Corona Tagebuch Tag 9

Heute Morgen habe ich mir eine Haarspange in den Haaren so verklemmt, dass ich sie nicht mehr entfernen kann. Die Haare sind jetzt, so wie ich das zum Gesicht waschen und eincremen mache, nach oben und stirnfrei verklemmt. Man sieht jetzt meinen dunklen Haaransatz und … aaah kreisch .. meine grauen Haare, die da jetzt auch sind. Neulich kursierte schon der Witz, dass wir in drei Wochen alle sehen werden, welche Haarfarbe wir eigentlich haben. Glücklicherweise treffen wir ja aber nur so wenige Menschen ;) Ich hatte leichtsinnigerweise den Friseurbesuch zu lange rausgezögert, dachte, ach das geht noch, ich gehe nächste Woche, und dann ging es eben nicht mehr. Es wird auch das Leben meiner Friseurin, ein Ein-Frau-Unternehmen, stark komplizieren. Wenn sie in sechs Wochen (so lange soll die Ausgangssperre vermutlich dauern) noch existiert, wird sie allerdings ziemlich viel zu tun bekommen. Vermutlich gibt es ganz neue Schnitte, Typ- und Farbveränderungen, vielleicht trage ich die Haare zukünftig lang und dunkel und mit reizenden grauen Strähnchen?!

Es wird langsam weniger lustig. Ständig neue Verordnungen. Der Ausgangsschein ist erweitert worden, man muss jetzt auch die Uhrzeit eintragen. Wir dürfen maximal eine Stunde unterwegs sein, uns nur einen Kilometer im Umkreis unseres Wohnortes bewegen und das nur einmal am Tag. Wie das mit (großen) Hunden zu machen sein soll, ist mir ein Rätsel. Aber, wir dürfen jetzt mit den Menschen, mit denen wir zusammenwohnen, rausgehen! Das ist toll!

Ein Freund, der mit seiner Frau und zwei bewegungshungrigen Kids am Wochenende auf einem leeren Parkplatz Boule spielte, wurde verwarnt und die Familie zurück in ihre kleine Balkonlose Wohnung geschickt. Das ist jetzt erlaubt, immerhin!

Gestern bekamen wir einen automatisierten Anruf der Stadt und ich bekam eine Nachricht aufs Handy geschickt. Ab heute wird Cannes großflächig desinfiziert: Straßen vor Apotheken und Läden, Plätze, Parks, Spielplätze, Sportgeräte, Sitzbänke, Ampeln, öffentliche Gebäude, Nahverkehr, Geländer, Barrieren und was man eben alles anfassen kann. Die Buslinien wurden so gut wie eingestellt, außer natürlich die Buslinie 2, die vor unserem Haus zirkuliert, die bleibt bestehen, weil sie zum Krankenhaus fährt. Medizinisches Personal darf kostenlos von Taxis gefahren werden, alle anderen sollen zuhause bleiben.

In Sanary darf man jetzt nicht mehr für ein einziges Baguette rausgehen, lese ich heute in Nice Matin, die tapfer neben all den tristen Nachrichten (Die Krankenhäuser bitten händeringend um Masken und Schutzkleidung!) eine Extra-Beilage Corona-Virus machen, mit ein paar Seiten für Kinder (Malwettbewerb, wir malen einen Arzt, haha), für Eltern, Paare (neuer Sex währen der Corona-Krise) und Hundebesitzer. Heute gibt es ein Interview mit den Mönchen auf der Ile de St. Honorat, Experten im „Eingeschlossen sein“.

Sie sagen im Prinzip das, was alle sagen: sich den Tag einteilen, sich nicht hängenlassen, Dinge tun, für die man sonst keine Zeit hat, Angstmachende Medien (Fernsehen, Internet) meiden, stattdessen lesen, meditieren, beten. Und Kontakt halten zu anderen Menschen, Freunden, Nachbarn, Familie. Gespräche suchen und sich vielleicht auch versöhnen, es sei nicht der Moment, zerstritten zu sein.

Eine (etwas ältere) Freundin schrieb mir, dieser Zustand erinnere sie an den Krieg. Da käme gerade wieder viel hoch. Ich dachte das gestern auch, obwohl ich den Krieg gar nicht selbst erlebt habe, aber ich erinnerte mich beim gestrigen Einkauf an den Film „La traversé de Paris“, der zu der Zeit spielt, als Frankreich von uns Deutschen besetzt war. Ich erlebe es ja zum ersten Mal, dass es Dinge im Supermarkt nicht gibt. Zwei Wochen lang keine Eier. Kein Mehl. Lücken in den Regalen. In diesem Film schleppen Bourvil und Jean Gabin trotz Ausgangssperre ein illegal geschlachtetes Schwein in vier Koffern durch Paris. Und man sieht, wie ein Lebensmittelhändler (Louis de Funés) in seinem Keller Lebensmittel, die es offiziell nicht mehr gibt, gehortet hat. Was mir beim letzten Ansehen des Films auch aufgefallen ist, ist diese laute und ruppige Art, wie sie damals miteinander gesprochen haben, und wieviel immer gepichelt wurde. Hier ein Calva, dort ein Weinchen und noch eines und noch eines. Allez, eins geht noch. Das fällt mir auch in Simenons Maigret Romanen immer auf. In „Maigret macht Urlaub“, ist Maigret morgens um halb Neun schon beim zweiten Glas Weißwein. Man könnte meinen, alle seien immer halb betrunken durch die Welt gelaufen. Vermutlich brüllen sie auch deswegen so viel.


Diese ruppige Art zu sprechen fällt mir ebenso auf wie die neue deutsche Art, wahnsinnig lieb zu sein. In den Videos junger Frauen, die ich jetzt verstärkt anklicke, und die einem von Achtsamkeit, Yoga und Meditation erzählen, geht es immer ganz sanft zu und richtig herzig. „Hallo Ihr Lieben“, werden wir sanft begrüßt. Oder „ooh, heute stelle ich Euch die liiiebe XY vor“. Alles ist ganz schön und ganz lieb und ganz sanft. So kuschelig-wuschig irgendwie. Das ist mir auch neu.

Hier eine achtsame und ernstgemeinte, aber etwas weniger wuschige Video-Umarmung. Ist auch ein Mann.

Was war noch? Uderzo ist gestorben, der Zeichner von Asterix, Obelix und Idefix. Sehr schöner Artikel mit Kultszenen in Le Monde. Französisch natürlich. Hier ein deutsches Filmchen bei Arte.

Nachtrag: Gerade erhielten wie einen Anruf, Cannes war in den Nachrichten zu sehen, und man sah, wie gerade die Straße vor unserer Boulangerie und dem Lädchen desinfiziert wurde!

Sie haben sich auch zahlreich nach Monsieurs Sohn erkundigt, herzlichen Dank dafür! Wir hatten ihn am Telefon, das Fieber ist erstmals weg, er hat rasend schnell 20 Kilo abgenommen (ich habe nachgefragt, weil mir das so unwahrscheinlich schien), weil er so wahnsinnig geschwitzt und weder getrunken (schlecht!) noch gegessen hat. Es geht ihm besser. Aber noch ist er schwach und liegt im Bett (und schaut jetzt immerhin Serien)

So viel für heute. Bleiben Sie zu Hause! Und bleiben Sie gesund!

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9 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 9

  1. Croco sagt:

    Das mit den Haaren wird ein Problem. Eine Freundin ist auch hellblond, aber bald nicht mehr. Ich war tatsächlich noch beim Friseur und mein Mann hatte keine Zeit. Er sieht im Moment aus wie Albert Einstein. Er will aber lieber wachsen lassen bis zum Zöpfchen statt sich meiner Schere anzuvertrauen. Vor vielen Jahre hätte das bestimmt toll ausgesehen, schwarze Locken zusammengebunden. Graue Zöpfe sind aber eher so mittel.

    • dreher sagt:

      :D ich kenne zwei grauhaarige Herren mit sehr wenig Haupthaar aber Zopf, ich bin sicher der ehemals schwarz gelockte Gatte sieht noch klasse aus!
      Gut, dass du hier schreibst, ich krieg bei dir keinen Kommentar unter, es wird immer nur das andere Konto angezeigt, mit dem ich nicht veröffentlicht sein will. Und eine Mail kam postwendend zurück, Empfänger unbekannt :(
      Ich wollte nur Danke sagen fürs Verlinken!

  2. Christiane Haas sagt:

    Bonsoir Christine
    hihi das mir den Haaren habe ich mir genauso überlegt wie du, zwei Tage vor meinem Frisörtermin wurden alle Läden geschlossen, bin gespannt wo ich graue Strähnen entdecken werde, mich nerven die etwas längeren Haare aber schon. Einerseits bin ich aber erstaunt, dass mich etwas so Unwichtiges aus dem Leben davor ärgern kann.
    Was mich jetzt in den Nachrichten erschrocken hat, ist, dass sowohl Polen wie auch Tschechien ihre Grenzen auch für Pendler geschlossen haben. Auch da gibt es viele Pendler die im Gesundheitswesen arbeiten. (Das wäre hier das Allerschlimmste was ich mir vorstellen könnte)
    Die Nachrichten schockieren mich täglich, bei Bildern aus Madrid oder Bergamo kommen mir die Tränen….dass so etwas möglich ist, dass Schwerstkranke in den Fluren auf dem Boden liegen, dass Ärzte entscheiden müssen wo es sich noch lohnt und wie nicht mehr. Aus Colmar und Umgebung wurden viele Schwerstkranke nach Südfrankreich oder ins umliegende Ausland verlegt, zum Glück ist das möglich aber auch das ist nur eine winzige, winzige Hilfestellung.
    Irgendwie realisiere ich es noch nicht so richtig, die Stimmung schwankt während eines Tages mehrmals.Ich denke jedoch, dass es den allermeisten Menschen jetzt so geht.
    Heute hätten wir ein Fest für die Allerkleinsten ( 1-3) gehabt, ich wollte mit 2 Freundinnen die kleine Raupe Nimmersatt als Stabtheater vorführen, wochenlange Arbeit bis alle Figuren fertig waren, bis alles organisiert war…. und jetzt kommt es mir vor als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Jetzt bin ich komplett im Haus “ eingesperrt“ , als personne vulnérable kann ich nicht mal einkaufen gehen, aber zum Glück täglich allein einmal um den Häuserblock.
    Ich hoffe so sehr, dass dieser lock down hilft, dass sich diese Pandemie langsamer entwickelt und , dass so Menschenleben gerettet werden.
    Vielleicht sollte ich meine Asterix Bücher hervorholen, bestimmt eine kleine Hilfe

  3. Eva sagt:

    Liebe Christiane,
    der Mann hier wird auch zum Zausel, er hatte es vor seiner Achillessehnenruptur und der notwendigen Operation auch nicht mehr zum Friseur geschafft (ja, zweitrangig!!). Meine grauen Haare sind in der Zwischenzeit sehr lang und ich finde sie ausgesprochen schön. Da ist Friseur eh nur selten notwendig.
    Aufgrund der o. g. Situation sind wir grad medizinisch völlig aus dem Coronathema raus weil sowieso zuhause. Nächste Woche fangen wir wieder an und ich bin gespannt, was uns in der Praxis erwartet. Ein Großteil unserer Untersuchungen wird gestrichen weil derzeit medizinisch nicht notwendig (Vorsorgedarmspiegelung z. B. ). Mal sehen, wie es werden wird. Unser persönliches Infektionsrisiko steigt natürlich auch schlagartig an…
    Wir werden sehen…
    Ich lese Dein Tagebuch sehr gerne, denn es gibt relativ gelassene Einblicke in das, was auf uns noch zukommen kann.
    Bleibt gesund und seid gedrückt,
    Eva (&Tibor natürlich auch!)

  4. 1st, female sagt:

    Immer sehr interessante Beiträge und schöne Bilder!
    Danke vielmal und herzliche Grüsse aus einem 16. Stock.

  5. Evelyn Kerry sagt:

    Ui, gut dass ich Friseure nicht so unbedingt brauche. Meine Haare sind einfach lang und alle drei Monate schneide ich mir selbst die Spitzen, Punkt. Beim Friseur war ich das letzte Mal 1984. Damit habe ich eine Menge Geld gespart, aber der Konjunktur nicht geholfen, alles hat eben immer zwei Seiten….
    Aber zur momentanen Situation! Wie, bitte, soll das gehen? Man darf sich nur noch in einem Kilometer Umkreis bewegen? Wir wohnen 5 Kilometer vom nächsten Dorf und da gibts sowieso keinen Laden (174 Einwohner)! Der nächste halbwegs als Superette zu bezeichnende Laden ist 15 Kilometer entfernt. SOLLEN wir jetzt etwa verhungern? Und Vorratseinkäufe soll man ja auch vermeiden, wie soll das gehen, müssen wir dann jeden Tag runterfahren, obwohl wir es gar nicht dürfen? Und wohin mit dem Müll? Bei uns oben gibt’s es keine Mülltonnen, was auch wirklich sinnvoll ist, denn nach einem Versuch der Gemeinde, uns Mülltonnen vors Grundstück zu stellen, hatten wir ein spektakuläres Chaos, denn die Wildschweine und andere wilde Tiere haben die Dinger direkt umgeschmissen und den Müll wunderbar verteilt. Hat mich eine gute Stunde gekostet, das Chaos wieder in den Griff zu kriegen. Abesehen davon kriege ich Albträume bei der Vorstellung, dass ein Mülllaster unsere einspurige Bergstraße frequentieren sollte, die obendrein an einer Stelle vor zwei Wochen so viel abgerutscht ist, dass der Briefträger, beim Umfahren des Erdrutschtsin den Graben gefahren ist. Tja, und die Müllhäuschen, in dem die Mülltonnen eben wegen diesen wilden Schweinen, den Hirschen und eventuell Bären ( ja, ja, die gibts hier wirklich, kein Witz) untergebracht sind, befinden sich im Dorf, in das wir ja wegen den Anweisungen, sich nicht weiter als einen Kilometer von unserem Haus zu entfernen, nicht fahren dürfen.

    Ich finde diese Regeln sind für die Stadt halbwegs brauchbar, aber auf dem Land? Frankreich besteht ja nun wirklich nicht nur aus einer Stadt, oder habe ich da was Wichtiges verpasst? Ich bin ja nicht grundsätzlichgegen Regeln, aber wie bitte, sollen wir diese jetzt einhalten, falls wir wirklich etwas WICHTIGES erledigen müssen. Gestern kam die Rechnung der EDF und wir sollen sie spätestens bis zum 27. 03. bezahlen, aber der nächste Briefkasten ist im Dorf, also, kriegen wir dann vielleicht den Strom abgesperrt, wenn wir nicht runter dürfen?

    Ist vielleicht alles nicht sooo tragisch, immerhin haben wir ein Brennnesslfeld hinter dem Kompost, und jede Menge Wildkräuter, die man zu leckeren Salaten verarbeiten kann und außerdem noch 1A Vitamin und Mineralstoffliferanten sind. Hühner haben wir zur Proteinversorgung. Wenn uns die Eier zu langweilig werden, versorgt unser Bauer von unterhalb mit Lamm, Schweine –
    und Kaninchenfleisch.
    Das Merkwürdige an der Sache ist, dass wir ja eigentlich sowieso nur alle zwei Wochen runter in die Stadt fahren, was mich normalerweise nicht im geringsten stört, aber jetzt, wo ich nicht mehr darf, habe ich das dringende Bedürfnis, den Berg fluchtartig zu verlassen, werde es aber aus Selbsterhaltungstrieb selbstverständlich nicht tun. Psyche ist ein merkwürdiges Ding. Sie suggeriert mir Sachen, die ich sonst überhaupt nicht tun möchte, nur weil ich sie jetzt nicht tun darf.
    Was auch immer, ich hoffe ihr alle werdet gut über diese Krise hinwegkommen, bleibt gesund (vor allem in der Seele) und haltet euch von dem fiesen Virus fern.

    • dreher sagt:

      :D Danke für diese Geschichte! Ja, auf dem Land wird das alles anders gehandhabt, bei uns im Bergdorf und im Tal ist es auch entspannter und es gibt keinen Kranken. Großstadtregeln …
      Pass(t) auch auf dich/euch auf!

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