Ende eines Ladens – La fin d’un petit commerce

Zweisprachiger Text. Texte bilingue.

Ein anderer Abschied, der mich dieser Tage mehr berührt hat als der Tod Chiracs, ist der von Bernard, dem „petit épicier“ aus Cannes, der es bis in meine Kriminalromane geschafft hat. Nein, er ist nicht gestorben, Gott behüte, aber er schloss gestern Abend definitiv seine kleine Epicerie, seinen kleinen Tante Emma Laden, der offiziell Alimentation Générale les Deux Palmiers heißt. Von den zwei im Namen erwähnten Palmen steht seit Jahren nur noch eine. Seit 1981, seit achtundreißig Jahren war er hier jeden Tag „fidèle au poste“, sagt er von sich. Zuverlässig und treu öffnete er jeden Morgen um Sieben seine Ladentür. Die Schnellstraße, die seinen Laden ein bisschen einzwängt, hat es damals schon gegeben, ebenso die Autos und den Lärm, aber das hat ihn nicht gestört.

Un autre adieu, qui me touche plus ces jours ci que le décès de Chirac, c’est celui de Bernard, le petit épicier Cannois qui est même rentré dans mes romans policiers. Non, il n’est pas décédé le Bernard, que Dieu le garde, mais il a fermé hier soir définitivement sa petite boutique, l‘ Alimentation Générale les Deux Palmiers au bout de la voie rapide. Des deux palmiers il reste depuis longtemps qu’un seul. Depuis 1981, depuis 38 ans il était ici, toujours fidèle au poste, comme il disait. La voie rapide, qui coince un peu sa petite boutique, elle était déjà là, ainsi que les voitures et le bruit, mais cela ne l’a pas dérangé.

Was ihm weh getan hat, war der große Discounter, der vor ein paar Jahren schräg gegenüber errichtet wurde, und der (nicht nur ihm) einen Teil seiner Kundschaft abspenstig gemacht hat. Er mache es nicht mehr lange, sagte er seither oft, aber dann nach jeder kurzen Sommerpause, war er doch wieder da. Der jüngste Sohn sollte noch die Schule beenden und den Weg ins Arbeitsleben oder einen Studienplatz finden, bevor er schließe. Nur mit einem Einkommen, dem seiner Frau, wäre es ein bisschen knapp geworden.

Ce qui lui a fait mal, c’était le grand supermarché qui s’est installé il y a quelques années juste en face, et qui lui a pris une part sa clientèle, et pas seulement à lui. Il ne le resterait plus longtemps ouvert disait-il assez souvent, mais après une brève pause d’été, il rouvrait quand même. Son jeune fils devrait encore finir l’école et trouver son chemin avant qu’il ferme. Avec un seul salaire (celui de sa femme) ça aurait été trop juste à la fin des mois.

Die quadratischen Holzregale bis unter die Decke sind typisch für die Innenenrichtung kleiner traditioneller Lebensmittelläden hier. Sie sehen ein bisschen traurig und leer aus heute. Die Uhr geht noch richtig. Die Zeit ist nicht stehengeblieben. Bernard zeigt uns Fotos von früher. Damals waren die Regale prallvoll gefüllt mit allem, was man benötigen könnte. Um vier Uhr morgens ist er damals, als er begonnen hat, noch bis nach Nizza gefahren, um beim Großhändler seine Waren einzukaufen. Und das dreimal die Woche! Erst als eine Großhandelsfiliale auch in Cannes eröffnet wurde, musste er nicht mehr ganz so früh los.

Les étagères en bois jusqu’au plafond sont typique pour l’intérieur des petites épiceries traditionnelles. Elles sont un peu tristement vide aujourd’hui. L’horloge continue de marcher. Le temps ne s’est pas arrêté. Bernard nous montre des photos de l’époque. Les étagères étaient encore pleine à craquer avec tout ce dont on pourrait avoir besoin. À quatre heure du matin il s’est levé à l’époque pour trouver sa marchandise à Nice chez un grossiste. Trois fois par semaine! Seulement depuis qu’il y a une filiale du grossiste à Cannes, il ne se levait plus si tôt.

Wir haben früher, als wir noch zu Fuß zum Strand gelaufen sind, auf dem Rückweg dort das eine oder andere mitgenommen. Wir hatten, ganz wie der Kommissar in meinen Kriminalromanen, ein kleines Guthaben eingerichtet, was es uns ermöglicht hat, ohne Geld an den Strand zu gehen und doch auf dem Heimweg frische Erdeeren, Pfirsiche, eine Melone, Trauben oder Pflaumen, die einen so appetitlich anlachten, mitzunehmen. Er hatte immer ausgezeichnetes Obst! Ein bisschen teurer als beim Discounter gegenüber, sicher, aber die Qualität war ebenso eine andere. Ganz abgesehen davon, dass das Einkaufen bei ihm eine andere Sache war. Persönlich und immer von einem echten Lächeln und freundlichen Worten begleitet. Bernard mag die Menschen und begrüßte jeden seiner Kunden vorurteilsfrei und herzlich wie einen Freund. Er kennt alle Menschen in seinem Viertel. Er weiß, wer von den Bauarbeitern schnell hineinkommt, um zwei Dosen Cola zu kaufen, wer kurz vor Toresschluss noch sein Brot abholt, ob die Nachbarin von gegenüber krank ist und wie es dem depressiv-alkoholkranken Mann von nebenan geht, der in letzter Zeit seine Nachmittage damit verbrachte, bei ihm im Laden zu stehen und eine Dose Bier nach der anderen zu leeren. Die letzten Monate, vielleicht Jahre waren nicht mehr so leicht für Bernard. Einmal war er auf der Straße vor seinem Laden gefallen, weil er jemandem helfen wollte. Er hatte sich verletzt, wäre beinahe überfahren worden, und es hat ihn erschüttert. Seine Stimme war leiser und sein Lächeln kleiner geworden. Man sah auch ihn kleiner werden, ein bisschen älter. Wir sind auch älter geworden und laufen jetzt nicht mehr zum Strand, sondern fahren. Wir kamen nur noch ausnahmsweise bei ihm vorbei. 

Nous, quand nous allions à pied à la plage le matin, on s’est toujours arrêtés pour acheter ceci ou cela. On avait, comme le commissaire dans mes livres, un petit avoir ce qui nous a permis d’aller à la plage sans argent et quand même acheter quelques fruits en rentrant: des fraises, des pêches, un melon, des raisins ou des prunes, il avait toujours des fruits d’une excellent qualité. C’était un peu plus cher qu’au supermarché en face, certes, mais la qualité était irréprochable. Et faire les courses chez lui, c’était toute autre chose. Bernard aime les gens. Tout le monde était accueilli chez lui sans aucun préjugé, toujours avec un sourire et des mots gentils. Il connait tout le monde de son quartier. Il connait les ouvriers qui travaillent à côté et qui achètent vite fait deux cannettes de coca pour la pause, il sait qui va encore chercher le pain juste avant la fermeture le soir, il sait que la voisine dans l’immeuble en face est malade et comment va le voisin depresso-alcoolique, qui se plaisait depuis un certain temps de passer ses après-midis dans l’épicerie en buvant une canette de bière après l’autre. Les derniers mois, peut-être les dernières années n’étaient plus si simples pour Bernard. Un jour il voulait aider quelqu’un sur la route devant chez lui, et c’est lui qui se faisait presque renverser par une voiture. Il s’est blessé. Et il était bouleversé. Depuis on le voyait avec un sourire plus petit, la voix un peu moins forte. On le voyait vieillir. Nous aussi, nous vieillissons et nous n’allons plus à la plage à pied, mais avec la voiture. Dans l’épicerie de Bernard on ne passait plus qu’exceptionnellement.

Die kleinen Läden in den Vierteln sind viel mehr als nur ein Laden. Sie sind ein sozialer Ort. Man merkt es erst, wenn sie nicht mehr da sind, wie sehr sie fehlen. Das Stadtarchiv von Cannes hat just eine Ausstellung zur Geschichte des Handels in der Stadt erarbeitet: Vom Straßenhändler zum großen Laden. Am 1. Oktober, dem Tag an dem die kleine épicierie geschlossen sein wird, wird sie eröffnet. Ein Plakat davon hängt auch bei Bernard im Laden. Espace Calmette, sinniert er, er wisse nicht mal, wo das sei. Er habe sein Leben in diesem Laden verbracht, sagte er, er sei Cannois und kenne kaum etwas von der Stadt und wisse nicht, wie sie sich verändert habe. Dafür hat er ja nun Zeit, denke ich. Hoffen wir, dass er sie sich nimmt, um seine Stadt zu anzuschauen. Auf Wiedersehen, Bernard!

Les petits commerces de proximité dans les quartiers, c’est beaucoup plus qu’une épicerie. C’est un endroit social. Combien ils nous manquent, on ne le remarque malheureusement seulement quand ils ne sont plus là. Les archives de la ville de Cannes ont préparé une exposition sur les commerces de la ville: Du marchand ambulant au grand magasin. Une histoire des commerces cannois. L’exposition ouvre aujourd’hui, juste le jour où Bernard a fermé pour toujours son commerce. Un affiche se trouve aussi dans son épicierie. „L’Espace Calmette, je ne sais même pas ou ça se trouve“, dit il. Il a passé toute sa vie dans son magasin, sans jamais prendre le temps de se promener dans sa ville et de voire comment elle a changé. Pour ça il aurait le temps maintenant, espérons qu’il en profitera pour flâner un peu dans les rues de sa ville. Au revoir Bernard!

ps: Und noch ein Nachtrag, Nice Matin war nun auch da! Sehr schöner Artikel auf einer Doppelseite, zusammen mit der Ausstellungseröffnung „Histoire des commerces Cannois“. Der Artikel ist gestern schon erschienen, ich habe ihn aber heute erst entdeckt, da die Zeitung gestern unauffindbar war. Der Zeitungslieferant wirft sie, so wie man das aus amerikanischen Filmen kennt, im Vorüberfahren über den Zaun, manches Mal landet sie an den unglaublichsten Orten. Gerade habe ich sie gefunden: Diesmal war sie in einem Busch hängengeblieben. Sie hat einen Tag und eine feuchte Nacht draußen verbracht. Deswegen ist sie auch so verkrumpelt. Schadet dem Artikel aber nicht. Die Autorin wird übrigens auch erwähnt! ;-)

 

 

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8 Kommentare zu Ende eines Ladens – La fin d’un petit commerce

  1. Marion sagt:

    Verständlich Deine Wehmut. Ein echtes Lächeln… Ich erinnere mich an die Beschreibung in Deinem Werk, weiß aber nicht mehr, in welchem… schöne Hommage!

  2. Sunni sagt:

    Was für ein traurig-schöner Text.Viel Glück und eine gute Zeit für Monsieur Bernard! Bises!Sunni

  3. Christine sagt:

    Vielen Dank für diesen anrührenden Text, und ebenfalls alles Gute für M. Bernard… Mir hat es auch gut gefallen, den Text auf französisch zu lesen, ist eine gute Auffrischung.
    LG Christine

    • dreher sagt:

      Merci Christine, ich sollte es zweisprachig machen, meine französischen Freunde beschweren sich immer, dass sie meine Texte nicht lesen können. Es wäre auch für meine Fortschritte im Französischen sicher von Vorteil. Aber für mich bedeutet es noch einen Moment mehr Arbeit… Mal sehen…

  4. Beate sagt:

    Was für ein wunderschöner Text! Schade und traurig, dass es vielen kleinen Läden genauso geht. Meine Großeltern hatten auch einen Tante-Emma-Laden. Ich habe diese Entwicklung hautnah erlebt.
    Super Tipp für die Ausstellung. Wir sind nächste Woche 3 Tage in Cannes. Da werde ich bestimmt hingehen.
    Deine Texte in französich zu lesen finde ich super. Aktuell eine prima Reisevorbereitung.
    Milles mercis

    • dreher sagt:

      Lieben Dank. Der Text ist zweisprachig, damit Bernard und seine Familie ihn lesen und verstehen konnte! Aber vielleicht schaffe ich den einen oder anderen Text zukünftig zweisprachig. Mal sehen.
      Die Ausstellung habe ich noch nicht gesehen, aber es ist eine kleine Ausstellung im Archiv, nicht zu viel erwarten!

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