Morgens Fango abends Tango

Gerade habe ich meinem Nachmittagskaffee beinahe komplett auf die gelbe Markise des unter mir liegenden Hotel-Restaurants geschüttet. Der Rest schwimmt auf dem Tischchen und dem Fußboden des kleinen Balkons. Nur schwer kann ich mich aufraffen, um zumindest die braune Brühe auf dem Balkon mit Kleenextüchern aufzuwischen. Das Gefühl der Peinlichkeit wegen des braunen Flecks auf der Markise unter mir stellt sich auch kaum ein. Ich fühle mich schwer und bin etwas müde. Ich mache meine erste Kur. Der Rücken und die Knie. Eigentlich wollte ich nur Monsieur zu seiner Mini-Kur (Rheuma) begleiten, entschied mich dann kurzerhand für diese Mini-Kur für Rückenschmerzen. Sie heißt wirklich so. Mini-Cure Mal de dos. Deswegen habe ich wohl noch stärkere Rückenschmerzen als vorher. Das wird sicher noch besser, es ist ja erst der zweite Tag. Gestern morgen um 7 Uhr haben wir in Windeseile die Formalitäten erledigt, Arztbesuch, Kureinschreibung, Anwendungsplan und um Viertel nach Neun gings schon los.

Da sage noch einer die Franzosen seien nicht effizient. Effizienter und freundlicher habe ich es in Frankreich noch nirgends erlebt. Und sauber. Das muss ich wirklich erwähnen. Denn auch wenn ich es ungerne sage, so hat das städtische Schwimmbad Montfleury in Cannes damit so seine Schwierigkeiten: schon im ersten Jahr schwarze Schimmelflecken in den Fugen und die waren auch nach der Generalreinigung, für die das Schwimmbad drei Tage geschlossen war, nicht verschwunden. Die Türen der meisten Umkleidekabinen schließen nicht und viele Spinde sind schon seit der ersten Saison kaputt. Eine Saison lang machte ich Wassergymnastik im Fünf-Sterne-Etablissement Les Thermes, man hopst dort mit atemberaubenden Blick im Meerwasserschwimmbad herum, darf danach noch den Sonnenuntergang im Jacuzzi auf der Terrasse genießen oder in der Sauna und dem Haman schwitzen, das alles zu einem etwas überteuerten Preis (Cannes, der Blick und weil wir es uns wert sind), und auch dort wackelt nach der dreitägigen Schließung noch immer die erste Stufe, so dass man beinahe ins Becken stolpert, und es rostet hier und schimmelt da. Das ist natürlich der deutsche Blick. Den versuche ich tapfer abzulegen, aber es ist nicht immer einfach. Im städtischen Schwimmbad ist der Service zusätzlich unterirdisch schlecht. Unfreundlich und lustlos. Unverschämt lustlos, ich habe keine Lust auf Details, aber ich ließ meine Zehnerkarte verfallen. In den Thermen ist es zumindest freundlich, Sie wissen schon, diese aufgesetzte Freundlichkeit, Madame hinten und vorne. Nervig, ein bisschen. Hier jetzt ist es superfreundlich, alle, die Damen und Herren am Empfang, der Herr, der die Bademäntel ausgibt, der der die feuchten Handtücher einsammelt, die Bademeisterinnen, die Hilfskräfte  – ich fasse es nicht, wie freundlich sie sind und wie hilfsbereit sie auch dem zigtausendsten Rentner, der im feuchten Bademantel und mit lustigem Duschhäubchen herumirrt, den Weg zum Thermalbad mit dem reizenden Namen Verveine oder dem Anwendungsraum Laurier weisen.

Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr vormittags werden im fünfminütigen Abstand jeweils 24 Personen eingelassen. Die haben dann einen durchgetakteten Parcours zu erledigen. Das ganze erfordert eine gewisse geistige Beweglichkeit und körperliche Dynamik. Trotz Rheuma und alledem. Man wundert sich, dass alles so gut klappt, denn man muss sich aus- und den Badeanzug anziehen, die Klamotten abgeben, Bademantel und Handtücher abholen, man darf sein Heftchen nicht vergessen, in dem abgehakt wird wo man war, sein Duschhäubchen nicht vergessen, sonst darf man nicht ins Wasser undsoweiter. Während die ersten Wassergymnasten hinten aus dem Thermalbecken gehen, kommen von vorne schon wieder die nächsten rein. Danach geht es zu den Anwendungen, dem Schlammbad oder was auch immer. Alles ist gut ausgeschildert und doch verirre auch ich mich immer wieder. Aber an jeder strategischen Ecke steht jemand und schickt einen nach rechts oder links oder geradeaus und am Ende zweimal links. Ich verirre mich, weil ich vor und zwischen jedem Termin „muss“. Sie verstehen schon. Nicht nur, weil ich sowieso im halbstündigen Rhythmus und kaum habe ich einen Fuß im Wasser, „muss“, sondern weil der Kurarzt befand, ich müsse zusätzlich etwas entwässern. Ich schütte jetzt also eine Mischung aus Löwenzahn und ichweißnichtwas in mein Mineralwasser und nun „muss“ ich noch öfter. Ich weiß schon warum ich nicht ausreichend trinke. wenn ich so viel tränke, wie sie einem alle immer einreden wollen, dann verbrächte ich meine Tage ausschließlich auf dem Klo. Online-Pipi. So sause ich also vor dem Thermalbad und danach und zwischen den Schlammumschlägen im Anwendungsbereich Laurier und dem Bain générale de Boue , dem Schlammbad, immer nochmal irgendwo aufs Klo und schon weiß ich nicht mehr wo ich bin. Alles sieht gleich aus, hellgekachelte Gänge, Säulen, schicke Plexiglasstühle und unendlich viele Menschen in hellen Bademänteln und Duschhäubchen.

So weit war ich gestern. Heute am dritten Tag bin ich immer noch genauso erschöpft und tut mir immer noch alles weh. Ich habe solche Rückenschmerzen, dass ich nachts davon träume. Ich weiß nicht, ob das so soll? Ich vermute der Effekt einer Kur ist, dass man froh ist, wenn sie vorbei ist und man den gewohnten Alltagsschmerz wiederfindet, mit dem man sich dann arrangiert. Ich mache eigentlich nichts besonderes. Ein bisschen Wassergymnastik im warmen Thermalwasser (20 Minuten), ein paar Massagedüsen (zehn Minuten), heiße Umschläge mit Thermalwasser und Schlamm (zehn Minuten) und herumfläzen im Schlammbad (zehn Minuten). Das Schlammbad ist nicht etwa ekliger dicker schwarzer Schlick, sondern eine appetitliche milchkaffeefarbige Creme, in der man aus physikalischen Gründen, die wir nicht verstehen, eine eigenartige Leichtigkeit hat und herumflutscht wie ein Korken. Dort hängt man mit bis zu zwölf anderen herum und versucht, nicht zu viel zu zappeln und nicht zu ertrinken und sagt außerdem höflich bonjour, wenn man eintaucht und au revoir, wenn man die Kaffeecreme wieder verlässt. Frankreich eben. Danach dusche ich den hellen Schlamm ab und ist es halb elf und ich bin erledigt. Für den klassischen Curiste ist damit das Tagwerk erledigt.

Er geht essen, ruht sich aus, schläft, gönnt sich nachmittags vielleicht ein fettes Eis (es gibt überdurchschnittlich viele Eisdielen in dem kleinen Ort!), geht, wenn er gehen kann, am Ufer des Verdon spazieren oder spielt irgendwo Boule. Da ich aber vom Kurarzt als dynamischer als der Durchschnitt eingeschätzt wurde (ich senke das Durchschnittsalter, der Altersdurchschnitt der Kuristen liegt nach meiner Schätzung bei 70 Jahren) darf ich auch nachmittags noch etwas tun. Nochmal Wassergymnastik, halbe Stunde jetzt und sehr dynamisch und nochmal Massagedüsen. An anderen Tagen Pilates oder Rückengymnastik oder Massagen. Danach will ich nicht mal mehr fernsehen. Geschweige denn an einen Tanzabend teilnehmen. Denn das gibt es natürlich auch. Ball der einsamen Herzen. Hier kuren erstaunlich viele Paare zusammen, aber viele Herren und Damen sind auch solo. Nachmittags alleine in den Thermen, wurde ich schon angesprochen. Der Franzose ist auch angealtert und im rheumatischen Zustand noch ein Anmacher. Monsieur hätte ursprünglich gern nachmittags irgendwo Bridge gespielt, gibts aber in der Nachsaison nicht mehr. Ich glaube, er ist jetzt tatsächlich ganz froh, dass er so nichts mehr machen muss. Nicht mal Bridge spielen. Monsieur schläft, ruht und liest, erzählt mir hin und wieder was es Neues gibt (den Saudi-Arabien-Konflikt) und wartet ansonsten auf das nächste Essen. Ich hingegen raffe mich nachmittags nochmal auf zur Wassergymnastik.

So komme ich natürlich nirgendwo hin. Was habe ich mir vorher alles für Ausflugsziele angesehen! Jetzt lese ich stattdessen in Manfred Hammes Reiseverführer, erfahre bei ihm geradezu erleichtert, dass Manosque nur bedingt sehenswert ist, und seine Informationen über Jean Giono sind fundiert und reichen mir. Manosque wird also nicht besucht. Auch nach Valensole muss ich nicht. Die Hochebene von Valensole ist bekannt für die Lavendelblüte, diese riesigen violetten Felder, die auf jeder Provencepostkarte zu sehen sind und die ich in vierzehn Jahren Südfrankreich noch nie live gesehen habe. Jetzt sehe ich sie auch nicht. Die Blütezeit des Lavendel ist für dieses Jahr vorbei. Bleiben wir also in Gréoux-les-Bains. Da sind wir nämlich.

Gréoux-les-Bains ist ein winziges Städtchen mit Heilquellen und lebt überwiegend vom Kurbetrieb. Gréoux ist so klein, dass man eigentlich alles zu Fuß machen kann. In einer Stunde haben Sie sicher alles gesehen, einschließlich des Verdon und der Thermen. Wenn man gut zu Fuß ist, zumindest. Die meisten Curistes kommen aber wegen Rheumaleiden und sind zu Fuß weniger fit. Das Städtchen hat daher überall riesige kostenfreie Parkplätze und jedes Hotel hat zusäzlich kleine Shuttle-Busse, um die Gäste zu und von den Thermen zu transportieren. Egal wie fit sie sind, nach der vormittäglichen Kur wuseln die älteren Damen und Herren aufgeregt durch die Straßen, sie sind sich ihrer Wichtigkeit für den Ort durchaus bewusst, es ist beinahe wie in Lourdes, wo die Pilger absolute Priorität haben und sich, gewiss, dass Gott und Bernadette ganz nah sind, achtlos in den Straßenverkehr werfen. Gott und Bernadette werdens schon richten.

Gréoux ist nicht besonders reizvoll, es gibt einen schönen Kurpark, ein kleines Casino und die zusammengedrängte Altstadt wird von einer Templerburg überragt, zu der man über viele Treppchen hinaufsteigen kann.

Reizvoll hingegen sind die alten Aufnahmen, die überall im Städtchen hängen und den Ort zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen. Viel mondäner ging es aber auch damals nicht zu. Das seinerzeit vermutlich legendäre Hotel Le Grand Jardin liegt heute traurig und geschlossen am Ende des Kurparks.

So, ich schicke Ihnen schon mal meinen Kurbericht der ersten Hälfte. Drei Tage habe ich noch. Da schaffe ich vielleicht auch die Fotos noch einzustellen. Bleiben Sie dran!


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Kommentare zu Morgens Fango abends Tango

  1. Ursula Weber sagt:

    Na, dann wünsche ich euch einen guten Kurerfolg!!! Liebe Grüße, nicht verzagen, die Besserung tritt oft nach der Kur erst ein 😘🍀🌹🙋

  2. Christine sagt:

    Vielen Dank für den amüsanten Bericht! Ich habe mich gleich an meine Reha Zeiten zurück erinnert.
    Die Anmerkung zu den Schwimmbädern in Frankreich kann ich nachvollziehen. Wir waren im Sommer in Talloires am Lac d’Annecy. An sich ein sehr schöner kleiner Ort mit erstklassigen Restaurants, aber die Sanitäranlagen im Freibad sind grausig… Hier werden halt wieder andere Prioritäten gesetzt ;-)

    Gute Erholung, Christine

    • dreher sagt:

      Genau, andere Priorität ist das Essen! Hier etwa ein ausgezeichnetes Diätessen! Danke für die Wünsche!😊

  3. lihabiboun sagt:

    Hach, auch Sie in der Kur, Frau Kaltmamsell war dieses Jahr ebenfalls in der Provinz deswegen (siehe hier: http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2019/07/journal-dienstag-2-juli-2019-anreise-zur-reha-und-erste-schritte.htm).

    Ich wünsche „bon rétablissement“ und guten Mut! Mehr Tango als Fango!

    • dreher sagt:

      Merci ! Wir tun, was wir können💃 Ich habe den Link zur Kaltmamsell korrigiert, er ging nicht. Dort gerade gelesen. Merci auch dafür.

  4. Sunni sagt:

    Oh, eine Kur…Nun. Ich sage: Normales Verhalten, und es wird so weiter gehen. Wenn denn ein Erfolg, dann erst später. Manosque ist nicht so übel, aber die Hochebene bei Valensole ist schon sehr schön, vielleicht jetzt noch schöner als in der Blütezeit. Ihnen noch gute Tage, und die Pippi-Sache ist eine allgemeine Erscheinung. Da reicht der Anblick von Wasser schon, es muss nicht mal rauschen…:-))) Bis bald! Sunni

  5. Tina Kolbeck sagt:

    Ha, ich war letztes Jahr am Starnberger See zur REHA, auch wegen Rücken. Hat mir sehr gut getan, wünsche dir auch alles Gute!

  6. Martina sagt:

    Liebe Christiane
    Irgendwie verstehe ich diese Kuren nicht. Alle scheinen im Gänsemarsch dasselbe zu machen, aber eigentlich hängt eine Kur doch davon ab, was das Problem ist. Wenn man z.B. irgendeine Form von Entzündung im Rücken hat (was schnell geht, wenn man zu viel und zu lange sitzt), ist Wärme gar nicht gut.
    Außerdem haben Ihre Rückenmuskeln wahrscheinlich einen Muskelkater, denn wenn Sie plötzlich viel mehr als in Ihrem normalen Alltag Pilates, Wassergymnastik, Rückengymnastik usw. machen, bleibt das nicht aus. Wie der Rheinländer sagt: Muskelkater ist fies und klar ist dann auch, dass es allen einige Zeit nach der Kur wieder besser geht.
    Gute Besserung für Ihren Rücken.
    Martina

    • dreher sagt:

      Ja, ich habe auch Bedenken – in der Zwischenzeit sind wir wieder zuhause und ich will versuchen, meine abschließenden Eindrücke bald zu liefern. Noch tut mir alles weh. Danke für Ihre Wünsche!

  7. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Hallo Christiane, das ist die Idee. Meine letzte Reha war in Bad Pyrmont. Die Provence wäre natürlich weit aus besser. Den kranken Rücken habe ich auch. Nach über 40 Jahren in der Krankenpflege nur normal. Aber bei deiner sitzenden Tätigkeit wohl auch. Die Lavendelblüte solltest du dir mal ansehen. Schon ist da auch die Gegend rund um den Mont Ventoux. Da wächst der lavendel fein, auf dem Plateau de Valensole der viel größere Lavandin, eine Kreuzung. Schöne Grüße aus dem Norden Deutschlands, Elli

    • dreher sagt:

      Danke Elli! Ich weiß nicht, ob du dir eine Kur in der Provence verschreiben lassen kannst, aber als Selbstzahler geht es sicher. Falls dich das wirklich interessiert, schau mal auf https://www.chainethermale.fr/
      Alles Gute für den Rücken und liebe Grüße!

      • Eleonore Braun-Folta sagt:

        Danke für den Link. Hört sich gut an und die Preise sind in Ordnung. Anstatt Ferienhaus ein Kurhaus. Das bespreche ich mal mit meinem Mann. Und die Gegend am Verdon ist einfach toll. Waren da schon öfter
        Nochmals Schöne Grüße

        • dreher sagt:

          Es gibt dort auch Ferienwohnungen, Hotels in allen Preisklassen und sogar feste Unterkünfte auf dem Campingplatz. Ich war aber froh, nach den Anwendungen nicht auch noch einkaufen und kochen zu müssen. Liebe Grüße!

  8. Gréoux nicht reizvoll? – ich ‘s selbst im Januar superschön!!!lHier gibt es noch mehr Impressionen:
    https://meinfrankreich.com/greoux-les-bains/