Corona Tagebuch Tag 12

Samstag. Sonne, leichter Wind, 16°C. Der wenige Lärm auf der Straße hört sich nach Wochenende an. Sie wissen es sicher schon, gestern Abend hat unser Premierminister Edouard Philippe die Ausgangssperre bis zum 15. April verlängert. War zu erwarten. Auch wenn Trump die Kirchen an Ostern gern voll gehabt hätte, ich glaube, er hat eher die Krankenhäuser voll und die Kirchen weiterhin leer. So wie wir auch. In diesem Zusammenhang muss ich Ihnen leider sagen, dass der Priester, der sein Atemgerät an einen jüngeren Mann abgegeben hat, leider ohne diese heldenhafte Geste verstorben ist. Keine Seligsprechung in Sicht in nächster Zeit. Schade, war so eine nette Geschichte, so tröstlich und voller Liebe und vielleicht hat man sie deshalb erfunden. Wir sollten auch anscheinend gute Nachrichten dieser Tage hinterfragen, heißt es in einem Text, den ich aber nicht verlinke, es geht darin um noch nicht vorhandene Virus-/Brustkrebs-Tests und die Unsachlichkeit von Medien, die so tun, als gäbe es die schon. In Südfrankreich kursiert gerade ebenso eine Information, dass ein Arzt, Professeur Raoult in Marseille, mit Hydroxychloroquine und gleichzeitiger Gabe eines Antibiotikum in der Lage sei, den Corona-Virus innerhalb weniger Tage quasi zu heilen. Christian Estrosi, der Bürgermeister von Nizza, hat sich damit behandeln lassen und sei gesund geworden. Der Bürgermeister von Cannes hat durchgesetzt, dass das Krankenhaus in Cannes damit behandeln darf. Professeur Raoult hat seine Medikamententheorie an achtzig, zwischen 18 und 88 Jahren alten, an COVID19 erkrankten Menschen ausprobiert, 78 konnten schon relativ bald das Krankenhaus wieder verlassen, heißt es, einer verstarb und einer liege noch immer in der Réanimation. Die Umstände dieser Testserie werden hier sehr kritisiert. Nach Professeur Raoult, der mit seinen langen Haaren ein bisschen wie ein Guru aussieht, will man seine einfache Methode nur nicht wahrhaben, weil sie keinen Pfennig koste und bereits existiere. Zu billig, damit verdiene die Pharmaindustrie nichts, also kann es nichts taugen. Kann sein. Oder auch nicht. Professeur Raoult liebstes Medium ist das Tweet, das hat er gemeinsam mit Donald Trump, und so wundert es auch nicht, dass seine Medikamentierung nun auch in New York und bereits an 500 Patienten getestet wurde, angeblich mit großem Erfolg. In der deutschen Presse taucht der französische Arzt nur in eigenartigen Gazetten auf. Zeichen dafür, dass man ihn nicht als seriös einschätzt. Wir werden sehen. Wenn Menschen sehr krank sind, pilgern sie auch nach Lourdes und trinken heiliges Wasser und werden (manchmal) gesund. Aber auch diese Wunder werden überprüft.

Heute morgen habe ich ein bisschen den Staubsauger durch die Wohnung gejagt und mein Workout mit dem bisschen Haushalt absolviert. David Lisnard, der Bürgermeister von Cannes ist selbst sehr sportlich, deswegen wurde wohl bis eben der Trimmdich- und Laufpfad in La Croix des Gardes noch nicht gesperrt. Und deswegen bietet die Stadt Cannes auf ihrer FB-Seite jeden Tag um 10.30 Uhr ein kleines Sport-Video an, ausgearbeitet von verschiedenen Sporttrainern der Cannoiser Sportvereine. Heute mit Sabrina von As Cannes Karate. Gleichzeitig gibt es auf der FB-Seite ein Kultuprogramm. Vor allem für Kinder, aber nicht nur gibt es Tanzvideos, Museumsbesuche, Animationsfilme und vieles mehr.

Nach dem Workout eilte ich zum kleinen Lebensmittelladen, die Straßen waren nass, die Luft Chlorgeschwängert. Gerade war der Desinfektionswagen durchgefahren. Mehrere LeserInnen zweifelten die Sinnhaftigkeit dieser Aktion an, Aktionismus, heißt es. Sie sehen mich schulterzuckend. In Südkorea wurde das wohl gemacht, das Land sei auch aufgrund dieser Maßnahme relativ glimpflich durch die Krise gekommen, heißt es hier, in der deutschen Presse wurde es als sinnlos eingestuft.

Sie sehen in dem Video unseren Bürgermeister und mein Stadtviertel :) Das Desinfektionsmittel der Wahl ist eine verdünnte Mischung des Chlorreinigers Javel, das ein traditionnelles Reinigungsmittel ist. Es wird in Frankreich für alles und nichts eingesetzt und wird hier, ähnlich wie die Seife aus Marseille, wie ein Allheilmittel verehrt. Insofern kann es durchaus sein, dass es ein sinnloser Aktionismus ist, aber er beruhigt die Bevölkerung. Die Franzosen sind anders als die Deutschen, falls Sie es auch nach all den Jahren, in denen Sie meinen Blog lesen, noch immer nicht bemerkt haben. Mit Franzosen muss man anders reden, der nüchterne Ton von Angela Merkel würde hier niemanden beruhigen. Die sachliche Information, dass das Desinfizieren mit Javel nichts taugt, wird hier höchstens abgenickt und weiter desinfiziert. Vielleicht taugts ja doch. Die Alten haben es früher auch so gemacht. Selbst der Gatte, Ex-Apotheker, den ich dazu befragt habe, sagt schulterzuckend „warum nicht“. Dieser „Aktionismus“ beruhigt die dazu befragten Menschen überall. Schon deswegen hilft es. Wie das heilige Wasser von Lourdes.

Die Franzosen sind anders als die Deutschen, auch in ihrer Streikkultur. Gleich nach der Bekanntgabe der Verlängerung der Ausgangssperre bis zum 15. April, das heißt auch über Ostern, was eine zusätzliche Krise ausgelöst hat: Ostern OHNE Familienessen! Ich habe heute schon spaßeshalber ein virtuelles gemeinsames Essen vorgeschlagen, es wird vermutlich nur aufgrund der schwächelnden Internetverbindung nicht stattfinden; was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass die Gewerkschaft CGT gleichmal zum Streik aufgerufen hat. Im öffentlichen Dienst, wo keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen existieren, keine Masken etc. soll im gesamten Monat April gestreikt werden.

Im Lebensmittellädchen kaufe ich heute überteuerte Spargel und Erdbeeren und eine Flasche Rosé, nein wir haben keinen Rosé-Engpass, Gottseidank! Aber das mit den Spargeln könnte schwierig werden, ebenso mit den Erdbeeren. Die rumänischen Erntehelfer bleiben aus, eingesperrt mit oder ohne Corona in ihrem Land. Die Erdbeerlandwirtin aus der Dordogne, die gestern wegen eines Aufrufs nach Hilfsarbeitern im Fernsehen zu sehen war, ist aber entschieden: sie will nur qualifiziertes Personal, glauben Sie mal micht, dass jeder hergelaufene Typ korrekt Erdbeeren ernten kann. Der Spargellandwirt im hessischen Ried, dem ebenfalls die Erntehelfer fehlen, ist da optimistischer, auch wenn er meint, dass es ein Knochenjob ist, aber man kann es lernen. Er ist glücklich, dass er vermutlich Hilfe von jungem Küchenpersonal bekommt.

Küchenpersonal macht derzeit auch in Cannes anderes als üblich, auch wenn sie weiterhin hinter Kochtöpfen stehen. Die Köche der geschlossenen Restaurants bekochen reihum die etwas hundert Obdachlosen, die in einem Saal im Palais des Festivals untergebracht sind. Bei gutem Wetter gibts Essen auf der Terrasse mit Blick aufs Meer. Heute gabs Blanquette de veau, ein Kalbsfrikassee. Leider kann ich das Foto auf der FB Seite der Stadt nicht hierherkopieren.

Heute gibts Gartentore. Sie sehen die nasse, frisch desinfizierte Straße. Ich muss noch ein bisschen am einheitlichen Abstand arbeiten.

Hier noch zwei Nachträge zu gestern, es ist ja so eine derartige Informationsflut, ich komme kaum nach und bin abends immer schlagkaputt … Von mir ungesehen gab es in der Zeitung gestern (wie passend) diesen Hinweis, falls man sich zu sehr langweile, solle man die Fabeln von La Fontaine zu wiederholen!

Zum Maskenbasteln bekam ich heute diesen Hinweis (via Luda L.), den ich Ihnen gerne weiterleite. Falls Sie gerade ein Masken-Näh-Kleinunternehmen eröffnet haben, hüten Sie sich, diese Bastelei „Atem-SCHUTZ-Maske“ zu nennen. Da kriegen Sie möglicherweise eine Abmahnung auf den Tisch. Ich zitiere hier mal von einer Anwaltsseite auf FB :

„Designt, näht oder klebt! Ob aus Kaffeefiltern, Stoff oder Zellulose. Ihr habt keine Rechtsprobleme, solange ihr es nicht als AtemSCHUTZmaske vertreibt. Mundbedeckung, Gesichtsmaske, Mund-Shirt, Nasenstoff – all das geht in Ordnung. Wenn ihr in der Artikelbeschreibung Covid19 erwähnt, wäre ein Hinweis geboten, dass die Maske keinen wirksamen Schutz des Trägers darstellt. Fakt ist gleichwohl, dass die Flugbahn und Verbreitung von Tröpfchen selbst bei einem Taschentuch oder Ellenbogen verschlechtert wird, insofern hat alles, was man beim Husten vor den Mund aufbaut einen gewissen Nutzen.“

Und weil ich mich immer auch um ihre seelische Gesundheit sorge, bekommen Sie hier ein kleines hilfreiches Video. Andreas Huckele ist Ihnen vielleicht bekannt als einer der Jungen, der in der Odenwaldschule von seinem Schuldirektor über Jahre hinweg missbraucht wurde. Er hat diesen Skandal öffentlich gemacht und vor ein paar Jahren unter Pseudonym ein großartiges und sehr wütendes Buch darüber geschrieben. Heute arbeitet er als Autor und Therapeut in der Nähe von Frankfurt.

Und noch etwas Nettes zum Abschluss. Der Internationale Opern Chor singt gemeinsam und doch jede(r) für sich Va pensiero aus der Oper Nabucco von Verdi.

So viel für heute! Bleiben Sie zuhause und, klar, bleiben Sie gesund!


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 12

  1. Ursula Weber sagt:

    Liebe Christiane,wieder ein interessanter Corona-Bericht mit vielen Bildern und Beiträgen. Unglaublich, wieviel Mühe und Zeit du investierst, um uns täglich einen interessanten Bericht zu liefern.
    Besonders hat mir die „Ansprache“ von Andreas Huckele gefallen – und zum Abschluß einer meiner Lieblingschöre. Super – vielen Dank und liebe Grüße.
    Bleibt gesund !!!

  2. Tina Kolbeck sagt:

    Danke, liebe Christjann, beides rührt mich sehr. Herr Huckele und der Chor. Schlaf gut!

  3. Sunni sagt:

    Salut nach Cannes! Danke für Text und Videos, den Chor kannte ich, das andere Video nicht, fand es aber sehr gut, nachdem mich gestern meine völlig aus der Bahn brechende Ärztin total verrückt machte (Alles Verschwörung, alles stimmt nicht..usw). DAS tut nicht gut. Da braucht es klaren Verstand und Ruhe, nichts weiter. Ob Javel oder nicht, pourquoi no…:-))) Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Schön, wenn das Video helfen konnte, Ruhe zu finden!
      Darf ich Sie, nur im Sinne eines liebevoll unterstützenden Lernprozesses dieser fremden Sprache, verbessern? Ein sehr typischer französischer Satz ist dieses „Warum nicht?!“ Damit geht alles durch. Französisch sagt man aber richtig „Pourquoi pas?!“ und man macht eine Schulterzuck- und Hände-erhoben-Geste und zieht ein bisschen eine Grimasse. Liebe Grüße!

  4. Croco sagt:

    Frankreich riecht für mich nach Javel, schon immer. Spanien übrigens auch. Die Psychologie von Reinigungsritualen ist nicht zu unterschätzen, hat fast jede Religion. Als die Mieter aus dem Haus meiner Eltern auszogen, haben sie es, aus verschiedenen Gründen, vom Pfarrer ausräuchern lassen. Und dann war alles gut.
    Das Mundtuch hat ja ähnliche Wirkung. Macht aber nichts, wenn es Sicherheit gibt.
    Danke sehr für die schönen Pforten. Jede einzelne ist besonders.
    Freu mich immer, hier im Blog sein zu dürfen.
    Positiv, positiv, positiv.

    • dreher sagt:

      Dankeschön! :)
      Ich habe, als bei mir eingebrochen wurde, danach auch ein Reinigungsritual gemacht, und „gute Energie“-Steine verteilt, es hat aber dennoch Jahre gebraucht, bis ich dort wieder in Ruhe sitzen und arbeiten konnte.
      Es wird auch von AirnBnB Gastgebern erzählt, die ihre Wohnung komplett anderen überlassen, dass sie sich gegen fremdes Parfüm oder Zigarettenrauch ihre eigene Wohnung zurückerobern müssen. Der Geruch von Javel hilft da bestimmt ;)
      Ja, positiv. Ist gewollt und derzeit auch authentisch.
      Danke, danke, danke.

    • Mumbai sagt:

      @ croco…danke, dass Sie das anfuehren….man kehrt hoffentlich wieder zum alten Denken und den Ritualen zurueck. Was einen nicht umhaut kann nicht schaden. AG

  5. Mumbai sagt:

    1.in der Not greift man leicht nach dem Strohhalm. Aber wie Sie richtig sagen, es kostet
    nichts und d.h. die Pharma kann dabei nichts verdienen. Mit D3 ist es ebenso wie mit Mg. und MMS. ..2.es wird immer vor fake news gewarnt, doch kennt jemand das Geheimnis, wie man es erkennt? Ich verlasse mich da auf mein Bauchgefuehl, doch die Priester-Geschichte ist ja glaubhaft gewesen, zumind. koennte man das dem einen oder anderen Geistlichen zutrauen. …3.Ab morgen gilt in Spanien, allles aber auch alles muss geschlossen bleiben. Supermaerkte, Pharmacy ausgeschlossen. …4.Die Deutschen koennten, was Mut und sich „nicht alles gefallen lassen“ an den Franzosen ein Beispiel nehmen. Dafuer liebe ich letztere Nationalitaet. Die Deutschen sind Duckmaeuser und Blauaeugige….aber der Krug geht solange zum Brunnen…..na, Sie kennen ja den Spruch.
    …5.und das Basteln von Masken ist wohl auch nur eine Volksbeglueckung, Zeitvertreib, hier machen das die Immigranten aus Afrika, die sonst am Paseo Fakeware verkaufen.
    6.Also dann lieber daheim bleiben und gluecklich sein, dass der Himmel noch immer wieder blau wird, sowie hoffen , dass es danach nicht Schlimmer kommt. Alles Gute weiterhin

  6. Tina Sumser sagt:

    Merci liebe Christiane!
    dafür dass du mich an deinem( meinem ) südfranzösichen Leben teilhaben lässt!
    Ich bin berührt und dankbar. MERCI.
    Bleibe zuversichtlich , immer!
    chaudement
    Tina

  7. Wendy sagt:

    Oh – der Duft von Sauberkeit – da gibt es sogar Studien darüber! In fast allen südlichen Ländern ist „Chlorbleiche = sauber „- also Eau de Javel, Domestos u.ä. In Deutschland dagegen ist Zitrone = sauber. Das ist ne ganze Wissenschaft.
    Hygienisch ist für mich der Geruch von Sagrotan – dabei gibt es das in der Form wie ich es assoziiere gar nicht mehr (braune Lösung in brauner Flasche – ich hab irgendwo noch einen Rest in einer Flasche). Die neuere Variante ist blau – undenkbar…. das ist bestimmt nicht so gut….

    • dreher sagt:

      Das ist ja spannend! So was mag ich. Ich habe mal was gelesen, welche Waschmittel in welchen Ländern gekauft werden und welche nicht. Und dass in Italien die Konzentrate nicht laufen, weil die Italiener immer noch auf große Pakete stehen. (Kann auch schon wieder anders sein, ist schon eine Weile her)