Corona Tagebuch – Tag 14

Zwei Wochen heute. Andere zählen ja anders, und wenn ich den Beginn der Beschränkungen mitzählen würde, wären wir hier auch schon bei Tag 17 oder gar 18. Anyway, für mich hat sich gar nicht so viel geändert, weshalb ich vielleicht auch so gelassen bin. Ich bin zu Hause, Monsieur ist auch schon immer zu Hause; diese Zweisamkeit ist für mich normal geworden (anfangs war es ungewohnt, aber das ist nun auch schon zehn Jahre her). Ich sitze am Esstisch, schreibe und schaue, nein, nicht aufs Meer, ich schaue in den unaufgeräumten Nachbarhof, aber wenn ich den Blick hebe, sehe ich am Ende der Straße die Silhouette des Esterelgebirges, und ich weiß, auch wenn ich es nicht sehe, dort ist das Meer.

Archivbild

Vielleicht gibt das Wissen davon ja auch schon eine gewisse Beruhigung. Ich bin ja, selbst wenn ich das immer vorhabe, in all den Jahren auch nicht jeden Tag dort gewesen. Heute aber wird auch diese vage Andeutung von Meer von den Wolken verdeckt. Ob ich das Meer riechen könnte, wurde ich gefragt. Nicht von hier, mes chers ami(e)s, ich höre es auch nicht rauschen. Ich rieche Abgase und höre Autolärm. Auch jetzt, wo alle diese wundervolle oder bedrückende Stille in der Stadt erleben, werde ich weiterhin mit Autolärm verwöhnt. Ok, es sind deutlich weniger Autos und ich höre vermehrt auch das Vogelzwitschern und die Geräusche der Nachbarn in den umliegenden Häusern, die man selten sieht. Und nein, wir singen nicht auf den Balkons und wir klatschen auch nicht gemeinsam. Niemand klatscht. Ich habe es die ersten Abende versucht, aber ich war allein, weit und breit kein Mensch, weder an den Fenstern noch auf den Balkons und niemand klatschte, auch nicht entfernt. Also ging ich ungeklatscht wieder rein. Am nächsten Tag las ich in der Zeitung den Text eines wütenden Rettungsfahrers, der sinngemäß sagte, euren Applaus könnt ihr euch sonstwo hinstecken. Ihr seid mit Schuld, dass wir in so einer kaputtgesparten Misere sind und wir sind euch den Rest des Jahres egal. Jetzt brauchen wir euer geheucheltes Geklatsche auch nicht. Seitdem habe ich nicht mehr das Bedürfnis zu klatschen. Ich verlinke Ihnen mal das deutsche Pendant, gefunden bei Friederike vom Landlebenblog. Aber vielleicht schreie ich bald. Heute früh fand ich (via Annette D.) nämlich das hier: Die Italiener singen, die Deutschen klatschen und die Australier?! Die schreien! Klicken Sie auf die Bilder bzw. Filme. Ich muss sagen, ich finde das sehr befreiend und viel ehrlicher als alles andere. Ich behalte mir vor, demnächst abends auf dem Balkon zu schreien.

Am vergangenen Samstag habe ich versucht, bei einem der Erzeuger des geschlossenen Marché Forville eine Gemüsekiste zu bestellen, es war zusätzlich ein großer Artikel dazu in der Zeitung, aber ich sage es gleich, ich war nicht erfolgreich. Die meisten haben keine Lieferstruktur aufgebaut, wozu auch, sie waren immer auf dem Markt präsent. Die, die schon immer liefern (AMAP, Les Ruches), sind gerade schon ausgelastet und nehmen keine Kunden mehr an. Andere sind zu weit weg. Die Chambre d’Agriculture, auf die in der Zeitung verwiesen wurde, bietet auf ihrer Seite dazu NICHTS an, man kann klicken so viel man will. Zusätzliches Problem: niemand liefert mehr. Man muss nun selbst dorthin fahren, um die Kiste abzuholen. Die Gärten und Höfe liegen aber deutlich weiter als einen Kilometer entfernt (La Roquette sur Siagne im besten Fall 12km); Monsieurs Tochter, die schon auf ihren kurzen Wegen mehrfach kontrolliert wurde, meint, man würde uns nicht so weit fahren lassen. Sie selbst, die schon für drei Familien einkauft, hat außerdem keine Lust, sich noch eine zusätzliche Fahrt anzutun und findet, es gäbe ausreichend regionales Gemüse in den (mittleren) Supermärkten, in denen sie einkauft. Aber jetzt kommts, der Bürgermeister von Cannes, der sich dieser Situation wohl bewusst ist, zeigt gerade enormen Einsatz und erfinderische, lösungsorientierte Qualitäten, die ich ihm nicht zugetraut habe. Er wurde neulich mit über 80% der Wählerstimmen wiedergewählt und diese Stimmung für ihn wird gerade noch euphorischer. Er hat es nämlich nicht nur geschafft, den Fischmarkt wieder zu eröffnen, allerdings mit entsprechenden Hygienemaßnahmen direkt am Hafen, sondern hat gestern auch mit den Mitarbeitern der Stadt einen vorübergehenden Gemüselieferservice für die Erzeuger des Marktes entwickelt. Man ruft im Rathaus an und bestellt sein Gemüse, die Mitarbeiter der Stadt beauftragen die Erzeuger und es sind wiederum die Mitarbeiter der Stadt, die die Kisten liefern. Ich werde das testen. Außerdem sind die Bücher der einzigen inhabergeführten Buchhandlung Autour d’un livre, die vor wenigen Jahren von der rührigen Florence geöffnet wurde, auch im Lieferpaket. Großartig, oder?

Gleichzeitig wurde veranlasst, dass sämtliche dekorative Beleuchtung von Cannes für die Zeit der Ausgangssperre ausgeschaltet wird. Läuft ja eh keiner draußen rum, um es anzusehen. Ich mag erstaunlicherweise, dass er uns in seinen Communiqués „Liebe Freunde“ nennt. Außerdem beendet er alle seine Schreiben derzeit mit „Sursum Corda“. Hoch die Herzen!

Ein superkurzes Video und zwei gute Nachrichten aus Wien!


Heute ist es bei uns hellbau-grau, eher kühl und vielleicht wird es auch regnen. Ich habe Ihnen einige virtuelle Besichtigungen gefunden, die Sie in den Frühling entführen. Der Keukenhof in den Niederlanden, der dieses Jahr geschlossen bleibt, dreht alle paar Tage ein kleines Video und die dort arbeitenden Gärtner zeigen ihre Lieblingsplätze. Wenn Sie nicht zum Keukenhof kommen können, kommt der Keukenhof zu Ihnen, sagt der Direktor in seinem ersten Video. Voilà! Gefunden dank Luda L.

Oder wie wäre es mit einer Besichtigung des Gartens von Claude Monet in Giverny?! Hier mit dem englischen (französisch sprechenden) Gärtner. Es ist eine Ehre für ihn, den Garten wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen und die Blumen so zu pflanzen, wie sie auf Monets Gemälden zu sehen sind.

Hier geht es weiter mit einer Hausbesichtigung. Monet zog nach Giverny, weit weg von Paris, denn er wollte sein Privatleben ungestört genießen: er lebte mit einer verheirateten Frau und ihren und seinen Kindern zusammen. Ein Skandal. Seine Gemälde waren zu seiner Zeit auch noch ein Skandal. Die Leute spuckten verächtlich darauf, erzählt der Museumsleiter. Später führt uns eine entfernte Verwandte durch das Haus, das noch genau so aussieht wie zur Zeit des Malers.

Und hier könnten Sie das Haus virtuell und ganz allein von innen besichtigen. Sehr hübsch!

So viel für heute. Gehen Sie nur virtuell hinaus und bleiben Sie gesund!

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15 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 14

  1. Croco sagt:

    Giverny. Ein Zauberort.
    Erstaunt bin ich, wie nah doch Dorf und Strasse sind.
    Danke für die Filmauswahl. Ich liebe diese Blütenvielfalt und ihre Farben.
    Kennst Du die Originalaufnahmen von Monet?
    https://www.youtube.com/watch?v=BJE4QUNgaeg

  2. Wolfram sagt:

    Ich zähle heute Tag 15: ab dem ersten Tag, an dem die Schule geschlossen war. Aber es könnte auch Tag 16 sein, denn am Vortag durften wir schon den Gottesdienst nicht abhalten.

    Wie dem auch sei. Es könnte auch Tag -32 sein.

  3. Evelyn Kerry sagt:

    Liebe Christiane, ich danke Dir weiterhin für Deine aufschlussreichen Berichte. Das was Du beschreibst, kommt mir vor, als fände es auf einem anderen Planeten statt. Bei Dir gibt Autos, Lärm und einen offensichtlich um die Bevölkerung bemühten Bürgermeister. Ich hüpfe quietschend auf die Terrasse, wenn ich unten von der Straße ein Auto kommen höre, das passiert hier nicht!!!jeden Tag und sorgt für große Aufregung!
    Ansonsten hat sich der Frühling irgendwoanders hin verkrümelt und der Winter, der die ganze als Winter bezeichnete Zeit durch Abwesenheit geglänzt hat, ist über Nacht doch nochmal zur Besinnung gekommen, nach dem Motto, Mensch, ich hab da irgendwas völlig verpennt, entschuldigung, ich mach dann doch noch mal eine kurze Vorstellung, sorry, Leute, hier habt ihr ein dickes Paket Weißes, nur noch schnell bevor es endgültig zu spät ist. Grr, das hätte er sich auch früher einfallen lassen können, bevor die Kirschbäume blühen und und die Tulpen und sogar Rosen stolz die ersten zarten Blüten präsentieren. Die machen jetzt beleidigt die Grätsche und sehen so richtig be…scheiden aus.
    Und Nahrungsbeschaffung à la Cannes ist hier nicht! Naja, wie gesagt, es gibt Brennnessel Spinat, Brennnessel Quiche, Brennnessel Omelett und so weiter… und zur Abwechslung Salat aus Löwenzahn Vogelmäre, Nabelkraut, Gundermann, Melisse und Bärlauch.
    Morgen erbarmt sich unser Sohn und karrt uns einen Einkauf hier rauf. Hoffen wir, dass die Polizei ihm keinen Ärger macht, denn mit dem Umkreis von einem Kilometer… das ist gerademal ein Achtel vom Weg bis zum nächsten Dorf, aber das Thema hatten wir ja schon. ABER eigentlich ist meine Laune ganz gut, weil ich mir mit Zimmersport die Zeit vertreibe. Ich habe den Holzfußboden im Wohnzimmer per Borstenpinsel gewachst und mit alten dicken Wollsocken gebohnert. Sieht richtig gut aus und hat sicher etliche Kalorien verbraucht. Und malen tu ich auch. Und Samen bestellen. Ich liebe Samenkataloge. Sie gaukeln mir den perfekten Garten vor, den ich natürlich nie haben werde, denn auf neuhunhundert Metern kann man nicht all das ziehen, was einem diese rührigen Träumemacher mit ihren tollen Bildern alles vorgaukeln. Egal, wie gesagt, träumen kann man trotzdem. Also begebe ich mich gleich wieder ins Reich unerreichbarer Fantasien und bastel mir den perfekten Garten. Mal sehen was mir morgen einfällt….

    • dreher sagt:

      Mich erinnert das immer an unser Sommer-Leben im Berghaus (1700 Meter, 7 km Piste, knapp 20 bis zum ersten Dorfladen); da oben hat es dieser Tage auch wieder geschneit. Ich hoffe, der Sohn bringt auch etwas Handfestes, damit ihr euch nicht nur von Kräutlein, die du unterm Schnee ausgräbst, ernähren müsst. Halte die Ohren steif und bleibt gesund!

  4. Caroline Bahri sagt:

    Wir waren heute das erste Mal seit über einer Woche wieder raus und haben bei Carrefour in Antibes eingekauft. Ist nur 1 km entfernt. Wir haben eine halbe Stunde vor dem Eingang Schlange gestanden, jeder muss einen Einkaufswagen als Schutzschild vor sich her schieben. Wenn ca. 20 Leute raus sind, werden 20 neue rein gelassen. Dadurch ist es wunderbar leer drinnen und man kann ganz entspannt einkaufen. Die Regale sind proppenvoll, frisches Brot, Gemüse, Fisch. Nichts fehlt. Wir sind weder angehalten noch kontrolliert worden, hatten natürlich unseren Ausgangsschein parat. Trotzdem, es ist ein mulmiges Gefühl, wenn man das eigene Grundstück verlassen hat. Als ob die Luft außerhalb verseuchter wäre. Dann haben wir im Garten zu zweit eine Runde Boule gespielt, weil die Sonne uns gelockt hat. Der Vater vom Bürgermeister in Cannes ist übrigens auch Mitglied in unserem Bouleclub und genau so toll, witzig und charmant wie sein Sohn. Als David Lisnard mich bei der letzten Jahreshauptversammlung nach meinem Akzent fragte, habe ich geantwortet, ich bin Deutsche. Er grinste und sagte: „c’est pas grave“.

    Liebe Grüße und bleibt gesund!

    Caro

  5. Claudia Pollmann sagt:

    Hallo Christiane,
    das mit dem Klatschen habe ich gar nicht angefangen. Lustige Vorstellung das die eh schon sehr reservierten Allgäuer für irgend etwas klatschen oder auch noch singen sollen. Wir stellen auch keine Kerzen in Fenster oder andere solidarische Kinkerlitzchen… Wer mit Mundschutz einkaufen geht wird angestarrt. Anstarren ist auch der größte Teil der Kommunikation in meiner Heimatregion ;-) bin das schon so gewohnt das ich immer erschrecke wenn Menschen in anderen Teilen Deutschlands offen und freundlich sind… Aktuell sind alle auf der Suche nach Hefe und Mehl und sehr beliebt als Geschenk für Geburtstage und Ehrentage ist Klopapier. Hübsch verpackt macht das wirklich was her… Der Schnee ist auch wieder zurück – aber ich hoffe das es langsam besser wird.
    Und ach ja falls ihr mal lustige Allgäuer sehen wollt, die auch wild klatschen – einfach ein Stadelfest oder sonstige Besäufnisse besuchen. Nach ein paar Halbe wird auch der Allgäuer lustig… und klatscht im Takt der Musik…
    Liebe Grüße Claudia

    • dreher sagt:

      Liebe Claudia, ich verändere meine Antwort nochmal, ich wollte nicht noch eins drauf geben, aber du klingt wirklich ein bisschen böse heute, grantig sagt man im Süden Deutschlands, oder? Oder frustriert. Was ist los?
      Liebe Grüße!

      • Claudia Pollmann sagt:

        Hallo Christiane,
        mir geht’s gut – hab gerade mit einem Kollegen gesprochen. Selbiger ist aus Norddeutschland und versucht seit langen tapfer hier dazu zugehören – der hat mir recht gegeben ;-) …. Liebe Grüße

  6. Mumbai sagt:

    danke fuer die Monet Besichtigungstour. Habe es leider nie persoenlich besucht.

  7. Vinni sagt:

    Ich wollte im Sommer eigentlich in die Normandie und vielleicht auch nach Giverny – aber solche Pläne macht man jetzt besser nicht… um so netter, einen virtuellen Rundgang zu bekommen und zumindest bunte Gartenbilder. :)

  8. Rina sagt:

    Großartig, was der Bürgermeister alles für seine Bürger auf die Beine stellt!

  9. Tina sagt:

    Bonsoir chère Christiane !
    Mei ist der Herr Doktor großartig;-) ich lache mich schief … den Wiener Slang… kann ich ja nicht so wirklich haben, jedoch beim Herrn Doktor … zu 😊 gut.
    Merci und Ende Juni lieg ich am Strand bei dir..oder irgendwo im Süden ..! Herzlichst Tina 🌷🐬