Corona Tagebuch Tag 11

Es ist immer noch kalt. Der heutige Morgenblick aus dem Fenster mit der Zeitung, die in der Plastiktüte geliefert wurde, was ein deutliches Zeichen für eine gewisse Regen wahrscheinlichkeit ist. (Es hat aber den ganzen Tag nicht geregnet.) Kurz darauf ertönt eine Stimme über Lautsprecher, ich verstehe sie nicht, aber sie wiederholt ihren Satz und kommt außerdem näher. Wir sollen zuhause bleiben, die Stadt Cannes desinfiziere die Straßen, heißt es. Ein Wagen mit Blaulicht fährt dem Reinigungsfahrzeug voran, ein Mann in gelbem Ganzkörperanzug läuft nebenher und spritzt die Straße ab. (Ich habe jetzt vergeblich alle Varianten durchprobiert, um dieses „ab“ nicht so alleine stehen zu lassen, die Typographiekunst lässt grüßen, und habe jetzt einfach noch diesen Satz angefügt. Das verstehen vermutlich nur die, die den Beitrag sofort angeklickt haben. Anyway)


Ich glaube, das wird mein Bild des Jahres. Frühlingsblüten und Straßendesinfektion. Es ist ein arbre de judée, ein Judasbaum, der im Nachbarhof zu blühen beginnt.

Man kommt ja vom Hölzchen aufs Stöckchen. Bei Herrn B. gings gestern um Fabeln, ich habs aber erst heute früh gelesen. Er findet Fabeln doof. So verstehe ich es zumindest. Bei mir klappten sämtliche Gehirnfächer zu Fabeln gleichzeitig auf. Fabeln, zumindest die Fabeln von Jean de la Fontaine wurden in Frankreich jahrzehntelang, ach was jahrhundertelang, an allen Schulen gelehrt und alle Franzosen können, so wie sie Brassens auswendig singen können, die Fabeln von La Fontaine aufsagen. Maitre Corbeau sur un arbre perché … Alle Franzosen deklamieren sofort weiter.

Ok, die heutige Generation schwächelt etwas, man hat heute andere Schwerpunkte. Fabeln und Diktate werden in Frankreich aber immer noch geliebt. Diktate sind in Frankreich ein „Volkssport“, wie es in dem kleinen Video von arte Karambolage heißt. Monsieurs Großmutter war Grundschullehrerin und sie war dafür gefürchtet, dass sie in den Ferien nicht nur ihrem Enkel, sondern auch allen Dorfkindern, ob sie wollten oder nicht, jeden Tag ein Diktat aufbrummte.

Zurück zu den Fabeln. Mir fielen sofort englische Fabeln von James Thurber ein, die ich in einem Wahlpflichtkurs Englisch bei einer Lehrerin namens Mohr zu analysieren hatte. Frau Mohr hatte vermutlich als eine der wenigen deutschen Englischlehrerinnen meiner Schule eine halbwegs korrekte englische Aussprache, die ich damals natürlich total affig fand. Sie zwang uns diesen Satz „a bee buzzzzzzzzed up around the web“ so lange zu sagen, bis es sich für ihre Ohren englisch genug anhörte. Ist es nicht witzig, was in unseren Hirnwindungen jahrzehntelang abgespeichert ist? A bee buzzzzzzzed up around the web. Und die Moral der Thurber Fabeln war jedesmal shocking. Also für mich damals. Ich habe das gerade nachgelesen, es gibt ja alles im Web. Ich habe tatsächlich „a bee buzzed up around the web“ eingegeben und kam dahin: The fairly intelligent fly. Moral: Es gibt keine Sicherheit, nirgends (wie passend dieser Tage), oder weniger prosaisch, Der Augenschein kann ebenso trügerisch sein wie die Sicherheit, in der man sich wiegt. (Diese hübsche Übersetzung habe ich aus einem Lehrer-Arbeitsblatt). Nachdem ich so derart im Englischen war und die Überschrift dieses elften Corona-Blogeintrags schrieb, dachte ich, ich schreibe heute einfach ELEVEN. Aber es ist vermutlich ohne Erklärung doch zu Insidermäßig. Daher dieses hübsche Video zur Spracherkennung. Lustig, obwohl ich die englischen/schottischen Feinheiten nicht mal höre.

Über die Unfähigkeit der Franzosen Englisch richtig auszusprechen (und andere Sprachen) gibt es auch reizende Filmchen. Hier nur ein Beispiel.

Ok, ok, ich werde meinen deutschen Akzent auch nicht wirklich los. Babbel übrigens, das Sprachprogramm im Internet, bietet gerade krisenbedingt 60 Tage kostenfrei Kurse an. Nein ich werde dafür nicht bezahlt und verlinke daher auch nicht.

Noch was zum Basteln. Mein gestriger Post, dass wir hier keine Masken haben, hat mir diverse Nähanleitungen eingebracht. Herzlichen Dank! Sämtliche Landfrauen nähen derzeit, ich verlinke mal nur diesen Artikel. Eine sehr gründliche Anleitung steht in Ellis Kommentar unter dem Artikel von gestern. Ich kann jedoch nicht nähen und war schon beim Lesen erschöpft. Dennoch lieben Dank! Eine weniger aufwändige Nähanleitung des Hausärzterbands Niedersachsen bekam ich via Caro. Ich möchte auch auf diese Masken hinweisen (via Marianne), die ich möglicherweise trotz des hohen Preises erworben hätte, aber die Firma liefert nicht nach Frankreich. Der Renner aber ist diese wirklich kinderleichte Anleitung (via Luda L.), leider habe ich diese liebe Dame nicht außerhalb FB’s gefunden, für alle, die nicht dort sind, kommt die folgende Anleitung. Es geht auch mit Papierservietten, wenn man sich das Waschen der Stoffmasken bei 90°C jeden Abend ersparen will. (Das Internet ist voll von Maskenanleitungen, habe ich dabei gemerkt.) Alle diese Varianten sind kein supersicherer Schutz (ich lehne übrigens jede Verantwortung ab!), aber besser als gar nichts.


Systemrelevant wird wohl das deutsche Wort des Jahres, wenn es nicht Corona wird. Ich weiß nicht, ob es eine adäquate Variante für Frankreich gibt, ich habe da noch nichts aufgeschnappt. Aber ich stimme Kiki Thärigen zu, wir sind alle immer systemrelevant. Auch wir Künstler, Autoren, Musiker, Schauspieler, Zeichner … wir sind mehr als nur die Pausenclowns (und auch die sind systemrelevant), wir machen das Leben bunt und Krisen erträglich. Kleine Fabel gefällig?

So viel für heute. Bis morgen. Bleiben Sie zuhause und bleiben Sie gesund!

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9 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 11

  1. Christiane Haas sagt:

    Meine 89 jährige Mutter kann heute noch den ganzen maître corbeau aufsagen, ohne auch nur einmal nach einem Wort zu suchen, in der Schule haben wir auch alle Fabeln von La Fontaine durchgenommen, aber ich kann heute keine einzige mehr auswendig aufsagen. Ich habe den Text von Herrn B auch gelesen und dabei geschmunzelt, mein Sohn ist Deutschlehrer an einem Gymnasium und er hat nahm in den letzten Tagen auch die Fabeln mit seinen Schülern durch( alles auf Distanz da ja auch hier alle Schulen geschlossen sind) , laut Rückmeldungen gibt es zwei Lager bei den Schülern, entweder sie lieben die Fabeln oder eben sie hassen sie.
    Ich habe Tränen gelacht beim Video wo französische Politiker Englisch sprechen ( oder es versuchen) ich bin immer wieder überrascht wie schwer sich die meisten Franzosen mit fremden Sprachen tun. Hier in Luxemburg sind wir das ja so gar nicht gewohnt, es ist so schön von einer Sprache zur anderen zu springen, oft bemerke ich es nicht einmal. Letzten Monat ging ich mit einem Österreicher spazieren und ich erklärte ihm etwas, ich wunderte mich da er nicht antwortete , erst dann bemerkte ich, dass ich ihm alles in französisch erklärte .
    Als ich in Strasbourg studierte, sagte mir eine Professorin, wenn ich in französisch träumen würde, wäre ich angekommen.
    wünsch euch allen viel Spass beim Nachlesen von Fabeln und beim Fremdsprachenlernen, “ babbelt“ einfach drauf los, wir Erwachsenen trauen uns oft nicht da wir keine Fehler zeigen wollen.

    • dreher sagt:

      Danke Christiane, für deinen langen Kommentar!
      Ich finde die Videos auch sehr lustig 😁. Bin auch froh, dass ich zweisprachig bin, oder dreispachig mit Englisch. Ich träume aber immer noch in beiden Sprachen. Liebe Grüße!

  2. Gabriele sagt:

    Ich habe meine Zweifel, was die Sinnhaftigkeit dieser Art von Masken angeht, wahrscheinlich dienen sie vor allem dazu, dass man daran erinnert wird, sich nicht ständig ins Gesicht zu fassen (das finde ich irgendwie schwierig, warum auch immer). Im Zivilverteidigungsunterricht, den ich vor 35 Jahren mal besuchen musste, sollte man sich Masken aus Damenstrumpfhosen und Papiertaschentüchern, die man in ein Strumpfbein einfügt, basteln, falls es zum Krieg mit chemischen Waffen gekommen wäre. Wahrscheinlich helfen die ähnlich gut, sehen aber wahrscheinlich nicht so schick aus wie die von dem verlinkten Video. Mit Deinem Hinweis auf die Systemrelevanz hast Du sicher recht, wir haben ja nicht nur physische Bedürfnisse. Allerdings lässt sich auch erkennen, dass die für sytemrelevant gehaltenen Berufsgruppen zu 70% Frauen Frauenberufe sind, die zudem schlecht bezahlt werden… hoffentlich lernen wir was draus. Ich hoffe, Deinem Stiefsohn geht es besser? Liebe Grüße und bleib gesund Gabriele

    • dreher sagt:

      Liebe Gabriele,
      Danke für deinen langen Kommentar, ich glaube die Masken sind genauso wie das Desinfizieren der französischen Straßen eine psychologische Hilfe. Beides beruhigt irgendwie. Man tut etwas. Und wenn man daran glaubt, hilft es auch. Warum auch nicht. Die Idee aus Papiertaschentuechern und Strumpfhosen eine Maske für den Atomkrieg zu basteln, kommt mir aber auch bizarr vor. Im Web kursiert auch eine Herrenunterhose als Maske, das ist wirklich ein Witz 😷😂😁
      Ueber die schlechtbezahlten (Frauen) Berufe, ohne das Wort Systemrelevant hatte ich am Vortag schon geschrieben. Das ist ganz klar unerträglich.
      Danke für deine Nachfrage, es geht ihm besser!
      Liebe Grüße!

  3. Ich hatte mich gestern über Herrn B. sehr gewundert und freue mich, dass ich nicht die einzige bin, die Fabeln doch ziemlich gern mag. La Fontaine hatten wir in einer zweisprachigen Ausgabe in meinem Elternhaus, Zeugnis der ebenso hartnäckigen wie erfolglosen Bemühungen meines Vaters, Französisch zu lernen.

    • dreher sagt:

      Ich habe die Fabeln als Kind verschlungen. Schön, dass ich damit nicht alleine bin 😊

  4. Croco sagt:

    Ojee, der Kommentar ist weg. Habe nicht angekreuzt.
    Danke für die lustigen Filme

  5. Für das Tragen einer selbst genähten Atemschutz Maske gibt es durchaus eine sinnvolle Erklärung.
    https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/atemschutzmasken-103.html

    Hier kann JedeR selbst nachlesen, ob er das machen will oder nicht.
    Da mein Mann vor kurzem sehr schwer erkrankte, muss er sich schützen, wenn er zur Therapie und Krankenhaus muss. Dazu trägt er eine der FFP Masken, außerdem Einmalhandschuhe.
    Ich mache das auch, wenn ich ihn begleiten muss, um ihn nicht zu gefährden.

    Das würde in normalen Grippezeiten auch helfen, dass wir nicht immer mit den Viren oder Bakterien angemietet werden.
    Bin beileibe kein Hypochonder.
    Ich kann nur Jedem raten, zu Hause zu bleiben, wenn er/sie es kann.

    Bleibt gesund.
    Liebe Grüße Marianne