Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

Vor etwas mehr als zehn Jahren, am 15. Mai 2009, starb mein erster Mann Patrick. Fast auf den Tag genau, erschien mein Büchlein „Zwischen Boule und Bettenmachen“. Ich habe über beides auf meinem damaligen Blog French Connection geschrieben und musste erleben, dass man mir in Kommentaren unterstellte, ich habe den Tod meines Mannes nur erfunden, um mehr Aufmerksamkeit für mein Buch zu erhalten. Ich war fassungslos, nicht nur, dass man mir das unterstellte, sondern, dass man das überhaupt annehmen kann.

Ich habe sie sehr gerne gelesen, mochte ihren poetischen, fabulierenden Stil, den andere vielleicht als zu schwülstig empfanden, sie habe mit ihren vielen Nebensätzen und Adjektiven „Lichterketten in die Bäume gehängt“ sagt Anke Gröner sehr trocken. Es geht um Fräulein ReadOn und ihren Blog „Read on my dear, read on“, der bei mir noch in der Blogroll steht, aber nicht mehr erreichbar ist. Das wissen Sie vielleicht schon. Es dauert ja manchmal etwas länger, bis Neuigkeiten über die Alpen zu uns in den Süden vordringen. Ich habe es bezeichnenderweise auch zuerst aus Japan erfahren. Die Welt ist ein Dorf. Den Spiegel+-Artikel, mit dem Marie Sophie Hingst, so heißt Fräulein ReadOn im bürgerlichen Leben, als Lügnerin geoutet wurde, steht hinter einer Paywall, aber es gibt andere, die die Informationen aufgreifen. Sie hatte keine jüdische Großmutter, sie hat nicht in indischen Slums Sexualkunde gelehrt und vermutlich hatte sie weder ein Kälbchen in der Küche in Irland, sie sah von ihrem Küchenfenster nicht das Meer und vermutlich hat sich der Tierarzt, ihr Lebensgefährte, wenn er überhaupt existiert hat, auch nicht zu Tode gehungert. Ich gebe zu, ihre Art, mit dem Tod ihres Lebensgefährten umzugehen: kurzes Schweigen, nicht mehr darüber schreiben, Umzug nach Dublin, wo sie kurz darauf eine Doktorarbeit ablegte, hat mich irritiert, aber nicht alle sind so furchtbar emotional und durcheinander nach traurigen Phasen und so unfähig, Dinge zu tun, wie ich. Sie ist jung und hat eben eine ganz besondere Kraft, dachte ich. Sie schrieb auch jeden Tag eine Karte auf türkisch! in türkische Gefängnisse, zunächst, um Deniz Yüzel zu unterstützen. (Ich scheiterte an diesem Vorhaben schon am ersten Tag beim Versuch, ein geeignetes Postkartenmotiv auszusuchen.) Nun, ich las auch nicht immer alles, ich hatte selbst zu viel um die Ohren. Insofern dachte ich, ich habe vielleicht manches verpasst, manche Information überlesen oder vielleicht gab es auch keine, aber wer bin ich, die Information einklagen zu wollen, was nach dem Tod des Tierarztes mit dem Kälbchen geschah?! Nein, ich habe es nicht gespürt. Ich habe alles geglaubt. Und das obwohl ich bei allen gehypten Meldungen immer zurück zur Quelle recherchiere: Wer hat es zuerst gesagt und wo und warum? Und natürlich weiß ich, dass man Sachverhalte manchmal rundet, damit sie witziger rüber kommen. Damit es am Ende des Textes eine Pointe gibt. So mache ich es auch, hin und wieder zumindest. Das Meer ist dann vielleicht ein bisschen blauer oder die Nachbarin ein bisschen neugieriger oder Monsieur ein bisschen muffiger. Oft genug muss ich Familie oder Freunde beruhigen, dass sie nicht alles wortwörtlich nehmen sollen. Ja, so ist es gewesen, das Große und Ganze stimmt, aber ich erzähle auch eine Geschichte. (Ich habe dreieinhalb Jahre lang amüsante Kolumnen verfasst. Da hätte die Welt untergehen können, bei mir wurde am Ende meiner Alltagskolumne geschmunzelt.) So ist es bei mir, aber Monsieur gibt es und die Katze und die Schwiegermutter, echt, ich schwöre! Und so ist es bei den anderen BloggerInnen, das denke ich zumindest. Daher habe ich Frl. ReadOns Geschichten geglaubt. Die jüdische Familie. Irland. Der Tierarzt. Berlin. Die indischen Slums. Und nein, ich reiße jetzt nicht das Maul auf und stimme ein in den Chor derer, die es schon immer gewusst haben. Ich finde es auch viel interessanter zu fragen, wie es kommen kann, dass ich solche Geschichten so leicht glaube. Es ist nämlich nicht das erste Mal in meinem Leben, dass mir das passiert. Gut, hier wurde nicht nur ich alleine getäuscht, hier wurden 240.000 LeserInnen getäuscht, wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben mag.

Ich habe Fräulein ReadOns Blog mehrfach verlinkt, soll ich mich dafür entschuldigen,
wie es jetzt auch die Medien tun?! Vielleicht sollte ich wütend sein, getäuscht worden zu sein, aber ich bin es nicht. Ein bisschen durchgeschüttelt bin ich, zugegegeben, aber ich fragte mich sogleich, warum musste diese kluge junge Frau, die so sympathisch und schlicht daher kommt, warum musste sie sich dieses Leben erfinden? Warum hat sie mit ihrer überbordenden Fantasie nicht einfach einen Roman geschrieben? Er wäre sicherlich ein Erfolg geworden. Ich mochte ihren Lichterketten-Stil und ihre Landarzt-Geschichten und viele hunderttausend andere auch. Ich finde viele ihrer Ansichten und Gedanken immer noch gut und verlinkenswert. Nur sind sie jetzt aus dem Internet verschwunden und egal, was Marie Sophie Hingst je wieder öffentlich sagen wird, allem wird immer der schale Geschmack von „fake“ anhängen (unter #readonmyfake kocht es gerade hoch).

Nun, wäre es auf ihrem Blog bei dem Kälbchen, dem Tierarzt, dem Pfarrer, der dicken Frau aus dem Gemischtwarenladen geblieben, könnte man noch hinnehmen, dass all das nicht stimmte. Also ich könnte es, ich spüre, dass nicht alle bereit dazu sind. Aber das wirklich Problematische bei all ihrer Fabuliererei ist, dass sich eine promovierte Historikerin (!) eine jüdische Familie erfunden hat, die vom Holocaust fast ausgelöscht worden ist und dass sie damit sogar bis nach Israel, bis zur Holocaust-Gedenkstätte nach Yad Vashem gegangen ist. Warum das problematisch ist, hat sehr schön, wenn auch sehr wütend Anke Gröner analysiert, besser als ich es je könnte. Danke dafür. Und gerade gefunden: Einen sehr sachlichen Artikel über die „Causa Hingst„.

Mich würde sehr interessieren zu erfahren und zu verstehen, wie man dazu kommt, seine eigenen erfundenen Geschichten zu glauben. Und falls jemand einen Text zur Psychopathologie derer parat hat, die wie ich, so leicht und gerne glauben, den nehme ich dankend entgegen.

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28 Kommentare zu Und das Kälbchen? Frl. ReadOns Geschichten

  1. Reiner Wadel sagt:

    Siehe auch:
    https://www.tagesspiegel.de/kultur/bloggende-hochstaplerin-hingst-in-der-fantasie-eine-nachfahrin-von-holocaust-opfern/24411300.html
    Dort heißt es auch:
    „Seit ein „Spiegel“-Redakteur die junge Frau, die jedem Claas Relotius das Wasser reichen kann, vor einigen Tagen in Dublin stellte, hat sie nach anfänglichem Weiterleugnen einen Anwalt eingeschaltet. Der räumte dem Magazin gegenüber ein, sie nehme „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch“.

  2. Sunni sagt:

    Ach, ich unterschreibe jedes Wort. Und oute mich als Mitleser- und Mitglauberin. Nein, ich bin nicht wütend, dass es mir passierte, wie vielen, und nein, ich hatte auch nur geringe Zweifel, ob ein fast zu Tode Gehungerter auf Tatraberge steigen könnte, aber nein, wütend bin ich nicht. Eher traurig. Traurig für Marie Sophie Hingst, die diese Aktion nicht gebraucht hätte. Und traurig für diejenigen, die hier breit und unschön nachtreten und „alles eh schon gewusst haben“. Da ich aber ein Psychotherapiestudium abgeschlossen habe, könnte ich viele Erklärungen abgeben, warum man sich in eine andere Person hineindenkt und sie später auch ist, also Kondolenzen entgegennimmt für einen gestorbenen Menschen, den es offenbar so nie gab. Oder eben die Erfindung einer Familie, die es so nie gab. Oder die email einer verstorbenen Person benutzen, wie beim Kontakt mit dem Spiegel. Die Erklärungen könnten lauten „Münchhausensyndrom“ oder Schizophrenie bis hin zu biopolaren Störungen, und es gebe noch einige mehr. Aber keiner von uns weiß es. Für uns alle ist das Lesen im Kaffeesatz, nicht mehr.Ich las eben, dass im „Trinity Journal“ angekündigt wird, sie werde gerichtlich gegen alles vorgehen. Ich wünsche ihr wirklich, dass sie die richtigen Menschen um sich hat, die ihr helfen können. Mehr kann man nicht tun. Es tut mir wirklich leid und weh. Erfinden von Geschichten ist eine Sache, 22 weitere jüdische Opfer zu „konstruieren“ und Opferbögen auszufüllen, eine völlig andere.
    Insbesondere aber tut mir leid, dass man IHNEN solche Dinge unterstellte. Ach, manchmal denke ich, es ist besser, das Internet abzuschalten. Aber dann hätten wir auch die guten Dinge nicht, die unzweifelhaft existieren. Herzliche Grüße nach Frankreich, Sunni

    • dreher sagt:

      Danke Sunni! Mythomanie nennt man in Frankreich den Zwang, erfundene Geschichten zu erzählen. Ich habe das Wort erst in Frankreich gehört. Es wird hier oft verwendet. Gibt es hier mehr charmante Schwindler als anderswo? Schon in Tartuffe von Molière geht es darum.
      Ich hoffe auch, sie findet Menschen, die ihr richtig helfen und sie nicht in irgendwelche abstrusen Prozesse verwickeln.

      • Sunni sagt:

        Genau das ist meine Angst, dass da Menschen noch Gewinn herausschlagen werden, indem sie zu Prozessen raten, wo ganz anderes angebracht ist. Und in solch wackliger psychischer Situation fällt man noch leichter auf mögliche „Heils-und Rechtsverkünder“ rein. Allein die ganze Pressesache verspricht gerichtlich einen schönen Auftritt zur Profilierung. Hoffen wir, dass es Menschen im Umfeld gibt mit einem klaren, guten und wohlmeinendem Verstand. Und da rede ich nicht von den Lobsingern und „Beistehern“, die offenbar die Dinge noch beschönigen. Ach, einfach nur ach! Bises, Sunni

  3. Marion sagt:

    Oweia…

  4. N. Aunyn sagt:

    Meine Empfehlung zum Verständnis der Psychodynamik gibt es in Krimi-Form, nämlich von Sara Paretsky „Ihr wahrer Name“.

    Zum Verständnis der Struktur, die das unterstützt:
    http://www.hagalil.com/golem/diaspora/disneyland-d.htm

    • dreher sagt:

      Danke, ich war unterwegs und konnte das jetzt erst nachlesen. Es stimmt: Ich war gestern unter anderem im Marais in Paris und habe dem Drang widerstanden, in ein jüdisches Café zu gehen, um dort (als Deutsche) „nett“ zu sein und „heilende“ Kuchen zu essen.
      Paretsky werde ich bei Gelegenheit lesen.

  5. Croco sagt:

    So erging es mir auch. Ich bin ein Naivling, liebe Geschichten und glaube sie. Dass man etwas zuspitzt, damit es rund wird, gehört zu einer guten Geschichte.
    Ich kenne Marie Sophie persönlich, sie ist kein Phantom. Ich habe sie zwei Mal getroffen. Wir haben uns Briefe geschickt, Mails , Marmelade.
    Sie ist ein sehr kluger, liebenswerter, leicht verpeilter Mensch, dachte ich.
    Aber man kann keinem in die Seele schauen. Sie ist nicht eitel, keinesfalls.
    Dass sie so vieles erfunden hat, hat mich sehr erschreckt zu Anfang. Es wurden Grenzen überschritten, die man nicht überschreitet. Und doch tut sie mir leid. Ein so junger Mensch steht vor den Trümmern seiner Existenz. Wo soll sie hin? Wie kann sie wieder glaubwürdig werden?
    Und jetzt die Vielen, die es schon immer gewusst haben. Ich gehöre nicht dazu.

    • dreher sagt:

      Ich war unterwegs, daher erst jetzt (m)eine Reaktion. Ich weiß, dass Sie Marie getroffen haben, ich war ein wenig neidisch, gebe ich zu! Es verwirrt, wenn man sich bewusst wird, dass alles erfunden war; man kann wütend werden (weil man sich ärgert, es geglaubt zu haben) oder sich fragen, warum musste sie das alles erfinden und macht es sie zu einem schlechten Menschen?! Hier in Frankreich sagt man oft, wenn jemand große Reden (auch verhetzende) schwingt „es sind doch nur Worte“ und meint damit, die „Taten“ sind wichtiger (das steht meines Wissens auch schon so in der Bibel). Dass sie als Historikerin eine jüdische Familiengeschichte erfunden hat, ist vielleicht anklagenswert, es schadet sicherlich (wie anderswo gelesen) der jüdischen Sache und ist Wasser auf die Mühlen der Holocaustleugner. Das ist vermutlich das letzte, was sie wollte. Ist sie dadurch zu einem schlechten Menschen geworden? Ich habe eben mal kurz gegoogelt: sie erscheint nun sogar in der internationalen Presse. Es erschreckt mich und sie tut mir leid. Ich hoffe, sie kommt da „heil“ wieder raus, wird nicht in Prozessen zerrieben und landet nicht in der Psychiatrie und kann irgendwann vielleicht wieder schreiben.

      • Croco sagt:

        Diese Angst habe ich auch.
        Die erfundenen Sachen haben eine Eigendynamik.
        Ist der Geist mal aus der Flasche, fängt man ihn nur mit Zauberworten wieder ein.
        Ich hoffe sehr, sie ist seelisch so stabil, dass sie keine Schaden nimmt. Und neu mit dem Leben anfangen kann.

  6. lihabiboun sagt:

    Seit ich von der ganzen Sache erfahren habe, merke ich, dass ich in „Schichten“ denke und empfinde. Am Anfang war nur Fassungslosigkeit und Kränkung, dass sie mich dermaßen eingewickelt hat. Ich liebe ihre Geschichten (und ich schreibe das bewusst im Präsens – sie kann einfach phantastisch mit Worten umgehen). Doch nach und nach merke ich, wie ich anfange, sie zu entschuldigen. Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass ich so gut nachempfinden kann, wie es ist, sehr jung in einem fremden Land zu studieren (selbst erlebt), total allein und ohne Kontakte oder Freunde. Als ich in der Situation war, gab es kein Internet – und vielleicht war der Beginn des blogs ReadOn einerseits Anker und Rettung für sie aus der Einsamkeit und dann Verführung, zu fabulieren. Vielleicht waren die Kommentare ihrer LeserInnen das feedback, das ihr fehlte und das sie -einmal da- getragen hat. Ich beschönige nicht, dass es natürlich Betrug ist, erfundene Lebensläufe nach Israel zu schicken. Aber ansonsten: Wer wirft den ersten Stein? Ich tue es nicht. Ich laufe durch die Gegend und frage mich: Und das fünfte Kind ihrer Schwester? War der Tierarzt komplett erfunden? Schwimmt sie wirklich im eiskalten Meer? Fährt sie tatsächlich so gerne nach Prag? Sie ist einfach präsent in meinen Gedanken, mal sehen, wie lange das noch anhält. Ja.

    • Sunni sagt:

      Ganz so geht es mir, auch wenn ich es erkläre könnte (aber nicht muss). Ich habe gern bei ihr gelesen, oft, fast immer. Ich habe mit ihr Mails gewechselt, ihr zum Tod des Tierarztes, wie so viele, Karten zum Trost geschickt….Ja, die Sachen mit dem Jüdischsein ist mit Sicherheit am schlimmsten, der wissentliche Betrug durch das Ausfüllen der Bögen. Aber all`das andere? Keiner hat sie gezwungen, den Tierarzt zu erfinden, ihn gar jahrelang leiden zu lassen und immer auch die Tröstungen der Leser entgegen zu nehmen, in welcher Form auch immer. Ich hätte einen Roman verstanden, der so genannt wird. Aber nicht ein Leben, so völlig in allen Details, – der Mali-Tant, der lieben „C“, der Schwester, den Telefonaten – mit direkten Reaktionen, die das Vorhandensein aller Dinge noch einmal deutlich machten. Ihr teilweise wütenden Antworten, wenn einige auch nur ganz minimale Zweifel einwarfen oder Dinge nicht so sahen. Auch das hat ja bestärkt, zu meinen, es sei ihr wirkliches Leben. Gab es sie alle, die Personen? Wer war erlogen, wer nicht. Welche Orte stimmten und welche sind einfach aus dem Internet mit Photoshop erzeugt? Ich bin noch immer am Überlegen. Es wäre gut, eine Antwort zu bekommen. Und dann sage ich mir bei allem Nachsinnen: Nun lass es, es ist einfach nicht so gewesen, wie du selbst geglaubt hast und wie sie uns alle hat glauben lassen. Und wer krank ist, sieht in dem Fall nicht, was wahr ist und was nicht. Ich denke oft während des Tages: Möge ihr jemand helfen, das Richtige zu tun! Und dann merke ich wie Enttäuschung und Mitleid eine Verbindung eingehen. Das wirklich aber Schlimme ist, dass man nun an vielen Stellen Dinge in Frage stellen wird, die das nicht verdienen. Dieses Gefühl trifft mich, und auch sicher viele andere, noch tiefer.

      • Simone sagt:

        @Sunni:
        Es geht mir gerade ähnlich wie Ihnen. Die Frage nach dem Warum, der Wunsch nach Erklärung. Verunsicherung. Und irgendwie auch Mitgefühl, bei allem was gerade passiert.

        Sehr erstaunlich, wie viele es schon immer gewusst oder geahnt haben wollen. Aber das ist ja auch einfach zu behaupten.

    • dreher sagt:

      @lihabiboun Danke. Ich sehe das auch so.
      @Sunni ebenso danke!

  7. Wendy sagt:

    Mh – ich lese schon wirklich sehr sehr lange im Internet – und habe schon vorher im Realleben gelernt (erstaunlich – durch eine „Schulfreundin“) – daß es Menschen gibt, die sich eine Vita erfinden. Diese Schulfreundin hatte sich ein Geschwisterkind erfunden. Und das nicht in der Grundschule – sondern etwa mit 15 oder 16. Und eine komplette Familiengeschichte drumherum. Und es ist eher einem Zufall geschuldet, daß das aufflog. Seitdem bin ich zwar bereit, jedem seine Geschichte zu lassen. Und es jedem zuzugestehen, sich im Internet in der Anonymität neu zu erfinden. Aber ich
    persönlich glaube es erstmal als „Geschichte“ – nicht als „echt.

    Vielleicht hatte sie sich eine Story zurechtgesponnen. Und wurde vom Interesse überrollt. Und mußte immer noch eine Schippe drauflegen. Man kann auch vom eigenen Erfolg überwältigt werden.

    Ich gebe zu – deswegen folge ich auch den vielen vielen Spendenaufrufen, die es online gibt in der Regel nicht – so gut mir auch der Zweck erscheint, so sehr auch der Empfänger die Gabe brauchen kann.

    Ich muß schon sehr großes Vertrauen in eine Sache haben, um mich da zu engagieren.

    Für mich ist das Internet ein großes Geschichtenbuch – manche Geschichten sind wahr – viele sind einfach Geschichten. Es ist nicht das echte Leben – und ich habe keine Kontrolle zu unterscheiden, was wahr und was erfunden ist.

    So lange mir das klar ist, werde ich auch nicht enttäuscht. Sondern kann nur gewinnen.

    • dreher sagt:

      Ja, das Internet ist trügerisch. Es ist so einfach, dort etwas zu erfinden. Es gibt so viele falsche Profile in den sozialen Medien, die anderen (die danach suchen) Liebe, Geld und Erfolg versprechen. Aber das gibt es überall. Auch im echten Leben. Ich habe das selbst erlebt und werde zu gegebener Zeit darüber schreiben.
      Gerade in Paris bei einem Freund übernachtet, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt, und obwohl er Karriere gemacht hat, noch eins draufsetzen muss, indem er erzählt, mit welcher berühmten Persönlichkeit er als junger Mensch eine tragische Liebesgeschichte hatte. Als ob dieser Name ihm noch etwas Glanz zusätzlich geben könnte. Nun, ich lasse es ihn erzählen.
      Enttäuschung, Gewinn – ob und wieweit man Menschen glaubt, traut und vertraut ist für jeden anders. So viele erzählen Geschichten aus unterschiedlichen Bedürfnissen und Nöten oder einfach so. Vielleicht hat mich diese Geschichte wieder etwas aufgerüttelt, kritischer gemacht. Das ist ja nicht schlecht.

  8. Mumbai sagt:

    ist nicht unsere Welt ein einziges Theater in dem wir die Schauspieler sind? Vielleicht
    hat Marie Sophie ADS? …bin keine Psychologin aber sie scheint grossen Bedarf an
    Aufmerksamkeit zu haben, den sie ueber die stories reinholt. Bedenkt man aber, mit
    welchem Unsinn sogenannte Influencer Beruehmtheit erlangen und noch damit Geld
    verdienen, so ist doch ihre „Problematik“ wirklich nicht so bedeutend.
    PS. hab lange nachgedacht ob ich dazu Stellung nehmen darf/soll.

    • dreher sagt:

      Ja, die Welt ist ein großes Theater. Und ich denke auch, dass hier (von und bei mir) jetzt genug gesagt wurde. Danke.

    • Claudia Pollmann sagt:

      Hallo Mumbai,
      hast du dich mit ADS beschäftigt? Wir filtern oft anderes und sind den Eindrücken der Welt so mehr ausgesetzt. Oft sind wir lärmempfindlicher und
      Menschenmassen meiden wir eher. Wir erfinden aber anderen Leben und grundsätzlich hat nicht jeder der mit seinem Leben nicht klar kommt ADS oder ADHS.

      • Mumbai sagt:

        wie gesagt, ich bin keine Psychologin und auch selbst nicht
        an ADS „erkrankt“ daher ist es nur eine Vermutung ohne zu
        beurteilen

        • Claudia Pollmann sagt:

          Um das Thema abzuschließen ADS oder ADHS ist keine Erkrankung – damit wird man geboren, das wird vererbt. Es hat viele Vorteil und sicher auch Nachteile. Gibt tolle Literatur über dieses Thema.

    • Marcus sagt:

      @ Mumbai: Die Abkürzung ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, bedeutet aber nicht das, was Sie meinen. Tatsächlich sind die Betroffenen in ihrer Aufmerksamkeit und Konzentration unbeständig und haben oft große Schwierigkeiten, sich nicht ablenken zu lassen.

  9. MBBM sagt:

    Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf Frau Hingsts Blog gestoßen bin, habe aber hin und und wieder darin gelesen, da ich – als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin – die Geschichten ganz nett fand. Mir war klar, dass die Machenschaften der Frau des Krämers ganz oft sicherlich dem Bereich der Fiktion zuzuordnen waren. Den Tierarzt hielt ich jedoch für eine richtige Person. Mittlerweile bin ich eher erleichtert, dass er es vielleicht nicht war. Dann ist ihm auf alle Fälle viel erspart geblieben! Die Yad Vashem Geschichte und die ausgefüllten Bögen hatte ich im Blog nie gesehen, da ich so früh nicht mitgelesen hatte. Das einzige, was mir sehr komisch vorkam war, dass Frau Hingst als Historikerin Menschen in einem Slum in Indien medizinisch behandelt haben wollte. Wie sollte das möglich gewesen sein?
    Die kleinen Ungereimtheiten, die mir ansonsten auffielen, nahm ich hin, da mir klar war, dass die Geschichten fiktionalisiert waren. In den letzten Monaten las ich den Blog nicht mehr, da mir das viele Unglück, das sich auf den Seiten tummelte, dann doch wohl irgendwie zu viel war. Frau Hingst begegnete mir dann wieder auf Spiegel online. Wow, dachte ich, so war das also!!!!! Die Sache ist ungeheuerlich, der Schaden groß, aber letztendlich ist sie dann doch wohl nur ein armes fehlgeleitetes Menschenkind. Hoffentlich lässt sie sich helfen.

    • dreher sagt:

      Nun, ich möchte sie nicht als „armes fehlgeleitetes Menschenkind“ bezeichnen. Ich denke, sie war vielleicht sehr einsam, der Blog und die LeserInnen eine Parallelwelt, und das Geschilderte der Wunschtraum eines Lebens.
      Ich dachte, sie habe vielleicht eine Krankenschwestern-Ausbildung gemacht, ärztliche Helferin oder wie immer das heute heißt, Sanitäterin. Ich habe auch erst einen Beruf erlernt, bevor ich studierte.

  10. N. Aunyn sagt:

    Noch eine Lese-Empfehlung aus der Süddeutschen:

    Wie man Wahrheit kontaminiert:
    https://www.sueddeutsche.de/kultur/marie-sophie-hingst-holocaust-bloggerin-1.4477558

  11. MBBM sagt:

    Na, „fehlgeleitet“ hat ihr Bestreben nach geschenkter Aufmerksamkeit sie aber schon ganz gewaltig. Aber immerhin habe ich durch das googlen nach Erklärungen für das, was bei Read on geschehen ist, ein paar weitere schöne Blogs gefunden – diesen/dieses hier (heißt das auf deutsch der oder das Blog?) zum Beispiel. Und vielleicht entsteht mein Fotoblog doch noch irgendwann einmal… Monika

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