Corona Tagebuch – Tag 16

Frühling

„Das Leben beginnt um Mitternacht.“ Das ist ein absoluter Insiderwitz, den kaum fünf Personen verstehen werden, nur die ehemaligen KollegInnen meiner im Januar verstorbenen Ausbildungsbuchhandlung. Darüber wollte ich auch geschrieben haben, aber damals schrieb ich an einem Manuskript und hatte dafür keine Zeit oder ich glaubte zumindest, dafür keine Zeit zu haben. Manches geht eben manchmal nicht. Grenzen ankzeptieren. Heute verweben sich die Energien auf wundersame Weise. Ich hörte heute morgen schon die zweite Folge des Podcast „Agnes trifft“: Agnes trifft … auf Zuversicht. Ein Seelsorger, der sagt, ich muss anerkennen, dass ich Grenzen habe, ich kann mir anhören, was du zu sagen und zu klagen hast, aber ich habe keine Lösungen. Keine Lösungen für Trauernde, deren Vater/Großvater gestorben ist (so wie auch gestern einem lieben Freund an einem anderen Ort der Vater gestorben ist), keine Lösung für Leute, die alleine sind oder sich alleine fühlen. Er bedauert, nicht mehr tun zu können. Ich denke, Lösungen braucht man doch auch gar nicht immer. Er hört zu und trägt das Schwere einen Moment mit. Das ist doch schon genug. Und für den anderen ist das Aussprechen des Leids auch oft schon genug. Ich finde tröstlich zu hören, dass auch ein Seelsorger zugibt, Sorgen zu haben. Danke dafür!

Zurück zu meiner Buchhandlung. Als ich mich kurz vor der endgültigen Unterzeichnung des Vertrages für die Ausbildung im gehobenen öffentlichen Dienst endlich dazu durchringen konnte, abzusagen und leise zu murmeln „ich will lieber was mit Büchern machen“, da gab es im Raum Darmstadt nur noch zwei Buchhandlungen, die einen Ausbildungsplatz anboten. Bei beiden arbeitete ich ein paar Tage zur Probe und entschied mich dann aus freien Stücken nicht für die literarische, sondern für die evangelische Missionsbuchhandlung der Stadtmission, weil mir deren Leiterin, eine unverheiratete Dame, damals sagte man zu unverheirateten Frauen noch Fräulein, aber zu Martha Stier sagte man Frau, weil also Frau Martha Stier, diese kleine, rotwangige und energiegeladene Frau, herzenswarm, tatkräftig, aufbrausend aber „echt“ war, anders als der selbstverliebte Leiter der literarischen Buchhandlung ein paar Schritte weiter. Es war dann keine so leichte Zeit im Laden, es gab autoritäre Strukturen, andere Fräuleins mit einem nicht so glücklichen Privatleben, die ihre Unzufriedenheit an uns „Lehrlingen“ ausließen; immer wurden Schuldige für Fehler gesucht, zusammengeschimpft und zum Tütenfalten oder Prospekte stempeln abkommandiert. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, nicht nur einmal habe ich im Lager geweint. Da war ich sowieso am liebsten, bei der kleinen, lieben Frau Wörtche, die dort den Versand stemmte. All diese Damen, Witwen und Fräuleins sind schon lange verstorben, ich denke aber immer noch an sie. Wir arbeiteten damals noch mit einer 40 Stundenwoche mit einem halben freien Tag in der Woche. Für mich war es der Donnerstag Nachmittag. Dafür arbeitete man dann am Samstag. Ich hatte ein Ausbildungsgehalt, das lag im ersten Jahr bei 90 DM pro Monat, irgendsowas in der Ecke. Wir rissen Türen auf für Pfarrer, Dekane und Kirchenobere, bedienten sie unterwürfig und wir Mädchen und Fräuleins schleppten Männern schwere Bücherkisten zu ihren Autos. Ich kann mich nicht an einen Mann erinnern, der sagte, das sei nicht nötig. Ich erinnere mich an einen sanften bärtigen Kunden mit dem Namen Butterbach, an einen anderen jungen Mann, der mir immer wieder von seiner „Bekehrung“ erzählte, an Auseinandersetzungen mit sehr frommen Menschen, die es unerhört fanden, dass wir auch Goethe verkauften, der doch Freimaurer gewesen war. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die sämtliche Titel einer Taschenbuchreihe und die zugehörigen Nummern auswendig wusste. Ich erinnere mich, dass fromme Kunden in einer christlichen Buchhandlung Bibeln klauten und allerhand anderes. Ich erinnere mich, dass wir damals noch in den dicken blauen Bänden des Auslieferers KNOe [Koch, Neff und Oettinger] oder in den grünen Bänden des VLB [Verzeichnis lieferbarer Bücher] Bücher suchten und zusätzlich bei einer christlichen Verlagsauslieferung, Hänssler, die all die Heftchen, Traktate und erbauliche Literatur kleiner christlicher Verlage vereinte. Damals fand man religiöse Literatur, meditative Bildbände, Lebenshilfe-Ratgeber und christliche Kalender mit Tageslosungen oder Poster mit Sinnsprüchen nur in den wenigen christlichen Fachbuchhandlungen. Beim Auslieferer KNOe wurden die „allgemeinen“ Bestellungen damals schon „modern“ über ein Modem weitergegeben, etwas, was die christliche Verlagsauslieferung noch nicht besaß. Dort rief man abends an und bestellte für den nächsten Tag, in dem man einer Auslieferungs-Mitarbeiterin diktierte, was man brauchte: Einmal „Herr, da bin ich!“ in der kartonierten Ausgabe zum Beispiel, was sehr häufig zu einem heruntergeleierten „Herr da bin ich kartoniert“ wurde. „Das Leben beginnt um Mitternacht“ ist einer von den vielen Wünschen der Kunden, die sich Titel nur so ungefähr oder gar nicht merken konnten, und von denen BuchhändlerInnen immer wieder ein ebenso gequältes wie amüsiertes Lied singen können. Verballhornte Titel wie  „Oma kommt“ etwa. Nein, gesucht wurde kein Kinderbuch von Peter Härtling, sondern „Der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt. Oder „Nazis in Dortmund“, hinter dem sich „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse versteckte. Oder „Dieses blaue Buch, so groß etwa, Sie wissen schon …“. Bei uns in der Buchhandlung war es „Das Leben beginnt um Mitternacht“. Nicht so wahnsinnig spektakulär oder komisch, aber man muss schon darauf kommen, dass es „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“ heißen sollte. Ein Buch von Jörg Zink, Gedanken zu den Grenzen unseres Lebens, heißt der Untertitel. Da sind wir wieder am Anfang: Grenzen annehmen. Wir können in diesen Zeiten nicht alles, wir sind vielleicht nicht kreativ und aktiv, stattdessen müde, ängstlich, überfordert. Wir sind Menschen. Keine Roboter. Wir sind nicht perfekt, weil wir eben Menschen sind. Seien wir liebevoll mit uns selbst. Machen wir, was wir können. Manches geht gerade nicht, dann ist es so.

Grenzen anzuerkennen. Dazu sagt, etwas kürzer, schneller und direkter, aber nicht weniger hilfreich, auch Andreas Huckele ein paar Worte.

Heute ist der erste April und ich weiß nicht, ob es jemand wagt, in dieser Zeit Scherze zu machen?! In Frankreich heißt der Aprilscherz „le poisson d’avril“, Aprilfisch, und in unserer Zeitung gab es Vorlagen, für den Fall, dass es uns an Kreativität mangelt. Aber heute dürfte es schwer sein, jemandem aus anderthalb Meter Distanz, unbemerkt einen Aprilfisch auf den Rücken zu kleben.

Es gab außerdem eine ganzseitige Anzeige des Supermarkts Intermarché, der darauf hinweist, dass wir die Fischer unterstützen sollen und darauf achten, regionale Erzeugnisse zu essen. Ich hoffe, Intermarché macht das, ohne die Erzeuger dabei zu ruinieren. Es gab mal eine Aktion der Landwirte, die Salat vor den Supermärkten verschenkten, weil sie sagten, wir bekommen so wenig Geld von den Supermärkten, da verschenken wir ihn lieber, als so zu tun, als ginge es um eine gelungene Kooperation. Nun, wir versuchen das. Heute gab es regionale Spargel zum Entrée und provenzalische Erdbeeren zum Dessert. Die Spargel gabs aus dem Ofen und mit Vinaigrette, so wie man das hier isst. Die Erdbeeren (la Gariguette, eine frühe Erdbeersorte) isst man hier traditionell mit etwas Zucker und Crème fraîche und nicht mit Schlagsahne. Crème fraîche ist natürlich nicht Crème fraîche, wie Sie sich denken können, unsere ist nicht schlecht, besser aber ist eine aus Rohmilch, meint der Gatte, der zusätzlich etwas Rosé über die Erdbeeren träufelt. Ich habe aber Jahre gebraucht, bis ich mich an den Sauerrahmgeschmack mit den Erdbeeren gewöhnt habe.

Das aufwändige Kochen und lange und langsame Essen, das mich so viele Jahre extrem genervt hat, wird gerade in dieser Zeit zu einem beruhigenden Ritual. Ich habe abends, neben wärmenden Suppen, viele Kinderessen von früher gemacht, Milchreis, Arme Ritter, Kartoffelpuffer und mittags gibts zum Nachtisch wieder Schokopudding. Balsam für die Seele.

Bleiben wir beim Balsam. Heute gebe ich Ihnen etwas Zärtlichkeit mit. La Tendresse ist ein „altes“ Lied von Bourvil, einem Schauspieler und Sänger, den Sie neulich schon an der Seite von Jean Gabin in „La traversé de Paris“ sahen; seine Hymne an die Zärtlichkeit wurde hier etwas modernisiert.

Und falls Sie abends nicht schlafen können, können Sie den Schafen zusehen oder sie meinetwegen auch zählen. Absolut beruhigend. Diese Live-Webcam habe ich über eine Liste bei Croco gefunden. Merci!


Bis morgen! Bleiben Sie zuhause, möglichst gesund und seien Sie liebevoll mit sich selbst!

Und über die Buchhandlung erzähle ich gern ein andermal weiter.

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9 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 16

  1. Stefanie sagt:

    Danke für diesen Einblick in die Vergangenheit des Buchhandels. So etwas lese ich immer gerne, da ich selber in der Branche arbeite. Allerdings erst seit 14 Jahren, das Vlb und die Barsortimente kann ich mir ohne Internet gar nicht vorstellen.

  2. Croco sagt:

    La tendresse, zum Weinen schön.
    Die Lehre war schwer, ojeeee. Danke für die schönen Geschichten.
    Dass der geistliche Stand so viel Empathie predigt und so wenig fühlt, ist äußerst bedauerlich. Manchmal denke ich, dass gerade die christlichen Organisationen Menschen anziehen, denen genau das fehlt.
    Nach ein paar Jahren an einer christlichen Schule habe ich viele Illusionen verloren.

  3. Ute sagt:

    Liebe Christiane,
    Dein Hauptthema war die Buchhandlung.
    Trotzdem saß ich gerade als Leseratte mit leuchtenden Augen vor Deinem Spargelfoto…Es sieht immer soooo schön aus, wenn Du Euer Essen präsentierst und ich bewundere jedes Mal, wie aufwändig und frisch Du kochst…genau das, was wie Du schreibst, Dich lange genervt hat, dafür hätte ich auch gerne mehr Geduld…:-) Schön, dass Du das hast auf Dich abfärben lassen von den Franzosen :-)))
    Liebe Grüße aus dem Rheinland

  4. Tina Kolbeck sagt:

    Schau an, du hast in Darmstadt gelernt. Da studiert meine Tochter seit Herbst!
    Und was ich noch anmerken muss: Frau Stier, Frau Wörtche(n) und Herr Butterbach! Passendere sprechende Namen gibts ja gar nicht! ;-)
    Und schon wieder so schöne Farben auf den Bilder: spargelgrün, erdbeerrot, sauerrahmweiß. Und der angenehme Herr Huckele so meerewasserblau :-)

  5. Vinni sagt:

    Danke schön für die schönen Geschichten :)

  6. Sunni sagt:

    Oh, was für eine wunderbare Erzählung über die Zeit im Buchhandel.Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich – selbst noch Schülerin der Unterstufe – für meine Mutter manchmal bestellte Bücher in einer alten, dunklen Buchhandlung abholen durfte (sollte, musste) und dabei immer Angst vor dem mürrischen großen Buchhändler hatte. Im Rückblick finde ich: Oh, der war schon echt sexy, mit seinen lockigen dunklen Haaren und den braunen Augen und den immer leicht nach unten gebogenen Mundwinkeln, dazu lässig – für damalige Zeiten – angezogen. Und einem Blick…ok, gut, dass ich das damals alles nicht so sah :-)) Bleiben Sie gesund!

  7. Mumbai sagt:

    Sich in Bibliotheken zum Lesen od. Nachschauen zu begeben, Buecher sich ausleihen koennen, gegen eine kleine Gebuehr….Kindheitserinnerungen aber ich glaube, man wird sich wieder damit bedienen. Ihren Kommentar zum Trost kann ich nur wiederholen …denn es ist oft besser nur zuhoeren und nichts zu sagen. …und spargel und Erdbeeren, nicht nur optisch schoen sondern gut fuer die Linie, wo man sich dzt. ohnehin nicht so viel bewegen kann wie man wollte.

  8. Regina sagt:

    Erinnerungen kamen hoch an meine eigene Buchhändlerlehre in einer süddeutschen Kleinstadt…. An das stressige Schulbuchgeschäft und das Weihnachtsgeschäft, an Lange Samstage bis 18.00 Uhr, die jährliche Inventur und an das Bestellbuch, in dem manche Bestellung auf Nimmerwiedersehen verschwand und es dann recht peinlich werden konnte, wenn der Kunde darauf beharrte und wir sie nicht mehr finden konnte!
    Und unvergesslich ist auch der Geruch jener kleinen Buchhandlung geblieben!

  9. Wolfram sagt:

    Ich habe zwar nicht im Buchhandel gelernt, aber in meinen ersten Studienjahren wohnte ich drei Häuser weit von der Franke-Buchhandlung in Marburg entfernt. Damals hing daran auch noch ein Verlag, der wie viele andere kleine Verlage mittlerweile auch nur noch Geschichte ist. Gerade christliche Verlage haben es wohl schwer, ob Franke in Marburg oder Oberlin in Straßburg oder… Deren Klientel ist eben speziell.
    Die Franke-Buchhandlung belieferte auch die Bibliothek des Fachbereichs Evangelische Theologie. Ich nehme an, daß auch andere Häuser dabei waren, aber von Franke war mindestens zweimal die Woche eine Lieferung zur Alten Universität zu tragen. Diese Aufgabe oblag mir eine Zeitlang, und ich habe in schmerzhafter Erinnerung behalten, wie schwer theologische Literatur sein kann. Dabei war der „Weiße Wal“, die Kirchliche Dogmatik von Karl Barth, nie dabei. Aber so viele andere Werke. Schwer waren sie, und teuer ebenfalls. Wir haben damals auf 200 bis 300 Mark je Kilogramm geschätzt. Wehe, wenn da etwas verlorengegangen wäre!
    Manchmal gab es auch Rücksendungen; die Bücher wurden dem Bibliothekar zur Ansicht vorgelegt, und manches schaffte der Fachbereich dann doch nicht an. Ob es den Professoren nicht gefiel oder warum es zurückging, habe ich nie erfahren, aber es war dann wieder heimzutragen.
    Mein Lohn für die Tortur war – es ist verjährt – 10% Rabatt aufs gesamte Sortiment. Da ich ja auch die mit Gold aufzuwiegenden Bücher brauchte, war das schon nicht schlecht, und so manches habe ich auf diese Art kaufen können, statt in der Bibliothek schlechte Kopien anzufertigen.
    Tempora mutantur.

    Liebe Grüße aus dem Pfarrhaus.