Corona Tagebuch Tag 10

Heute ist Donnerstag. Es ist kalt, aber die Sonne scheint, obwohl Regen angesagt war, die Glyzinie am Zaun des Nachbarn blüht violett, die Vögel zwitschern, ich genieße die wenigen Autos, es sind noch genug, die durch diese Straße fahren. Die Katze maunzt vor der Tür. Sie kann, trotz Gewichtsabnahme, nicht mehr über die Mauer des Parks springen (das Alter), und klagt jetzt immer Ausgang im Vorgarten ein. Dazu begleite ich sie in der Regel, damit die Vögelchen beschützt werden, auch wenn Pepita freiwillig auf keinen Baum mehr klettert. Passt mir jetzt aber nicht, ich fange gerade erst an mit Schreiben, auch wenn ich gestern vollmundig behauptet habe, Pausen machen sei notwendig im Homeoffice, und in der Regel würden sie von der Katze eingefordert.

À propos, gestern wurde nach der von Monsieur rausgehauenen Kellertür gefragt, ich habe gestern Nachmittag pflichtschuldigst einen Ausgang in den Kellerhof gemacht, begleitet, natürlich, von der Katze. Heute in aller Frühe machte Monsieur seinen erlaubten Tagesausflug und ging zum Labor, um ein paar Blutanalysen machen zu lassen, nein kein Virustest, hier wird nicht großflächig getestet. Aber immerhin hatte er eine Maske, die ihm unsere Hausärztin gegeben hatte, und er sah damit aus wie ein Bankräuber. Er möge weitere Masken kaufen, hatte sie ihm geraten. Aber es gibt keine. Auch die Krankenhäuser haben keine. Alles fehlt hier. Gestern Abend in den Nachrichten wurde gezeigt, dass Viruskranke aus Frankreich ins nahe Freiburg geflogen werden, wo noch Kapazitäten in der Reanimation frei sind. Der interviewte deutsche Arzt war sehr vertrauenerweckend und wir wissen jetzt, dass Deutschland doppelt so viele Intensivbetten hat wie Frankreich. Die ganze Nachrichtensendung war ein Vergleich mit Deutschland: die Menschen dort, also Sie, meine lieben LeserInnen, haben keine Ausgangssperre, sondern nur Beschränkungen, das geht, weil Sie (abgesehen vom Run auf Klopapier) disziplinierter sind als wir hier; das Gesundheitssystem ist besser ausgestattet, es gibt Personal, Material, Masken und Tests. Christian Y. Schmidt, der sich wütend und heiser schreibt, über die miserablen Zustände in Deutschland, sollte mal hierher schauen, wir haben hier nichts! Keine Tests, keine Handschuhe, keine Masken. Die Bevölkerung nicht und so gut wie nirgends, weil es keine mehr gibt. Seit einer Woche sagt uns der neue Gesundheitsminister, dass Millionen von Masken bestellt sind, aber sie sind für die Krankenhäuser, die freien Krankenschwestern, die Kassiererinnen und alle, die im ständigen Kontakt mit Menschen sind. Wir produzieren weder Masken noch Tests in Frankreich, wir kaufen sie irgendwo in der Welt. Sie müssen erst wieder hergestellt werden. Wir, die „kleinen Leute“, werden dennoch keine bekommen. Ich jammere nicht, ich möchte Ihnen nur sagen, dass Sie (abgesehen vom derzeitigen Einbruch bei der Klopapierversorgung) in einem ziemlichen Luxusland leben. Sie sind sich dessen vermutlich nicht bewusst, aber ich sehe die Unterschiede jedes Mal, wenn ich von Frankreich nach Deutschland komme: Die großen, gut gepflegten Häuser in den alten und neuen Neubaugebieten, die großen, gut geheizten Wohnungen, die breiten sauberen Straßen und Gehwege, die großen, neuen Autos, diese gediegene Sicherheit, die das alles nicht nur ausstrahlt, sondern wirklich gibt. Und dieses fürsorgliche Gesundheitssystem! Ja, Frankreich hat ein großzügiges Gesundheitssystem, bei schweren Krankheiten wird man kostenfrei behandelt, im Krankenhaus zumindest. Die Situation in den französischen Krankenhäusern ist aber so, dass jeder, der es sich leisten kann, in eine Privatklinik geht, die sich den Standard, der dann annähernd, aber wirklich nur annähernd, einem deutschen Krankenhaus vergleichbar ist, bezahlen lässt. Meine Schwiegermutter lag seinerzeit lange in einer Privatklinik, in einem teuren, aber sehr schlichten Einzelzimmer, wo ein Teil der Decke aufgrund eines lange zurückliegenden Wasserschadens heruntergebrochen war. Stört hier niemanden wirklich. Man schaut halt nicht hin.

Ich suchte lange nach einem Zahnarzt, der eine Praxis hatte, die wie eine Praxis aussah und Freundlichkeit, Zugewandtheit und Kompetenz besaß, wie ich sie aus Deutschland gewohnt war. Ich habe in der Zwischenzeit zwei teure Inlays im Mund, die beide ein bisschen aussehen, als habe man mir Kaugummi als Ersatz hineingeklebt, weil zwei Zahnärzte, ein alter (ruppig und grob) und ein junger (telefonierend und cool), beide nicht in der Lage waren (selbst nach mehreren Versuchen) mir Füllungen zu machen, die meiner Zahnfarbe entsprechen. Ist doch nicht so wichtig, sagt man mir hier verständnislos, als ich versuche auch den zweiten Versuch zurückgehen zu lassen. Hier ist man pragmatisch. Füllung ist Füllung. Mein Großvater war Zahnarzt, vielleicht bin ich zu anspruchsvoll. Ich akzeptiere es letztlich, denn nein, es ist im Prinzip nicht wichtig. Nein, ich jammere nicht, ich sags nur. 

Letztes Jahr habe ich in Monaco aus meinem Buch gelesen. Es war eine schöne Veranstaltung in einem edlen Rahmen. Man war sehr großzügig und freundlich zu mir und dem Gatten. Allerdings sprachen viele der Damen und Herren nur wenig Französisch, obwohl sie schon lange dort ansässig sind. Wie machen Sie es denn, wenn Sie mal zum Arzt oder ins Krankenhaus müssen? fragte ich. Man gehe hier vielleicht zu einem deutschen Spezialisten, wenn es einen gäbe, ins Krankenhaus aber ginge man hier ganz sicher nicht, wurde mir geantwortet. Dabei gelten die Krankenhäuser und Kliniken in Monaco als die besten im Süden, und wer von den Franzosen es sich leisten kann, lässt sein krankes Herz dort operieren.

Wir haben in der Zwischenzeit auch eine deutsche Hausärztin, die sich zu unserem Glück hier niedergelassen hat. Sie ist sympathisch und kompetent und hat diese freundliche zugewandte Art, die ich hier nur selten bei Ärzten gefunden habe. Sogar Monsieur zieht sie in der Zwischenzeit seinem ehemaligen französischen Hausarzt vor. 

Ich habe heute lange an diesem Text geschrieben, ich fürchte, ich klinge insgesamt ein bisschen meckrig. Normalerweise würde ich so einen Text ruhen lassen und überlegen, ob er morgen noch so passt. Aber jetzt gibt es schon wieder die ersten bitteren Abendnachrichten …  Ich hoffe, dass das alles halbwegs gut für uns ausgeht und für uns alle in der Welt. Immerhin wird hier jetzt draußen desinfiziert. Aber ich nehme die Ausgangssperre mit Rücksicht auf Monsieur ernst. Der Gatte ist recht fragil, ich möchte ihn gerne noch ein Weilchen in einem gesunden Zustand um mich haben. Passen Sie bitte auf sich auf!

Gut, kommen wir zu etwas anderem. Die Menschen gingen deutlich freundlicher miteinander um, schrieb mir eine deutsche Freundin gestern. Es sei wieder so, wie sie es aus ihrer Kindheit noch kenne, man grüße sich und lächle und helfe sich gegenseitig. Das ist schön. Ich habe es hier auch so erlebt, in dem kleinen Lädchen zumindest, in dem ich einkaufe, und vor allem, als ich neulich draußen laufen war. Wir lächelten uns alle glückselig an „wir sind draußen!“ Dazu passt der wirklich großartige und sehr freundliche Blog von Smilla, die wieder angefangen hat, Menschen vorzustellen. Hier ihre neue Nachbarin.

Es gibt noch Liebe unter den Menschen, auch wenn manche nicht mal eine Rolle Klopapier hergeben wollen. Es gibt Menschen, die ihr Beatmungsgerät anderen überlassen, weil sie finden, dass der andere es besser gebrauchen kann. So geschehen in Italien, ein Priester überließ sein Beatmungsgerät einem jüngeren Menschen. Der Priester verstarb daraufhin.

Es gab aber auch viele „coups de gueule“, Kassiererinnen im Supermarkt schimpfen, sie finden, dass die Menschen nicht lieb und auch nicht freundlich seien, sondern egoistisch und aggressiv. Mein Supermarkt, zu dem ich derzeit nicht mehr gehe, weil ich Angst habe, dort im Menschengewimmel den Virus nach Hause zu bringen, schickte mir eine Nachricht aufs Handy und bittet darum, dass man die älteren Personen (70+) zuerst einkaufen lasse, nämlich zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr. Ältere Menschen sind ja dafür bekannt, dass sie Frühaufsteher sind (Ausnahmen gibt es immer ;-) ). Ansonsten möge man zu den späten, weniger vollen Zeiten zwischen 18 und 20 Uhr kommen. Nur ein Einkaufswagen pro Person sei erlaubt und es gebe eine Extrakasse für Pflegepersonal. Ich mag mir nicht vorstellen, was dort gerade los ist.

Über Andreas H. fand ich nicht nur diese schöne Heldin von Manara, sondern auch die Statistik, die besagt, dass die Leute, die uns gerade das Leben retten, Krankenschwestern,  Pflegepersonal, Lieferanten, Kassiererinnen, zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen gehören. Andreas ist Arzt und rettet uns auch das Leben. Danke dafür.

Da ich die Statistik aus mir unerklärlichen Gründen nicht kopieren konnte, bekommen Sie diesen Artikel dazu. In Frankreich zahlen manche Supermarktchefs den Kassiererinnen jetzt immerhin eine Prämie. Die Pflegeberufe bekommen so etwas nicht.

Andreas H. erinnerte mich auch daran, dass Manu Dibango zeitgleich mit Uderzo gestorben sei, sie waren annähernd gleich alt, aber der Saxophonist, der auch als Vater der modernen afrikanischen Musik gilt, starb in der Nähe von Paris an Covid19. Manu Dibango ist Ihnen vielleicht weniger bekannt, ich habe heute Nachmittag viel Zeit damit verbracht, einen schönen Text und Musikvideos zu suchen, die Ihnen vielleicht gefallen könnten. Letzten Endes habe ich dieses groovige Video mit Yannick Noah ausgewählt und diesen eigentlich exzellenten deutschsprachigen (opens in a new tab)">Nachruf, und der sich ums Verrecken nicht einfügen lassen will, grrr,  in dem es auch nochmal ein sehr afrikanisches Video gibt :D

Damit belasse ich es für heute. Ich war nicht draußen. Ich bleibe zu Hause und Sie hoffentlich auch. Und bleiben Sie gesund!

ps: Es gibt auf FB eine Aktion der Holtzbrinckverlage, um Verlage, BuchhändlerInnen und AutorInnen zu unterstützen; unter den Hashtags #bleibtzuhause und #gemeinsamlesen stellen wir, so ist es geplant, alle zwei Tage Bücher von KollegInnen vor.


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10 Responses to Corona Tagebuch Tag 10

  1. Mumbai sagt:

    tolles Musikvideo von Manu Dibango. Ich mag den African Sound sehr, er erinnert mich an schoene Urlaube dort. Zu der Corona-Krise moechte ich mich nicht mehr aeussern, denn taegl. findet man andere Statistiken, Beschwerden, Horrorerlebnisse und ich glaube nach wie vor, dass es sehr ueberzogen ist. Heben wir unsere Kraefte, seien sie psychisch oder physich, besser fuer danach auf. Ansonsten….wie es bei uns in Spanien aussieht, wird ja auch ausreichend dokumentiert. Bleiben Sie weiterhin gesund.

  2. Ursula Weber sagt:

    Liebe Christiane, vielen Dank für deinen erneuten interessanten Bericht.
    Das ist jeden Tag ein Highlight für mich – und deine Mutter natürlich!
    Gut, daß es uns mal wieder bewußt wird, wie gut es uns in Deutschland geht!
    Es freut mich sehr, daß ihr nun eine deutsche Ärztin habt.
    Danke für das lustige Foto von Monsieur und das wunderschöne Foto von dir!
    Liebe Grüße und bleibt gesund!!!

  3. wenn es sie beruhigt – hier in österreich (im waldviertel) gibt es auch keine masken. aber auch noch kaum kranke. dafür ist genügend klopapier zu kriegen.
    bleiben sie gesund!

    • dreher sagt:

      Danke Ihnen, in unserem Bergdorf und dem ganzen Tal gibt es auch keinen Fall. Vielleicht sollten wir besser dort sein. Nie war es besser, auf dem Land zu leben! Bleiben Sie auch gesund!

  4. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Hallo Christiane, kannst Du nähen. Hier eine Anleitung von unserem landfrauenverband. Es ist nicht schwer, wenn man eine Nähmaschine hat. Ich würde noch ein dünnes Vlies reinmachen. Sie nässen sonst zu schnell durch. Nähanleitung für einen waschbaren Behelfs-Mund-Nasen-Schutz
    Material: 100 % Baumwollstoff (z.B. gebrauchte und gewaschene Bettlaken, Geschirrtücher,
    Tischdecken, T-Shirt ohne Elasthan etc.), 1 Nähmaschine, Stoffschere, Nähgarn, Alternativ:
    Schrägband oder Gummiband
    Größe des Mundschutzes: Für Erwachsene, Kinder dementsprechend bis 3 cm weniger Stoff
    zuschneiden:
    1. Zwei 20 x 20 cm große Stoffteile abmessen und ausschneiden, die beiden rechten Seiten
    aufeinander legen bei farbigem Stoff sind es die sichtbaren Seiten. Ggf. mit Stecknadeln
    fixieren.
    2. Das Viereck an drei Seiten 0,5 cm breit vom Rand mit geradem Stich abnähen. Bei der vierten
    Seite in der Mitte eine Öffnung von ca. 5 cm lassen.
    3. In den vier Ecken den überstehenden Stoff vor der Naht schräg anschneiden, den Stoff jetzt
    durch die Öffnung auf rechts ziehen, evtl. die Spitzen z. B. mit einem Bleistift etwas
    herausdrücken. Dann die Öffnung schließen in dem die Stoffkanten nach innen gelegt und
    von außen mit einer geraden knappen Naht abgenäht wird.
    4. Jetzt in der Mitte des Stoffstücks drei Falten, jede ca. 1 cm einlegen und diese mit
    Stecknadeln an beiden Außenseiten fixieren. Die Falten mit einer geraden Naht knapp
    festnähen.
    5. Die beiden Seiten des Mundschutzes, die parallel zum Mund laufen gut 1 cm umklappen und
    festnähen. Der Saum sollte breit genug sein, dass ein Gummiband von ca. 20 cm Länge
    durchgeschoben wird. Dieses gelingt am besten mit einer Sicherheitsnadel.
    6. Alternativ: Zwei Streifen Schrägband aus Baumwollstoff 90 cm lang, 2 cm breit, beide Streifen
    längs halbieren (knicken), Textilstück einschieben, mit Stecknadeln fixieren und festnähen.
    Die Bänder werden hinten am Kopf zusammengebunden.
    7. Fertig! Sollten diese Masken auch für andere zur Verfügung stehen, wäre eine Wäsche bei
    60 °C vor Gebrauch nützlich. Die kleinen Masken bügeln und trocken und sauber in
    Plastikbeutel legen. Für den eigenen Gebrauch reichen 2 Masken. Jeden Abend bei
    mindestens 60 °C waschen.
    Quelle: Diese Anleitung ist ein Mix aus der Vorlage des Hausärzteverbandes Niedersachsen e. V. und
    einem Anleitungslink aus dem Internet https://www.youtube.com/watch?v=WlrYCqeQOZg
    Ich habe es nachgenäht, etwas fummelig, und dann nach eigenem Ermessen geändert. Übung macht
    den Meister, bleibt einfach fröhlich und kreativ beim Nähen. Viel Spaß!
    Vielleicht kennst du ja auch jemanden der nähen kann, Gruß Elli

    • dreher sagt:

      Danke Elli! Sehr lieb, mir alles zu schreiben, aber allein, die Anleitung zu lesen hat mich erschöpft 😂😏Ich naehe nicht mal einen Saum um, habe auch keine Maschine. Ich bekam einen Hinweis auf antibakterielle Masken, die man waschen kann, sehr teuer allerdings. Ich denke noch darüber nach.

  5. Claudia Pollmann sagt:

    Liebe Christine,
    bin schon ganz froh das ich in Deutschland inkl. der Versorgung im Gesundheitssystem lebe. Die Menschen die ich beim Einkaufen und auf der Straße treffe sind wie immer freundlich distanziert. Wie das halt bei uns so ist – aber grundsätzlich sehr entspannt alles. In meiner Firma ist die Stimmung gut und er Zusammenhalt ist noch stärker als vor der Krise – meine Arbeit ist Systemrelevant – das hab ich jetzt schriftlich ;-) und meine Kollegen die bisher total scharf auf Homeoffice waren – haben keine Lust mehr auf zuhause – dauerhaft mit Frau und Kindern ist halt nichts… ich möchte eh kein Homeoffice und es geht mir besser wenn ich meinen normalen Tagesablauf habe.
    Liebe Grüße aus dem Allgäu und leibt alle gesund…