Ein Herbst und vier Beerdigungen

„Sehr gerne“ sollte eigentlich die Überschrift des letzten Textes über Berlin werden. „Sehr gerne“ sagen einem dort die Servicekräfte der Cafés und Restaurant, kaum hat man seinen Wunsch geäußert. „Einen Cappuccino bitte!“ „Sehr gerne.“ Ich habe das noch nirgends sonst gehört. „Sehr gerne.“ Es ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Als ich den Berlin-Text schrieb, grübelte ich lange wegen der Überschrift, weil ich kurz vorher einen Beitrag gelesen hatte, dass man dem Leser (der Leserin) Überschriften bieten solle, die ihn (sie) anziehen und ihm (ihr) etwas versprechen. Da mir nicht wirklich etwas Originelles eingefallen ist, wurde es „Cannes – Berlin“ klingt verheißungsvoll genug. Besser als „Sehr gerne“ vermutlich, obwohl mir „Sehr gerne“ besser gefallen hätte, wäre es mir nur rechtzeitig wieder eingefallen.

Cafè crème und Croissant – ich weiß nicht mehr, was der Kellner antwortete

Für den heutigen Text passt „sehr gerne“ weniger. Wir kommen gerade viel rum, weil hier gerade viel gestorben wird. Beerdigungstourismus könnte man das nennen, um dem Anwärter auf das Unwort des Jahres ein anderes hinzuzufügen. Es ist  übrigens schon älter das neue Unwort.  Das aber nur am Rande. Wir waren unter anderem drei Tage in Paris, aber nein, „drei Tage in Paris“ wird nicht die verheißungsvolle Überschrift, obwohl da bestimmt viel geklickt würde, in der Hoffnung, dass ich ihnen nagelneue Geheimtipps verspreche für einen Kurzbesuch in Paris.  Nun, wir waren zwar drei (eigentlich nur zwei) Tage in Paris, aber eine Beerdigung bietet nicht so richtig viele prickelnde Geheimtipps. Und nein, es wird auch kein Beitrag über die schönsten Friedhöfe in Paris, aber ich bin ja serviceorientiert und liefere Ihnen gern diese oder andere Informationen. 

Auch wenn zumindest Monsieurs Herz schwer war und ihm der Sinn nicht nach allzviel Zerstreuung stand, hatten wir am Tag unserer Ankunft tatsächlich etwas Zeit, um durch Paris zu laufen. Ich mag das angesagte jüdische Viertel Le Marais (da war ich auch letztes Mal schon unterwegs) und wir spazierten bei wunderschönem sonnigen Herbstwetter durch die engen Sträßchen im 3. und 4. Arrondissement.

Graffiti an Hauswand im Marais
L’amour court les rues
Ein Tiger in der Rue des Rosiers

In der Rue des Rosiers stießen wir auf einen versteckten Garten Le Jardin des Rosiers, der Joseph Migneret gewidmet ist, einem Schuldirektor, der zu einer Zeit jüdische Kinder rettete.

Neben Parkbänken in idyllisch-versteckten Ecken und einem Gedenkstein für (nicht gerettete) deportierte jüdische Kinder gibt es auch einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten. Und in diesem kleinen Paradies liegt dann überall Müll. Und das manchmal nur zwei Meter von der großen Mülltonne entfernt. Nun, Sie denken es sich, wir haben auch dort, wie es so unsere Art ist, den Müll aufgehoben und ordentlich entsorgt.

Müll aufsammeln mal nicht am Strand

Ich wollte dieses Mal etwas mehr wissen vom Viertel, in dem Schwule ausgehen (die erste Schwulenbuchhandlung in Paris gab und gibt es hier im Viertel) orthodoxe und weniger orthodoxe Juden leben, in dem es schicke Modeboutiquen en masse gibt und trotzdem auch viele kleine alternative …

erste Schwulenbuchhandlung Paris‘

… Läden, SecondHand-Boutiquen, Cafés, Bars und in dem die Leute bei einem Falaffelverkäufer eine halbe Stunde Schlange stehen.

Anstehen für Falaffel

Ich habe diesen Film gefunden – er ist natürlich in Französisch und dauert über eine Stunde – aber er zeigt Le Marais wie es ist. Jung, lebendig und quirlig, aber auch problematisch, wie so oft, wenn ein einfaches Arbeiterviertel schick wird: Stichwort Gentrifizierung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man gar nichts versteht, aber vielleicht mögen Sie einfach die Bilder ansehen?! Und keine Angst, es geht nicht die ganze Zeit um schwule Subkultur.

Am nächsten Tag fand in Paris noch frühmorgens in einem Beerdigungsinstitut am Friedhof Père Lachaise
la levée du corps statt, und danach fuhren wir in die Normandie. Nachdem wir die Autobahn verlassen und dutzende von tristen Straßendörfern durchfahren hatten, landeten wir im überraschend niedlichen Kurststädtchen Bagnols de L’Orne. Nach einer sehr klassisch-katholischen Zeremonie ging es zum grausteinigen Friedhof und wir schwitzten sehr in unserer für den vermeintlich kalten „Nooorden“ gewählten warmen, schwarzen Kleidung, denn es war beinahe so warm wie an der Côte d’Azur.

Und trotz des amüsanten Filmausschnitts (ein alter Onkel erklärt dem in den Norden versetzten „petit“ wie es im Norden ist: miserabel und kalt!) weinten wir dort viel. Abends fuhren wir wieder zurück nach Paris. Am nächsten Vormittag besuchten wir betagte Freunde von Monsieur, denn wer weiß, wie oft man noch die Gelegenheit hat, sich (bei guter Gesundheit) zu sehen, n’est-ce pas. Wir aßen zusammen in einem kleinen Restaurant im Viertel, es war warm genug, um draußen zu essen, das war gut, denn Madame A. sitzt im Rollstuhl und wer französische Restaurants kennt weiß, wie beengt es dort ist. Monsieur und Madame A. sind beide an die Neunzig, aber selten habe ich eine lebendigere, wachere und interessiertere Dame getroffen, die außerdem mit ihrem Rollstuhl so schnell und unerschrocken durch die Straßen von Paris sauste, dass ich kaum nachkam. „Ist Ihnen dabei noch nichts passiert?“, fragte ich atemlos als wir an einer Ampel stehen blieben und ich die unregelmäßig abgeschrägten Bordsteine sehe und das holperige Kopfsteinpflaster über das sie so schwungvoll rumpelte. Doch, sie sei schon mehrfach mit dem Rollsuhl umgefallen, erzählte sie mir, sie sei auch schon bestohlen worden und einmal, als die Busfahrer plözlich wegen eines Streiks nicht mehr weiterfuhren, hat sie Paris im Regen fast komplett im Rollstuhl durchquert. Seitdem trägt sie einen kleinen selbst gehäkelten Daumenschutz, denn damals hat sie sich beim pausenlosen Drücken der Tasten für den elektrischen Rollstuhl den Daumen wundgescheuert. Madame A. hatte mir vorgeschlagen, während Monsieur sich bei den Bouquinisten am Seine-Ufer umsehen wollte, mich „schnell“ zum Musée d’Orsay mitzunehmen. In all den Jahren war ich noch nie im Musée d’Orsay gewesen, weil mich das lange Anstehen immer abschreckte. „So viel Zeit haben wir gar nicht“, wehrte ich ab, denn „schnell zum Musée d’Orsay“ konnte ich mir nicht so richtig vorstellen. „Mit mir stehen Sie nicht an“, sagte sie verschmitzt und fragte mit Blick auf meine Schuhe „Sie sind doch gut zu Fuß?“ Ich wechselte vorsichtshalber in flache Sneakers und schon sausten wir zu Fuß, per Rolli und mit Bussen durch halb Paris, und ich kam nicht nur ohne Anstehen hinein, ich zahlte als offizielle Begleitperson von Madame A. nicht mal Eintritt! Was für ein Luxus!

Im Vorübereilen einen Manet gesehen: Olympia

Die Zeit reichte natürlich nicht für das gesamte Museum, aber wir sahen doch „schnell“ die aktuelle Ausstellung Picasso Bleu et Rose!

Picasso Skizzen Selbstporträt
Les Pierreuses
Ein Mädchen entdeckt Picasso
Mit Madame A. vor einem blauen Picasso
Von Blau zu Rosa
Artisten in Blau und Rosa
Ist der Busen nicht zu tief angesetzt? fragte mich Madame A.

Später fuhren Monsieur und ich vom Gare de Lyon wieder in den Süden.

Gestern dann waren wir für eine weitere Beerdigung (dazwischen gab es zwei in Cannes) in dem (zumindest zu dieser Jahreszeit) etwas verschlafenen provenzalischen Städtchen Montélimar. Montélimar hat bestimmt sehr nette Ecken, aber in Erinnerung geblieben waren mir vom letzen Besuch nur zu viele Autos in zu kleinen Kreisverkehren, daran hat sich nichts geändert, nur, dass es jetzt zusätzlich eigenartige Kunstwerke auf den Kreisverkehrsinseln gab. Irgendjemand im Kulturbereich hat dort ein Faible für übergroße Plastiktiere. (Die ich leider nicht selbst fotografieren konnte, da ich die ganze Zeit fuhr)

Die Kunst in Montélimar ist eigenartig

Traditionell ist Montélimar aber für seinen Nougat bekannt. Die Dame, die beerdigt wurde, gehörte ebenso zu einer der alten Familien, die dort (im großen Stil und nicht so handwerklich wie im folgenden Link zu sehen)  Nougat herstell(t)en. Und es war kalt. Doch doch, der Süden kann sehr kalt sein. Ich trug zum ersten Mal Stiefel. (Seit dem letzten Wochenende heizen wir übrigens und haben wir wieder das Winterdeckbett aufgelegt) Immerhin hat es gestern nicht geregnet, obwohl es seit Tagen schüttet und stürmt – der gemütliche Landregen hat sich dann doch wieder in das klassische Unwetter-Szenario verwandelt, und es kommt näher … das Nachbardepartement Var ist schon wieder überschwemmt!). Auf dem Rückweg hatte der Fabrikverkauf der Nougatfabrik schon geschlossen, so dass ich meinen obligatorischen Nougat an der Raststätte kaufen musste (immerhin gab es die richtige Marke!). Wollen Sie selbst Nougat herstellen? Aurélie, die süße Französin, hat hier ein Rezept!

**Bizarrerweise konnte ich heute keine Bilder hochladen, ein paar Links zum Anschauen haben Sie immerhin. Ich versuche es morgen noch einmal. Jetzt gehts! Und wissen Sie warum? Weil ich gestern die ganze Zeit zwei Dokumente geöffnet hatte und  ich habe ins Falsche gearbeitet, geschrieben und vergeblich versucht Fotos hochzuladen. Erst beim Veröffentlichen habe ich gemerkt, dass ich den falschen und unfertigen Text abgespeichert habe. Hat aber in der Nacht außer ein paar chinesischen Suchmaschinen, die sich immer sofort auf meine Veröffentlichungen stürzen, vermutlich keiner gemerkt.

***Ich habe dieses Mal wahnsinnig lange nachgedacht – und finde die gewählte Überschrift zwar nicht super verheißungsvoll, aber doch passend, vor allem zum heutigen Feiertag.

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11 Kommentare zu Ein Herbst und vier Beerdigungen

  1. dreher sagt:

    Dies ist ein Kommentar von Mumbai, der mich auf Umwegen erreichte (und dann noch im Spam gelandet war!) Ich hatte auch vergessen das Häkchen für die Kommentarfunktion zu setzen!

    Hallo Fr. Dreher, heute ist es zumind. bei
    mir nicht moeglich einen Kommentar zu
    schreiben. Auch wenn er nicht so bedeutend waere, dennoch….“sehr gerne“
    gefaellt mir als Ueberschrift. Diese positive
    Aussage vermisst man heutzutage oft, aber
    natuerlich passt ihre Ueberschrift zum
    heutigen Tag, den ich hoffe, dass sie ihn
    froehlicher als die letzten verbringen.
    Liebe Gruesse

    Danke für Ihren Kommentar und die Mühe, die Sie sich gemacht haben, um mich zu erreichen!

  2. Marion sagt:

    Das „gern“ oder „sehr gern(e)“ empfinde ich oft als etwas „too much“, nicht nur die im Gastro- sondern auch im beruflichen Bereich. Ich habe mich dran gewöhnt, aber ich selber bin kürzer angebunden, auch wenn das unhöflich erscheinen mag.

    • dreher sagt:

      Naja, es ist eine Floskel, genau wie das Lächeln, das heute erwartet wird. Im Deutschen erscheint es mir fremd, wie alle Veränderungen in „meiner“ Sprache, die ich nicht mitbekommen habe. Im Französischen aber sage ich auch „avec plaisir“ und lächle. 😊😏😎

      • Marion sagt:

        Ja, ich wollte damit sagen, dass es auch mir fremd erscheint, obwohl ich die Veränderungen hier mitkriege. „Avec plaisir“ würde mir aber auch nur in Ausnahmefällen über die Lippen kommen. Wobei ich generell gegen Freundlichkeit und ein Lächeln nichts habe.

    • Mumbai sagt:

      Wenn alle so denken bzw. sich daran gewoehnen, dann wir der Umgang unter
      uns Menschen immer kuehler und sogar ruede. Ein freundliches Wort oder
      gar Laecheln kostet nichts und tut jedem gut, vor allem fuehle ich mich persoenlich auch wohl, wenn ich freundlich bin. Aber vielleicht ist meine
      Ansicht altmodisch.

  3. Michael sagt:

    Danke für die wunderschönen Picasso-Bilder!

    • dreher sagt:

      Sehr gerne!😏😊
      Dabei bin ich so enttäuscht, ich habe noch viel mehr Aufnahmen gemacht, aber das Handy hat alle Farben verändert, und lässt sich am PC auch nicht mehr richtig einstellen. Insofern gab es nur diese winzige Auswahl.

  4. Ursula Weber sagt:

    4 Beerdigungen – oh wie traurig!
    In diesen trüben Tagen hattest Du aber auch einige erfreuliche Stunden. Vielen Dank für den anschaulichen Bericht und die schönen Bilder 🤗.
    Ich wünsche Euch eine gute Zeit und sende herzliche Grüße aus Deutschland 🍁🍂🍀😘

    • dreher sagt:

      Dankeschön Uschi! Ja, wir haben versucht, den tristen Momenten etwas Angenehmes hinzuzufügen. Oft ist es schon allein, dass man Menschen (Freunde, entfernte Familie) wieder sieht – das ist bei allem Schmerz auch schön!

  5. Meine Dinge Franka sagt:

    Avec plaisir habe ich diesen Beitrag gelesen.
    Mit Leichtigkeit zu einem *herbstlichen* Thema verfasst.

    Ich grüße Sie und Madam A. herzlichst!

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