Johnny und anderes zum zweiten Advent

Falls Sie es nicht gesehen haben, hier ein kleiner Ausschnitt der unzähligen Live-Übertragungen der gestrigen „populären Ehrung“ für Monsieur Johnny Hallyday , wie Präsident Macron in einer kurzen Rede vor der Eglise de la Madeleine sagte und darin auch um einen letzten Applaus für ihn bat. Das wäre nicht mal nötig gewesen, denn
applaudiert und gerufen wurde Johnny auf dem gesamten Weg über die Champs Elysées bis zur Place de la Concorde. Seine Musik wurde, wie auch seit Tagen in Cannes und vermutlich in allen Städten, über Lautsprecher auf die Straßen übertragen. Die Fans sangen seine Songs mit, laut und manchmal falsch, immer inbrünstig, sie weinten, lachten, tanzten und lagen sich in den Armen. 700 Biker folgten Johnnys Sarg. Es war eine Rock n Roll Abschiedsfeier, ein letzter großer Auftritt, wie ihn Johnny sich vermutlich gewünscht hat. Hier aus allen Filmschnipseln zwei, die mir am berührendsten scheinen: Bilder von den Bikern und Fans,

… und seine Musiker, die in der Kirche Que je t’aime spielten. Johnnys Stimme fehlte.

Ich habe das alles auch erst heute früh gesehen. Gestern waren wir nämlich in den Bergen. Der Weihnachtsmarkt, zu dem wir neulich nicht gefahren sind, war nämlich erst gestern. Man wird älter, kann ich dazu nur sagen, ich vergesse Dinge und verschussele Termine. Nun, wenn ich meiner inneren Stimme gefolgt wäre, dann wäre ich auch gestern zu Hause geblieben. Sie sind wirklich zu selten die Tage, an denen „nichts“ ist. Aber nicht nur Johnny ist gestorben, auch ein Freund aus dem Dorf ist gerade, nach langer Krankheit und dann doch überraschend, verstorben. Seine Frau, eine liebe Freundin, hat in all den letzten Jahren den Weihnachtsmarkt dort oben hauptamtlich organisiert, und sie brach unter der Last ihrer Traurigkeit und all dessen, was es zu organisieren gab, beinahe zusammen. Ich fand meine Situation, gemessen an der ihren, dann doch weit weniger tragisch und produzierte am Freitag Abend kurzfristig eine Fuhre Christstollen, mein alljährlicher Beitrag für den Weihnachtsmarkt, und wir fuhren in die Berge. Dieses Mal habe ich mich auch wieder richtig beteiligt und blieb, anstelle mich irgendwo warm an einen Kachelofen zu kuscheln und dem neuesten Dorftratsch zu lauschen, den ganzen Tag draußen, sprach mit allen Besuchern und Ausstellern, schenkte mittags heiße Suppe aus und half abends beim Abbauen und Aufräumen (danach waren wir alle frigorifié, bis ins Mark ausgefroren, es war so kalt!). Später am Abend wurde die frisch restaurierte Dorfkirche, unter Anwesenheit lokaler Politikergrößen, eingeweiht, es gab eine kleine Nikolaus-Andacht und wir gedachten dem verstorbenen Freund, gedachten Johnny (sangen gar eines seiner Lieder karaokemäßig mit!) und ebenso Jean d’Ormesson , ein berühmter Schriftsteller, der der Academie Française angehört hat, und kurz vor Johnny Hallyday verstorben ist, und dessen Verschwinden, trotz nationalem Ehrenbegräbnis, gestern unter „ferner liefen“ stattfand. Ironie der Geschichte, er soll in einer Sendung einmal ironisch gesagt haben, „man solle besser nicht zeitgleich mit einer anderen Berühmtheit sterben, um nicht bei der Berichterstattung übersehen zu werden“ und er zitierte den Fall Jean Cocteaus, der zeitgleich mit Edith Piaf starb (Danke für diesen Hinweis an Martina!). Nun ist ihm genau dies doch passiert.

Ich möchte gern Abbitte leisten für meinen flapsigen Artikel über Johnny, und ich danke explizit Martina, die mich mir ihren Worten getroffen hat. Würde ich den Text heute schreiben, würde er sicher auch anders ausfallen, aber ich wollte, ohne Johnny und seine Beliebtheit wirklich zu verstehen, verstehen zu wollen, nur sehr schnell am Todestag präsent sein.

Ich glaube, Johnny Hallyday hat mit seinen Liedern, seinen Texten, seinem Rock n Roll-Leben, seiner Underdog-Herkunft und vor allem mit seiner Authentizität sehr, sehr vielen Menschen „etwas“ gegeben. Man fühlte sich mit ihm und seinen Liedern nicht mehr so allein, sagte Macron in seiner Rede. Ich verstehe es plötzlich. Ich habe auch Lieblingssänger und habe manche Lieder bei Liebeskummer schmerzvoll mitgebrüllt, habe mich in Texten oder Interpretation wiedergefunden und getröstet gefühlt. Ich selbst war zwar nie ein langjähriger oder „großer“ Fan irgendeines Stars, und bin befremdet, wenn erwachsene Menschen vor einer Posterwand mit Johnny-Bildern erzählen, dass sie ihre Kinder Sylvie und Johnny genannt haben und dass die Enkeltochter Laura heißt (wie Johnnys Tochter mit Nathalie Baye). Aber es rührt mich auch. Johnny ist/war/bleibt Teil ihres Lebens, das verstehe ich. Gestern waren Hunderttausende auf der Straße, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, jeden Alters. Ich kann es nicht richtig nachempfinden, aber ich bin berührt und beeindruckt. Ich ziehe meinen Hut. Chapeau!

Meine Flapsigkeit tut mir umso mehr leid, als ich, seitdem ich selbst mit meinem Schreiben Kritik ausgesetzt bin, gar nicht mehr so schnell spöttisch und kritisch sein möchte. Überheblichkeit, Ignoranz und Vorurteile, die mir und meinen Büchern entgegen gebracht werden, schmerzen nämlich durchaus. Anyway. Anderes.

Etwas, was ich gerade gelesen habe und weil es gerade zweiter Advent ist, nicht wahr, Micha stellt Foodbloggerinnen die Sinnfrage zum Advent und Plätzchenrezepte gibt es auch.

Die Kaltmamsell fragt nach den Großeltern und erzählt von den ihren. Viele berührende Geschichten in den Kommentaren. Herr Buddenbohm erzählt von den seinen und ich las  gern auch diese Geschichte in der Blog-Serie „Was machen die da?“.

Deniz Yüzel, dem ich eigentlich auch schreiben wollte, aber schon bei der Auswahl der ersten passenden Postkarte scheiterte und nochmal mehr bei dem zu schreibenen Text, bekommt zu meiner großen Erleichterung doch Post (Frl. Read-on schreibt ihm meines Wissens täglich) und antwortet hier. 

Und zum Abschluss noch einmal Johnny: Toute la musique que j’aime, zusammen mit Florent Pagny und dem Eiffelturm!

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9 Kommentare zu Johnny und anderes zum zweiten Advent

  1. Pingback: Ein Staatsakt für einen toten Rockstar  – la Franco-Allemande

  2. Mumbai sagt:

    Sie haben aus einer momentanen Stimmungslage heraus geschrieben und das ist
    verstaendlich und OK. Ich wuensche Ihnen, dass der 3. Advent erfreulicher und
    ruhiger wird

  3. Ulla sagt:

    Ich fand den Kommentar nicht flapsig und er ist ja auch nicht bösartig. Man muss als Nichtfranzose/französin die Hysterie um Johnny Hallyday nicht unbedingt verstehen (hat tatsächlich Benoit Hamon gesagt: „das ist so, als hätte Paris den Eiffelturm verloren“??!!) Wäre ich nicht ins Lycee Francais in Wien gegangen und daher frankophon und auch frankophil aufgewachsen, hätte ich seinen Namen wahrscheinlich in meinem ganzen Leben nicht gehört. Als ich die Bilder von seinem Leichenzug sah, war ich schon etwas verwundert…
    Ich wünsche Ihnen viel Ruhe und Stille in dieser hektischen Zeit.
    Ulla

    • dreher sagt:

      Danke. Und ja, das hat Benoit Hamon vor ein paar Tagen getweetet «Ce matin c’est un peu comme si Paris perdait sa Tour Eiffel. Avec la disparition de Johnny Hallyday, la France perd un monument national de la chanson, du rock et de la culture populaire. …» :o
      Es hört aber immer noch nicht auf, das Gesirre um den Sänger … *augenroll*
      Danke für die Wünsche!

  4. Marion sagt:

    Dachte, Du wärst langjähriger Fan von Sven Regener? *zwinker*
    Die Geschichte mit Jean d’Ormesson hat mich, sorry, schmunzeln lassen.

    • dreher sagt:

      Stimmt! :D War auch mal langjähriger Fan von Grönemeyer. Und von Melissa Etheridge (kann man toll mitbrüllen) und von Ulla Meinecke! Mal sehen, was passiert, wenn die irgendwann sterben … ;)

  5. Marion sagt:

    Habe gerade ein bewegendes Lied von Johnny gefunden:
    https://youtu.be/XTzi50p4buI?list=RDXTzi50p4buI

    • dreher sagt:

      Sehr schönes Schlusswort :)
      habe ich tatsächlich noch nicht gehört in den letzten Tagen; ich war geneigt, eine große Liebeserklärung von Laetitia zu zeigen (die nach dem Chanson bei youtube folgt), weil Johnny da wirklich heulte vor Rührung und Laetitia auch sehr süß und glaubhaft ist – war mir dann aber zu viel Gefühl … und ich habe mich für etwas Fetzigeres entschieden, aber das wäre es gewesen. Merci!

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