Corona Tagebuch – Tag 15

Heute ist er da, der graue regnerische Tag, den sie uns seit Tagen ankündigen. Normalerweise mag ich diese Tage hier im Süden, weil sie mich nicht zwingen rauszugehen. Ich habe ja immer noch dieses deutsche Gefühl, „oh! die Sonne scheint, schnell, schnell raus und ausnutzen“. Hier scheint die Sonne ja aber so häufig, dass man, wäre man die ganze Zeit draußen, drinnen zu nichts käme. Draußen schreiben ist mir persönlich nicht möglich, ich versuche es immer mal wieder, aber auch bei hoch gestelltem Kontrast, sehe ich mit meinen schlechten Augen kaum etwas und ständig suche ich den Cursor, curseur auf Französisch, gesprochen etwa *kührsöhr*, den kleinen Pfeil oder das kleine Blinken im Text, dort wo es weitergeht. Viel zu anstrengend. Also sitze ich drin und denke sehnsüchtig, ach wie schön wäre es gerade jetzt draußen. Jedes Mal, wenn es windig, kühl oder regnerisch ist, bin ich erleichtert, denn ich darf drinbleiben, verpasse draußen nichts, niemand erwartet von mir, dass ich „bei diesem Wetter“ raus gehe, ich atme aus und schreibe entspannter. Jetzt, mit Ausgangssperre, sieht das plötzlich anders aus. Ich finde es bei schlechtem Wetter drin plötzlich irgendwie fad. Trist. Lichtlos. Grau. Ungemütlich. Französische Wohnungen sind ja oft nicht so gemütlich, warm sind sie auch selten. Man braucht es auch nicht, das Leben spielt sich in der Regel draußen ab.

Ich beschließe, dass wir an diesem kühlen grauen Tag Farbe brauchen und beziehe als Erstes das Bett mit orangefarbener Wäsche und mich selbst kleide ich in Grün (Kleid) und Fuchsia (Cardigan) und Himbeer (Strumpfhose). Das hebt meine Stimmung augenblicklich. Auf dem Foto fehlt der Lippenstift, der das Ensemble abrundet :D

Monsieurs Tochter wird über Mittag für uns einkaufen, ich verfasse die Einkaufsliste. Was übrigens neuerdings geht, ist, statt Mineral- und besonderem stillen Wasser, einfach Leitungswasser zu trinken. Niemand will jetzt auch noch schwere Wasserflaschenpakete herumschleppen. Dann lese ich im Internet herum. Aber es ist, passend zum faden Tag, nichts besonderes los. Also Corona wie üblich, das ist schon besonders genug, Infizierte, Kranke und Tote, schon klar, aber Sie wissen, wie ich es meine. Les Papys Médécins recruté, lautet die Überschrift in der Zeitung. Die Opa-Ärzte werden eingezogen, will sagen, die pensionierten Mediziner werden aus ihrem Ruhestand zurück in die Krankenhäuser gebeten. Die Polizei veröffentlicht die witzigsten Ausreden derer, die sich irgendwo draußen befanden. Ach je. Die Zeitung versucht ihr Bestes, um uns zu unterhalten.

Es gibt aber jede Menge neue Songs und virtuelle Chöre (Liste am Ende des Artikels), die ploppen jetzt auf wie verrückt. Autoren lesen ebenso öffentlich aus ihren Büchern, inszenieren sich in Betten, auf Balkonen, in Sesseln und an Schreibtischen. Und alles auf Facebook, so dass ich es hier nicht wirklich verlinken kann. Habe ich Autorenlesungen in den allerersten Tagen der Ausgangssperre auch noch vorgeschlagen, so finde ich das jetzt zunehmend anstrengend, alle Aktionen anzuhören, -sehen und wertzuschätzen. So viel Zeit habe ich gar nicht, all die Audios und Videos anzuhören. Alle machen was, ich ja auch. Zusätzlich zu all den Nachrichten, die auf uns einprasseln, erschöpft mich das zusehends. Abends bin ich immer sehr müde.

Ein paar Aktionen dennoch, weil so nett ist. Ganz real: In Paris beglückt ein Tenor jeden Abend seine Nachbarn.

Hier ein virtuelles klassisches Beispiel.

Oder hier sehr perfekt der Boléro.

Etwas poppiger: True Colours

Und vielleicht kennen Sie dieses Video schon. Es geht, bei uns zumindest, seit gestern um. Allen Familien mit Ausgangssperre gewidmet.


Bei uns sind die Einkäufe angekommen. Der Kühlschrank quillt über. Wir werden zumindest Esstechnisch überleben.

frischmut.de

Als ich das Wort „überleben“ schrieb, ploppte per Mail der Brief von Christine Frischmut, des kleinen und feinen Modelabels frischmut (ohne h) am Bodensee auf. „Während ich diese Zeilen schreibe, steigen mir oft die Tränen in die Augen“, beginnt sie und sie erzählt, wie mühsam sie seit 15 Jahren gegen die „Großen“ gekämpft hat, wie sie mit nachhaltig und fair hergestellter zeitloser Kleidung versucht hat, eine Alternative zu sein. Der Brief rührt mich sehr. Ich erhalte schon jahrelang die liebevollen Newsletter des Unternehmens, deren sanfte leise Art der Kommunikation kleine Lichtblicke sind im marktschreierischen Geblinke der lauten Welt. Gleichwohl habe noch nie etwas bei frischmut gekauft, auch wenn ich bereit bin, ein Kleid, eine Hose oder ein Shirt zu einem höheren Preis zu erwerben, die Mode, die sie machen, scheint nicht zu mir zu passen. Seit Jahren würde ich gerne an den Bodensee fahren, um die Mode direkt vor Ort zu sehen und anzuprobieren, vielleicht würde es ja doch passen. Der Bodensee liegt nicht auf meinen (wenigen) Reiserouten und passt nicht in meine kurzen Déplacements, die ohnehin schon immer vollgestopft sind mit Besuchen und Besorgungen. Ich war noch nie dort.

Ich erhalte ebenso Post von diversen Online-Modehäusern, ich gebe zu, ich bestelle meine Klamotten, weil ich, Sie kennen meine Geschichte, hier nichts zum Anziehen finde. Alle umgarnen mich, bei ihnen zu bestellen, mit bis zu 50% Reduktion und ohne Versandkosten, wenn ich nur bitte jetzt schnell etwas bestellen würde. Fast alle sind in (finanzieller) Not. Überall in der Welt werden Firmen kaputt gehen, überall arbeiten Menschen, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist. Man kann nicht alle retten, das ist das Dilemma. Überleben werden sicher die Großen, auch weil große Unternehmen oft genug keine Steuern zahlen, weil sie ihren Firmensitz in irgendeiner Steueroase haben. Aber mir täte es leid um all die Kleinen, all die, die mit Herzblut entwerfen, weben, nähen und produzieren. „Ich fühle jeden Tag, wieviel Herz, Liebe, Mut und Hoffnung in unserem Label ist“, schreibt Christine Frischmut. „Wir kämpfen für unsere Mitarbeiter, für unsere Nähbetriebe, wir kämpfen für jeden Lieferanten. Wir möchten die Löhne weiterbezahlen und auch unsere Nähbetriebe weiter beschäftigen. Dafür brauchen wir Sie“. Sie werden in den nächsten Wochen eine besondere Art des Online-Shoppings vorbereiten: Home-Schaufenstergucken nämlich. Da das Fotoshooting der Frühjahrsmode derzeit nicht stattfinden kann, werden sie wöchentlich die Schaufenster umgestalten und fotografieren, und die Fotos via Newsletter zu uns bringen, in der Hoffnung, dass wir das eine oder andere Teil entdecken, das wir uns leisten mögen oder können. Glücklicherweise hat frischmut auch seit kurzem einen Online-Shop, so dass dem Versand nichts im Wege steht. Die Versandkosten sind vorübergehend ausgesetzt und viele Teile werden reduziert angeboten. Falls wir uns keines der Teile wünschen, können wir das Label unterstützen, in dem wir es im Internet anklicken, auf Facebook, Instagram oder Pinterest. Alles was wir auf ihrer Seite tun, verbessert das Ranking in den Suchmaschinen, sagt Christine Frischmut. Klicken Sie, liken Sie, schicken Sie Kommentare oder Smileys. Jede Interaktion macht das kleine Label sichtbarer.

Ich kenne Christine Frischmut nicht, sie hat mich nicht darum gebeten, für Sie zu sprechen. Es war mir aber heute ein Bedürfnis, das zu tun. Das Label von Christine Frischmut ist nur ein Beispiel. Ich wünsche mir sehr, dass wir regionale und individuelle Unternehmen, ob Mode, Buchhandel, Café, Gasthaus, Fischer oder landwirtschaftliche Erzeuger gerade jetzt und auch nach der Krise unterstützen. „Vergessen Sie uns nicht“, ruft Christine Frischmut uns am Ende ihres Briefes zu und „Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie uns durch diese Zeiten tragen.“

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4 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 15

  1. Croco sagt:

    Diese Firma hat tatsächlich schöne Sachen. Bitte schaut Euch die Seite an.
    Das habe ich mir feste vorgenommen, all die kleinen Geschäfte zu unterstützen, wenn die wieder aufmachen. Bei Kleidung ist es halt schwierig für mich, ich benötige immer die Langversion. In Holland kann ich gut einkaufen, große Frauen gibt es da.

  2. Mumbai sagt:

    das finde ich auch so traurig was z.Zt. die Kleinbetriebe veraengstigt. Ich kenne hier auch einige kleine Geschaefte die erst kuerzlich mit Krediten renoviert haben und jetzt geschlossen sind. Spanien ist in der Unterstuetzung nicht so grosszuegig wie Oesterreich und Deutschland..wie ist es damit in Frankreich? Verstehe auch, dass jetzt alle um Hilfe bei ihren Kunden bitten (bekomme tgl. auch einige derart verfasste mails) anderseits haben aber auch viele Kunden ihre Sorgen und sparen ihr Geld fuer wichtige Sachen….und die kleinen Biolaeden, Fleischer etc. sind auch geschlossen. Man hat dzt. nur die Moeglichkeit in den grossen Supermaerkten einzukaufen. Sehr schade, dass die Wirtschaft so darunter leiden muss.

  3. Evelyn Kerry sagt:

    Coucou, Christiane!

    Heiß, Dein bunter Look❤
    Was das Wetter anbetrifft, so sind wir wieder entschneet, die Blumen hängen zwar rum, als hätten sie einen zu viel gekippt, und den, im wahrsten Sinne des Wortes, ,Hangover, werden sie hoffentlich noch überwinden und ihre hängenden Köpfchen wieder erheben. Im Moment sieht das einfach traurig aus, aber gegen das Wetter kann man ja bekanntlich anstinken wie man will, helfen tut es nicht und so beschloss ich, den Schnee, der den ganzen Winter durch Abwesenheit geglänzt hat, zu bewundern und ihn von allen Seiten abzulichten.

    Jetzt hatten wir das erste Mal Korona Ärger.
    Sohn Max sollte mit Nachbarn Uli ( wobei Nachbar bei uns relativ ist, Nachbar Uli wohnt einen Kilometer weit entfernt, aber direkte Nachbarn haben wir ja nur ferienbedingt) in unsererLokalmetrople Saint Girons einkaufen fahren.
    Da mir schon klar war, dass das eventuell zu Schwierigkeiten führen könnte, rief ich die Numéro Verte von der Regierung an und fragte, wie wir das technisch korrekt ausdrücken können, im Falle einer Polizeikontrolle. Sie instruieren mich, ich benachrichtigte besagten Nachbarn, wohlgemerkt, telefonisch, nicht von Frau zu Mann, und so ausgerüstet begaben sie die beiden in die Stadt. ABER!! da stießen sie prompt auf einen uneinsichtigen Gendarme, der ihre Attestationen schlichtweg ignorierte und Uli verbalisiert, was da heißt, er muss die 135 Euronen Strafe der Anzeige berappen. Die beiden riefen mich völlig aufgelöst an, und da sie erst am Anfang der Einkauferei standen, fürchteten sie, nochmal angehalten zu werden( das passierte tatsächlich weitere drei Mal, allerdings trafen sie da auf normale, freundliche Ordnungshüter, die nichts zu beanstanden fanden), und da es ja die Drohung gibt, dass bei Wiederholung die Strafe auf 1500 Euroraufgehen kann, waren sie verständlicherweise in Panik.
    Ich rief dann dje Polizei an und erklärte, was vorgefallen war und eine erschöpfte Beamtin sagte nur, legen sie Einspruch ein, bezahlen sie nicht, und sie meinte, was ich erstaunlich fand, dass es wohl einen Beamten gäbe, der etwas zu übereifrig am Werk sei und ich beraits die vierzehnte empörte Person sei, die sie beruhigen müsse. Ich wünschte ihr Courage und einen hoffentlich ruhigen Restnachmittag. Dann rief ich obendrein noch die Gendarmerie von Castillon and, eine kleine Gemeinde, die unsere beiden Einkäufer beim Nachhausefahren passieren müssen und gab ihnen die Autonummer und Automarke unseres Freundes an, immer mit der Angst im Nacken, dass da vielleicht auch so ein übereifriger Id…. rumstehen könnte, um sowieso schon gestressten Leuten das Leben schwer machen zu können. Unsere tapferen Proviantritter wurden aber ohne Probleme ( dank des Anrufs?) durchgewinkt, und kamen ziemlich entnervt hier oben an, und mussten erstmal mit einem doppelten Congnag gestärkt werden.
    So, jetzt haben wir wieder Obst in Hülle und Fülle, Mehl zum Brotbacken und allerelei Milchprodukte und müssten ohne Mangel über die nächsten zwei Wochen kommen.
    Ich denke übrigens auch oft mit Besorgnis an die Kleinbetriebe, die es auch im normalen Alltag nicht leicht haben, und befürchte wie Du, dass viele von ihnen sich womöglich nach dieser Krise nicht mehr aufrichten können. Wir unterstützen hier sowieso in erster Linie den Direktverkauf, was allerdings momentan ohne den Wochenmarkt leider nicht möglich ist. In Supermärkten, wie der Biocoop, kaufe ich nur so Sachen wie Wasch – und Spülmittel, Klopapier, eben Sachen, die ich nicht auf dem Markt bekommen kann.
    Ich wünsche Euch morgen wieder Sonnenschein, wie sich das für Cannes schließlich gehört und keep up the good work!!!❤❤❤