Das Kettensägenmassaker … in Cannes

Heute früh war ich nur kurz auf dem Markt, um ein Kilo Quark bei meinem Bio-Käsehändler zu kaufen, Nur dort gibt es einen Quark, dessen Konsistenz für einen Käsekuchen infrage kommt. Der Markt ist aber wie eine Droge, schrieb ich schon andernorts und ich habe in einem knappen halben Stündchen 50 Euro auf den Kopf gehauen für Quark und Käse und Olivenöl und violetten Spargel und Honig von Bohnenkrautblüten, Sarriette oder Pebre d’ai heißt das Bohnenkraut in Französsich oder Provenzal, und Kartoffeln, die Mona Lisa heißen (ok, sie waren trotz des berühmten Namens am wenigsten teuer) und da ich, angefixt von Arthurs Tochter, mit dem letzten Geld heute kleine Auberginen erstehen musste, fielen die Pfingstrosen diesmal aus.

Wer hätte gedacht, dass ich mal Auberginen statt Blumen kaufen würde! Ausgerechnet Auberginen! Auberginen sind ja relativ neu in meinem Küchenleben. Habe ich in Deutschland nie gegessen und noch seltener gemacht. Auberginen. Komische Dinger. Monsieur liebt Auberginen und kauft sie manchmal, in der Hoffnung, ich würde ihm Auberginenbeignets machen oder sonst eine fettige Köstlichkeit. Meistens wartet er vergeblich, denn Auberginen lasse ich tatsächlich hin und wieder im Kühlschrank vergammeln. Sie bleiben mir fremd und ich mag ihre Konsistenz nicht. Meine reizende Schwiegermutter, die mir jahrelang aus purer Lust am Kritisieren, jegliche von mir gekauften Auberginen als zu groß, zu klein, zu alt, zu frisch, zu hart, zu weich, zu viel Kerne, zu violett, zu gestreift … abgelehnt hat, ist sicher nicht unerheblich schuld an meiner Abneigung dieser Gemüsesorte. Heute aber kaufte ich viele kleine sehr niedliche violette  Auberginenbabies und dachte, Monsieur mit diesem Mittagessen zu betören. Monsieur war heute früh woanders werkeln, ich erwartete ihn gegen halb eins und hatte gerade erst die Auberginen mit der Gabel eingepiekst, mit Olivenöl übergossen und mit Knoblauchsalz bestreut, machte ein Foto und ab in den Ofen, als er schon neben mir stand. „Schon da?“, frage ich. Dann sehe ich seine blutbesudelten Kleider und die Hand mit den durchgebluteten Taschentüchern. Die Kettensäge war irgendwie explodiert. Monsieur war früher Apotheker und ist sozusagen Selbsthelfer. Er gibt Anweisungen, und ich klebe mit zitternden Händen Pflasterstreifen über die klaffenden Wunden, aber so richtig wohl ist mir nicht. Ich hole also die Auberginen wieder aus dem Backofen und fahre Monsieur entschlossen in die Notfallambulanz der Klinik, die auf Handchirurgie spezialistiert ist. Er sträubt sich so gut wie gar nicht, was ich als schlechtes Zeichen werte. Notfall, schrie sofort die Sekretärin, das Verwaltungsprozedere muss trotzdem gemacht werden. Während wir noch auf irgendeinen Zettel warten, kommt ein junges Mädchen und ist noch viel notfalliger als Monsieur, sie hat sich die Hand durchgeschnitten. Zwei Fließenleger mit geschwollenen Händen sind auch noch da, sie zeigen sich auf ihren Smartphones gegenseitig ihre Arbeit mit Marmorfließen, 1400 Euro der Quadratmeter, höre ich, dann kommt noch ein Fahrradunfall. Und eine alte Dame hat sich beim Rausholen des Kerns einer Avocado mit dem Messer verletzt. Das nüchterne Wartezimmer wird voller und voller, immerhin ist Monsieur unter den ersten Notfällen und soll alsbald operiert werden. Wir warten nun in einem Zimmer, der Gatte schon mit Häubchen und OP-Hemd, und starren auf den Fernseher. Wir kommen gerade richtig zur Vermählung von Prinz Harry und Prinzessin Meghan, hurrah, wer hätte gedacht, dass ich das heute ganz ohne schlechtes Gewissen sehen kann. Stand by me. Schluchz. Die Krankenschwestern starren auch auf den Bildschirm und legen schonmal eine Manschette zum Blutdruckmessen falsch herum an, aber sie wissen, wie lang Meghans Schleppe ist und dass im Haarreif Diamanten stecken. Sie diskutieren den Unterschied zwischen Diadem und Haarreif. Ich hoffe, dass der Chirurg später weniger royalistisch begeistert ist und sich aufs Nähen konzentriert.

Gegen 14 Uhr verschwindet Monsieur zeitgleich mit dem Mädchen und dem Fahrradunfall im OP-Block. Ich darf die Hochzeit nicht weiter schauen, sondern soll im Garten warten. Garten, naja. Etwas Grün mit ein paar Bänken. „Wie lange etwa?“, frage ich. „Eine gute Stunde“, heißt es. Ich ziehe mir einen Kaffee, setze mich in die Sonne und höre einen Podcast und noch einen, schreibe in FB und rödele langsam den Akku meines Handys leer. Dann laufe ich etwas durchs Viertel, glaube, dass in der nahen Avenue Montrose ein Gedenkstein für Naziopfer stehen soll, denn in der von den Deutschen annektierten Villa Montrose war damals ein Gefängnis. Ich laufe die Straße entlang, denke wehmütig an meine Stadtspaziergänge, die ich nicht mehr mache und finde den Gedenkstein nicht. Dann die Erleuchtung. Montfleury heißen Villa und Straße! Nicht Montrose. Montfleury sagt das Navi auf dem Handy, Montfleury ist ganz woanders. Nun gut. Ich gehe zurück zur Klinik, ziehe einen weiteren Kaffee, setze mich erneut auf eine Bank und warte. Ich nehme es vorweg, ich warte sechs Stunden. Zwei davon zu Hause, als ich nämlich die Nase voll habe von schlechtem Kaffee in Plastikbechern und Chips in Plastiktüten und ekelhaft aromatisiertem Wasser in Plastikflaschen und verärgert denke, dass ich morgens so leckere Sachen mit so wenig Plastik wie möglich eingekauft habe, nur um jetzt so einen Müll in Plastik zu futtern.

Gegen 20 Uhr habe ich den Gatten wieder zu Hause auf dem Sofa. Ich schiebe die Auberginen nochmal in den Ofen, sie sehen aber schon ein wenig verunglückt aus, und rase schnell zur Notfallapotheke. Haha. Großes Treffen. Der Fahrradunfall steht schon an der Theke, nach mir kommt der Freund des Mädchens, das sich die Hand durchgeschnitten hat. Als ich dran komme, hat der Apotheker nichts mehr da, kein Verbandszeug, kein Antibiotikum, gar nichts. In Antibes könne ich es versuchen oder in Nizza. Oder morgen früh in der Notfallapotheke, die die Tagschicht übernimmt. Sie ist größer, hat mehr Vorrat, wenn ich da ganz früh hingehe, könnte es klappen. Super. Zuhause finde ich keinen Parkplatz und stelle mich ganz französisch halb auf den Zebrastreifen. Die Auberginen sind fertig, sehen komisch aus, ich füttere Monsieur. „Naja“, sagt er. Ich hätte doch Pfingstrosen kaufen sollen.

ps: Heute morgen erfahre ich, dass der Chirurg dem Gatten eine Transplantation gemacht hat. Wie genau weiß ich nicht, noch ist alles eingewickelt, aber die Wunden waren von der Säge so ausgefranst, dass er viel wegschneiden musste und sie daher mit Haut oder Fleisch aus dem Handballen auffüllte. Ups. Nun, immerhin habe ich gestern noch erfahren, dass es DER Handchirurg schlechthin ist, wenn man einen Termin bei ihm möchte, muss man sechs Monate warten, wir hatten also Glück im Unglück.

Dem Gatten geht es soweit gut. Ich war ganz früh in einer großen Apotheke und habe nun alles, was wir brauchen, vor allem die Antibiotika. Die kleine Apotheke in der Nähe des Palais des Festivals, die gestern Notdienst hatte, war während des Festivals schon leergekauft worden. Der Apotheker war gestern selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs.

So. Jetzt muss ich Geschirr spülen. DAS kann er nämlich vorerst nicht tun, der Arme, seufz.

pps: Und, pardon für die reißerische Überschrift, die Goldene Palme bekam natürlich nicht der uralte Horrorschocker „Das Kettensägenmassaker“ sondern ein japanischer Film The shoplifters. Hier eine kurze Zusammenfassung auf Cannes 2018.

 

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14 Kommentare zu Das Kettensägenmassaker … in Cannes

  1. Marion sagt:

    Erstmal gute Besserung für Monsieur, der Arme… Aber so ungerecht sollte er nicht sein, was Deine Kochkünste angeht. Auberginen mag ich gern, kaufe sie aber eigentlich nur, wenn ich Ratatouille mache. Die Hochzeit habe ich mir von vorne bis hinten gegeben und mich total weggeträumt. Dafür habe ich glatt darauf verzichtet, das schöne Wetter zu genießen. Außerdem musste ich sämtliche Fenster geschlossen halten, wegen des Lärms von der Pfingstkirmes vor der Haustür. Gleich geht das Halligalli wieder los, aber noch genieße ich den frischen Luftzug und den blauen Himmel. Das Wetter soll so schön bleiben an Pfingsten!

  2. Sunni sagt:

    Oha, was für ein Tag! Alles Gute für Monsieur! Möge die Sache bald und gut verheilen. Und die Auberginen…tja, also sie und ich sind auch nicht wahre Freunde. Aber das bestimmte Rezept hatte ich auch gesehen, nur gibt es im weiten Umkreis keine kleinen Auberginen und eine Tatjine hab ich auch nicht. Irgendwas fehlt immer :-))) Liebe Grüße, Sunni

  3. Micha sagt:

    Was ein Scheiß-Tag! Gute Besserung an den Trauten!
    Und das Auberginen-Fremdeln kenne ich – nach Jahren in Südfrankreich habe ich aber ausreichend leckere Rezepte gesammelt, um unsere Ernte gut UND gerne zu verwerten.
    liebe Grüße in den Süden…

    • dreher sagt:

      Danke Micha! Er hat jetzt (erste Nachsorge) eine winzige Schiene, mit der der Daumen immobilisiert wird, sieht nach fast gar nichts aus ;) er dreht hier aber unruhig seine Runden, weil er nichts Richtiges machen kann … ich schau demnächst mal nach deinen Auberginenrezepten :)

  4. Karin sagt:

    Laut Statistik sind ja der Großteil aller Unfälle diejenigen, die in Haushalt und Freizeit passieren. Der Arme! Aber er hatte da wirklich noch Glück im Unglück, erstens, weil die Finger noch dran sind, zweitens, weil er vom Spezialisten verarztet wurde. Mein Bruder hat sich mit einer Kreisssäge zwei Drittel des Daumens und ein Drittel des Zeigefingers der (Gott sei dank, er ist Rechtshänder) linken Hand abgesägt, auch in diesem Fall vom Sägeblatt ausgefranst, jedoch so schlimm, dass nichts mehr zu retten war. Vorher hatte meine Schwägerin die abgetrennten Glieder noch schnell vor den Katzen gerettet und in Eiswasser gelegt. Er wurde filmreif vom Helikopter ins nächste große Krankenhaus gebracht, ein schönes Spektakel für die Nachbarn.
    Liebe Grüße und gute Besserung an Monsieur! Sieht sehr sympatisch aus auf dem Bild. :)
    Karin

    • dreher sagt:

      Oh Gott, quel horreur! . Im Prinzip war es bei uns auch eine Hand-Kreissäge, es kam aber erst gestern raus, als er seiner Tochter erzählte, was er gemacht habe, ein Abwasserrohr durchgesägt nämlich, aber der Gatte hatte lange von der „tronçonneuse“ gesprochen, selbst beim Chirurgen, es steht so auch in den Papieren, anscheinend war ihm das Wort disqueuse entfallen vor lauter Schreck.
      Danke, dass du ihn sympathisch findest, ich gebe das weiter :D Er sieht vor allem unendlich erleichtert aus ;-)

      • Eva sagt:

        Ja, liebe Christiane, das fand‘ ich auch, dass Monsieur sehr sympathisch aussieht. Und erleichtert ( alles noch dran!).
        Wie geht’s denn heute?
        Ich darf morgen mal wieder in den Süden, mal wieder Chorreise. Wir sind in und um Bologna/Parma unterwegs und haben Haydn im Gepäck!
        Hoffe, das Wetter weiß, was wir vom Süden erwarten 😜!
        Herzliche Grüße
        Eva

        • dreher sagt:

          Danke der Nachfrage. Es geht ihm soweit gut, fast keine Schmerzen, er hat eine kleine Schiene bekommen, um den Daumen ruhigzustellen. Sieht sehr harmlos aus. Beim Verbandswechsel vor zwei Tagen sahen die Wunden noch beeindruckend aus, heute schon weniger dramatisch. Es heilt gut. Nur Geschirr spülen geht leider noch nicht ;)
          Wie es in Italien ist, kann ich nicht sagen, hier hat es sehr viel geregnet und war recht frisch, dadurch ist es aber überall wahnsinnig grün und blüht üppig. Seit gestern ist schönes Wetter und es soll so bleiben. Frohes Singen!

  5. Mumbai sagt:

    Gute Besserung fuer Monsieur. Babyauberginen suchte ich heute vergebens, gebe aber
    die Hoffnung nicht auf sie doch mal naechste Woche zu ergattern, denn Arthur’s
    Tochter-Rezept hat nicht nur Sie auf den Markt gelockt.

    • dreher sagt:

      Wir haben es schon auch aufgegessen 😊 ich glaube, es lag an dem vielen Rein und Raus. Ich bin durchaus geneigt, es nochmal zu versuchen. Viel Erfolg!

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