Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte

France Gall ist gestern morgen gestorben. Alle sind betroffen. Es gibt wohl niemanden, der France Gall nicht mochte. Sie bekommt natürlich ebenso Sondersendungen, wir hören ihre Chansons im Radio und im Fernsehen, alles wie bei Johnny, aber es bleibt deutlich ruhiger. France Gall war zwar nett, aber sie entfachte keine generationenübergreifende Leidenschaft wie Johnny.

Ich wollte erst nicht. Muss ich zu jedem verstorbenen französischen Sänger etwas sagen? Ich dachte, ich warte auf einen schönen Rückblick in der Presse. Aber wo ich auch reinklicke und lese, etwa hier oder hier, niemand sagte etwas zu ihrer deutschen Karriere. Hallo?! Dass die Franzosen das komplett ignorieren, mag sein, aber die Deutschen?! HALLO! Noch jemand da aus meiner Generation? Oder schämen Sie sich alle, dass Sie mit acht Jahren hingebungsvoll die Hitparade gesehen haben, samstag abends mit Dieter Thomas Heck, und dass Sie vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher Chris Roberts, Rex Gildo und Daniel Gérard angeschmachtet haben? Adamo trat auch immer mal auf. Den mochte ich aber nicht so, mit seiner komischen Stimme. Vermutlich waren mir auch seine Texte zu kompliziert. Zu poetisch. Was interessierten mich mit acht Jahren die alten Damen im Park, die Spatzen fütterten?! Da waren die Texte von France Gall eingängiger. „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte, so soll er aussehen, der Mann auf den ich warte …“ oder, aus heutiger Sicht genauso aktuell wie Orwells 1984, „Der Komputer Nummer 3 sucht mir den richtigen Boy …“ oder „Dann schon eher der Pianoplayer mit den schönen Händen drüben am Klavier …“ Die kann ich alle noch auswendig. Oder schreibt man jetzt auswändig? Gestern habe ich einen albernen Rechtschreibetest gemacht und bekam als Ergebnis „noch etwas üben!“ Die neue deutsche Rechtschreibung habe ich nicht mehr abgespeichert. Aber Schlager aus den Sechziger Jahren, die kann ich noch vor mich hinträllern. Falls ich eines Tages demenzkrank werden sollte, ist vermutlich die französische Sprache das, was mir als erstes abhanden kommt, unsere allererste Telefonnummer werde ich aber immer noch aufsagen können. Und die Texte von France Gall kann ich sicher auch immer noch singen. Allerdings nur die deutschen.

Nun über France Gall habe ich schon mal ein bisschen geschrieben, im Zusammenhang mit Serge Gainsbourg, der für sie die ersten Chansontexte geschrieben hat. Später lernte sie Michel Berger kennen, der zunächst auch nur Chansons für sie schrieb, die „besser zu ihr passten“, wie sie in einem Interview, das ich gestern sah, sagte. Kleiner Seitenhieb auf Serge Gainsbourg und den Skandalsong Les Sucettes. (Der Spiegel erwähnt ihre deutsche Karriere dann doch! Und darin gibt es noch einmal einen link und ausführlicher die Geschichte des Liedes Sucettes.) Michel Berger wurde dann auch ihr Ehemann, und France Gall hatte dank ihm und mit ihm viele Hits, von denen zumindest Ella elle l’a über die französischen Grenzen hinaus bekannt wurde. In den achtziger Jahren engagierten sich beide in Afrika und versuchten gegen Armut und Hungersnot anzugehen. Babacar ist ein Hit, der davon beeinflusst ist (in Afrika bot eine alleinerziehende junge Mutter France Gall an, ihr Kind zu adoptieren, damit es eine bessere Zukunft habe). Michel Berger starb früh und France Gall zog sich danach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Als auch noch ihre Tochter starb, trat sie überhaupt nicht mehr auf. Erst vor ein paar Jahren wurde sie mit dem Musical Résiste wieder sichtbar und hörbar, das mit vielen Chansons von France Gall eine musikalische Coming.of-age-Geschichte erzählt.

Hier eine kleine Zusammenstellung der deutschen Hits, an die zumindest ich mich noch erinnere. Nebenbei kleiner Erinnerungsflash an Miniröcke, Tanzstil, Deko, Herrn Heck und Herrn Giller.

Und weil wir uns, zumindest in einigen deutschen Gegenden, dem Karneval nähern, hier noch brasilianische Klänge, in deutsch gesungen von einer Französin …

Ein paar der (bekanntesten) französischen Hits bekommen Sie aber auch. Mit Poupée de cire gewann sie den Grand Prix d’Eurovision

Der Skandalsong, den sie Serge Gainsbourgh verdankte:

Und hier Songs, die mit Michel Berger entstanden sind.

ps: Sorry, da habe ich vergessen, das Häkchen für die Kommentare anzuklicken! Jetzt gehts, wenn Sie noch wollen ;)

und pps: HIER noch ein etwas anderer Rückblick zu France Gall.

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4 Kommentare zu Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte

  1. Martina sagt:

    Liebe Frau Dreher

    Irgendwie komme ich nicht in die Kommentarbox auf Ihrem Blog. Ich wollte etwas zu France Gall schreiben und deshalb schicke ich es Ihnen jetzt auf diesem Weg:

    Ich finde es gut, dass Sie auch über France Gall etwas schreiben. Sie wurde respektiert, weil sie eine lange Karriere hatte und bekannte Leute für sie Lieder schrieben. Der frühe Tod ihres Ehemanns und der Tochter machte betroffen und hat zu diesem Respekt sicher auch einen Teil beigetragen. Ihre Lieder waren dann doch eher der leichten Art und eben nur gesungen, weniger mit Empathie vorgetragen oder wie ein kleines Theaterstück dargestellt.
    Übrigens haben inzwischen auch andere deutsche Zeitungen zum Tod von France Gall geschrieben.

    Während ich das schreibe, fällt mir Juliette Gréco ein und was wohl passiert, wenn es sie erwischt. Die Dame wird nächsten Monat 91 Jahre und ist eine der ganz grossen Ikonen Frankreichs. Da wird der Medienrummel ungleich grösser werden, nehme ich an. Ich hoffe, dass sie es noch einige Jahre gut haben wird. Es gibt manchmal Leute, von denen man sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie irgendwann nicht mehr da sind, auch wenn man sie gar nicht persönlich kennt.

    Gruss

    • dreher sagt:

      Jetzt gehts ;) ich hatte ein Häkchen vergessen! Danke für Ihren Kommentar. Und vermutlich kann man ein paar Nachrufe schon vorbereiten, um dann superschnell zu sein, wenn es soweit ist … erinnert mich an ein Buch von Lilly Brett, in dem die Autorin genau das macht: Nachrufe schreiben (und vorbereiten)

  2. Kiki sagt:

    Danke für den Link. :-)

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