Poupette oder WmdedgT

Heute morgen um sechs Uhr zieht Monsieur die Badehose an. „Kommst du mit?“, fragt er, er geht kurz schwimmen, aber ich bin noch zu müde, der gestrige Tag war anstrengend, ich hatte dennoch Mühe einzuschlafen und komme jetzt kaum zu mir. Viel Zeit habe ich dennoch nicht, wir müssen noch viel vorbereiten. Gestern ist meine Schwiegermutter gestorben. Poupette nannten sie alle, Püppchen, ein Name aus Kindertagen, der ihr geblieben ist. Sie ist in der Nacht von vorgestern auf gestern friedlich entschlafen. Sie wollte nicht mehr. Kurzzeitig hatte der Aufenthalt im Altersheim, mit dem Rhythmus, den man ihr dort vorgab, sie etwas dynamisiert, und wir dachten, es gehe wieder aufwärts und sie würde vielleicht doch noch hundert oder wenigstens 99 im nächsten Monat, aber schon bald war ihr das alles zu viel. „Ich hoffe, es sind nicht die Medikamente, die mein Leben verlängern“, sagte sie. Sie aß kaum noch etwas und wurde immer schwächer. Es gab Momente, in denen sie Monsieurs Hand hielt und wieder Kind war, mit ihren Eltern sprach und liebevoll Monsieurs Hand drückte, für wen auch immer sie ihn hielt. Dann gab es Tage, da sah sie Bischöfe überall, und an manchen Tagen war sie abwesend und hatte diesen leeren Gesichtsausdruck. Die meiste Zeit aber, verwirrt oder nicht, war sie sehr aggressiv, was den Umgang mit ihr nicht leichter machte. Aber es ging dann doch dem Ende zu; alle besuchten sie noch einmal und alle gingen mit besorgtem Gesicht davon. Ob es wohl das letzte Mal war, dass man sie gesehen hat? Die letzten zwei Tage hatte sie schreckliche Gesichtszüge, „sie sah aus wie tot“, sagte Monsieurs Tochter. Und jetzt, wirklich tot, sieht sie entspannt aus, fast lächelnd. Monsieur ist erleichtert, sie so friedlich zu sehen.

Am Montag schon wird sie auf dem Friedhof in einem Dorf in den Pyrenäen im Grab ihres zweiten Mannes beigesetzt. Dies war eine Entscheidung, die sie, wie so viele andere, plötzlich getroffen hatte, schon mit halbverwirrtem Kopf und eigenartigen Assoziationen. Sie hielt ihren Sohn (Monsieur) plötzlich für ihren ersten Mann, vom dem sie sehr unfriedlich geschieden ist. „Ich bin geschieden von diesem Cazon“ sagte sie wütend zu Monsieur. „Ich habe mit den Cazons nichts mehr zu tun. Ich bin eine L. Ich habe hier keine Familie!“ Dieses Beharren auf „sie habe hier keine Familie“, nachdem Monsieur und seine Tochter sich seit Jahren wirklich aufopfernd um sie kümmern, hat die Familie hier nicht so sehr froh gestimmt. Aber die „andere“ Familie war bereit, sie in das dortige Familiengrab mit aufzunehmen und nun ist es so. Wir fahren also in die Pyrenäen, eine weite Reise bei sengender Hitze und beginnenden Sommerferien. Außer der engen Familie nimmt niemand diese Strapaze auf sich. Um ihren Freunden, Bekannten, Nachbarn, immerhin hat sie fast ihr ganzes Leben in Cannes gelebt, und natürlich auch der entfernteren Familie hier, eine Möglichkeit des Abschieds zu geben, versuchten wir, kurzfristig etwas zu realisieren. Seit gestern vormittag geht hier ununterbrochen das Telefon. Dass wir heute um 15 Uhr die Kapelle in der Trauerhalle und eine Dame bekommen können, die befugt ist, Poupette zu segnen, wussten wir definitiv erst gestern Abend. Dann riefen wir wieder alle Menschen an (und, kleiner Vorgriff: trotz der Kurzfristigkeit und der Hitze kamen so viele!).

Heute morgen um 9 Uhr bestellen wir ein Blumengesteck, kaufen Rosen zusätzlich auf dem Markt, damit jede(r) eine Rose auf ihren Sarg legen kann, ich lasse ein Foto von ihr vergrößern, wir haben eine schönere Bluse für Poupette ausgewählt und bringen sie zum Beerdigungsinstitut, damit man sie ihr noch anzieht. Ich kaufe im Tiefkühlsupermarkt und beim Bäcker Süßes und Salziges für den späteren Umtrunk auf der Terrasse. Dann räume ich schnell und in groben Zügen die Wohnung auf, N., meine Freitagshilfe putzt, und sie säubert auch die Terrasse und Tische und Stühle draußen. Zwischendurch erklären wir am Telefon den Weg zur Trauerhalle und das Prozedere, ich gebe am Telefon der Dame Auskunft, die Poupette auf dem Friedhof in den Pyrenäen segnend begleiten wird. „Ich kenne sie gar nicht, was war sie für ein Mensch?“ Exceptionnelle, höre ich mich sagen, exceptionnelle et courageuse. Und ich singe ein Loblied auf meine Schwiegermutter, die eine außergewöhnliche Frau war: mutig, modern, gesellig und lebensfroh. Die als junge Frau Autorallys gefahren ist, Chemieingeneurin war und mit ihrem ersten Mann Parfums hergestellt hat – Parfums aus einer anderen Zeit, und ein Unternehmen, das die Konkurrenz der neu aufkommenden Supermärkte und deren Politik des „billigen“ Preises nicht verkraftet hat. Später hat sie sich scheiden lassen, ihre Familie hat es ihr übel genommen, Scheidungen waren in der katholischen Bourgeoisie nicht erlaubt. Sie hatte danach keinen Pfennig Geld und hat viele Jahre an einer Privatschule Mathematik unterrichtet (heute haben zwei Herren, die sie unterrichtet hatte, noch darüber geklagt wie unerbittlich sie als Lehrerin war). Dann hat sie ihren zweiten Mann geheiratet, den einzigen Mann, den sie geliebt habe, wie sie einmal sagte. Leider ist er früh verstorben, aber ein paar Jahre hatte sie mit ihm verbringen können. Ich erzähle und erzähle, dass sie autoritär war, und niemand, den man freudig umarmt, die aber doch eine enge Beziehung zu ihren Enkeln (Monsieurs Kindern) hatte, die sich beide wirklich in einer Innigkeit und Liebe um sie gekümmert haben, die ich wiederum exceptionnelle finde. Außerdem hatte sie unzählige Freunde und Freundinnen in den unterschiedlichsten Vereinen, die sich gern um sie versammelten, denn sie organisierte Ausflüge, Picknicks und Feiern und sie lud immer auch sehr gerne zu sich ein.

Schon ist es zwölf Uhr. Alles, was ich erzählt habe, schreibe ich schnell noch einmal auf, mit dem who is who der Familie, Namen und Eckdaten, für die Dame, die die heutige Zeremonie vornehmen wird und die auch nichts von Poupette weiß. Monsieur korrigiert meinen Stil und meine Fehler, dann will er essen. Es ist 13 Uhr und in einer Stunde sollen wir schon in der Trauerhalle sein.

Es gibt daher nur schnelle Tiefkühlpaella und Eis, danach eilen Monsieur und der Rest der Familie schon zur Trauerhalle. Ich bereite ein bisschen den Umtrunk vor, werfe eine Tischdecke über den Plastiktisch, suche Servietten, Gläser (immer sind Gläser staubig und matt, wenn ich sie zur Hand nehme, und ich spüle schnell 12 Kristallgläser von Hand und 8 andere ebenso), dann dusche ich noch einmal, ziehe mich um und fahre auch los.

Um Viertel nach zwei bin auch ich in der Trauerhalle. Viele Menschen kommen, man stellt sich vor, umarmt sich, weint, manche wollen Poupette noch einmal sehen. Ich auch. Sie sieht schon sehr verändert aus, aber friedlich, ganz leicht geschminkt, ihre Bluse und der Blumenschmuck passen wundervoll zusammen: Rosa, Weiß und verschiedene Rottöne. Die Andacht (15 Uhr) mit der Segnung wird von einer unkonventionellen Dame geführt, die angenehm locker ist, die die richtigen Worte findet von Liebe und Verzeihen. Es tut gut, einmal nicht die üblichen Worthülsen, wie sie in der katholischen Kirche in Frankreich noch sehr üblich sind, zu hören. Sie bezieht auch die muslimischen Anwesenden ein, alle die glauben und auch die, die nicht glauben. Es ist feierlich und würdig, aber nicht pompös, vielleicht hätte Poupette gerne mehr Weihrauch und einen Bischof gehabt, nachdem Bischöfe so oft durch ihre Fantasie gegeistert waren, aber es war eine Zeremonie, aus der zumindest ich lächelnd hinausgegangen bin.

Es ist 16 Uhr. Wir danken allen, die gekommen sind und laden zum Umtrunk zu uns ein. Etwa zwanzig werden wir, sitzen im nachmittags schattigen Innenhof und trinken die letzten drei Flaschen Champagner aus dem Keller von Poupette: à Poupette!

Später fahre ich die eine oder andere Cousine und Freundin nach Hause, Monsieur ruht sich aus. Ich schreibe diesen Text. Danke, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich reihe diesen Text ein in die „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“-Serie bei Frau Brüllen. Dort finden Sie auch alle anderen Tagebuchblogger.


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14 Kommentare zu Poupette oder WmdedgT

  1. Mumbai sagt:

    ein trauriger Anlass, aber von Ihnen exceptionnelle beschrieben. Jede Reise hat mal
    ein Ende und Madame Poupette hatte ja eine schoene und lange Reise, was fuer die
    Hinterbliebenen sehr troestlich ist. Ihnen und Monsieur wuensche ich aber eine gute
    und sichere Reise zu den Pyrenaen.

  2. Eva sagt:

    Meine Liebe,
    ich schicke Grüße und Gedanken….
    Eva (&Tibor)

  3. dramatische Ereignisse…. Vor ca. sechs Wochen ist mein Schwiegervater auch verstorben, aber ganz so heftig war es zum Glück nicht. Alles Gute und viel Kraft aus Köln
    Jürgen

  4. Sunni sagt:

    Was für ein Tag und wie speziell der Weg dahin und durch ihn hindurch. Chapeau, Madamme! Groses Bises! Sunni

    • dreher sagt:

      Dankeschön. Die Hauptarbeit, auch am Vortag, haben Monsieur und seine Tochter geleistet. Das war wirklich ein Telefon-, Entscheidungs-, und Organisations-Marathon, den beide, unter Tränen bravourös geleistet haben. Der Chapeau gebührt ihnen und ich gebe ihn weiter.

  5. Croco sagt:

    Danke sehr für das Erzählen dieses Tages.

  6. Je l’aime, je l’aime beaucoup!
    So schön, obgleich so traurig.