ich jedes Mal drei Stunden in der Gegend herumfahren muss, aber die neue Box wurde nie geliefert. Aber dann hatten die Götter ein Einsehen und wir wissen nicht warum, eines Morgens war das nervöse rote Geblinke der angeblich defekten Livebox weg und es strahlte mich dieses durchgehende kleine hellgrüne Lichtlein an. Es ward Internet! Wir danken wem auch immer dafür. Ich habe zumindest der Heiligen Anne, der Schutzheiligen hier oben, frische Blumen gepflückt.

Seitdem ist die Welt wieder näher gerückt, mit den Attentaten und den Parlamentswahlen, ich fand es tatsächlich wunderbar erholsam, das alles gar nicht mitbekommen zu haben. Mein kleines Leben hier oben mit Holz holen und Unkraut herausreißen und Wiese mähen und wilden Spinat sammeln und daraus eine Tarte herstellen und mit der Nachbarin Brot backen – ich finde es zutiefst wohltuend, erdend und sinnstiftend.

wilder Spinatwilder Spinat (wächst hier, dank der Schafe, wie blöd): Chénopode Bon-Henri

Spinattarte

bon appetit

Dinkelbrotpetit épeautre ist Dinkel Einkorn (danke Regina!)

fünfzehn StundenBrot backen ist eine langwierige Angelegenheit, insgesamt dauerte es 15 Stunden, plus eine Stunde backen – dank der Nachbarin gab es schon angesetzten Sauerteig

leckermein erstes selbst gebackenes Dinkel-Sauerteig-Brot – es ist sooo köstlich, ich will nie wieder etwas anderes!

Den Rest will ich gar nicht wissen. Ach so, schreiben tue ich noch. Das ist ja der eigentliche Sinn meines Bergaufenthalts. Ungestörtes Schreiben. So ungestört ist man hier ja aber dann doch nicht. Von wegen Einsamkeit. Alle Wanderer der Welt kommen hier vorbei und plaudern, gestern nächtigten einige nebenan unter freiem Himmel, wie schön ist die Natur, aber das Smartphone durfte ich ihnen dann doch aufladen. Man wandert ja nicht mehr mit Karte.

Als ich hier oben ankam, hatten manche Bäume noch keine Blätter und auf den Wiesen blühten noch die Schlüsselblümchen und kleine Vergissmeinnicht. Dann regnete es tagelang und es war eher frisch, ich saß morgens mit Wärmflasche am Holztisch und trank meinen Kaffee. Abends machte ich Feuer im Kamin. Dann explodierte der Frühling und die Bäume bekamen Blätter, und die Wiesen wurden bunt und wuchsen, wie überhaupt alles Kraut und Unkraut, quasi über Nacht kniehoch, an manchen Stellen in unserem Garten wuchs es hüfthoch, und ich mähte Schneisen hinein, denn die Enkelkinder von Monsieur haben das letzte Mal, als sie hier waren, Salat und anderes gepflanzt, das soll ich doch bitte gießen.

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K800_DSC02772Wiesensalbei (salvia pratensis)

Wiese

Um aber überhaupt ans untere Grundstücksende zu kommen, musste ich mir erstmal Wege schaffen. Der Salat war natürlich noch winzig klein, teilweise aber schon vom Hirsch weggefressen und der Rest zugewuchert. Gießen allein tat es also nicht. Aber jetzt wachsen die Salatpflänzchen brav (wir werden demnächst eine Salatschwemme haben), anders als die Erdbeeren, die Himbeeren und der Mangold, die ich zwar auch vom Unkraut befreit habe und allabendlich gieße, die aber insgesamt eher schwächeln. Die Johannisbeerernte sieht auch mager aus für dieses Jahr, und nur an den drei kleinen neuen Kirschbäumen hängen erstmals vier bis fünf noch grüne Kirschen.

im Garten

SalatSalat (hirschgeschützt)

Iris

Lilie

Kirschen

Schafe habe ich noch nicht dokumentiert dieses Jahr, dafür verweise ich Sie auf den wundervollen Artikel von Friederike vom Landlebenblog, und wenn Sie wissen wollen, was das Spazierengehen im Grünen so mit einem macht, den Kopf nämlich nicht frei sondern voll, dann lesen Sie mal beim neuen Burgenblogger rein. Ich folge den unterschiedlichen Damen und Herren auf der Burg Sooneck (und den Problemen am Mittelrhein) schon seit drei Jahren, den diesjährigen Burgenblogger (und seine Schreibe) mag ich besonders gern.

Stuhl

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10 Antworten auf Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung

  1. Heranval sagt:

    So was ist mir sehr schön zum lesen, dass ich in einem industrestadt lebe
    !

  2. Mumbai sagt:

    Schon bei Ihrer Fotoserie hatte ich ein chill down Gefuehl …so entspannt war das
    viele Gruen und ich konnte die Stille „hoeren“. ausserdem mag ich Ihren lebhaften,
    amuesanten Schreibstil sehr und hoffe, bald wieder ihn mit einer anderen story
    geniessen zu koennen.

  3. Eva sagt:

    Ach, ich dachte es mir…du bist fleißig!
    Dann schreib mal schön und vergiss nicht zu leben!
    Herzliche Grüße,
    Eva
    PS: in 3 Wochen ist das Jahr auch schon wieder um!

    • dreher sagt:

      Ja, dankeschön! Und siehste, so schnell geht’s. Ich verfolge ja Frau Muttis Tochter in Südafrika – da wird auch schon für „danach“ geplant. Aber was für ein großartiges Jahr es für die „Kids“ war!
      Gerade haben die Schafe unterhalb des Grundstücks gegrast – hach, ich habe eine Stunde nur gestanden und geschaut (und gerochen und gehört).

  4. Birgit sagt:

    Hallo Christiane, schön von dir zu hören, dass es dir gut geht in den Bergen. Wir genießen z.Z. die unendliche Weite von Masuren/Polen. Zuerst mit Hausboot und jetzt per Fuß oder Fahrad. LG Birgit

  5. Regina sagt:

    Hallo Christiane,
    eine kleine Korrektur: „Petit Epeautre“ ist Einkorn und „Epeautre“ ist Dinkel!
    Liebe Grüße von einer weiteren Sauerteig-Brotbäckerin aus der Auvergne!

    • dreher sagt:

      Oh! Dankeschön! Habe ich im Text korrigiert. Ich war tatsächlich nicht ganz sicher, habe aber nicht wirklich recherchiert. Dann ist das Brot ja noch spektakulärer! Einkorn habe ich vorher tatsächlich noch nie gegessen.
      Schöne Grüße in die Auvergne!

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