Morgens Fango abends Tango Teil 2

Am dritten Tag hätte sich Monsieur gerne dem Grüppchen angeschlossen, das mit dem Shuttle-Bus zu den Thermen gefahren wird. (Jedes Hotel und sogar der Campingplatz bieten Fahrdienste an!) Aber wir waren nicht angemeldet – denn wir hatten die ersten Tage entschieden, dass wir natürlich laufen werden. Es ist wirklich nicht weit, und es geht morgens bergab. Mittags aber geht es bergauf und wir sind erschöpfter als wir glaubten. Zurück lassen wir uns daher zum ersten Mal fahren und von nun an nutzen wir den Shuttle-Bus in beide Richtungen.

Es sind viel mehr Menschen in den Thermen unterwegs als ich anfangs glaubte. Wir stehen ja nur am Rheuma-Eingang. Es gibt genauso viele Curistes für die Atemwege und der Kurbetrieb beginnt schon um sechs Uhr morgens. Nachmittags gibt es auch Termine und sogar abends. wir machen beide nur eine Mini-Kur von einer Woche, die wir selbst bezahlen und sind daher ein bisschen privilegiert, das habe ich jetzt verstanden. Uns hat man gefragt, um wieviel Uhr wir beginnen wollen und uns dann entsprechende Anwendungen zugewiesen. Wir sind nicht immer zusammen unterwegs, aber das ist ja nicht schlimm. Der klassische Kurgast, der seine 18 Tage dauernde Kur verschrieben bekam, bekommt seine Zeiten zugewiesen. Das können dann durchaus zu Hoch-Zeiten im Kurbetrieb (der September gilt als eine solche!) auch unbequeme Zeiten sein, sehr früh morgens oder nachmittags. Weshalb er bereits die Kur im nächsten Jahr plant und dafür schon jetzt die Zeiten reserviert, die er für die Anwendungen gerne hätte. Man kann allerdings auch einen „First Class-Service“ dazubuchen. Kleiner Aufpreis, dafür bekommt man in einem kleineren und etwas schickeren Thermalzentrum (sogar das Toilettenpapier ist luxuriöser!) einen personalisierten Service: man irrt nirgends herum und muss nicht Schlange stehen, man wird immer begleitet, kommt sofort dran und wird wieder abgeholt. Außerdem ist es dort nicht so voll. Für den einen oder anderen im Getümmel überforderten älteren Curiste wäre das eine gute Alternative. Ich habe meine Nachmittagstermine im „Service premier“ daher weiß ich, wie es dort läuft.

Wir sind aber sonst im Service Standard und heute, am fünften Tag, habe ich erstmals mein Thermalbecken Marjolaine für das Bewegungsbad um 9.15 Uhr ganz alleine gefunden. Und ich war nicht zu spät. Anders als Monsieur, der sein Heftchen in der Umkleide vergessen hatte und zurück musste. Später vergaß er es nochmal bei den heißen Umschlägen. Die Kur IST anstrengend. Die Bademeisterin um 9.15Uhr ist jung und nett, aber ich verstehe sie nicht. Für mich spricht sie italienisch oder vielleicht auch serbokroatisch und streut hin und wieder ein französisches Wort ein. Ich folge also nur ihren Bewegungen, die sie immer wieder zeigt. Ich bin größer als der durchschnittliche Franzose und muss immer meine Knie beugen, damit die Schultern unter Wasser sind. Monsieur geht das Wasser im Becken sogar nur bis unter die Brust. Wenn wir Streckübungen quer zum (schmalen) Becken machen, berührt Monsieur mit der Hand die eine Beckenseite und mit dem Fuß die andere.

So. In der Zwischenzeit sind wir wieder zuhause und ich versuche mich zu erinnern, wie es weiterging. Am Ende des 5. Tages gab Monsieur auf. Er war frustriert und erleichtert gleichermaßen. Frustriert, dass ihn die Anwendungen so mitnahmen, und man so viele deutlich ältere Menschen munter durch die Gänge laufen sah. Wie schaffen die das? Erleichtert, dass er den letzten Tag einfach im Bett lesend verbringen durfte. Die schrecklichen Knieschmerzen, die ihn am fünften Tag heimsuchten, so dass er dachte, er werde nie wieder laufen können und müsse sofort operiert werden, verschwanden dann auch fast sofort wieder. Nein Monsieur ist kein Hypochonder, also zumindest nicht, wenn es schlimm ist. Bei Halsschmerzen macht er, wie ich finde, gerne ein bisschen Drama, dass er während der Kur Herzrhythmusstörungen bekam, hat er mir zunächst verschwiegen. Ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich so toll ist mit den Kuren, eine Kommentatorin fragte das auch kritisch. Vielleicht war auch die komprimierte Mini-Kur nicht wirklich geeignet. Außer dem Rat, wenn man unerwartet Schmerzen habe, solle man die Bewegungen im Wasser nicht mitmachen und einem lapidaren „Wenn irgendwas ist, kommen Sie zu mir“, gab es vom Arzt keine besonderen Anweisungen. Monsieur und ich bekamen die gleichen Anwendungen, dabei machte ich eine Rückenkur und Monsieur eine für Rheuma. Gut, wir hatten die heißen Umschläge an anderen Körperstellen, aber sonst … Ich bekam zusätzlich in einem Rücken-Atelier Unterweisungen, die vor allem darin bestanden, die in Frankreich jahrzehntelang übliche Praxis: „Wenn man Rückenschmerzen hat, hört man auf sich zu bewegen, geht zum Arzt, nimmt Medikamente und ‚“lässt sich helfen'“ in ein „Wenn man Rückenschmerzen hat, bewegt man sich weiter und überhaupt versuchen wir jetzt mit Eigeninitiative die Rückenschmerzen zu verhindern“ zu verwandeln. Das staatliche Gesundheitswesen hat dazu auch eine Kampagne laufen. Rückenschmerzen seien nicht schlimm, sagt da eine Stimme, „ce n’est pas grave“ – wir sollen einfach weiter mobil bleiben.

Rückenschmerzen sind vielleicht nicht „schlimm“, aber weh tuts schon, sage ich und das Bewegen ist nicht immer einfach. Gerade die älteren Kurgäste finden es auch sehr unbequem, dass sie jetzt selbst jeden Tag Muskelstärkende Rückengymnastik machen sollen und nicht mehr Krankengymnastik und Massagen verschrieben bekommen. Der sportliche Rückentrainer gab uns drei mal drei kleine Bewegungen mit auf den Weg und empfiehlt ansonsten „viel Laufen“, einen Schrittzähler und einen großen Ball. Im Moment habe ich noch mehr Schmerzen als vor der Kur. Ich weiß, ce n’est pas grave und natürlich bewege ich mich trotzdem. Wir beobachten das.

Wir hatten Vollpension gebucht, aber das Hotel kooperiert mit dem Kurbetrieb und es gab mittags und abends zwar sehr feine und dekorative Nouvelle Cuisine, aber sie war sehr leicht und den immer sehr hungrigen Monsieur stellte die Menge der Drei-Gänge-Menüs nicht zufrieden. Der alte Kalauer, „wie war das Essen?“ „Überschaubar“ fiel mir bei seinem verzweifelten Blick auf die kleinen Portionen auf dem großen Teller immer ein. Als wir einen Nachmittag gemeinsam in Gréoux unterwegs waren, fiel Monsieur heißhungrig in eine Bäckerei ein und hatte schon beim Hinausgehen ein süßes Stückchen vertilgt.

Zweimal waren meine Nachmittagsanwendungen so früh, dass ich danach doch noch etwas unterwegs sein konnte. Einmal spazierte ich am Verdon entlang und das war wirklich schön! Es gibt dort drei verschiedene Wege, einen breiten asphaltierten für Fahrradfahrer und die, die weniger gut zu Fuß sind, eine Art Waldpfad mit Trimm-Dich-Geräten und einen kleinen Pfad auf den Kieseln direkt am Ufer des Verdon entlang. Dort kann man schön die Füße in den Fluß strecken und in die Spätsommersonne blinzeln. Man kann natürlich auch auf Bänken entlang der Wege sitzen oder an Picknicktischen. Und das machen auch ganz viele. Aber es war dennoch nicht überlaufen und ich fand es sehr idyllisch mit all den dort spazierenden, lesenden, strickenden, dösenden und (natürlich) Entenfütternden Menschen.

Am letzten Kurtag regnete es und es war großes Thema in den Thermen, denn auch für Sonntag, Abreisetag für viele, war Regen angesagt. Katastrophe! „Faites bien attention sur la route!“ Schön aufpassen auf der Straße, gab mir die junge Frau bei den heißen Umschlägen zum Abschied mit. Es kränkte mich ein bisschen, dass Sie mir diesen Satz sagte, als sei ich eine der wegen des Regens aufgewühlten alten Dame. Aber na gut, es waren Fließband-Anwendungen und es gab Sätze am Fließband. Nach einer abschließenden nachmittäglichen wundervollen Rückenmassage und dieses Mal dem eindringlichen Rat, „faites bien attention a vous!“ dass ich schön auf mich aufpassen solle, fahre ich trotz Regen Richtung Valensole. Kein blühender Lavendel, natürlich nicht, aber eine sehr nette Strecke und ein sehr französisches Dorf mit riesigen Platanen, die noch nicht einer Gehweg- oder Straßenbegradigung zum Opfer gefallen sind (krank sind sie, wie fast alle Platanen in Frankreich allerdings schon).

Allerdings steht die Hälfte von Valensole zum Verkauf. Zusammen mit dem Regen gab das eine etwas melancholische Mischung.

Diese Werbung für Mac Donalds sorgt gerade für Aufruhr in Frankreich. Dass man die Nationalheiligen Asterix, Obelix und Idefix und alle anderen unbeugsamen Gallier an diesen unsäglichen Fastfoodhersteller „verkaufen“ konnte, führt hier zu erbitterten Diskussionen.

Den einzigen blühenden Lavendel sah ich auf einem Briefkasten.

Zurück fuhren wir trotz Regen wieder über kleine Sträßchen, auf dem Hinweg hatten wir in Varages gehalten und dort auch gegessen (gut und üppig!).

In Varages gibt es eine traditionelle Faiencerie,  einen Keramikgeschirrhersteller, der sehr schönes und farbenfrohes Geschirr produziert. Wir hatten Geschirr von Varages in der Auberge (die Serie Baroque in Gelb und Grau falls es Sie interessiert); diesmal erwarb ich nur neue Milchkaffeeschalen. Die traditionsreiche Firma wurde vor einem Jahr, nachdem sie in Konkurs gegangen ist, von den Angestellten in Form einer Cooperative übernommen. Bislang läuft es dort gut.

Jetzt hielten wir in Fox-Amphoux, einem winzigen, sehr adrett zurechtgemachten Dörfchen mit langer Geschichte, öffentlichem WC und einem Aussichtsturm.


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6 Kommentare zu Morgens Fango abends Tango Teil 2

  1. Sunni sagt:

    Gratulation zum Abschluss der Sache. Das herz von Monsieur könnte eventuell unter zu langem Baden und dem warmen Wasser außer Takt geraten sein. Kur ist immer anders als das Leben, auch was die Anstrengung, die als solche erstmal nicht direkt wahrgenommen wird, angeht. Oh, doch Valensole. Mhm, ich kenne es von vor 15 und 18 Jahren, im Sommer und im Herbst . Damals wäre es unmöglich gewesen, dort etwas zu erwerben an Haus und Hof. Aber schön liegt es schon (Bei Regen ist es überall ein wenig weniger schön) und der Verdon war immer einer meiner Lieblingsorte. Uhhhh, Sehnsucht….Erholen Sie sich beide gut. Meine beiden kaputten Knie habe ich jetzt je 5 mal mit go-on-Hyaloron spritzen lassen und trotz der Vorhersage: Das wird nichts bringen, sie sind zu kaputt…geht es sehr gut. Wir wollen es aber nicht beschreien! Passen Sie gut auf sich auf! Sunni

    • dreher sagt:

      Valensole habe ich dann doch besucht, weil Sie sagten, es sei schön 😊 und es liegt nur 13 km entfernt. Es war nicht sehr belebt an einem Samstagnachmittag im September. Im Sommer und mit dem Lavendel drumherum sicher anders.
      Monsieur ließ sich die Knie mehrfach spritzen, hat nur beim ersten Mal gut gewirkt. Ich hoffe, das wird bei Ihnen besser.
      Liebe Grüße!

      • Sunni sagt:

        Vielen Dank! Ich hoffe es sehr, was die Knie betrifft. Valensole mag vor 1,5 Jahrzehnten auch ein etwas anderes gewesen sein. Trotz allem liebe ich diese Gegend so sehr. Und ich wünschte mir zutiefst, ich könnte noch einmal dort sein. Aber wie sagt mein Mann immer? “ Sei doch froh, dass du damals nicht wusstest, dass es das letzte Mal sein würde…“ Männliche Logik! :-) Bises! Sunni

        • dreher sagt:

          Ach, was weiß man schon, vielleicht kommen Sie wirklich nochmal hin. Oft ist es aber enttäuschend, Jahre später nochmal an Lieblingsorte zu fahren, mir ging das mit Siena und der Toskana so. Da war ich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal. Ende der neunziger Jahre war es dort so voll, so anders, es war sehr ernüchternd. Liebe Grüße!

  2. lihabiboun sagt:

    Ach der Verdon …. wie wunderbar. Und: Der Ausverkauf der französischen Provinz ist ein ganz großes Elend. Allüberall seh ich das. Haben Sie da eine Erklärung für?
    Zum Thema Asterix und Obelix: Der Spruch, den die gutenfranzosen immer schreiben: „Pour votre santé évitez de manger trop gras et trop sucré “ – das ist ja wohl DIE Steil-
    vorlage für „Évitez de manger chez MacDo“, pas vrai?

    • dreher sagt:

      Nun, ich kenne jetzt nicht die spezifischen Probleme von Valensole, aber ich denke es ist überall ein Generationenproblem. Die eine Generation stirbt und die Kinder und Enkel leben ein anderes Leben, arbeiten woanders, und wollen auch nicht zurück in das Provinznest, in dem sie groß geworden sind. Und man behält das alte Haus auch nicht für später oder für die Ferien, die verbringt man jetzt lieber in der weiten Welt, anstatt im alten feuchten Haus, in dem es immer was zu reparieren gibt.
      In der deutschen Provinz ist das ja nicht anders.
      Und zu Asterix im MacDo, ja, schöne Steilvorlage! :D

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