Il y a du vent

„Wir könnten am Strand spazierengehen“, schlug ich in meiner anfänglich naiven Côte d’Azur-Verliebtheit gerne mal vor. „Oder am Strand in einem Restaurant Essen gehen.“ Essen am Strand gibt mir immer ein Urlaubsgefühl, das ich, die „da arbeitet, wo andere Urlaub machen“, doch auch mal haben will. „Il y a du vent“, knurrte Monsieur nach einem kurzen Blick aus dem Fenster. Es ist windig. Zu windig, für Monsieur, den alten Segler. Es machte mich jedes Mal rasend. Wind! Ph! „Wo ist denn hier Wind?!“, empörte ich mich und starrte aus dem Fenster, um zu sehen, was er sieht. Er zeigte auf die Baumwipfel der Zypressen vor dem Fenster, die sich, man muss schon genau hinsehen, leicht bewegen. Es könnte auch Einbildung sein. Ich starre die Zypressen kritisch an. Haben sie sich bewegt? Ja, doch, vielleicht. „Und wegen dem bisschen Wind, können wir nicht an den Strand?“, frage ich fassungslos. Monsieur antwortet nicht mal. Er hat schon gesagt, was gesagt werden musste. Il y a du vent.

Ich bin kein Kind der Küste und des Meers. Ich kann nicht auf Anhieb beim Gekräusel der Wellen sagen, „Wind aus Südost“ oder mit schicksalhafter Stimme: „Mistral“. Bei Mistral geht ja gar nichts mehr. Kein Einheimischer geht bei Mistral raus. Auch die Segler suchen jetzt nervös Schutz im rettenden Hafen. Obwohl wir hier im Osten nur mit den schwachen Ausläufern des Mistral zu tun haben. So richtig weht der Mistral weiter drüben in der eigentlich so lieblichen Provence, besonders gern im unteren Rhônetal, in Arles, Avignon, in der Camargue oder in Marseille. Und zwar entweder drei Tage oder sechs Tage oder neun Tage, sagen französische Bauernregeln. Der Himmel wird dann wolkenlos und stahlblau, das Blau des Meeres bekommt ein intensives, karibisches Blau, ein „Überblau“ habe ich irgendwo gelesen.

Aber gleichzeitig bläst er einem den Kopf weg. Nach mehreren Tagen Mistral sind Mensch und Tier gleichermaßen durchgeschüttelt und erschöpft, „fada“ sagt man hier, verrückt. Napoleon soll Mördern Gnade gewährt haben, oder er hat ihnen zumindest die Todesstrafe erlassen, wenn ihre Tat nach drei Tagen Mistral erfolgt war. „Ver-rückt“ im Sinn des Wortes, sind häufig auch die Mauern, zusammengebrochen nämlich.

In der Zwischenzeit habe ich begriffen, dass das leichte Lüftchen, das die Wipfel der Zypressen im Inneren der Stadt schaukeln lässt, am Strand wie ein ausgewachsener Sturm empfunden wird. Obwohl er natürlich immer noch verharmlosend Wind heißt. Da wehen einem die Sandkörner stechend ins Gesicht, dass man sich verzweifelt Tücher um den Kopf wickelt, wie ein Tuareg in der Sahara. Die Strandrestaurants haben rund um die Terrassen ihre durchsichtige Plastikverkleidung angebracht, an der nun der Wind zerrt. Das Plastik knattert und flattert und selbst wenn man drin isst, kommt es einem ungemütlich vor. Draußen aber fegt es nicht nur die Gläser und Servietten und Blumenkübel davon, auch die nicht zusammengeklappten Sonnenschirme machen plötzlich einen Satz und fliegen in wilden Umdrehungen am Strand entlang. Il y a du vent. 

Er ist anstrengend der Wind, das weiß ich heute, auch wenn es nicht der Mistral ist. Seit heute Nacht weht und heult und pfeift der Wind wieder ums Haus. Ostwind habe ich gerade erfahren. Die Fensterläden unseres Hauses und der Nachbarhäuser klappern. Im Kloster auf der kleinen Ile St. Honorat, wo man dem Wind noch viel mehr ausgeliefert ist, habe ich zum ersten Mal innen angebrachte Fensterläden gesehen. Der Sinn erschließt sich einem erst wirklich bei starkem böigen Wind oder bei Sturm. Das Geklapper eines oder mehrerer nicht oder nicht ausreichend fixierter Fensterläden, die mit unstetem KNALL, RUMMS, KLAPPklappKLAPP, QUIETSCH und wieder KLAPP die ganze Nacht, dem böigen Wind ausgeliefert, wieder und wieder an die Hauswände schlagen, raubt einem nicht nur den Nachtschlaf, es macht einen fada, verrückt.

Nach acht Jahren Côte d’Azur sehe und verstehe ich jetzt die Zeichen. Heute aber bewegen sich nicht nur die Wipfel der Zypressen, sondern die Zypressen biegen sich komplett und bedrohlich über unser Dach. Wer nicht muss, geht jetzt nicht raus. Il y a du vent, sagt Monsieur wie erwartet und zieht die Decke übers Kinn. Er dehnt lieber seine Sieste noch etwas aus. Die einzigen, die sich dem Wind und den entsprechenden Wellen leidenschaftlich entgegenwerfen, sind Surfer oder Kiter. Die Pointe de la Croisette, der östlichste Zipfel von Cannes, ist ein beliebter Spot.

Und ich geh‘ jetzt raus Surfer gucken :D  Il y a du vent! 

wird fortgesetzt … Fotos folgen …

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3 Kommentare zu Il y a du vent

  1. Marion sagt:

    Na, hat’s Dich weggeblasen? ;-)

  2. Caroline Bahri sagt:

    Am Strand von Golfe-Juan wurde vor 2 oder 3 Jahren ein Badegast von einem Sonnenschirm aufgespießt! Also, ich bin gestern lieber wie Monsieur zu Hause geblieben

    • dreher sagt:

      Ups. Ja, ich wollte noch schreiben, dass man sich den herumfliegenden Sonnenschirmen nicht heldenhaft in den Weg stellen sollte, ich habe da auch schon allerhand erlebt *augenroll* Es war wirklich sehr windig gestern, aber ich fands toll draußen (eine halbe Stunde lang ;-) )

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