Zwei Tage in Paris

Ich war in Paris. Zwei Tage um genau zu sein. Zwei Tage in Paris ist auch der Titel einer Filmkomödie mit Julie Delpy, die ich seinerzeit ziemlich witzig fand. Ich verlinke Ihnen hier den Trailer der deutschen Version, vielleicht mögen Sie ihn bei Gelegenheit mal ansehen. Ist in der Originalversion vielleicht witziger.

Am Vorabend erfuhr ich,  dass an meinem Anreisetag, dem 4. Juni, ein nationaler Eisenbahnerstreiktag sein würde, ich befüchtete Schlimmstes, aber Gottseidank waren die TGV’s nicht davon betroffen. Nun, um 5 Uhr morgens entschied sich Monsieur, dass er endgültig nicht mitfahren werde, der angebrochene Knöchel, wir sprachen davon. So hatte ich als einzige im vollbesetzten Zug zwei Plätze für mich alleine. Auf der Rückfahrt übrigens auch. Angekommen bei sommerlichem Wetter, sah ich im Vorübereilen an der Gare de Lyon auf dem Weg von Halle 3 zu Halle 1 eine tolle Open-Air-Ausstellung des Zeichners Enki Bilal.

Von der Librairie Allemande, wo ich mein Rendezvous hatte (darüber zu gegebener Zeit mehr), habe ich vor lauter Bücher schauen (kaufen) und reden kein einziges Foto gemacht. Zut! Aber, eine beinahe dringende Empfehlung, gehen Sie da mal hin, es ist so ein netter, kleiner, gut sortierter Laden im Quartier Latin, der um sein Überleben kämpft (einmal schon musste die Besitzerin den Laden schließen), er liegt in unmittelbarer Nähe von Notre Dame, da wollen alle Paris-Besucher sowieso hin, ich natürlich auch. Es gibt im Viertel noch jede Menge andere Buchhandlungen und der französische Outdoorladen Le vieux Campeur ist dort auch mit gefühlt hundert Läden vertreten.

Da isse also. Notre Dame sieht, soweit man es von außen sehen kann, weniger schlimm aus als befürchtet. Nur abgesperrt ist jetzt überall. Gearbeitet wird und fotografiert wird natürlich trotzdem und vielleicht mehr denn je.

Auf der Ile St. Louis überraschte mich ein heftiges Gewitter, und das war der Beginn einer kleinen, kühlen Regenzeit. I love Paris when it drizzles sang ich dagegen an und kaufte mir zunächst einen Regenschirm. Ich erzählte Monsieur am Telefon von dem Gewitter, vor dem ich mich in ein Bistro rettete. Es beeindruckte ihn nicht, „denn stell dir vor, bei Roland Garros haben sie das Spiel von Federer und Wawrinka abgebrochen wegen eines schlimmen Gewitters“ rief mir Monsieur durchs Telefon zu, der seinen verletzten Fuß in mühsam erzwungener Ruhe vor dem Fernseher schont. „Ich weiß“, sagte ich und sah dem Kellner dabei zu, wie er einem davonfliegenden Sonnenschirm hinterherrannte, „es ist dasselbe Gewitter. Ich bin nämlich gerade in Paris.“ Aber ich war natürlich nicht bei Roland Garros, also war mein Gewitter uninteressant. Am nächsten Morgen, während ich zusah, wie die Schulkinder in der Grundschule gegenüber ankamen, gab es immerhin wieder kurz ein paar Sonnenstrahlen.

Flanieren in Paris bei kühlen Temperaturen und in zu sommerlichem Kleid ist wenig amüsant, ich fuhr also gern mit dem Bus, kam aber statt im Marais zunächst in Montparnasse an, fuhr dann mit der Metro wieder zurück.

(Das mit den unterschiedlichen Größen der Fotos habe ich noch nicht im Griff, in der Vorschau sieht dieses Rot-Grün-Nebeneinander so toll aus – leider nicht auf dem Blog, aber mehr Zeit habe ich jetzt nicht, um das anders zu basteln.)

Dann begann es zu regnen …

und ich ging gern immer irgendwo rein, in Passagen zum Beispiel, wie die Passage de Grand Cerf, die sinnigerweise mit Regenschirmen dekoriert war.

Und später entschied ich mich beim Falaffelrestaurant im Marais für das Restaurant, wo ich auf Anhieb einen Platz im Innern bekam, ohne noch zwanzig Minuten im Regen anstehen zu müssen. Die beiden gegenüberliegenden Falaffel-Restaurants liefern sich übrigens einen bösen Krieg. Ich habe noch nie bei As de Falaffel gegessen, aber gegenüber bei Mi-Va-Mi war das Sandwich und die Zitronenlimo köstlichst. Für 8 Euro kann man in Paris nicht billiger und besser essen. Also der Rahmen ist denkbar einfach, aber manchmal ist das ja egal. Da hat man nur Hunger und will raus aus dem Regen.

Später ging ich dann auch, weil ich gerade daran vorbeilief und es immer noch so regnete, spontan in das Musée Pierre Cardin. „Wollen Sie das Museum wirklich besichtigen?“ fragte mich eine der beiden Damen am Eingang, beide ganz in Pierre Cardin gekleidet (schwarz violett die jüngere, kamelhaarfarben die ältere), beinahe fassungslos. „Natürlich“, sagte ich, was war denn das für eine Frage an einem Museumseingang?!

Ich wollte eine halbe Stunde im Trockenen sein und vielleicht im Museumscafé einen Kaffee trinken und durch ein paar Modezeitschriften blättern. Das sagte ich natürlich nicht. „Es steht auf der Internetseite!“ sagte die kamelhaarfarbenen Dame streng. „Was?“, fragte ich. War ich etwa nicht gut genug angezogen für dieses Modemuseum? Musste man mindestens ein Teil von Pierre Cardin besitzen oder tragen, wenn man hier rein wollte? Nein, das Museum war im Prinzip schon geschlossen, und zwar endgültig. Es war der allerallerletzte Tag dieses Museums, das auf unbestimmte Zeit geschlossen und zumindest an diesem Ort zukünftig nicht mehr zu finden sein wird. „Na, dann erst recht“, lasse ich mich nicht abwimmeln. Ich wollte vor allem nicht wieder raus in den Regen. Sie glaubten aber nun, in mir, obwohl in ein namenloses Polka-Dots-Kleid gewandet und außerdem flach beschuht, einen außergewöhnlichen Fan von Pierre Cardin gefunden zu haben und erklärten mir ausführlich die einzelnen Säle, die mich erwarteten. Ich nickte ungeduldig. Ich wollte jetzt rein. „25 Euro“, sagte die Kamelhaarfarbene. Dafür dürfte ich dann auch Fotos machen, fügte sie gnädig hinzu. Ich konnte jetzt nicht mehr zurück. Ich wollte auch nicht handeln. Letzter Tag und so. Kann man da nicht ein Auge zudrücken? Nee, machte ich alles nicht. Ich legte ohne mit der Wimper zu zucken 25 Euro auf den Tisch und durfte dann hinein in die heiligen Räume. Was soll ich sagen? Irgendwie verstehe ich, dass das Museum schließt. Es ist alles etwas ärmlich, lieblos, vernachlässigt. Auf mehreren Etagen hundertmal oder mehr immer dieselben Schaufensterpuppen mit, ab den sechziger Jahren zumindest, immer derselben dämlichen Handgeste. Bekleidet immerhin mit manchmal verstaubten, manchmal verblassten Pierre Cardin-Modellen, von den fünfziger Jahren bis ich weiß es nicht. Ich kann mich nur an die sechziger und siebziger Jahre erinnern (manche der Kopfbedeckungen der Sechziger, die gingen heute nicht mehr, denke ich), diese kurzen Kleider, diese Farben und Formen, die lösen irgendwas in mir aus. Ich erinnere mich an die Kleidung meiner Mutter. Die Achtziger mit ihren riesigen Schultern lösen auch was in mir aus, so bin ich nämlich rumgelaufen. Also nicht in Pierre Cardin, schon klar, aber dieser Einfluss auf die Mode von Monsieur und vor allem Madame Toutlemonde, wie man hier sagt, der ist doch unverkennbar.

Das Museum hat viele Etagen, ich steige hinauf zu den abenteuerlichsten Abendkleidern und hinab bis ins zweite oder dritte Untergeschoss und dort in der hintersten Ecke stehen dicht an dicht wie in einem Partykeller (Darkroom denke ich eigentlich, aber so dunkel ist es gar nicht) alle Modelle, die sonst keinen Platz mehr bekommen haben.

Muss ich erwähnen, dass es natürlich kein Museumscafé gab und keine Modezeitschriften? Nur ein paar Bücher, ich blättere sie durch, und da ich mich als Deutsche geoutet habe, bekomme ich zum Abschied Pierre Cardins Biographie und zusätzlich einen Bildband in deutscher Sprache geschenkt. Als kleines Dankeschön für die vermutlich letzte Besucherin. Ich bin trotz allem gerührt, schüttele Hände und wünsche alles Gute, den Damen und dem Museum, und schleppe nun noch zusätzlich zwei Kilo Buch durch den Regen und zunächst bis ins nächste Bistro, wo ich mir einen Café gourmand gönne.

An der Straßenecke geht es in den Himmel, ich aber fahre zum Bahnhof.

Im Zug habe ich wieder zwei komfortable Plätze und kann die kalten, nassen und erschöpften Füße hochlegen, schon kurz hinter Paris scheint die Sonne, ich lese trotz Müdigkeit in „Herkunft“ von Saša Stanišić  das mich von der ersten Sekunde an fesselt, dieses zwischen zwei Kulturen sein, wird ja auch mehr und mehr zu meinem Thema, auch wenn man es nicht vergleichen kann, schon allein, weil ich mein Land aus freien Stücken verlassen und ohne Probleme in diesem Land bleiben konnte, und ich lese und lese und spüre nicht, wie müde ich bin. Toll. Klare Lese-Empfehlung!

Die Musik hatte ich schonmal verlinkt, ich weiß, sie passt aber gerade so gut.


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Zwei Tage in Paris

  1. Sunni sagt:

    Das war das Lied, mit dem ich meine Flugangst genau über Paris einschwebend verlor. Und abfliegend sang ich es wieder, ganz leise, während der nette Pilot eine Extrarunde flog, weil es so tolles Wetter war und bestimmt, weil wir es geschafft hatten, 3 Tage voller Glück und Leben in Paris zu sein. Nie wieder habe ich mich so leicht und glücklich und traurig zur gleichen Zeit gefühlt, wie in diesem Flugzeug im Abendsonnenschein Abschied nehmend…

  2. Marion sagt:

    Ach Paris, da war ich schon viel zu lange nicht mehr. Das letzte Mal für ein (verunglücktes) Rendezvous. Damals habe ich in einer Galerie auch ein Buch (eines modernen spanischen Künstlers) geschenkt bekommen, da die dachten, ich sei die „Madame“… :-)

  3. Mumbai sagt:

    Ich besuche jedesmal Museen wenn ich in eine Stadt komme. Einfach faszinierend und
    fuer mich auch entspannend, wie in einer anderen Welt. Doch das Cardin-Museum ist
    wirklich heruntergekommen, schade, denn es sind viele tragbare Kleider darunter,
    soweit ich es auf den Fotos erkennen konnte. Hoffe, Paris war trotz Regen die Reise
    wert.