Abschiede – Les adieux

Gerade folgte ich mit einem Auge und einem Ohr der religiösen Abschiedszeremonie für den ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac. Die interreligöse Abschiedszeremonie gab es gestern schon. Seit Tagen wird hier Abschied genommen. Heute ist außerdem offiziell Staatstrauer angesagt. Ich habe Jacques Chirac als Präsidenten zwar noch erlebt, aber nichts von ihm mitbekommen. Als ich im Juli 2005 für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin, interessierte ich mich für mein eigenes kleines Leben, hoffte vor allem, dass ich wieder Lebensenergie finden würde während dieses Frankreichjahrs. Politik, deutsche wie französische, war mir damals herzlich egal. Von der französischen wusste ich schonmal nicht viel (1789 hatte die Französische Revolution stattgefunden und was war seither geschehen?) und verstand, wenn ich Abendnachrichten sah, gleich gar nichts. Mein erstes Frankreichjahr war als eine Auszeit geplant. Ich erlaubte mir, mich rauszuhalten. Jacques Chirac, der an unserem 9. Hochzeitstag starb, lerne ich gerade in all den Rückblicken erst kennen.

Sie haben vermutlich auch den einen oder anderen Nachruf schon gelesen, ich mochte (unter den deutschen Nachrufen) besonders den hier aus dem Spiegel, der umfassend ist und (ohne respektlos zu sein) auch dunkle Seiten von Chirac beleuchtet. In Frankreich wird dieser Tage seine Menschlichkeit gerühmt, seine Volksnähe. Er konnte mit den Bauern genauso sprechen wie mit Staatsmännern. Eine Zeitlang war er Landwirtschaftsminister, und berühmt sind seine Besuche auf dem jährlichen Salon d’Agriculture in Paris, wo er sich voll Genuss und mit sichtlicher Freude den ganzen Tag allen ihm angereichten Spezialitäten der Regionen Frankreichs hingab: Käse, Salami, Schinken, Bier, Wein, Rum … Auch nachdem er nicht mehr Präsident war, blieb er Ehrenpräsident des Salon d’Agriculture und wurde dort jedes Jahr heiß erwartet.

Alle Präsidenten Frankreich ließen sich in ihrer Amtszeit ein besonderes Bauwerk errichten, damit man sich auch nach ihrer Amtszeit und auch noch nach ihrem Ableben an sie erinnert. Pompidou hat das damals heftig umstrittene Kunst- und Kulturzentrum im Herzen von Paris bauen lassen, das heute nur Centre Pompidou heißt; Mitterrand den (ebenso umstrittenen) Neubau der Nationalbibliothek in Tolbiac und die Pyramide vor dem Louvre. Und Chirac das Musée du Quai Branly, ein ethnologisches Museum. Sein großes Interesse für und seine tiefe Kenntnis anderer Kulturen war in den Nachrufen erneut Thema. Mit welcher Leidenschaft er beispielsweise über afrikanische Masken sprechen konnte, dass er bei einer Ausstellungseröffnung nicht nur angelesenes Wissen von sich gab, sondern profunde Kenntnisse hatte, überraschte immer wieder. Vielleicht habe man ihn nicht wirklich gekannt, wurde immer wieder laut. Das sagte sogar seine Tochter Claude, die ihm so nah war, wie keine andere.

Eine weitere Tochter hatten die Chiracs Ende der siebziger Jahre adoptiert: die Vietnamesin Anh Dao, ihre „Tochter des Herzens“, ein Mädchen, das als Flüchtende mit den „Boat People“ in Frankreich gelandet war. Der „Clan Chirac“ hielt sie aber als Erwachsene auf Abstand, heißt es. Komplizierte Beziehungen. Sie war zur Trauerfeier der Familie nicht zugegen. Bernadette Chirac übrigens auch nicht; ihr Gesundheitszustand habe es nicht zugelassen. Schmerzlich vermisst, zumindest von den Kommentatoren, wurde heute Gerhard Schröder: Schröder und Chirac haben damals gemeinsam den Kriegseinsatz der Amerikaner gegen den Irak nicht unterstützt. Schröder habe um eine Einladung gebeten, die vom Elysée abgelehnt worden sei, heißt es in der deutschen Presse. Ein Missverständnis? Wird man zu Beerdigungen eingeladen? Keine Ahnung. Gesichtet wurde nur Herr Steinmeier, neben Putin und Clinton und vielen anderen Staatsmännern und -frauen.

Ich kannte Chirac nicht, Monsieur aber schon. Sie bekommen hier noch eine persönliche Anekdote Monsieurs mit Chirac, um mich ein bisschen herauszuheben aus der Masse der anderen Nachrufe ;-).  Monsieur war in einem früheren Leben Apotheker und unter anderem Apotheker in einem kleinen Dorf in Korsika. Es war eine abenteuerliche Zeit, darüber könnte man auch einen Kriminalroman schreiben, oder besser nicht, man stirbt schnell in den korsischen Irrungen und Wirrungen, auch dreißig Jahre später und auf dem Kontinent. Aber davon ein andermal. Oder auch nicht. Viele Politiker in Paris haben Freunde in Korsika und viele der Freunde haben hübsche Häuser nicht nur mit Meerblick, sondern les pieds dans l’eau wie man hier sagt, mit direktem Meerzugang. Monsieur Chirac besuchte häufig einen Freund mit einem großen Haus, schräg gegenüber der kleinen Apotheke Monsieurs. Er erfreute sich damals bester Gesundheit und nahm die Dienste Monsieurs nicht in Anspruch. Aber in der Boulangerie, der kleinen Bäckerei gleich neben der Apotheke, kaufte Monsieur Chirac seine Croissants, ganz wie Monsieur. Das volksnahe war wirklich eine herausragende Eigenschaft Chiracs, er mochte es, mit der Boulangère zu diskutieren, die als eifrige Leserin der Zeitung Le Monde durchaus etwas zu sagen hatte. So viel vorausgeschickt.

In der Zwischenzeit war Monsieur wieder in Cannes ansässig und seine Leidenschaft für den Kriminalroman hat ihn „Président“ des Vereins „Freunde der Bibliothek“ werden lassen. („Präsident“ meint hier nur Vereinsvorsitzender, damit wir uns verstehen.) Monsieur wollte im Rahmen der Bibliothek eine Veranstaltung rund um den Kriminalroman schaffen, ein schönes Projekt, sehr ehrgeizig, leider interessierte es den Kulturbeauftragten der Stadt nicht. Monsieur versuchte nun, den Bürgermeister zu sehen, um ihm das Projekt zu unterbreiten, aber der Bürgermeister war auch nach mehrfacher schriftlicher Bitte nicht zu sprechen. Er empfing ihn einfach nicht. Monsieur ist niemand, der so leicht aufgibt, sonst hätte er schon in Korsika nicht so lange durchgehalten, er entschied sich, einen Brief an den Präsidenten zu schreiben. Von Präsident zu Präsident sozusagen. Alle lachten. Was soll das denn? Dem Staatspräsidenten schreiben? Aber Monsieur machte es: „Ich möchte gern den  Bürgermeister von Cannes sehen“, schrieb er an Herrn Chirac, „um ihm ein Projekt vorzustellen, aber ich bekomme keinen Termin. Wir kennen uns übrigens aus Korsika“, schrieb er noch. „Ich hatte lange Jahre die Apotheke neben der Bäckerei in X, gleich gegenüber dem Haus Ihres Freundes T.“ Natürlich schrieb er das nicht ganz so simpel, aber so ähnlich. „Es war ein Versuch“, sagt er mir, „wie eine Flaschenpost. Vielleicht kommt sie an.“ Und siehe da, kurz darauf erhielt Monsieur ein Schreiben des Bürgermeisters aus Cannes: Er habe leider keine Zeit, Monsieur persönlich zu sehen, aber er unterstütze natürlich das Projekt! Nur zu! Ein Budget X stehe ihm zur Verfügung. Das Projekt hieß „Polar en Fête“ und wurde mehrere Jahre hintereinander ein legendärer Erfolg. Chirac war tatsächlich nahbar, wie der Spiegel in seinem Nachruf schrieb. Die Franzosen sind ihm dafür dankbar.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Abschiede – Les adieux

  1. Marion sagt:

    Die Anekdote ist klasse :-)
    Die Geschichte mit Schröder ist ein Faux pas und von der Adoptivtochter hatte ich noch nicht gelesen, dafür aber von der älteren leiblichen Tochter Laurence… was für eine tragische Geschichte.
    Mtterrand schreibt sich übrigens mit zwei rr, machen aber viele falsch…
    Bonne soirée!

    • dreher sagt:

      Ich hatte einen Absatz über Laurence geschrieben und ihn dann gelöscht, ich fand, alles zusammengenommen (Bernadette krank, mit der Adoptivtochter zerstritten, eine magersüchtige, depressive Tochter) las es sich zu sehr wie ein Artikel der Gala ;-)

  2. Trulla sagt:

    Eine interessante Anekdote, die exemplarisch aufzeigt, wie Dinge “hinter den Kulissen“ gehändelt werden. Für Monsieur und seine Beharrlichkeit natürlich erfreulich.

    Ich habe mich sehr geärgert, dass – aus Unfähigkeit der handelnden Personen – Exkanzler Gerhard Schröder gehindert wurde, an der Trauerfeier zu Ehren Chiracs teilzunehmen. Ich war damals sehr glücklich über die Allianz der beiden Politiker, sich nicht vor den Karren der Lügen um den Irak Krieg spannen zu lassen. Das zeigte Haltung, die wir derzeit leider vermissen in der Welt von fake news und Brexit

    • dreher sagt:

      Ich glaube wir Nicht-Politiker haben keine Vorstellung davon, wie und was alles hinter den Kulissen geändelt wird. Im Zusammenhang mit Chiracs Tod wurden viele Sachverhalte beleuchtet – in der Politik geht es viel mehr um Eitelkeiten, Macht und Geld als um „das Volk“, die Demokratie oder gar eine Vision für ein Land. Wir haben gestern in einer Vorpremiere einen Film gesehen „Alice et le Maire“, mit Fabrice Luchini in der Rolle des linken (!) Bürgermeisters von Lyon. Die sicherlich korrekte Wiedergabe der Innensicht einer Großstadt-Mairie hinterlässt bei mir einen schalen Geschmack.
      Sehr gut (amüsant und ernüchternd) auch das zweibändige BD „Quai d’Orsay“ von Blain et Lanzac.

      Ich habe Schröder auch vermisst, dachte verärgert, herrjeh, er kommt zu spät, aber dass er gar nicht kam, kommen konnte, durfte oder was auch immer, IST ärgerlich. Er hatte seinen Platz da.