Charles Aznavour

Ach je, ich bin noch ganz im Barbara- und Dépardieu-Fieber und nun ist Charles Aznavour gestorben. 94 Jahre ist er alt geworden und er ist beinahe bis zum Schluss aufgetreten. Auf Welttournee wollte er sogar noch einmal gehen, und war dazu vor 14 Tagen noch interviewt worden, und wie so oft wurde ihm ein bisschen spöttisch die Frage gestellt, wie lange er eigentlich noch singen wolle. Ich erinnere mich, dass er dazu früher einmal erzählte, er habe, als er im klassischen Rentenalter war, eine Zeitlang mit der Bühnenarbeit aufgehört, sei zuhause aber so unausstehlich geworden, dass seine Frau ihn wieder Singen geschickt habe. Jetzt antwortete er auf diese Frage „wenn ich die Bühne verlasse, dann sterbe ich“.

Er wollte gern sehr alt werden. Sehr sehr alt! Gefragt, warum er so einen Lebenshunger habe (Lebensdurst heißt es eigentlich auf Französisch, la soif de vivre), antwortet er, er stamme aus einer armenischen Einwanderer-Familie, die den Genozid erlebt habe. Er habe selbst so wenig Familie, keine Großeltern, keine Cousinen und Cousins, er wolle für seine Kinder und Enkel so lange wie möglich da sein. Die Journalistin fragt allerhand, für französische Verhältnisse finde ich sie fast unhöflich direkt, es geht viel um sein Alter und um den Tod, aber auch um sein (Liebes-)Verhältnis zu Edith Piaf (sie war nicht „sein Typ“), zu Johnny Halliday, warum er nicht bei dessen Begräbnis gewesen sei und ob er nicht Angst habe, dass man sich nach seinem Tod um sein Erbe streiten würde (wie bei Johnny). Sie wagt auch zu fragen, was nach seinem Tod eigentlich von ihm bliebe. „Das ist mir egal“, sagt er, wünscht sich aber dann doch, dass „Vieles“ bleiben möge, damit seine Enkel an den Autorenrechten noch etwas verdienten. Ich habe daran keine Zweifel.

Monsieur suchte mir gerade seine ersten Vinylplatten aus den sechziger Jahren von Aznavour heraus, darunter einige kleine, die sich gerade mit 45er Umdrehung auf unserem Plattenspieler drehen: La Bohème höre ich gerade …

… und Trousse Chemise

und Les Petits Matins und Monsieur singt die Texte mit und schnippt ganz sechzigerjahremäßig mit den Fingern.

Aznavour ist ja auch in Deutschland bekannt, zumindest für die großen Klassiker. Tu te laisses aller gibt es sogar in Deutsch!


Habe ich ein Lieblingslied? Ich mag sehr gerne Je me voyais déjà, das durchaus mit dem Leben Aznavours verknüpft ist, wenn man weiß, wie lange er auf den großen Erfolg gewartet hat. Man hat sich über ihn lustig gemacht, ihn als „Behinderten“ beschimpft, zu klein sei er, nicht gut aussehend und seine Stimme gefiel lange nicht. Sogar seine Nase hat er sich operieren lassen, weil sie als zu groß galt.

Emmenez-moi mag ich auch.

Oder For me, formidable.

Und She. Im Video sieht man ganz viele der alten Plattencover :-)


Und Hier encore … ach, war es nicht erst gestern, dass er zwanzig Jahre alt war?! Er war schon über 90 als er dieses Konzert in Armenien gab. Ich kann es kaum ansehen, so sehr rührt mich dieser kleine Mann mit der brüchigen Stimme.

Adieu Charles!

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2 Kommentare zu Charles Aznavour

  1. Caroline Bahri sagt:

    Danke dir für diesen „Nachruf“. Ich musste weinen, als ich die Nachrichten sah. Ich hatte einen auch so schönen Abend wie du gestern, als ich in London in der Royal Albert Hall Charles Aznavour erlebt habe. Sein Chanson Emmenz-moi hat mich damals nach Frankreich gelockt. Denn er hat Recht: la misere serait moins penible au soleil.
    Nun werde ich heute Abend seine Lieder spielen – die bleiben…

  2. Sunni sagt:

    Und ich weine hier um Charles Aznavour, einer der meine Liebe zu Frankreich und seiner Sprache begründet hat. All`die ganz Großen, sie gehen…Adieu, mon ami!

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