Niemand mehr

„Je suis morte“, antwortete mir meine Schwiegermutter missmutig, als ich sie fragte, wie es ihr gehe. „Je suis plus personne.“ Ich bin tot. Ich bin niemand mehr. In den Momenten, in denen sie „ihren Kopf hat“, wie man hier sagt, „elle a encore toute sa tête“, ist sie klarsichtig genug, ihre Situation zu verstehen. Heute zumindest. Gestern hatte sie die meiste Zeit einen leeren Gesichtsausdruck und reagierte nur wenig auf unseren Besuch und unsere Fragen. Sie erinnerte sich an nichts. Nicht daran, dass man ihr die Fingernägel geschnitten hatte und die Füße massiert, nicht daran, dass man sie mittags zum Essen nach unten ins Restaurant gefahren hatte (im Rollstuhl), noch an das, was sie gegessen hatte. Der Stuhl jedoch, an den erinnerte sie sich. „Qu’est-ce qu’on est mal dans une chaise!“ Wie unbequem dieser Rollstuhl war, nachdem sie zwei Wochen nur im Bett gesessen und gelegen hatte. Sie konnte sich kaum darin halten, so wenige Muskeln hat sie nur noch. Sie isst vor allem den Nachtisch. Sie hat keine Lust mehr auf Fleisch und Gemüse und das mühsame Kauen. Sie möchte nur noch Weiches und Süßes essen. „Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann bringen Sie mir einen Baba au Rhum„, sagte sie in ihrem gewohnten Befehlston am Montag zur Krankenschwester, die sie in ihrem Zimmer empfing und unter anderem  befragte, was sie gern essen mag. „Den finden Sie bei Casino!“ fügte sie noch hinzu. Meine Schwiegermutter ist seit Montag im Altersheim. EHPAD heißen die Altersheime, établissements d’accueil pour personnes âgées dépendantes, sie sind gedacht für ältere Menschen, die nicht mehr selbständig leben können. Es ist ein hübsches Haus im neoprovenzalischen Stil, schick eingerichtet, mit Restaurant, das von einem richtigen Koch geführt wird, hier wird nicht etwa Krankenhauskost serviert, und in einem Garten gibt es viele kleine Sitzecken. Bis gestern war hier nicht so richtig schönes Wetter, so dass alle Bewohner drin herumsaßen. Das ist dann, bei allem Schick des Hauses und der Bewohner, genauso wie in jedem Altersheim: Alte Menschen sitzen allein, zu zweit oder in Grüppchen herum (in unserem Fall sind die Menschen gut angezogen und die Sitzgelegenheiten sind schön) und schauen oder dösen. Fünf von ihnen saßen gestern vor dem Aufzug und hatten großes Kino, wann immer jemand aus dem Aufzug kam.

Meine Schwiegermutter hat ein recht kleines Zimmer im zweiten Stock, es war das einzige, das frei war, aber es ist hell mit einen Blick auf La Californie, es ist nett eingerichtet und hat ein großes Badezimmer. Wir trösteten uns über den wenigen Platz damit hinweg, dass sie das ganze Haus und den Garten nutzen könnte, das heißt, dass wir sie mit dem Rollstuhl spazieren fahren könnten. Was man eben so denkt. Wir dachten auch, dass sie hier mehr erlebe, als bei sich zuhause. Das ist zwar so, aber es ist ihr alles zu anstrengend. Schon, dass man sie ins Restaurant fährt, wo sie mit einer netten Dame am Tisch sitzt, ist ihr zu viel. Sie kann sich nicht unterhalten, sie hört nichts mehr. Es wurde ein Geburtstag gefeiert, es gab Kuchen und Champagner. Den Champagner trank sie gerne, der Rest hat sie genervt. Was sind das alles für Leute? Warum bin ich hier?

Der Transport vom Krankenhaus ins Altersheim war friedlich verlaufen. Wir haben sie begleitet und sie hatte verstanden, dass sie nicht nach Hause kam, sondern zunächst an einem anderen Ort wieder zu Kräften kommen und laufen lernen müsse. „Ich kann noch gut laufen“, empörte sie sich, „ich brauche nur jemanden an meiner Seite. Sagen Sie denen, ich will gerne gleich etwas im Garten laufen!“ Wir einigten uns darauf, dass wir ihr erst noch den déambulateur, den Gehbock, aus der Wohnung holen würden. Am ersten Tag war sie aufgeweckt, auch wenn sie vieles durcheinanderbrachte. Ihren Sohn habe sie in einer dramatischen Bombennacht in Avignon geboren, erzählte sie der Krankenschwester, die fragte, ob sie Kinder habe und ob sie noch deren Geburtsdatum wüsste. Nun, Monsieur ist erst weit nach Kriegsende geboren, aber wir wollen nicht so kleinlich sein. Was sind schon ein paar Monate.

Monsieur war gefallen und hat sich den Knöchel verletzt. Er litt Qualen, während der langen Krankenhausausgangs- und Altersheim-Aufnahmeprozedur und konnte danach keinen Schritt mehr humpeln, so ging ich nachmittags alleine noch einmal bei ihr vorbei.

Der von mir extra bei Casino gekaufte und mitgebrachte Baba au rhum war natürlich nicht der richtige. Bonne Maman hätte die Marke sein müssen. Sie hat ihn nicht aufgegessen. Es hätte mich auch gewundert, wenn ich einmal etwas hätte richtig machen können. Ich nahm es als gutes Zeichen, dass sie noch so anspruchsvoll und schwer zufriedenzustellen ist wie eh und je. Wir redeten ein bisschen belangloses Zeug, ich bat eine Krankenschwester, dass man ihr die langen Fingernägel schneiden möge (was am nächsten Tag geschehen ist) und saß lange an ihrem Bett. Als ich mich in der Besuchsliste am Empfang wieder austrage, muss ich zweimal die Uhrzeit überprüfen. Nur 30 Minuten war ich bei ihr gewesen. Es war mir wie zwei Stunden vorgekommen.

Gestern war sie apathisch und saß mit leerem Gesichtsausdruck schweigend im Bett, heute aber war sie missmutig und aggressiv. Sie hat wohl verstanden, dass sie nicht mehr nach Hause kommt, dass es nicht mehr wirklich aufwärts geht. Dass sie die Windeln nicht mehr los wird und dass sie mit dem Gehbock, der in einer Zimmerecke steht, nicht mehr durch den Garten laufen wird. Sie stritt sich mit Monsieur herum, der ihr die Handtasche „wegnehmen“ wollte und kramte dann wie immer stundenlang alle Papiere heraus, betrachtete sie und steckte sie wieder ein. Was soll sie sonst auch tun? Sie schaut nicht mehr fern, sie hört kein Radio mehr. Neue Menschen will sie, die immer so gesellig war, auch nicht mehr kennenlernen. Zuhause konnte sie immerhin noch ihr „Personal“ herumkommandieren und die beiden Damen einmal in der Woche bezahlen: immer ein großer Moment, wenn sie feierlich die Scheine aus der Brieftasche holte. Manches Mal weigerte sie sich auch: „Sie sagen mir nur, dass Samstag ist, damit ich ihnen Geld gebe! Aber ich lasse mich nicht übers Ohr hauen!“ Jetzt kann sie niemanden mehr bezahlen – oder vielleicht doch. Am Freitag wird ihre gewohnte Friseurin kommen, um sie zu frisieren. Vielleicht ist sie dann doch wieder jemand.

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11 Kommentare zu Niemand mehr

  1. Marion sagt:

    Da kommt mir vieles bekannt vor. Meine Mutter ist ja auch seit 2 Jahren im Heim (halbseitig gelähmt nach Schlaganfall) und war auch immer eine willensstarke Person. Uns behandelt sie auch gern wie ihr Personal, das sie früher ja auch hatte. Aber ich sehe das wie Du als gutes Zeichen (wenn ich gut drauf bin). Das Heim bezeichnet das als „herausforderndes Verhalten“. Aber wenn sie nun mal auf die Toilette muss, muss sie auf die Toilette. Ich verstehe, dass sie dann verzweifelt, wenn nicht gleich jd. kommt. Dazu sind jetzt Regeln vereinbart worden und das klappt jetzt besser. Hinzu kommen bei uns schwierige Familienverhältnisse. Mais c’est la vie. Möchte gar nicht darüber nachdenken, wie ich selber mal „enden“ werde, so allein. Aber bevor das geschieht, möchte ich nochmal „auswandern“ :-). Ob ich das hinkriege?
    Dir weiterhin viel Kraft!

    • dreher sagt:

      Danke Marion! Ja, es wäre sicher leichter, für sie da zu sein, wenn sie etwas liebenswerter wäre. Leider behandelt sie uns auch wie Dienstboten, was den Umgang auch das ganze letzte Jahr erschwert hat. Bei allem Respekt für ihr Alter und Verständnis für die Krankheit, verletzt es schon, wenn man schlecht behandelt wird. Ich bin tatsächlich froh, dass ich mich überwinden konnte, neulich noch einmal mit ihr Essen zu gehen. Es war wirklich das letzte Mal, dass sie, in gewisser Weise, autonom unterwegs war.

      Ich denke schon darüber nach, wie es mal bei mir werden wird. Ich habe ja niemanden mehr nach mir, der sich kümmern könnte. Ich habe auch Angst, dass ich die spät erlernte fremde Sprache wieder vergesse und nur noch Deutsch kann. Wer wird dann hier mit mir sprechen und mich verstehen? So viel zum Ausland.

      Good vibrations to you!

  2. Marion sagt:

    Ich ziehe nach Frankreich und wir gründen eine Alters-WG !!!! :-)

  3. Caroline Bahri sagt:

    Da würde ich gerne mit machen. Ich bringe euch dann Petanque bei! Meine Mutter hatte es übrigens „geschafft“, schon nach 8 Wochen Altersheim zu sterben… was mich bei aller Trauer mit Freude für sie erfüllte.

    War heute zum 1. Mal im Meer und winke nach nebenan,
    Caro

    • dreher sagt:

      Ach ja, das Meer. Schon mal gehört. Was war das nochmal? ;)

      Gemischte Gefühle für den Rest. Sie wird seit Jahren so langsam weniger. Jedes Mal denke ich, noch weniger ist nicht möglich. Und dann geht es nochmal eine Stufe hinab. Wenn sie nicht resigniert und sich „gehen lässt“, kann es noch lange dauern.

    • Marion sagt:

      Auja!! Liebe Grüße unbekannterweise aus Köln!!

  4. Eva sagt:

    Liebe Christiane,
    tja, willkommen im Club. Aber du musst kein schlechtes Gewissen haben. Du schaust nach ihr und was sie draus macht, ist halt blöd-aber da bist du nicht dafür verantwortlich. Zuhause wäre keine Alternative mehr und das ist Dir ja auch bewusst.
    Ich versuche, jedes Mal von vorne anzufangen und nichts an schlechten Gefühlen anzuhäufen. Es gelingt mir nicht immer, aber wir sind doch alle auch nur Menschen.
    Ich wünsche dir Zeit für Dich/Euch, mal wieder einen freien Kopf und viel Geduld.
    Alles Liebe,
    Eva

    • dreher sagt:

      Danke Eva! Ja, wir wissen, dass es nicht mehr anders gegangen wäre. Wir haben es ihr zuhause so lange ermöglicht, wie wir konnten. Es ist eine große Erleichterung zu wissen, dass sie gut versorgt ist, dass sie isst, dass rund um die Uhr Personal für sie da ist. Und sie sind nett dort. Es ist schon alles gut so.

  5. heike fournial sagt:

    ich mache bei der AltersWG mit.
    Vielleicht vergesse ich spaeter auch mein Franzoesich! !!
    Meine Schwiegermutter war 5 jahre im Altersheim und nie happy, aber welch
    andere Loesung?
    Bon courage à Monsieur, hatte Cécile am Strand getroffen et j’étais au courant.
    herzlichst, Heike