Bohnen in die Ohr’n

Diesen Ohrwurm hatte ich stundenlang, ach was, tagelang im Kopf, nachdem ich letzte Woche die Ohrenarztpraxis verlassen hatte. Genau wie das Gepiepse, dass Monsieur unter seinen Kopfhörern nicht, ich am anderen Ende des Praxisraums aber sehr wohl hörte. Der Ohrenarzt amüsierte sich, meinte, wir hätten uns gut gefunden, die Blinde und der Taube. Nein, natürlich meinte er, dass ich ein ausgezeichnetes Hörvermögen hätte, ermunterte Monsieur aber, es zukünftig mit Hörgeräten zu versuchen. Wir gingen beide etwas frustriert nach Hause. Monsieur, der der Ansicht ist, dass er im Prinzip alles hört, war gekränkt, dass man nachweisen konnte, dass er tatsächlich nur wenig hört und vor allem keine hohen Töne. Ich, die ich gerne etwas wollte, um mein „Ich höre viel zu viel“ zu dämmen, musste mir sagen lassen, dass es genau das Gegenteil ist, das ich tun solle, nämlich, nicht noch mehr ausgeklügelte Ohrstöpsel IN die, sondern ALLES RAUS aus den Ohren zu nehmen! Je mehr ich mich abschotte auf der Suche nach Stille, desto empfindlicher würde ich. „Irgendwann werden Sie so abhängig, dass Sie ohne Ohrstöpsel nicht mehr schlafen können“, sagt mir der Ohrenarzt ernst. „Haha“, antworte ich, „das ist bereits der Fall seit etwa …“. Tatsächlich weiß ich nicht mehr, wann ich angefangen habe, nachts Ohrstöpsel in die Ohren zu stopfen. Schon immer, zumindest seit Jahrzehnten will mir scheinen. Und jetzt brauche ich sie, sogar in den Bergen, wo es nachts in der Regel mucksmäuschenstill ist. Der Ohrenarzt ist besorgt, rät zur Sophrologie und dazu, dass ich ab sofort die Ohrstöpselchen weglasse. „Quoi?“ Ich schaue ihn groß an. „Gefällt Ihnen nicht, was ich sage, was?!“, grinst er. Nein, tatsächlich macht mir das sofort Stress. Ich sage ihm dann auch nicht, dass ich noch einen Sack Ohrstöpsel zu Hause habe. Ich brauche nämlich, tatsächlich wie eine Abhängige, ganz bestimmte Ohrstöpsel. Kleine gelbe, zusammenquetschbare Schaumstoff-Tönnchen (oder sind es Zylinder, den Unterschied habe ich gerade nicht parat), Einweg-Gehörschutzstöpsel heißen sie offiziell (und nein, ich gebe Ihnen den Link nicht, ich will Sie gar nicht erst auf den „Geschmack“ bringen), finde ich für meine empfindlichen Öhrchen (zumindest zum Schlafen) optimal. Es gibt sie in Einzelpäckchen (zwei Stöpsel natürlich), manchmal Doppelpäckchen (zwei mal zwei) in Drogerien oder Apotheken. Einmal aber sagte mir eine Apothekerin, es gäbe sie nicht mehr. Ich brach fast zusammen. Quelle catastrophe! Panisch suchte ich den Ohrstöpsel-Hersteller im Internet, fand ihn und die Stöpsel und bestellte eine Tonne davon, um für den angesagten großen Ohrstöpselgau gewappnet zu sein, der natürlich nie eingetreten ist. Die Apothekerin hatte sehr wahrscheinlich nur die kleinen gelben Dinger nicht, jede Menge andere aber vorrätig und dachte, sie könne mir genausogut diese verkaufen. Ist doch egal, was man in die Ohren steckt. Von wegen! Da könnte ich ja auch gleich Guacamole nehmen. Ich bin Ohrstöpsel-Spezialistin, ich habe alles ausprobiert in den vergangenen Jahrzehnten und ich stopfe mir noch lange nicht alles in die Ohren. Auch keine Guacamole übrigens. Ich habe also noch eine Lkw-Ladung gelber Ohrstöpsel, die ich vermutlich demnächst auf dem Flohmarkt verkaufen werde. Ich schlafe nämlich seit ein paar Nächten ohne. Es ist ganz grauslich. Schon, dass Monsieur neben mir atmet, stört mich, und ich stoße ihn unsanft an, dass er sich zusammenreißt und gefälligst damit aufhört, oder, Vorschlag zur Güte, zumindest leiser atmet. Vom gelegentlichen Schnarchen wollen wir gar nicht reden. Mein Nachtschlaf ist sehr fragil, das war er schon mit den Stöpseln, ohne ist es geradezu … mir fällt nicht mal einen Vergleich ein, der diese Hochempfindlichkeit ausdrücken könnte. Es ist ein zitteriger Beinahe-Wach-Zustand etwa einen Millimeter unter der Schlafoberfläche. Verstehen Sie, was ich meine? Naja, vermutlich schlafen Sie einfach. Ich versuche zwar, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und denke Mantramäßig „Einaaaaatmen“ und „Ausaaaaatmen“ und atme natürlich ein und aus, das Schlafen aber klappt noch nicht wirklich und ich bin jetzt vor allem tagsüber sehr müde und extrem gereizt. Schlafentzug ist ja eine Foltermethode, bei mir würde sie sofort wirken. Nach drei Tagen und Nächten ohne Schlaf, würde ich alles unterschreiben. Nun, irgendwann werde ich so müde sein, dass ich abends einfach ein- und dann durchschlafe. Das ist zumindest die Theorie. Wir arbeiten dran. Gähn.

Ich gebe Ihnen hier nur eine Kurzversion. Eine Minute fünfundzwanzig reicht völlig. Falls Sie nostalgisch werden sollten und sich plötzlich Gus Backus‘ andere heitere Schlager der Sechziger Jahre anhören wollen, verweise ich auf Youtube oder Spotify. Aber Achtung! Nicht alles ist heute noch politisch korrekt, aber immer ist es gnadenlos ohrwurmig.

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5 Kommentare zu Bohnen in die Ohr’n

  1. Marion sagt:

    Benutze ich ab und zu auch ganz gern, bei mir helfen aber nur die aus Wachs, die man sich zurechtformen kann, die aus Schaumstoff ploppen immer halb raus. Schlafe allerdings auch mit Ohrstöpseln nicht durch.

    • dreher sagt:

      Komischerweise bekomme ich bei den wächsernen Stöpseln leichte Klaustrophobie (ich bin ein wandelndes Nervenbündel merke ich gerade) – aber ich bleibe jetzt dran an der Re-education meines Hirns, habe heute Nacht in zwei Etappen tatsächlich geschlafen, ohne alles!

  2. Ursula Weber sagt:

    Meine besten Wünsche, liebe Christiane, und ♥liche Grüße 🍀

  3. Caroline Bahri sagt:

    Liebe Leidensgenossin,

    Ich war in Bremen beim Ohrenarzt und habe den Hörtest gemacht. Am Ende habe ich mich beschwert, dass mich die Geräusche der Straßenbahn gestört haben. Er war erstaunt, weil die zwei Straßen weiter vorbei fährt. Die hätte er noch nie gehört!

    Die gelben Stöpsel gibt es übrigens in der Apotheke an der Place de l‘Etang. Ich bemühe mich auch, ohne sie auszukommen und seit ich pensioniert bin und morgens nicht mehr um 8 Uhr in der Schule sein muss, klappt das wirklich gut. Wenn ich nachts aufwache, finde ich das nicht mehr bedrohlich. Ich schlafe einfach länger. Neben unserem Haus ist ein Tennisplatz. Für dich wahrscheinlich ein Horror, aber ich liebe es, vom plopp plopp der Bälle geweckt zu werden. Ich habe da ganz andere Sorgen. Mein Liebster guckt immer Fernsehen im Bett und schläft dabei prima ein, während mich dieses Geflacker wahnsinnig macht. Deshalb brauche ich immer eine Schlafbrille. Aber nur eine bestimmte, mit Lavendel gefüllte! Und die gibt es nur bei Harrod‘s in London.

    Was ganz anderes: Ich fliege morgen bis zum 7. März nach Deutschland. Wann kommt dein Roman in die Buchhandlungen? Habe ich eine Chance, ihn zu kaufen?

    Bisous Caro

    • dreher sagt:

      Liebe Caro,
      sehr lustig, ich habe den Bus, der am Haus vorbeifuhr bei dem Test auch zusätzlich gehört –
      TV im Bett könnte ich glaube ich nicht mehr gut ertragen (mein früherer Mann machte das auch), Monsieur liest nur gerne mitten in der Nacht, weshalb es bei mir auch zwei verschiedene Schlafbrillen in Reichweite gibt …
      Mein Buch erscheint offiziell am 8. März, ist aber oft schon ein paar Tage früher erhältlich. Ich drücke die Daumen. Danke, dass du es erwerben möchtest!

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