On a tous en nous quelque chose de Johnny

In sämtlichen französischen Medien, selbst in den intellektuellsten Sendungen, geht es heute nur um Johnny Hallyday. Kennen Sie vielleicht nicht, wundert mich nicht, man muss schon sehr frankophil sein, denke ich, um ihn zu kennen. Johnny Hallyday war Sänger, französischer Rocksänger, und das seit den Sechziger Jahren. Er hat seinerzeit Elvis-Lieder auf Französisch gesungen und Hey Joe von Jimi Hendrix, auf Französisch, versteht sich. So ist er der Franzose. Er amerikanisiert sich nicht wie wir Deutschen und hört die US-amerikanischen Sänger und deren Lieder im Original, nein hier wird selbst The House of the Rising Sun auf Französisch gebrüllt oder Black is Black. Johnny Hallyday hat also den US-Rock für die Franzosen auf Französisch eingesungen. Später dann aber auch eigene Songs. Anfangs hat Aznavour Texte für ihn geschrieben, da wars noch sanfter, später wurde es immer rockiger. Immer auf Französisch, versteht sich. Über 50 Jahre Karriere hat er hingelegt. Ungezählte Platten, Konzerte, jede Menge unvergessliche Songs. Heute Nacht ist er gestorben. Als ich Monsieur heute früh mit dieser Nachricht begrüßte, nickte er nur leicht, er wusste es schon, er hat mitten in der Nacht Geschirr gespült und schon um Drei Uhr morgens rauschte die Nachricht durch den Äther. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ganz Frankreich kollektiv derart um ihn trauert. es geht den ganzen Tag überall nur darum: Johnny. Seine Lieder. Seine Frauen (darunter Sylvie Vartan und Nathalie Baye). Seine Kinder. Und nochmal. Und nochmal. Heute Abend wird kurzfristig eine Sondersendung angesetzt und morgen ebenso. Ob ihm gar eine nationale Ehrung zuteil werden könnte, wird diskutiert. So etwas haben bislang höchstens Schriftsteller vom Rang Victor Hugos erhalten. Manche Fans fordern gar einen nationalen Feiertag. Selbst unser Präsident hat Johnny mit dem Satz geehrt On a tous en nous quelque chose de Johnny, eine Anspielung auf den Song  On a tous en nous quelque chose de Tennessee …

Ich habe Johnny erst spät „kennengelernt“, da sah er schon recht verlebt aus, trug wie immer Lederjacke, Permanent-Make-up, hatte seine fünfte Ehefrau und gerade zwei vietnamesische Kinder adoptiert. So richtig warm bin ich nicht mit ihm geworden, auch nicht mit seiner Musik oder seinen exzessiven Bühnenshows, zu denen er sich einmal vom  Hubschrauber abgeseilt hatte, habe aber begriffen, dass es quasi keinen Franzosen gibt, der ihn nicht liebt.  Arte Karambolage hat vor zwei Jahren einen kleinen Film (das ist der link zu Facebook, ich weiß nicht, ob das für Nicht-FBer funktioniert, hier wenigstens der Text) über ihn gemacht. So ähnlich wie Nikola Obermann geht es mir auch mit ihm. Johnny kriegt einen irgendwann weich und man kann ihn einfach nicht nicht mögen.

Seit etwas mehr als einem Jahr war bekannt, dass Johnny Hallyday Krebs hatte, er ist bis zum Schluss aufgetreten, hat ein neues Album eingespielt und gegen Ende seiner Karriere auch in Filmen (sich recht amüsant selbst) gespielt. „Wir glaubten, er sei unsterblich“, sagt gerade Michel Drucker berührt, der die heutige Sondersendung animiert. „Johnny ist eine Legende.“

Fürs erste das hier, ich suche noch ein paar andere Songs, muss mich mal durchören … vermutlich werde ich noch ein verspäteter Fan ;)

Johnny hat mit allen gesungen, stelle ich gerade fest, mit Sylvie Vartan, mit Patricia Kaas, mit Eddie Mitchell und Jacques Dutronc, Les vieilles Canailles nannten sie sich, das französische Pendant des Ratpacks sozusagen, er sang mit Kim Wilde, mit Celine Dione und 500.000 Choristen, mit seinem Sohn, der ihm ein ganzes Album geschrieben hat … und hier in dramatischer Szene mit Lara Fabian

Ich mag ja, wenn überhaupt, die Balladen lieber, muss ich sagen, aber Ma Gueule im Duo mit Laurent Gerra, einem Comédien, der Johnny gerne imitiert (hat), muss sein.

Voilà, wenn Sie noch weitere Johnny-Hits wollen, schauen Sie mal … —> HIER kommen Sie zur Auswahl von Paris Match „15 Hits für die Ewigkeit“

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6 Antworten auf On a tous en nous quelque chose de Johnny

  1. Martina sagt:

    Habe Johnny Hallyday Mitte der 70er bei einem Schüleraustausch in Frankreich entdeckt. Damals wurde er bereits von Franzosen respektiert, die eigentlich einen anderen Musikgeschmack hatten. Es wundert mich gar nicht, dass ihn heute alle Franzosen kennen und seine Karriere anerkennen. Er war vor allem ein ‚live-performer‘, der die Leute über den Bühnenrand hinaus erreichte, selbst wenn man seine Auftritte nur im Fernsehen sah. Leider wird oft vergessen, dass er auch dann ein guter Schauspieler war, wenn er nicht sich selbst gespielt hat, z.B. in dem Film ‚L’Hommme du Train‘ mit Jean Rochefort als Gegenspieler. Dass er sich ein paar Mal für Hoppetosse engagierte, na ja, niemand ist perfekt. Die kollektive Trauer ist auch nichts Neues in Frankreich. Das hat Tradition und verbindet in einem sonst oft anonymen Alltag. Schauen Sie sich die Berichte zum Tod von Edith Piaf und anderen ‚Nationalsymbolen‘ an, wirklich ‚gross‘-artig.
    Mit Grüssen an alle Fans von Johnny
    Martina

    • dreher sagt:

      Es stimmt, was Sie sagen. Ich habe jetzt zwei Tage in seinen Songs „gebadet“ (in Cannes wurde seine Musik über Lautsprecher auf die Straßen getragen) und habe gestern eine gute Doku und ein langes Interview mit ihm gesehen, und fange langsam an, ihn „zu sehen“. zu würdigen. Der Vergleich mit Edith Piaf passt durchaus.
      Er bekommt morgen eine „populäre“ Ehrung, es wird einen Trauerzug über die Champs Elysées geben, zu der mehrere hunderttausend Menschen erwartet werden. Macron wird kurz sprechen. Der Eiffelturm leuchtet schon heute ein „Merci Johnny“ in die Welt.

  2. Marion sagt:

    Permanent Make-up, grins. Trägt meine Mutter auch…
    Das Phänomen des Johnny Hallyday ist wirklich unergründlich. Mich hat seine Musik allerdings ebenfalls nie interessiert. Von den von Dir vorgestellten Stücken kenne ich kein einziges. Macron ist scheinheilig, hat er doch vor kurzem noch behauptet, die frz. Kultur gäbe es nicht.

    • dreher sagt:

      Ich habe jetzt so viele Szenen von Bühnenauftritten mit ihm gesehen, er (verausgabte sich derart und) schwitzte dabei so unglaublich, dass sein Make-up immer davonschwomm. Insofern kann ich das Permanent-Make-up sogar verstehen.
      Und ich habe jetzt auch so viele Songs gehört und Filmausschnitte gesehen, dass sie mir alle schon ganz vertraut sind, also zumindest die, die bekannter sind und unter „Hits für die Ewigkeit“ laufen :-) Mein Lieblingslied ist aber wirklich „quelque chose de Tennesse“.

  3. Martina sagt:

    Einen Tag nach Edith Piaf ist Jean Cocteau gestorben. Da wussten die Franzosen damals gar nicht mehr wohin mit ihrer Trauer und alles war doppelt gemoppelt (Trauerberichte, Beerdigung usw.), auch ohne Internet ein Riesending.
    Von Johnny Hallydays Trauerzug auf den Champs Elysées kamen gerade Bilder im deutschen Fernsehen – ein Menschenmeer.
    Das Make-up wurde von den meisten eher so gesehen, dass er sich eben bemüht hat (trotz Schwitzen) noch einigermassen gut auszusehen. Das ist für Franzosen durchaus ein Pluspunkt, wenn man sich mit seinem Aussehen Mühe gibt, aber viel mehr Eindruck machte, dass er nicht versucht hat, seine Gefühle und Schwächen zu „überschminken“.
    Aber ich will nicht missionieren, schon gar nicht was Musik angeht, wünsche mir nur, dass man Künstler respektiert, die sich wirklich anstrengen ihrem Publikum etwas zu bieten, statt sich über sie lustig zu machen. Chapeau, Frau Dreher, dass Sie sich alle möglichen Songs und Filmausschnitte ansehen, um auch dadurch Ihre Mitmenschen besser zu verstehen.

  4. Pingback: Ein Staatsakt für einen toten Rockstar  – la Franco-Allemande

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