Alles oder nichts

Was ich hier alles schon geschrieben haben wollte … ich verstehe nicht, wie andere jeden Tag schreiben können, jeden Tag! Tagebuchbloggen. So was wird dann natürlich auch belohnt. Ich finde das irgendwie klasse einerseits, andererseits frage ich mich, ob diese Menschen, die jeden Tag ihr Leben aufschreiben noch ein zweites Tagebuch haben für all das, was man der Welt nicht mitteilen will. Denn natürlich schreibt man von all den Kinderkrankheiten, dass man Spiegelei gegessen und sich über einen Handwerker geärgert hat, aber niemand schreibt von seinem Intimleben. NEIN, bitte! Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wills gar nicht wissen, wirklich nicht! Aber ich frage mich doch, ob man, wenn man alles festhält, dann nicht auch  … oder?! Oder hat man dann einen kleinen analogen Taschenkalender, in den man kleine Kreuze macht, in Schwarz für HmHm und in Rot für die Menstruation?! KREISCH!

Ich leite hier locker über zu den neuen Frauenzeitschriften, die ich im Dezember in Deutschland entdeckt habe. Also neu für mich. Fräulein gibts wohl schon eine Weile. die dame immerhin ist neu. Ich habe lange gegrübelt, dachte, bin weder Fräulein noch bin ich schön, aber die dame war mir dann doch zu anstrengend und so griff ich zum Fräulein und zu Barbara, die stand gleich daneben und kannte ich auch noch nicht. Den Aufstieg von Barbara Schöneberger habe ich irgendwie verpasst. Damals, haha, so weit sind wir schon, zu meiner Zeit liebe Kinder, war sie noch ein Geheimtipp. Jetzt ist sie überall und hat eine Zeitschrift. Ich glaube, dass mir diese gutgelaunte Ironie dauerhaft auf die Nerven geht. Ich kann das nicht mehr. Früher war ich gut in dieser Art Smalltalk, immer ein ironisches Bonmot auf den Lippen. So etwas geht Ihnen verloren, wenn Sie kurz vor den Wechseljahren nochmal ins Ausland gehen, ohne die Sprache wirklich zu können. Hier sind wir dann froh, wenn wir halbwegs akzentfrei einen verständlichen Satz sagen können, wer will denn Ironie. Hier in Frankreich bin ich komplett ironiefrei und witzlos. Als ich Monsieurs Sohn kürzlich mein Menü erzählte und gut gelaunt und wild augenzwinkernd sagte, ich habe das Rezept gewählt, weil laut Youtube-Film alles in 2 Minuten 30 fertig sei, fühlte er sich bemüßigt mir zu erklären, dass dieser Film nicht in Echtzeit gedreht sei. So viel zu meiner Fähigkeit, mich in einer anderen Sprache amüsant auszudrücken. Wo war ich? Barbara. Ehrlich gesagt ist nicht viel hängengeblieben von all den witzigen Überschriften. Und vom Inhalt auch nicht. In Fräulein habe ich ziemlich viel herumgelesen, weil sie doch anders aussieht, weil sie ohne Schminktipps und Parfümproben auskommt und das einzige Rezept darin ist das von Frankfurter Kranz, und im Prinzip ist es ein Loblied auf die Butter. So etwas ist lustig. Diese künstlerischen Fotostrecken sind jedoch nichts für mich und auch die neue deutsche Zeitschriftentypographie ist mir fremd. Außerdem waren im Text wahnsinnig viele Satzfehler. Geld für den Fotografen der Modestrecken hat man, aber für den Korrektor nicht mehr. Jaja, sagen Sie, und halten mir meine eigenen Orthographie- und Kommafehler vor. Ich weiß. Das kommt auch vom Auslandsleben. Man kann dann irgendwann zwei Sprachen nicht. Die eine nicht mehr, die andere noch nicht. In Fräulein werden wir Fräuleins dann aber offen zu mehr Selbstbefriedigung aufgerufen und der Vorschlag, uns selbst  zu heiraten kommt auch. In Zeiten von #metoo heißt es, haben wir bald keine andere Wahl. So weit sind wir dann schon. Ich sags Ihnen, es dauert nicht mehr lang und die Tagebuchblogger schreiben auch über ihr Sexleben. Schon weil uns ja positive Role Models fehlen. Wenn uns keine(r) sagt, wie es gut gehen kann, und alle nur die „Schweine“ ans Licht zerren (in Frankreich heißt die #metoo Aktion sehr aggressiv #balancetonporc, in etwa „verpfeif dein Schwein“), wo soll das hinführen?! (Aber nein, keine Sorge, ich fange dieses Mal nicht an.) Über die Menopause schreiben sie ja nun endlich auch. In Barbara gings auf ein paar Seiten auch um die Menopause („Mit Volldampf in die heiße Phase“). Und in der Bahnhofsbuchhandlung stand neben all diesen Frauenzeitschriften auch ein eigenes Heft mit dem Titel Menopause oder war es Wechseljahre? Egal, aber Dankeschön auch. Zu meiner Zeit, huch schon wieder, zu meiner Zeit, seufz, wollte noch keine darüber sprechen und jetzt wird es einem überall entgegengebrüllt.

Ich hätte natürlich auch zu analogen Kalendern überleiten können, wegen der Kreuzchen, haha, kleiner Scherz *zwinkerzwinker*. Da hatte ich letztes Jahr um diese Zeit auch schon mal einen Text geplant. Welcher Kalender heute wirklich noch passt. Das ist noch schwieriger als das richtige Notizbuch wählen, sage ich. Ich habe ganz viele schöne Notizbücher, wunderschöne sogar. Große und kleine. Aber wirklich funktionieren bei mir nur kleine billige DIN A 6 Hefte mit Ringheftung, die ich in alle Richtungen beschreibe und wirklich immer dabeihabe. Das gleiche habe ich dann noch in DIN A 5 und vorsichtshalber in DIN A 4. Mein analoges Tagebuch für Träume, psychologische Introspektive und phasenweise Morgenseiten ist seit gefühlten Ewigkeiten ein dickes Clairefontaine-Heft. Damit habe ich natürlich angefangen, als ich noch nicht in Frankreich gelebt habe und diese violetten feinen Linien so charmant fand. Fragen Sie mal meine „Enkelkinder“, die finden die Linien ihrer Schulhefte nicht charmant. Hier findet man dann deutsche Leuchtturm-Kladden charmant. So gehts. Kalender ist auch ganz schwierig. Ich trage seit bestimmt 40 Jahren jedes Jahr einen Taschenkalender mit mir herum. Ich habe da schon alle Varianten durch, vom Frauen- und Lesbenkalender über einen rätoromanischen Lyrikkalender zu den klassische Agendas mit Wochenplaner in allen Größenordnungen und wieder zurück. Die hatte ich letztes Jahr (für den nicht zustande gekommenen Blogtext) alle gesichtet und war gerührt: Alle Kalender waren immer vollgeschrieben und vollgemalt. Zusätzlich klebten Kinokarten drin oder getrockente Blumen, Zuckerpapierchen und eine Vogelfeder. Seit ein paar Jahren sind meine doch so sorgsam ausgewählten Taschenkalender am Ende des Jahres fast genauso leer wie am Anfang.

Ende des vorletzten Jahres war ich in einer Ausstellung im Bonnard-Museum und betrachtete entzückt die winzig kleinen Kalender, in die Bonnard jeden Tag seine Wetterbetrachtung schrieb und manche Skizze malte. Er schrieb etwa beau, vent froid (schön, kalter Wind) oder violet dans les gris (Violett im Grau) oder brumeux, pluie (diesig, Regen). Ich mochte die kleinen Kalender und ich mag das mit der Wetterbetrachtung. Ich beende alle meine Mails immer mit dem Blick aufs Wetter. Aber trotzdem habe ich nichts davon jeden Tag in den süßen kleinen Kalender mit Goldschnitt und Dünndruckpapier geschrieben, den ich mir sofort nach der Ausstellung gekauft habe, und auch nicht „Was schön war“ oder „Glücksmomente“, keine Geburtstage und gar nichts eigentlich. Und wissen Sie was, es wird mir gerade klar, warum das so ist. Ich habe ein Smartphone und blogge. Das ist es. Früher zog ich, wenn schon kein Buch, dann meinen Kalender heraus und notierte alles hinein. Jetzt lese ich unterwegs, wenn überhaupt, im Smartphone und alles Wichtige schreibe ich in den Blog. Und die Kreuzchen? Sind für die Nachwelt nicht erhalten. Ach Mensch.

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4 Kommentare zu Alles oder nichts

  1. Marion sagt:

    Barbara Schönberger finde ich auch nervig. Und Monsieur’s Sohn hat keinen Humor. Die erwähnten Frauenzeitschriften habe ich noch nie gesehen (achte aber auch nicht drauf). Habe dieses Jahr mal wieder auf den „Berühmte Frauen“-Kalender (die tägliche Erwähnung einer Frau, die was auf die Reihe gekriegt hat, baut mich auf) zurückgegriffen, aber ich schreibe tatsächlich auch immer weniger rein (jetzt, wo Du es sagst, fällt es mir auf). Aber im Handy speichere ich auch nicht mehr ab. Verzichten möchte ich auf den papiernen Jahreskalender jedenfalls nicht. Papier ist eben was Sinnliches. Und ich sehe schon – von Dir werden wir nie wirklich was über Sex und die Menopause erfahren ;-) Bin ja erst am Anfang der Menopause, oweia, hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie ich jetzt wieder gehört habe…

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