Lesen und Lesen lassen

Vor kurzem war ich bei einem Vortrag im CCFA, dem Centre Culturel Franco-Allemand in Nizza – um korrekt zu sein, war ich in dieser Saison schon mehrfach bei Vorträgen im CCFA, einfach weil sie gerade super interessante Abendveranstaltungen anbieten – Jana Hensel war da und die Chefredakteurin von Arte Karambolage; es sind in gewisser Weise alles Vorträge zur deutsch-französischen oder auch zur europäischen Geschichte, genau wie der, von dem ich erzählen will, über Françoise Frenkel. Kennen Sie vielleicht auch schon, ist genau wie Vivian Maier, von der ich neulich sprach, gar nicht so unbekannt, wie ich in der Zwischenzeit festgestellt habe, nur ich kannte sie mal wieder nicht. Und mit mir vielleicht die etwa hundert Besucher im CCFA.

Voller Leidenschaft für die (französische) Literatur eröffnet die junge polnische Jüdin Françoise Frenkel (eigentlich
Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel) nach dem Studium in Paris 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg! Das muss man sich vorstellen! Eine frühe Europäerin, zu einer Zeit, in der der überall der Nationalismus blühte (beinahe wie heute, könnte man sagen). 1939 flieht sie vor dem Nationalsozialismus, über Paris quer durch Frankreich bis in den „freien“ Süden nach Nizza. Als es 1942 auch hier zu Razzien kommt, findet sie Schutz bei dem Friseur-Ehepaar Marius, mit dessen Hilfe ihr 1943 die Flucht in die Schweiz gelingt.

Rien où poser sa tête heißt das Buch, das sie unmittelbar nach dem Krieg über ihre letzten Jahre in Berlin und die Zeit der Flucht und des Versteckens schrieb. Nichts, um sein Haupt zu betten heißt es auf Deutsch und es ist tatsächlich schon vor zwei Jahren bei Hanser erschienen.

Françoise Frenkel lebte nach dem Krieg verarmt und vergessen bis zu ihrem Tod 1975 in Nizza. Das Buch, von dem sie sich ein kleines Einkommen erhoffte, wurde kein Erfolg. Niemand wollte nach dem Krieg etwas von dem Elend der Verfolgten wissen. Das war in Deutschland so und in Frankreich nicht anders. Vor ein paar Jahren wurde in Nizza ein Exemplar ihres Buches auf einem Flohmarkt entdeckt und wieder aufgelegt. Patrick Modiano, der 2014 Literaturnobelpreis erhalten hat, hat das liebevolle Vorwort verfasst.

Ich habe die französische Version gelesen. Es ist eine sehr berührende Lektüre. Die Unmittelbarkeit der Entstehung (sie begann schon während ihrer Flucht darüber zu schreiben) macht, dass der Text detailreich und intensiv ist, fast als läse man einen (aktuellen) Tagebuchblog. Eine sehr ausführliche und fundierte Besprechung könnten Sie hier nachlesen, wenn Sie nicht sofort das Buch selbst zur Hand nehmen wollen.

Dass ich heute so dringend darüber schreiben wollte, hat damit zu tun, dass ich just heute gestern (ich habe den Text gestern schon begonnen) von einer deutschen Freundin handgeschriebene !!! Post bekam: Nicht nur, dass es jedes Mal eine Freude ist, von ihr und ihrer Familie zu lesen, auch die Art, wie es geschieht ist immer einzigartig und überbordend vor Phantasie. Innen und außen – denn schon der Umschlag ist ein Kunstwerk! Dieses Mal war dem Brief noch ein Zeitungsartikel (hier bedauerlicherweise hinter einer Paywall) beigefügt, über die seit 15 Jahren in Berlin existierende französische Buchhandlung Zadig in der Linienstraße (Zadig habe ich dabei erfahren, ist eine Romangestalt bei Voltaire und ich wüsste zu gern, wer bei der Modemarke Zadig & Voltaire so literarisch inspiriert war ;-) ). Patrick Suel, der Betreiber der französischen Buchhandlung könnte als Nachfolger von Françoise Frenkel gelten. Beide arbeite(te)n aus Leidenschaft für die französische Literatur, für die Kultur und für Europa. Reich wird man nämlich nicht mit dem Verkauf französischer Bücher in Berlin. Reich wird auch die Besitzerin der letzten deutschen Buchhandlung in Paris nicht, die bereits einmal geschlossen, immerhin an einem anderen Ort weitermachen konnte, andere haben endgültig den Schlüssel unter die Fußmatte gelegt. Reich wird aber sowieso kaum noch ein unabhängiger Buchhändler in diesen Zeiten. Weshalb es schön ist, dass es seit vier Jahren den Deutschen Buchhandlungspreis gibt, der das Engagement unabhäniger Buchhandlungen auszeichnet. Die Freundin arbeitet übrigens in einer der in diesem Jahr ausgezeichneten Buchhandlungen , der Büchergilde in Wiesbaden und wir gratulieren sehr herzlich! Ich bin leider ein kleines bisschen zu spät mit der Ankündigung für die kleine Feier, die gestern dort anlässlich dieser Auszeichnung stattgefunden hat. Wir gratulieren selbstverständlich auch allen anderen ausgezeichneten Buchhandlungen! Darunter auch der Buchladen Neusser Straße in Nippes, der den #lesemittwoch ins Leben gerufen hat! Ich finde das eine sehr nette Idee, sich mittwochs und halb Neun mit sich selbst (und virtuell mit vielen anderen) zum Lesen zu verabreden. Ein paar Mal habe ich schon mitgemacht!

Falls Sie nicht immer selbst lesen wollen, dann lassen Sie sich vorlesen! Von mir zum Beispiel. Jetzt folgt noch ein bisschen Eigenwerbung – überhaupt scheint man das nun stets dazuschreiben zu müssen, bei jeder Verlinkung, die irgendwohin führt – ich verstehe meinen Text und meine Links generell nicht als Werbung, ich wurde nicht beauftragt und auf jeden Fall für nichts bezahlt. Meine Links führen in der Regel nicht zu dem großen Internetriesen A. und auch nicht in die Irre (hoffe ich zumindest). Jetzt aber mache ich Werbung für mich: Denn Christine Cazon wird, wie kürzlich schon angekündigt, am kommenden Dienstag, 6. November um 19.30 Uhr im oben erwähnten CCFA aus „Wölfe an der Côte d’Azur“ lesen. Die Lesung ist auf Deutsch. Der Eintritt ist frei. Kommen Sie?!

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5 Kommentare zu Lesen und Lesen lassen

  1. Marion sagt:

    SEHR GERNE würde ich kommen, aber es ist schon wieder zu kurzfristig und zu weit weg 😑. Na, vielleicht liest du ja irgendwann nochmal in Deutschland und dann bitte möglichst in der Nähe von Köln…☺. AVEC PLAISIR habe ich auch deine anderen Ausführungen gelesen. Bonne soiree!

  2. Toni sagt:

    Wir würden gern kommen, die Arbeit hält uns in Marseille fest. Angelika ist mit ihrer Praxis ziemlich ausgelastet. EMDR und Hypnose laufen gut. Und ich hab bei den Seeleuten fest zugesagt. Vielleicht klappts nächstes mal. Liebe Grüsse aus Marseille auch an Monsieur
    Angelika und Toni

    • dreher sagt:

      Danke ihr beiden! Keine Sorge, alles gut! Schön, dass Angelikas Praxis gut läuft! Es ist schon immer ein Ritt zwischen Marseille und Nizza bzw Cannes, weshalb ich ja auch nie bei den Stammtischen anwesend bin… Liebe Grüße nach nebenan!

  3. Tina Sumser sagt:

    bezauberndes foto von dir Liebe !!!!
    ich bedauere sehr! noch nicht wieder im süden zu leben und zu wirken…. wäre sehr gern an deinem abend im publikum gesessen…..und hätte dir mit freude gelauscht… À bientôt
    mit duften Grüße von
    T’ina*Y*

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