Im Krankenhaus

Nur ein paar Tage später bekam meine Schwiegermutter eine Bronchitis. Auf tragische Weise eigentlich. Sie hatte es, wie in letzter Zeit immer öfter, nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft. Früh morgens rief J. an, die ältere Dame, die meiner Schwiegermutter vormittags Gesellschaft leistet und sich gleichzeitig um die Wohnung kümmert (Aufräumen, Blumen gießen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, Bügeln); aufgeregt rief sie durch den Hörer: „Madame ist gefallen, ich kann sie alleine nicht aufheben!“ Wir fuhren in Windeseile zu ihr. Meine Schwiegermutter war frühmorgens auf dem Weg zur Toilette von ihrem dringenden Bedürfnis überholt worden und letzten Endes darin ausgerutscht. Es roch eklig in der Wohnung und ihre Ausscheidungen zogen eine Spur vom Schlafzimmer bis zum Flur, wo sie in ihren eigenen Exkrementen lag. Sie hielt sich seit Stunden tapfer und würdevoll in dieser erniedrigenden Situation. On glisse si facilement ici, entschuldigte sie sich. „Man rutscht hier so schnell aus.“ Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, hätte ich gelacht. Ich band mir mein Halstuch um Nase und Mund, bückte ich mich und gemeinsam mit Monsieur hoben wir sie auf. Sie wiegt nicht mehr sehr viel. Wir setzten sie auf einen Stuhl. Immerhin hat sie sich nicht verletzt. Monsieur und die kleine Dame reinigten den Fußboden, die Teppiche und entkleideten, duschten und zogen meine Schwiegermutter, die nach solchen Aktionen immer lammfromm und reizend ist, wieder an. Wir sammelten die Handtücher, die Wäsche, die Bettvorleger und alles andere in große Plastiktüten und ich nahm alles mit nach Hause und wusch es dort, und noch ein zweites Mal mit Chlorbleiche gegen die Flecken. Um die müffelnde Wohnung durchzulüften, riss die kleine Dame alle Fenster und Türen auf. Meine Schwiegermutter saß eine Weile im Durchzug und bekam schwupps eine Bronchitis. Am nächsten Morgen lag sie schwach und fiebrig im Bett und röchelte nur noch. Die Hausärztin überwies sie in das nahegelegene Krankenhaus, eine Privatklinik. Hier lag sie letztes Jahr um diese Zeit schon einmal, und der Aufenthalt im Krankenhaus hatte seinerzeit ihre Verwirrung beschleunigt. Sie war und ist seit damals völlig durcheinander, was die Zeit angeht: morgens oder abends, tags oder nachts, gestern, heute oder morgen ist alles eins. Das Durcheinander bekam sie auch von einem Wecker mit großer Zeitanzeige im 24 Stunden-Modus nicht mehr in den Griff, und weder die Besuche der Krankenschwestern oder die von Monsieurs und seiner Tochter regelten ihren Tag. Oft rief sie nachts um 3 Uhr an und fragte leutselig, wann wir denn kämen, sie habe den ganzen Tag niemanden gesehen, weder die Krankenschwestern, noch J., die kleine Dame, seien gekommen. Wir sagten, es sei mitten in der Nacht und nicht der Moment, Leute anzurufen, wir und alle anderen kämen sicher am nächsten Morgen. „Dann nehme ich jetzt mein Frühstück“, sagte sie. Nach jedem Schläfchen war ein neuer Tag für sie. Mehrfach nahm sie ihr Frühstück ein, immer empört, dass schon wieder jemand vor ihr aus ihrer Tasse getrunken hatte und wieder etwas von dem weichen Kuchen fehlte. „Ich weiß es jetzt“, sagte sie eines Tages mit Entschiedenheit. „Es kommen morgens heimlich Leute und sie essen mein Frühstück auf!“

Jetzt ist sie wieder im Krankenhaus. Sehr schwach dieses Mal. Sie hat auch ein Problem mit dem Herzen wird festgestellt und zusätzlich zur Bronchitis hat sie Wasser in der Lunge. Ein paar Tage lang dachten wir, das wars, es ist das Ende. Monsieur schlief schlecht, saß stundenlang am Bett seiner Mutter, die nur stark röchelte und rasselte, und sich nicht mehr mitteilen konnte. Sie hing die ersten Tage an der Perfusion, hatte eine Sauerstoffmaske und bekam im Krankenhaus Windeln angezogen, denn aufstehen und zur Toilette gehen, kann sie nun nicht mehr. Aber langsam, kaum merklich wurde ihr Zustand besser. Sie röchelte weniger. Sprach wieder verständlich, wenn auch inkohärent („Ich verstehe nicht, warum ich noch arbeiten soll. Ich möchte jetzt wirklich nicht mehr arbeiten gehen!“). Aber weder konnte sie alleine essen noch ihr geliebtes Mobiltelefon benutzen. Sie hielt es in den Händen und drehte es in alle Richtungen, aber sie wusste nicht mehr, wie sie damit telefonieren sollte.

Monsieur und seine Tochter entscheiden zusammen mit der Ärztin, dass meine Schwiegermutter direkt vom Krankenhaus in ein Alters-/Pflegeheim kommen wird. „Zur Konvaleszenz“ sagen wir ihr. Nach Hause will sie, jammert sie zwar, aber dort wird sie nicht mehr hinkommen. Monsieur hat ein schlechtes Gewissen, er hatte ihr zugesagt, dass sie bis zum Schluss bei sich sein dürfe, aber er ist mit seiner Kraft auch am Ende. Seit einem Jahr unterstützen wir sie täglich, organisieren ihren Alltag, kaufen ein, fahren sie zu Ärzten, zur Bank und wo immer sie hinmöchte und verbringen Zeit mit ihr. Es ist nie genug. Sie ist anspruchsvoll und fordernd und nie zufrieden. Wir sind seit einem Jahr nirgendwohin gefahren, um im Falle eines Falles da zu sein. Noch mehr Hilfe schafft er/schaffen wir nicht. Als Monsieur vor ein paar Wochen erstmals ein Altersheim ansprach, hatte sie ihn noch zornig beschimpft und mit ihrer Handtasche geschlagen. Nie im Leben! Die Ärztin übernimmt es also, ihr die „vorübergehende“ Aufnahme im Heim zu vermitteln. Die Ärztin wird sie hoffentlich nicht schlagen. Das Heim ist, anders als ihre Wohnung, die am anderen Ende der Stadt liegt, nur durch einem Park von unserem Haus getrennt. In zwei Minuten zu Fuß können wir da sein. Es ist ein luxuriöses Heim mit schönen großen Zimmer, Blick auf die Stadt und mit einem Garten, und mit viel Personal. Die meisten, die „zur Probe“ kommen, sagt man uns im Heim, sind nach ein, zwei Monaten von den Annehmlichkeiten überzeugt. Nun, hoffen wir das. Wir sind auf jeden Fall erleichtert. Oder sagen wir, ich bin erleichtert. Monsieur trägt an seinem schlechten Gewissen. Von meinen Schultern aber fiel so eine große Last, als die Entscheidung für das Heim gefallen war! Ich war überrascht, es so stark zu spüren, ich wusste gar nicht, wie schwer die Situation auch für mich zu tragen war. Ich denke, wenn wir nicht mehr mühsam den Alltag meiner Schwiegermutter, die ja „niemanden braucht“, aufrechterhalten müssen, haben wir auch wieder mehr Energie und können anders mit ihr umgehen. Diese unsinnigen Streitereien darüber, dass sie die tiefgefrorenen Lebensmittel komplett aus dem Gefrierfach nimmt und in ihren Küchenschrank lagert zum Beispiel, wo sie dann aufgetaut vergammeln und Ungeziefer anziehen, bevor sie von uns weggeworfen werden, nur um umgehend wieder neu für sie einzukaufen, diese Streitereien, bei denen sie regelmäßig keifte Je suis chez moi, je fais ce que je veux ici! „ICH bin hier zuhause, ich mache, was ich will!“ (der kleinen Dame hatte sie zusätzlich noch mehrfach gesagt „und da ist die Tür, wenn es Ihnen nicht passt!“) und anderes dieser Art (ein brennender Putzlappen in der Mikrowelle, herumliegendes oder verstecktes Geld, versteckte Papiere, Rechnungen, Rezepte, Kreditkarten und die stets weit aufstehende Wohnungstür) gehören nun der Vergangenheit an.

Vorhin klingelte das Telefon. Meine Schwiegermutter hat ihr Mobiltelefon wieder im Griff. „Die geben mir hier kein Frühstück!“ beschwerte sie sich um 15 Uhr. Monsieur stöhnt und lacht gleichzeitig. Er hat den Nachmittag mit ihr verbracht. Langsam, ganz langsam ist sie auf dem Weg der Besserung. Sie hustet noch immer, aber sie hält den Löffel nun wieder selbst beim Essen. Sie will nicht ins Heim. Sie will nach Hause. Sie hat einen eisernen Willen.

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7 Kommentare zu Im Krankenhaus


  1. Das Herz gilt dem Post über die Schwiegermama im Krankenhaus. Aber dort konnte ich ihn nicht loswerden.

    Arthur hat seit zwei Wochen eine schwere Bronchitis, seine Lebensgefährtin auch. Ich bin stets auf Abruf, weil ich mir solche Sorgen mache. Alles Liebe für die Mama von Monsieur, Monsieur und Dich!

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    Danke Astrid! Ich habe ihn jetzt hier reingesetzt, hatte mal wieder vergessen, das Häkchen für die Kommentarfunktion zu setzen.
    Alles Liebe zurück für dich, für deinen Papa und die Lebensgefährtin (das ist ja schlimm, beide!) und für alle, die sich so sorgen!

  2. Meine Oma wird nächste Woche 95 und es ist, als würde ich hier von ihr lesen…
    Drei Tage in der Woche ist sie in einer Alzheimer-Tagesgruppe (auch wenn es bei ihr wohl einfach nur altersbedingte Demenz ist) und ihre Kinder kümmern sich rührend, aber das ist zunehmend ein Vollzeitjob mit enormer Verantwortung. Eigentlich kann sie keinesfalls mehr allein leben…. Es ist sehr schwierig, all diese Entscheidungen.
    Als meine (andere) Oma vor fünf Jahren starb, sie lebte hier bei uns im Haus, ist mir erst hinterher klar geworden, wie unglaublich mich die Verantwortung belastet hat – alleine jeden Morgen zu lauschen, ob die Rolläden hochgehen, ob sie isst, ob die Hilfen kommen – ich brauchte Monate, um das zu überwinden. Dabei war diese Oma einfach nur alt, aber sonst sehr sortiert ;-)
    Ich wünsche Madame, dass sie sich schnell einfindet in der neuen Umgebung…

    • dreher sagt:

      Lieben Dank Frau Fluchten. Ja, es ist ein Vollzeitjob und ihr Alleineleben grenzte an Fahrlässigkeit. Wir hoffen alle, dass Sie sich einfindet in der neuen Umgebung. Noch ist sie nicht da. Nächste Woche vermutlich. Ein bisschen päppeln sie sie noch im Krankenhaus auf.

  3. Beate sagt:

    Wir machen alle diegleichen Erfahrungen. Medikamente sind in der Demenz immer eine Belastung und führen zu schlimmerer Verwirrung. Meine Mutter ist jetzt seit 4 Jahren in einem sehr guten Heim – aber sie meint immer noch, sie wäre in Kur. Das Zeitgefühl ist verlorengegangen. Ständig sagt sie: Das kann ich doch machen, wenn ich wieder daheim bin…

  4. Kou sagt:

    Ich hatte schon fast vergessen bzw. verdrängt, wie sehr mich die Demenz meiner eigenen Eltern in Anspruch genommen hat. Meine Mutter war bis zu ihrem Tod vor knapp einem Jahr jahrelang in einem ähnlich gut ausgestatteten Alterswohnsitz (eine sog. „Residenz“) untergebracht, wo sie eigentlich noch einen langen schönen Lebensabend in angenehmer Gesellschaft gleichaltriger, kultivierter Schicksalsgenossen hätte verbringen können – wäre sie nicht so rasch dement geworden; glücklicherweise konnte sie dort auch bei zunehmender Pflegebedürftigkeit bleiben – sie musste ihr riesiges Zimmer (mit Kochnische und Balkon) gegen ein Zweibettzimmer in der kleinen Pflegestation tauschen, wurde dort aber letztlich optimal betreut.
    Ich war mindestens einmal die Woche bei ihr, ebenso meine beiden Geschwister. Was mir in dieser recht langen Zeit am meisten zu schaffen gemacht hat, war nicht der Zeitaufwand (1 Std. Anreise) oder ihr zunehmender geistiger Verfall, der Verlust der Sprache und der kulturellen Lebensqualität; wirklich belastet hat mich, hilflos zusehen zu müssen, wie aus dieser einstmals so stolzen, starken, gebildeten Frau ein verzweifeltes Häuflein Elend wurde, unfähig, sich mitzuteilen oder auch nur die einfachsten Verrichtungen des Alltags selbst zu erledigen – und wie sie selbst darunter litt, auf andere angewiesen zu sein.
    Und am erschreckendsten war dabei wohl der Gedanke, dass mir selbst unter Umständen ein ähnliches Schicksal bevorstehen kann… Hab Dank für diesen Beitrag, er hat mich an genau diesen allzu leicht verdrängten Gedanken erinnert!