Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

Vor etwas mehr als zehn Jahren, am 15. Mai 2009, starb mein erster Mann Patrick. Fast auf den Tag genau, erschien mein Büchlein „Zwischen Boule und Bettenmachen“. Ich habe über beides auf meinem damaligen Blog French Connection geschrieben und musste erleben, dass man mir in Kommentaren unterstellte, ich habe den Tod meines Mannes nur erfunden, um mehr Aufmerksamkeit für mein Buch zu erhalten. Ich war fassungslos, nicht nur, dass man mir das unterstellte, sondern, dass man das überhaupt annehmen kann.

Ich habe sie sehr gerne gelesen, mochte ihren poetischen, fabulierenden Stil, den andere vielleicht als zu schwülstig empfanden, sie habe mit ihren vielen Nebensätzen und Adjektiven „Lichterketten in die Bäume gehängt“ sagt Anke Gröner sehr trocken. Es geht um Fräulein ReadOn und ihren Blog „Read on my dear, read on“, der bei mir noch in der Blogroll steht, aber nicht mehr erreichbar ist. Das wissen Sie vielleicht schon. Es dauert ja manchmal etwas länger, bis Neuigkeiten über die Alpen zu uns in den Süden vordringen. Ich habe es bezeichnenderweise auch zuerst aus Japan erfahren. Die Welt ist ein Dorf. Den Spiegel+-Artikel, mit dem Marie Sophie Hingst, so heißt Fräulein ReadOn im bürgerlichen Leben, als Lügnerin geoutet wurde, steht hinter einer Paywall, aber es gibt andere, die die Informationen aufgreifen. Sie hatte keine jüdische Großmutter, sie hat nicht in indischen Slums Sexualkunde gelehrt und vermutlich hatte sie weder ein Kälbchen in der Küche in Irland, sie sah von ihrem Küchenfenster nicht das Meer und vermutlich hat sich der Tierarzt, ihr Lebensgefährte, wenn er überhaupt existiert hat, auch nicht zu Tode gehungert. Ich gebe zu, ihre Art, mit dem Tod ihres Lebensgefährten umzugehen: kurzes Schweigen, nicht mehr darüber schreiben, Umzug nach Dublin, wo sie kurz darauf eine Doktorarbeit ablegte, hat mich irritiert, aber nicht alle sind so furchtbar emotional und durcheinander nach traurigen Phasen und so unfähig, Dinge zu tun, wie ich. Sie ist jung und hat eben eine ganz besondere Kraft, dachte ich. Sie schrieb auch jeden Tag eine Karte auf türkisch! in türkische Gefängnisse, zunächst, um Deniz Yüzel zu unterstützen. (Ich scheiterte an diesem Vorhaben schon am ersten Tag beim Versuch, ein geeignetes Postkartenmotiv auszusuchen.) Nun, ich las auch nicht immer alles, ich hatte selbst zu viel um die Ohren. Insofern dachte ich, ich habe vielleicht manches verpasst, manche Information überlesen oder vielleicht gab es auch keine, aber wer bin ich, die Information einklagen zu wollen, was nach dem Tod des Tierarztes mit dem Kälbchen geschah?! Nein, ich habe es nicht gespürt. Ich habe alles geglaubt. Und das obwohl ich bei allen gehypten Meldungen immer zurück zur Quelle recherchiere: Wer hat es zuerst gesagt und wo und warum? Und natürlich weiß ich, dass man Sachverhalte manchmal rundet, damit sie witziger rüber kommen. Damit es am Ende des Textes eine Pointe gibt. So mache ich es auch, hin und wieder zumindest. Das Meer ist dann vielleicht ein bisschen blauer oder die Nachbarin ein bisschen neugieriger oder Monsieur ein bisschen muffiger. Oft genug muss ich Familie oder Freunde beruhigen, dass sie nicht alles wortwörtlich nehmen sollen. Ja, so ist es gewesen, das Große und Ganze stimmt, aber ich erzähle auch eine Geschichte. (Ich habe dreieinhalb Jahre lang amüsante Kolumnen verfasst. Da hätte die Welt untergehen können, bei mir wurde am Ende meiner Alltagskolumne geschmunzelt.) So ist es bei mir, aber Monsieur gibt es und die Katze und die Schwiegermutter, echt, ich schwöre! Und so ist es bei den anderen BloggerInnen, das denke ich zumindest. Daher habe ich Frl. ReadOns Geschichten geglaubt. Die jüdische Familie. Irland. Der Tierarzt. Berlin. Die indischen Slums. Und nein, ich reiße jetzt nicht das Maul auf und stimme ein in den Chor derer, die es schon immer gewusst haben. Ich finde es auch viel interessanter zu fragen, wie es kommen kann, dass ich solche Geschichten so leicht glaube. Es ist nämlich nicht das erste Mal in meinem Leben, dass mir das passiert. Gut, hier wurde nicht nur ich alleine getäuscht, hier wurden 240.000 LeserInnen getäuscht, wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben mag.

Ich habe Fräulein ReadOns Blog mehrfach verlinkt, soll ich mich dafür entschuldigen,
wie es jetzt auch die Medien tun?! Vielleicht sollte ich wütend sein, getäuscht worden zu sein, aber ich bin es nicht. Ein bisschen durchgeschüttelt bin ich, zugegegeben, aber ich fragte mich sogleich, warum musste diese kluge junge Frau, die so sympathisch und schlicht daher kommt, warum musste sie sich dieses Leben erfinden? Warum hat sie mit ihrer überbordenden Fantasie nicht einfach einen Roman geschrieben? Er wäre sicherlich ein Erfolg geworden. Ich mochte ihren Lichterketten-Stil und ihre Landarzt-Geschichten und viele hunderttausend andere auch. Ich finde viele ihrer Ansichten und Gedanken immer noch gut und verlinkenswert. Nur sind sie jetzt aus dem Internet verschwunden und egal, was Marie Sophie Hingst je wieder öffentlich sagen wird, allem wird immer der schale Geschmack von „fake“ anhängen (unter #readonmyfake kocht es gerade hoch).

Nun, wäre es auf ihrem Blog bei dem Kälbchen, dem Tierarzt, dem Pfarrer, der dicken Frau aus dem Gemischtwarenladen geblieben, könnte man noch hinnehmen, dass all das nicht stimmte. Also ich könnte es, ich spüre, dass nicht alle bereit dazu sind. Aber das wirklich Problematische bei all ihrer Fabuliererei ist, dass sich eine promovierte Historikerin (!) eine jüdische Familie erfunden hat, die vom Holocaust fast ausgelöscht worden ist und dass sie damit sogar bis nach Israel, bis zur Holocaust-Gedenkstätte nach Yad Vashem gegangen ist. Warum das problematisch ist, hat sehr schön, wenn auch sehr wütend Anke Gröner analysiert, besser als ich es je könnte. Danke dafür. Und gerade gefunden: Einen sehr sachlichen Artikel über die „Causa Hingst„.

Mich würde sehr interessieren zu erfahren und zu verstehen, wie man dazu kommt, seine eigenen erfundenen Geschichten zu glauben. Und falls jemand einen Text zur Psychopathologie derer parat hat, die wie ich, so leicht und gerne glauben, den nehme ich dankend entgegen.

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28 Responses to Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

  1. MBBM sagt:

    Na, „fehlgeleitet“ hat ihr Bestreben nach geschenkter Aufmerksamkeit sie aber schon ganz gewaltig. Aber immerhin habe ich durch das googlen nach Erklärungen für das, was bei Read on geschehen ist, ein paar weitere schöne Blogs gefunden – diesen/dieses hier (heißt das auf deutsch der oder das Blog?) zum Beispiel. Und vielleicht entsteht mein Fotoblog doch noch irgendwann einmal… Monika