Momente des Vergessens

„On m’a empêché de prendre mon déambulateur à la clinique et voilà!“, sagt meine Schwiegermutter vorwurfsvoll zu mir und es ist klar, wen sie mit dem eigentlich neutralen „on“ meint. Ich habe verhindert, dass sie ihren Gehbock aus dem Krankenhaus mitgenommen hat. Und jetzt haben wir den Salat. Sie kann nicht aus dem Auto aussteigen. Sie hat keinen Gehbock, ha!

Ich fange an zu zweifeln. Tatsächlich kenne ich den Gehbock meiner Schwiegermutter nicht und ich war nicht zugegen, als sie ins Krankenhaus eingewiesen wurde, bzw. sich hat einweisen lassen, gegen den Willen von Monsieur. Ich ging davon aus, dass der Gehbock im Krankenzimmer der der Krankenhausstation war, genau wie der Rollstuhl, mit dem wir sie zum Auto gefahren haben. Monsieur und ich haben sie nach einer guten Woche im Krankenhaus abgeholt und nach Hause gefahren, und während sie und ich vor der Haustür warten, ist Monsieur nach oben geeilt, um den Gehbock meiner Schwiegermutter zu holen, damit sie sich, Schrittchen für Schrittchen vorwärts bewegen kann. So der Plan. Nun, ich beginne zu zweifeln. Wenn es nun tatsächlich ihr Gehbock war? Ich erkläre noch einmal „ich ging davon aus, dass es der Klinik-Gehbock war …“ „NEIIIN“, meine Schwiegermutter würde jetzt vermutlich gern mit dem Fuß aufstampfen, aber so viel Kraft hat sie nicht mehr in den Füßen. „Es ist MEIN Gehbock!“ Ich seufze. Wenn wir jetzt hier ohne Gehbock sind und nochmal zurück zum Krankenhaus fahren müssen … es ist 12 Uhr und meine Schwiegermutter hat feste Essenszeiten. Ihre Schimpftiraden will ich mir gar nicht vorstellen.

Sie murmelt halblaut noch ein paar Unfreundlichkeiten „so etwas passiert immer, wenn zu viele Leute da sind …“ und „ich hätte besser alles selbst gemacht“. Sie sieht mich nicht an, aber ich weiß schon, mit „zu viele Leute“ bin ich gemeint, woraufhin ich ihr ihre vier Taschen vor die Haustür stelle und meinerseits unfreundlich sage, „na, dann machen Sie doch alles selbst“. Hat sie vermutlich nicht gehört. Sie trägt ihre Hörgeräte nicht mehr. Ich gehe aus der verbalen Schusslinie und warte.

Monsieur kommt die Treppen heruntergeeilt, in der Hand einen Gehbock, viel massiver als der vom Krankenhaus, und stellt ihn vor meiner Schwiegermutter ab. Sie sieht mich triumphierend an und sagt mit ebensolcher Stimme: „Sehen Sie! Da ist er, mein Gehbock! Ich wusste es ja!“

Ich enthalte mich jeden Kommentars.

Meine Schwiegermutter, die im Sommer 98 wird, war in ihrer Wohnung gefallen. Ich war nicht zugegen, ich schipperte mit meiner eigenen Mutter auf der Rhône herum. Sehr nett übrigens. Das nur am Rande. Nun, der Sturz hat ihr nicht nur ein Hämatom von der Hüfte bis zum Knöchel eingebracht, sondern sie auch kurzzeitig verwirrt. Monsieur hat vier Tage und Nächte bei ihr verbracht, aber sie fand sich nicht angemessen betreut und ließ sich von ihrer neuen Hausärztin kurzfristig ins Krankenhaus einweisen, als Monsieur nur schnell bei uns zu Hause die Katze fütterte. So hat man es mir erzählt. Ich war ja nicht da. Meine Schwiegermutter wurde im Krankenhaus dann aber nicht, wie sie es sich erhoffte, wie die Königinmutter umsorgt, einen Arzt sah sie gleich gar nicht. Es war Mittwoch vor Ostern. Sie wurde geröntgt und man besah ihr Hämatom, versicherte ihr, dass nichts gebrochen war, aber viel mehr passierte nicht. Medizinisch gesehen jedenfalls. Was passierte war, dass sie sich mit den Krankenschwestern herumstritt, weil sie nicht das essen wollte, was man ihr gebracht hat. Sie ließ es demonstrativ unangetastet stehen und genau so nahm es die Krankenschwester wieder mit. „Die geben mir hier nichts zu essen!“ erzählte sie uns. „Sie wollte nichts essen“, erklärte uns die Krankenschwester. Wir besuchen sie am folgenden Abend. Sie schlief tief und fest und während wir überlegten, ob wir sie wecken oder nicht, kam die Krankenschwester mit dem Abendessen. Meine Schwiegermutter brauchte gefühlt Stunden, bis sie sich zurechtgeruckelt hat, und dann schaut sie verständnislos das Abendessen an. „Was ist das denn?“, fragt sie. Monsieur liest den Begleitzettel vor: „Omelette mit Spinat und Käse. Das ist bestimmt gut.“ „Das soll ich jetzt essen?“ „Ja, Maman“, sagt Monsieur und hält ihr die Gabel hin, „du musst etwas essen“. Sie schüttelt den Kopf und besieht den Zettel. „Das ist das Abendessen von Freitag Abend“, sagt sie dann empört. „Was für eine Idee, mir jetzt das Abendessen von Freitag Abend zu servieren!“ „Aber es IST Freitag Abend“, bestätigen wir. Sie sieht uns mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck an, leicht amüsiert, so als würde sie uns Scherzkeksen nicht auf den Leim gehen. „Ich will meinen Kaffee“, sagt sie enschieden und schaut auf die Armbanduhr. „Halb sieben, da kann man doch seinen Kaffee erwarten, oder?“ Sie schiebt das Omelette weg. Nichts zu machen, sie will es nicht essen, sie will ihren Kaffee, denn sie will uns auch nicht glauben, dass es Freitag Abend ist. Das passiert jetzt jedes Mal, wenn sie von einem Schläfchen erwacht. Auch mitten in der Nacht. Da ruft sie dann bei uns an und weiß nicht, wo sie ist und warum und klagt nun sogar weinend ihren Kaffee ein: „Die geben mir hier nichts zu essen!“ Das sind Momente, wo sie mich rührt in ihrer Hilflosigkeit. Monsieur redet auf sie ein, erklärt ihr, wie sie die Krankenschwester rufen kann und bleibt am Telefon, bis die Krankenschwester gekommen ist. Er schläft nicht mehr vor Sorge, sagt, die ungewohnte Umgebung tut ihr nicht gut und er will seine Mutter aus dem Krankenhaus holen. Es ist Karsamstag. Um Acht Uhr morgens eilt er, gegen die Besuchsordnung, ins Krankenhaus, um seine Mutter zu sehen. Die hat aber in der Zwischenzeit ihren Kaffee bekommen und ist zufrieden und außerdem klar im Kopf. Und nein, sie will im Krankenhaus bleiben. Sie sind alle ganz reizend hier, vor allem der junge Krankenpfleger. Sie hat zunehmend weniger verwirrte Momente und wehrt sich vehement gegen alle Versuche, ihr für zu Hause eine Dame zu suchen, die abends darauf achtet, dass sie isst, trinkt, die (richtigen) Medikamente nimmt und gut ins Bett kommt. Sie brauche niemanden.**

So ist es bislang. Seit sie wieder in ihrer gewohnten Umgebung ist, hat sie auch keine Momente des Vergessens mehr. Also diese besondere Art des Vergessens. Vergesslich ist sie schon. Aber das bin ich ja auch in der Zwischenzeit. Ich fand es dennoch sehr bizarr, diesen ersten Momenten des Vergessens beizuwohnen.

The Usual from Zubin Sethna on Vimeo.

** Nur damit Sie sich nicht sorgen, jeden Vormittag kommt bereits eine Krankenschwester und eine Dame, die ihr bei der Toilette und dem Anziehen hilft. Außerdem hat sie fünfmal in der Woche eine Dame, die ihr bei den kleinen Dinge im Haushalt hilft und einmal pro Woche eine Putzhilfe. Sonntags ist sie „alleine“, wird aber entweder besucht (Familie, Freundinnen) oder irgendwohin eingeladen (Familie, Freundinnen). Jeden Tag rufen Monsieur und seine Tochter an, und sie wechseln sich beim Einkaufen und bei allem anderen ab. Meine Schwiegermutter hat alle Angebote, etwa, bei uns im Haus im Erdgeschoss zu wohnen oder in ein Altersheim hier um die Ecke zu gehen, abgelehnt.

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4 Antworten auf Momente des Vergessens

  1. Marion sagt:

    Es ist übel, wenn man für einen alten, kranken Menschen Verantwortung übernehmen soll, wenn der einen nicht (genug) respektiert, und nicht aus der Nummer rauskommt, weil es eben „Familie“ ist. Geht mir gerade genauso, nur mit der eigenen Familie, eine Schwiegerfamilie habe ich ja nicht. Da die Balance zu finden, ist fast die schwierigste Aufgabe, der ich mich in meinem Leben stellen musste.
    Erzähl‘ doch lieber von der Rhône-Fahrt :-) Übrigens habe ich den Wolf sehr genossen!
    Einen schönen Sonntag ohne geriatrische Zwischenfälle wünscht
    Marion

    • dreher sagt:

      Danke für die Rückmeldung zum Wolf, Marion, da freue ich mich sehr!
      Und was meine Schwiegermutter angeht, da halte ich mich mehr als zurück. In diesem Fall brauchte Monsieur aber meine Hilfe, und sie ist seine Mutter und Teil meines Alltags. So viel zum leichten glückseligen Südfrankreichleben.
      Und die Rhône-Fahrt … da muss ich mal nachfragen, ob das von Seiten des Geburtstagskinds genehm ist ;-)
      Hier stürmt es! Über den Wind wollte ich auch schon lange schreiben …

      • Marion sagt:

        Hahaha, ja das Leben in Köln ist doch auch so leicht und beschwingt… Hier ist es dieses Wochenende endlich mal sonnig, endlich wird es wärmer, endlich über 20°, endlich knospen die Bäume, und mein Heuschnupfen lässt mich gerade in Ruhe, also werde ich das heute noch genießen!

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