insomnie in litteris

Ich weiß gar nicht, ob die Überschrift funktioniert, meine Lateinkenntnisse, mühsam an der Uni erworben, sind trotz alledem nicht sehr fundiert. Fakt ist, seit vier Uhr lag ich wach im Bett, der Wind tobt ums Haus, Wind sage ich, es ist hier ja lange Wind, bis es Sturm heißt, Küstenbewohner wissen das, aber Wind am Meer ist auch schon beeindruckend. Ich habe einen Text zum Wind angefangen, als hier eine der Eoliennes, ein Windkraftrad abgebrochen ist wie ein Streichholz, der Text kommt sicher auch irgendwann. Während also der Wind ums Haus tobt und pfeift und klischeemäßig an den Fensterläden rüttelt, habe ich in meinem Kopf einen langen Text geschrieben, bis ich um halb Sechs dann aufstand, um ihn aufzuschreiben. Wenn es mal so weit mit der künstlichen Intelligenz ist, dass meine Gedanken direkt zu Papier gebracht werden können oder aufs Display oder was immer es dann noch gibt, das wäre fein. Ich tippe ja nicht sehr schnell leider, immer mal wieder mache ich halbherzige Versuche, das Tastenschreiben wirklich lernen zu wollen, um nicht auf ewig nur dieses zwei-Finger-Herumgestocher zu praktizieren. Halbherzig. Meistens reicht mir mein langsames Schreiben. Meine Texte entstehen oft allmählich, es flutscht nicht so anfallsartig aus mir raus. Meistens zumindest nicht. Jetzt aber würde ich gern mal ganz schnell tippen, damit der im Bett ausgedachte Text nicht wie ein Traum verschwindet. Er war so schön, so spielerisch hüpfte ich von einem zum anderen Thema und nichts störte, alles floss ineinander.

So, jetzt ist Monsieur auch da und spült Geschirr, die Katze streicht auch immer um den PC, liegt mal auf meinen Knien, mal auf der Tastatur und ich werde jetzt gegen Radioklänge und Geschirrgeklapper die nur ungenügend wirksamen Ohrstöpsel einsetzen, bis der Besuch beim HNO-Arzt, für den ich noch nichtmal einen Termin habe, mir vielleicht neue Wege für meine empfindlichen Ohren aufzeigt.

Amnesie in litteris heißt ein Text von Patrick Süskind, der meiner Überschrift inspiriert hat. Ein Text über das, was bleibt und vor allem über das, was man vergisst, von all dem, was man einmal gelesen hat. Über mein zunehmend bizarrer reagierendes Gedächtnis will ich auch mal schreiben. Ohne, dass ich mich dabei über Demenz lustig machen will, nicht wahr, aber ich VERGESSE neuerdings Sachen und Begebenheiten. Ich! Ich habe NIE irgendetwas vergessen. Bislang zumindest. Aber jetzt habe ich plötzlich eigenartige Leerstellen. Sage zu Monsieur, was lügst du denn da so komische Sachen zusammen? Das habe ich NIE gesagt! Ich weiß auch nicht mehr, wo ich mein Auto gestern geparkt habe. Das ist vielleicht das Störendste im Alltag, weil es immer wieder vorkommt. Dass ich einmal die Bananen erst Tage später in der Waschmaschine fand, blieb immerhin ein Einzelfall. Dochdoch. Darüber schreibe ich eines Tages, bestimmt. Nageln Sie mich darauf fest, falls ich es vergessen sollte. Haha.

„Du musst dein Leben ändern!“ ist der Satz, daran kann ich mich noch erinnern, mit dem Süskinds Text endet. Ein Satz von Flaubert, glaube ich. Oder Beaudelaire? Ein Franzose auf jeden Fall. Glaube ich. Egal, Jahresanfang. Wir wollen da immer so vieles ändern. Immer wieder. Bei mir ist es der Umgang mit dem Essen. Dass Diäten nichts bringen außer Esstörungen und Cellulitis weiß ich zwar, und dass ich nicht die zwölfundreißigste Variante von Paleo-veganer Ernährung versuche oder doch noch einmal eine Fastenkur habe ich mir fest versprochen. Noch stecke ich in einem Wechselbad aus Wut über und Anfälligkeit für alle diese Entgiftungs-und-Entschlackungs-Abnehmrituale. Dabei habe ich sie alle schon probiert. Mir Essen oder bestimmtes Essen zu verbieten scheitert immer über kurz oder lang. Was für ein Quatsch auch. Ich will nicht und trotzdem, sollte ich nicht? Wenigstens die Kilos, die ich mir im Dezember noch zusätzlich angefuttert habe? Der Dezember ist ja ein ganz schrecklicher Monat. Die meisten scheuen ja den Februar, dieser doofe nasse, graue Monat, der so zäh den Frühling blockiert. Bei mir ist es der Dezember. Der Monat ist emotional so aufgeladen, dass ich ihn nur überstehen kann, wenn ich mich mit Dominosteinen und Lebkuchen vollstopfe. Danach fühle ich mich ungefähr so:

Schrecklich. Will ich alles nicht mehr, klappt aber noch nicht so richtig. Détox also. Oder nicht? Dass ich auf Clotilde Dusoliers Food-Blog, dem ich regelmäßig-unregelmäßig folge über Quoi faire au lieu d’une détox: démarrer l’année avec plus de douceur, also „Was man anstelle von Détox tun kann: das Jahr liebevoller beginnen“ klicke, ist geradezu unvermeidlich. Wow!

Klammer auf: Es gibt zwar eine französische und eine englische Version, aber leider keine deutsche, weshalb ich hier mal schnell die Zusammenfassung gebe: Frieden machen mit dem Essen, mit seinem Körper, mit sich: Selbst-Liebe ist die Lösung! „WIEWAS?“ schreien Sie jetzt vielleicht, wie soll ich mit DIESEM unförmigen Körper Frieden machen? Mit diesem Blähbauch? Mit all diesen Speckrollen? Diesen fetten Oberschenkeln? Dieser Cellulitis? DAS soll ich lieben? WIE denn? Ich weiß. Ich habe dasselbe im Sommer zu einer Freundin gesagt, die mir damit kam. Selbstliebe. Du hast gut reden, du bist ja dünn! Anyway, es ist der einzige Weg, sagt Clotilde und ich weiß, sie hat Recht. Und: es geht! Ich bin zumindest auf dem Weg. Klammer zu.

Clotilde also hat einen ausgesprochen liebevollen und tröstlichen Text geschrieben und noch viel mehr, sie gibt eine Menge hilfreicher Links, unter anderem zu ihrem (nur in französischer Sprache existierendem) Podcast. Podcast. Auch so ein Wort. Manchmal hinke ich in meiner komischen deutschen Blog-Enklave im französischen Ausland ja so hinterher. Krieg nix mit. Gerade wird überall übers Bloggen geredet. Wie war das früher so schön, als alles noch werbefrei und nicht SEO war. SEO? Musste ich erst nachschauen. Search-Engine-Optimization. Suchmaschinenoptomiert. Welches Wort muss ich als Schlagwort einsetzen, dass möglichst viele Leute meinen Beitrag finden? Welche Überschrift zieht am besten? Das wäre dann sicher nicht Insomnie in litteris sondern „Hallo ich mache zum siebenhundertvierzigsten Mal Détox“. Aber ich bin ja so hinterm Mond, dass ich davon gar nichts mitgekriegt habe in all den Jahren. Ich schreibe hier einfach so vor mich hin für mich und meine viereinhalb treuen Leser*innen. Manchmal kommen welche dazu, andere springen ab. Ich bin zwar als Bloggerin der anderthalbten Stunde immer noch da, aber nicht immer gutgelaunt und manchmal ein bisschen ruhiger, und gänzlich Werbe- und auch komplett SEO-frei, und deshalb auch kein Blog-Zugpferd, keine Influenzerin. Mir wird deshalb auch nicht angeboten Matratzen zu testen, wie etwa der Schreiberin des Frau Mutti-Blogs, die ich nicht mehr verlinken kann, weil es sie nicht mehr gibt. Hat das eigentlich schonmal jemand bedauert irgendwo? Es gibt sie noch so ein bisschen im inneren Gewinde des Internet, aber eben nicht mehr den Blog. Alles weg. Schade. Wie sehr muss man genervt sein, dass man so radikal verschwindet? Dabei gab es da sogar noch Kommentare, jede Menge sogar, wenn ich das recht erinnere. Das wird nämlich auch bedauert. Früher war mehr Lametta und früher waren mehr (freundliche) Kommentare. Stimmt schon. Aber heute gibt es so viele viele viele Blogs, wollte man da überall einen langen Kommentar hinterlassen, käme man zu nichts anderem mehr. Wobei es das immer noch gibt. Bei dem einen oder anderen Thema der Kaltmamsell zum Beispiel. Ich hatte das schon verlinkt neulich. Wo war ich? Podcast. Genau. Kostenlos im Internet abrufbare Hörsendungen könnte man das nennen. Clotilde macht eine Serie, die Change ma vie heißt und, na das will man doch! Oder vielleicht nicht Sie, aber ich war total angefixt. Change ma vie, wäre vielleicht auch ein guter Suchmaschinenbegriff. „Du musst dein Leben ändern“, sagte schon Beaudelaire, Flaubert oder sein Papagei. Vielleicht ändere ich die Überschrift dieses Beitrags noch. Und dann hätte ich nicht gedacht, dass eine junge Frau (37) mit netter Stimme mir so schlicht, amüsant und intelligent neue Erkenntnisse vermitteln könnte. Man hat ja schon das eine oder andere Jahr Therapie auf dem Buckel, nicht wahr, da soll erstmal eine(r) kommen und mir noch was Neues erzählen. Und zumindest intellektuell habe ich vieles schon begriffen, dochdoch. Clotilde aber erzählt Dinge, die so unerhört sind, dass mein Hirn sie sofort vergisst. Du sollst (es dir) nicht merken, sage ich hier mal, frei nach Alice Miller. Ich hoffe, es sickert dennoch etwas ins Unterbewusstsein durch. Auf jeden Fall höre ich Clotilde zu und nicke. Ja! So gehts mir auch. Und das kann man ändern? Licht am Ende des Tunnels? Je change ma vie?! Vraiment?! On verra.

Das war das Wichtigste aus meinem traumähnlichen Schreibzustand. Eigentlich wollte ich Ihnen noch von einem Film erzählt haben, und von Taschenkalendern und über Musik sollte es gehen und über neue deutsche Frauenzeitschriften, die ich in Deutschland entdeckt habe, und die zumindest für mich neu sind und darüber, dass es darin jetzt ständig um die Menopause geht, ich finde das ungerecht, zu meiner Zeit war es noch tabu und niemand wollte mit mir darüber reden. Mal bin ich meiner Zeit voraus, mal hinke ich hinterher. Das Leben im Ausland macht aus mir so eine Art Outlaw. Nun, vorhin passte das auch ganz ausgezeichnet zusammen. Jetzt aber finde ich, dass es mit Clotilde aufhören sollte. Alles andere kommt (hoffentlich) die Tage!

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18 Kommentare zu insomnie in litteris

  1. Eva sagt:

    Ja, ja, ja möchte ich bei ganz vielen Dingen oben rufen, liebe Christiane!
    Essen, Gewicht, Frau Mutti, Vergesslichkeit…..
    Mir hat in einer Zeit, als ich auch das Gefühl hatte, dass ich so vieles vergaß oder mich einfach an Dinge/Tätigkeiten nicht mehr erinnern konnte, geholfen, dass ich mich für 2 Wochen ausgeklinkt habe und alleine um den Bodensee gewandert bin. Natürlich weiß ich auch, dass das nicht jede/r kann, aber ich hatte mich auch ausgeklinkt vom Netz (nur mein Mann und die Kinder hatten zu mir Kontakt) und ich bin einfach so vor mich hingelaufen. Ich dachte, wenn ich zurückkomme und immer noch so konfus bin, kann ich ja zum Neurologen gehen. Das brauchte ich dann nicht, es war alles wieder klarer.
    Ich weiß ja nicht, wie angespannt du gerade beim Schreiben bist, aber du warst doch auch schon ab und zu auf der Insel. Vielleicht ist das ja dein „Bodensee“?
    Ich wünsche dir auf jeden Fall auch viele gute Gedanken, nicht so viel Selbstzweifel (ich habe dich 2017 als echt tolle Frau kennengelernt) und viel Glück, Gesundheit und Zufriedenheit!
    Alles Liebe,
    Eva

  2. Ute sagt:

    Grossartig!
    Vielen Dank fuer diesen wunderbaren Text!
    So wahr, wie musste ich schmunzeln, und am Ende, als ich mir das Filmchen ansah, so lachen wie lange nicht vor dem Bildschirm 😅
    Herzlichen Dank Christiane!
    Und liebe Gruesse aus dem Rheinland
    Ute

  3. Caroline Bahri sagt:

    Hast mich wieder wunderbar unterhalten und mir wie immer Neues beigebracht. Ich wünschte, ich könnte dir das 10-Finger-Tastschreiben vermitteln. Ich kann das, weil ich 30 Jahre lang an der Berufsschule „Textverarbeitung“ unterrichtet habe. (Auf dem Tablet mache ich es tatsächlich und ärgere mich, dass meine Finger zu dick für das iPhone sind). Melde dich einfach bei Bedarf…

    Liebe Grüße Caro

    • dreher sagt:

      Danke Caro. Es gibt ja Lernprogramme. Man muss es halt nur konsequent tun. Ich denke, der wenige Erfolg hängt sowohl mit dem zu wenigen disziplinierten Schreibtraining als auch mit dem nachlassenden Gedächtnis zusammen.

  4. Mumbai sagt:

    Nicht an den Dingen sondern an der Vorstellung leiden wir. Fucking beauty…. I am
    what I am and that’s enough.(Die neuen Vorsaetze fuer 2018)
    In diesem Sinne ein unbeschwertes und gesundes Neues Jahr.

    • dreher sagt:

      Danke! „You are love and light regardless of what your body looks like. Your only reference comes from inside.“ Amen.

  5. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Hallo Christiane, du hast mir aus der Seele gesprochen. Wie oft habe ich eine Diät begonnen und nicht gehalten?wie oft habe ich mir nur vorgenommen eine zu beginnen. Ich kann es nicht mehr zählen. Und die Vergesslichkeit. Als ich noch gearbeitet habe, dachte ich es kommt von der vielen Arbeit, mein Gehirn wäre einfach überlastet von den zusätzlichen Weiterbildungen und Sprachkursen. Aber jetzt, nach einem Jahr Rentnerdasein hat sich nichts geändert, obwohl soviel Ruhe in mein Leben gekommen ist. Es ist wohl das Alter . Da arbeiten die grauen Zellen nicht mehr so. Also weiter mit Sprachkurs und neuerdings puzzlen, das soll die Hirnleistung anregen. Und lesen, lesen, lesen.
    Schöne Grüße aus Hannover, Elli

    • dreher sagt:

      Memory fällt mir dazu ein, ist bestimmt auch gut fürs Kurzzeitgedächtnis ;-) Solidarische Grüße!

  6. Angelika Kurig sagt:

    Liebe Chrisstiane, habe gerne Deinen Text gelesen, und mich in manchen Deiner Verhaltensweisen wiedergefunden. habe einen Tip fuer Dich. Wenn Du mal nach Marseille kommst, melde Dich! Dicke Bussis

  7. Uschi sagt:

    Liebe Christiane,
    das leidige Diät-Thema kenne ich – und auch sonst sprichst du mir aus dem Herzen!
    Danke für das süße Filmchen.
    Die besten Wünsche für 2018!
    Sei herzlich gegrüßt, U.

  8. Sunni sagt:

    Hach, liebe Christiane, was für ein schöner Text. Und ich? Schon 100 mal Detox, alle Diäten dieser Welt, 40kg abgenommen und wieder drauf, alles für Katz und Hund oder wen, egal. Man ist, wie man ist, egal, wie man isst. Basta, et bien! Frau Mutti gibt es wieder, tataaa! http://www.schnickeldi.de, sie liegt im Moment im KH, aber das wird bestimmt wieder alles gut. Wie fast immer….fast…Ein gutes 2018 Ihnen. Ich hätte gern bei France Gall kommentiert, aber da geht es nicht, keine Ahnung warum. Ohooo, was hab ich deren Beine bewundert als junges Ding:So wunderbar dünn, und dazu meine Sauerkrautstampfe.Egal, das Leben hat mehr gebraucht als dünne Beine. Ich erinnere mich auch noch an alle deutschen und einige der französischen Texte. Sie klang immer so unverbraucht jung. Ich wusste nicht von ihren Schickslasschlägen, wie wir die Last oft nicht sehen, die der andere trägt. Haben Sie es gut, schreiben Sie, egal mit wieviel Fingern :-) Herzlich, Sunni

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