DEFA-Filme in Cannes

DEFA, falls Sie es nicht wissen sollten, ist die Abkürzung für die Deutsche Film AG, sie war ein Filmunternehmen der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Der Mauerfall jährt sich bald zum 30. Mal und der Cannoiser Kinoclub Cinécroisette wird aus diesem Anlass sein zweites deutsches Filmfestival veranstalten und im November eine kleine Auswahl an DEFA-Filmen zeigen. Vier vermutlich, vielleicht auch fünf: Einen Film oder vielleicht zwei aus der Kriegszeit („Jakob der Lügner„/“Lissy„), zwei aus den sechziger und siebziger Jahren („Das Kaninchen bin ich„/“Die Legende von Paul und Paula„) und einen aus den Achtzigern („Solo-Sunny„). Ich habe sie mir in den letzten Tagen angesehen, ich kannte nur „Das Kaninchen bin ich“, den ich aber heute mit anderen Augen sehe. „Jakob der Lügner“ hatte ich hingegen nur gelesen oder kannte ich die US-amerikanische Variante „Jakob the Liar“ mit Robin Williams? Ich weiß es nicht mehr. Die Geschichte zumindest war mir bekannt.

Ich sollte dem Vereinspräsidenten kurz wiedergeben, wie ich die Filme fand, und ich kann es (bislang) nicht. Ich bin vor allem wahnsinnig gerührt. Ich habe das Gefühl in meine Kindheit und Jugend einzutauchen, mit den Frauen in Kittelschürzen, den Mülltonnen aus Stahlblech, den Kohlebriketts, die mit dem Eimer in den Keller getragen werden. Ich bin erschüttert, wenn ich in „Das Kaninchen bin ich“ die Protagonisten an den Hausfassaden entlanggehen sehe, in denen man noch all die Einschusslöcher aus der Kriegszeit sieht. Sehe dieses Sommerhüttchen, in dem ich sofort friere, so dünn sind die Wände und alles dort (einschließlich des Wassers, das man irgendwo holen muss) erinnert mich an das Leben im französischen Sommerhaus. Ich bin wieder gerührt, wenn Lissy noch in einer Zinkwanne in der Küche „badet“, und wenn das Klo auch dreißig Jahre später in „Solo Sunny“ noch auf halber Treppe ist und die Fassaden der Häuser noch bröckeliger geworden sind. Und dann seufze ich, wenn in „Paul und Paula“ all diese alten Häuser abgerissen werden, um nagelneue Plattenbauten an ihrer Stelle zu errichten. Und all die Männer mit den Schnurrbärten, die Jugendlichen mit den langen Haaren, die plumpe Anmache der Männer, herrjeh, und diese Mustertapeten. Das alles stimmt mich melancholisch.

„Jakob der Lügner“ hat mich so ergriffen, wie schon lange kein Film mehr. Oder doch. „Der Himmel ohne Sterne„, ein Film von 1955, allerdings kein DEFA-Film, der kürzlich auf arte lief und die Anfänge der Zeit mit dieser Mauer zeigt, die damals noch an vielen Orten durchlässig war. Ich fand diesen Film, eine dramatische Ost-West-Liebesgeschichte sehr eindrücklich, so sehr, dass ich ihn fast nicht ertragen habe. Der Film wäre wegen des politisch brisanten Themas beim Filmfestival in Cannes 1956 beinahe nicht gezeigt worden (irgendwo habe ich gelesen, er sei tatsächlich nicht gezeigt worden). Er war aber ohnehin kein kommerzieller Erfolg, niemand wollte das, was doch so gerade in Deutschland stattfand, sehen. Ich bin also gerade im Ost-West-Thema und sehr aufgewühlt. Dazu kommt, dass mich der Vereinspräsident so Dinge fragt wie „wie lange hat es denn gedauert, bis Ostdeutschland das gleiche Lebensniveau hatte wie der Westen?“ und ich kurz auflache. „Zehn Jahre?“ fragt er. Genau, denke ich. Zehn Jahre, danach hatten wir überall blühende Landschaften. „Bis heute nicht“, sage ich, und frage mich dann, ob das so pauschal gilt. Ich komme ja nicht aus dem Osten. In Leipzig und Dresden ist es sicher anders als in der Uckermark. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erklären. Es war ein Prozess, eine Entwicklung, sage ich. Immerhin gab es Übergangsregierungen, ich erinnere mich an so viele fusselbärtige Männer, ich erzähle von der Begeisterung für Kohl, der Dankbarkeit für Gorbatschow, von den kritischen Stimmen, die niemand hören wollte, und dass man die DDR in Bausch und Bogen verworfen habe, dass es eine Art Landflucht gegeben habe, erzähle von überheblichen „Besser-Wessis“ und naiven „Jammer-Ossis“, ich sage, dass der Osten eine Großbaustelle geworden war für westliche Unternehmen, der „wilde Osten“, den es zu erobern galt. Ich versuche zu erklären, was die Treuhand war, Abwicklungen von mehr oder weniger maroden Unternehmen, Arbeitslosigkeit, ich rede immer schneller und sage, die Mauer ist weg, aber jetzt haben wir einen Graben. Mein Gesprächspartner versteht das alles nicht, scheint mir. Er erwartet ein glücklich vereintes Volk. Wo ist sie hin, diese Glückseligkeit der Menschen, die man dieser Tage wieder zeigt, als die Grenze endlich offen war? „War das gar nicht so?“ fragt er. „Doch“, sage ich. „Das war so. Aber es dauerte eben nur kurze Zeit. Eine Zeit, in der wohl auch Vieles möglich war (ich erinnere mich an Sofas am Straßenrand in Berlin und an improvisierte Clubs und Bars), aber danach fing der Alltag an. Und die Ernüchterung kam.“ Herrjeh, es ist nicht einfach. Und was weiß ich schon vom Osten? Und ich bin überhaupt schon so lange weg aus Deutschland. Ich habe in diesem Sommer Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ gelesen und „Unterleuten“ von Juli Zeh. War es so? Ist es so? Wie ist es denn im Osten jetzt? Mögen Sie mir mal eine kurze Einschätzung geben, nur von dort, wo Sie sind? So kurz wie sie können ;-) Und wie geht es der nächsten und übernächsten Generation? Wächst da jetzt zusammen, was zusammengehört?

Sie können mir das auch gerne privat schreiben, wenn Sie es öffentlich nicht mögen, was ich absolut verstehen kann. Ich verspreche, dass ich Ihre Antworten respektvoll behandeln werde. Meine E-Mail-Anschrift sende ich Ihnen gerne zu, wenn Sie mir über das Info-Formular (klicken Sie oben „Kontakt“ an) eine kurze Nachricht senden. Merci!

Ich habe übrigens noch „Spur der Steine“ vorgeschlagen (an Stelle von „Lissy“) Welches ist Ihr DEFA-Lieblingsfilm? Möchten Sie mir das auch noch verraten?

Wir werden die Filme in Deutsch mit Untertitel zeigen:

Jakob, der Lügner  (Jacob le menteur) Olympia samedi 16 novembre 10h30

Die Legende von Paul und Paula (La légende de Paul et Paula) Cinétoile Rocheville samedi 16 novembre 17h30

Das Kaninchen bin ich  (C’est moi le lapin) Olympia dimanche 17 novembre 10h30 

Solo Sunny Cinétoile Rocheville dimanche 17 novembre 17h30 

Adresses des cinémas: Olympia 5 rue d’Antibes 06400 Cannes // Cinétoile Rocheville 2 Chemin du Périer, 06110 Le Cannet 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu DEFA-Filme in Cannes

  1. Birgit sagt:

    Liebe Christiane,
    ja wir hatten tolle Filme mit super Schauspieler in der DDR. Das ist uns jetzt nochmehr bewusst wenn man jetzt mal einen guten Film sehen will. Es gab natürlich auch Filme, die nicht „auf Linie“ waren und schnell verboten wurden (zB „Spur der Steine“ mit Manfred Krug) .
    In manchen Filmen, die jetzt über das Leben in der DDR gedreht werden, kann ich mich nicht wiederfinden.
    Wenn du etwas erfahren möchtest, wie es uns vor, während und nach der Wende ergangen ist, kannst du mich gern alles fragen. Das derzeitige Ossi-Bashing ist sehr nervig.
    Liebe Grüße von Birgit aus Dresden

  2. Hier noch eine Stimme aus Dresden :)
    Ich bin Jahrgang 76 und damit alt genug, um eigene aktive Erinnerungen an die DDR zu haben – aber jung genug, dass ich keine Repressalien zu erdulden hatte (mal von Reisefreiheit und dem beschränkten Konsum abgesehen). Ich bin auch jung genug, dass ich Abitur und Ausbildung in den Nachwendejahren gemacht habe, als eben alles im Aufbruch war und die neuen Strukturen noch nicht gefestigt waren. Das heißt zum Beispiel, in der Schule kam es noch nicht darauf an, aus welchem Elternhaus man kam, um gleiche Chancen zu haben…

    In den Kreisen, in denen ich mich bewege, sind die Gräben zum Glück nicht so tief. Ich kann auch nicht wirklich verstehen, warum man die Gräben immer tiefer gräbt… gut, ein bißchen hilft die Ostperspektive für einen anderen Blickwinkel, aber Erklärungen hab ich auch nicht. und Nationalismus/Populismus und all die häßlichen Ausprägungen gibt es ja auch in anderen Ländern.

    Alles eher Themen für ein Glas Wein auf der Couch oder einen längeren Text. ;) Zu den Nachwendeschlagworten aus deinem Text möchte ich gerne noch das bezeichnende Wort „Buschzulage“ ergänzen. Verwaltungsbeamte, die aus dem Westen kamen, um den Osten aufzubauen, bekamen besondere Zulagen, wenn sie das Abenteuer wilder Osten auf sich nahmen. Es kamen viele, die motiviert waren und was bewegen wollten – es kamen auch viele, die im Westen nichts geworden sind/geworden wären und hier für 20, 30 Jahre die Behörden und die Politik und auch die Unternehmen prägten.

    Viele Gedanken und keine einfachen Antworten. Schreib mir ruhig, wenn du magst und Fragen hast, wenn ich kann, werd ich die gern beantworten.

  3. dreher sagt:

    Liebe Birgit, liebe Vinni Rabensturm, liebe LeserInnen,

    danke für Ihre Zeilen und für ihr Vertrauen, ich habe „hinter den Kulissen“ viel Post (aus dem Norden, dem Westen und dem Osten des Ostens) erhalten und habe zwei Tage und Nächte nur gelesen und zurückgeschrieben. Es beschäftigt mich sehr. Ich hätte nicht gedacht, dass man mir so viel erzählen, und dass ich so tief eintauchen würde. Ich weiß noch nicht, ob ich hier und wenn ja, wie ich darüber schreiben werde, aber es gibt mir ein Grundgefühl für das, was ich den Franzosen erzählen kann. Danke für all Ihre Bekenntnisse und Lebensgeschichten! Sie können mir gerne weiterhin schreiben.
    Christiane

  4. Claudia Pollmann sagt:

    Hallo Christiane,
    als Bewohner des südlichen Allgäus war der Osten bis zur Zeit der Wiedervereinigung etwas fremdes, ganz weit weg. Ich war mal kurz in Travemünde und habe in der Ferne die Grenzanlagen gesehen und dann wars das auch. Wir hatten unsere Brieffreunde im Osten den wir Pakete schickten und Pakete zurück bekamen mit wunderbaren Klassik Schallplatten, die hab ich heute noch. Ich habe bis zur Wiedervereinigung ein gutes Wohlstandsleben mit günstigen Mieten und 14 Monatsgehälter gelebt. Das änderte sich mit der Wiedervereinigung – und ich weiß noch das ich nicht gefeiert habe – ich war frisch verliebt und das alles ganz weit weg von meinem Leben.
    Nach der Wiedervereinigung verdoppelten sich die Mieten in unserer Region und die Stimmung verschlechterte sich ziemlich. Viele Neubürger aus dem Osten kamen in unsere Region und der Begriff „Rucksackdeutsche“ machte wieder verstärkt die Runde. Allgäuer sind nicht unbedingt die Gastfreundlichsten.
    Und jetzt nach 30 Jahren? Ich fahre gerne „in die neuen Bundesländer“. Ich finde schon das wir zusammen gewachsen sind. Und die Stimmung besser ist, als in den Medien zu jedem Jahrestag propagiert wird. Meine Kinder kennen nur dieses wieder vereinte Land und diese Selbstverständlichkeit finde ich großartig. Und Paul und Paula ist der Lieblingsfilm unserer Kanzlerin ;-)
    Liebe Grüße Claudia