Corona Tagebuch Tag 2

Es ist Mittwoch, aber es fühlt sich an wie Sonntag. So still draußen, kaum Autos. Um halb Elf bin ich daher immer noch im Nachthemd und verstehe jetzt den Satz, der durch die Medien gerufen wird, man könne im Pyjama die Welt retten. Monsieur würde gerne an den Strand, ich drucke ihm das Dokument aus, das auch Sport machen oder Hunde ausführen vorsieht, jedoch alleine.

Er kann an den Strand gehen, danach gehe ich. Zusammen dürfen wir es nicht. Und wir dürfen uns auch nicht „zufällig“ am Strand treffen und dann dort zusammen sein. Und ja, das wird kontrolliert. Alleine aber hat Monsieur keine Lust, er leistet daher dem Handwerker, der jetzt hörbar im Keller schabt, von Weitem zumindest, Gesellschaft. Ich bin ja gern alleine, aber die geselligen Südfranzosen haben es schwer damit. Um das Sonntagsgefühl etwas zu verscheuchen, werfe ich eine Maschine Wäsche an. Die Teenager donnern schwungvoll durch die Wohnung über uns, man hört es auch viel mehr, wenn der Straßenlärm so minimiert ist.

Gestern haben wir erfahren, dass die jüngste Schwester meiner Schwiegermutter verstorben ist. Nein, kein Corona-Fall, einfach so, weil ihre Zeit gekommen war, insofern kann sie beerdigt werden, aber nur die allerengste Familie darf, mit Abstand etc.pp. daran teilnehmen. Nicht mal alle drei Kinder dürfen dabei sein. Es wird noch immer viel hin- und hertelefoniert. Auch Freunde rufen an, die eine halb demente Mutter zu betreuen haben. Nicht einfach alles.

Wir essen, machen danach eine Sieste. Monsieur spielt Bridge mit oder gegen seinem PC. Pepita schläft. Nachmittags kommt wieder mehr Autoverkehr auf, aber immer noch ist es viel stiller als sonst und wenn ich die Fenster öffne, höre ich Vögel zwitschern! Am hellichten Tag!

Ich bin ziemlich unproduktiv, hänge nur viel im Internet, klicke hier und lese da, ich würde gerne etwas Positives, Helfendes und Verständliches zum Corona-Virus posten, das Beste, was mir heute unter die Augen gekommen ist, ist (via Claus Ast, der die Bildchen darin zeichnete) das Video von Gert Scobel. Er ist ein bisschen anstrengend, finde ich, aber seriös. Bitte glauben Sie nicht schnell und unkritisch alles, was im Netz steht und nicht alle Verschwörungstheorien, die kursieren, ich will sie hier gar nicht aufzählen. Ich glaube, es ist mit diesem Virus ein bisschen so wie mit der Aids-Erkrankung, die, als sie begann, schrecklich viele Menschenleben forderte. Für mich blieb es lange abstrakt und unwirklich, weil ich in meiner kleinen Welt niemanden kannte, der mit dem Virus infiziert war. Es bedeutete aber nicht, dass der Virus nicht existierte und die vielen Menschen, die „positiv“ getestet waren, zur Anfangszeit zumindest, rasend schnell und elend starben, und auch wenn es überwiegend Homosexuelle und Drogenabhängige betraf, so gab es auch Opfer unter Heterosexuellen.

Ja, es sind bislang weltweit „nur“ ein paar tausend Menschen an dem Corona Virus gestorben (mehr als 3000 in China, mehr als 2000 in Italien, auf die anderen Länder wird das richtige „Hoch“ der Epidemie noch zukommen). Deswegen machen wir so eine Katastrophe daraus? Die aktuelle Maßnahme, zu Hause zu bleiben, dient vor allem dazu, das Gesundheitssystem nicht zum Kollabieren zu bringen. Ich versuchte es gestern schon zu erklären. Wenn zeitgleich zu viele Menschen auf die Intensivstation müssen und jeden Tag neue Infizierte nachkommen, die anderen aber noch immer auf der Intensivstation liegen, ja was dann? Lassen wir sie halt sterben? Tatsächlich treffen italienische Ärzte jetzt solche Entscheidungen. So lange es uns nicht betrifft, ist es uns wurscht? Ich möchte die sehen, denen es heute wurscht ist, wenn die morgen auf einer Liege im Flur eines Krankenhauses nur notdürftig versorgt werden können. Wenn wir in unserem Umfeld keine(n) Arzt/Ärztin oder eine Krankenschwester/Krankenpfleger oder alle, die im medizinischen Bereich arbeiten, haben, der/die erschöpft und unter Einsatz seiner/ihrer eigenen Gesundheit „beweist“, dass Notstand ist, dann glauben wir es nicht. Die Situation in Italien ist nicht ausgedacht. Die italienischen Ärzte sind am Ende Ihrer Kraft und Ihres Materials, es gibt einen Aufruf von Ärzte ohne Grenzen nach europäischer Hilfe. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, wenn ich das hier veröffentliche, aber ich würde mir wünschen, dass Europa und europäische Ärzte zusammenarbeiten würde, und sich gegenseitig helfen.

So, ich war Brot kaufen und noch trois bricoles, ein paar Kleinigkeiten, im kleinen Lebensmittelladen im Viertel. In der Boulangerie war es wie gestern. Leergekauft der Laden und erschöpft die beiden Frauen, die dort arbeiten. Es gibt jetzt einen Plastikschutz hinter der Kasse, damit man die Dame nicht anspuckt vermutlich. Im kleinen Lebensmittelladen ist der Besitzer ähnlich erschöpft. Sie haben wie verrückt gearbeitet die letzten beiden Tage, erzählt er, die Regale sind teilweise leer (abgepacktes Fleisch, Schinken und Wurst), aber sonst ist alles noch da, vor allem Rosé, wegen dem ich den Weg dorthin gemacht habe. Monsieur fand, die Situation erfordere doch ein Glas Wein am Abend. Ich hatte vorher die Nachbarn gefragt, ob ich ihnen Brot mitbringen solle, aber sie wollten auf ihren täglichen Ausflug nicht verzichten.

Ich denke, ich mache aus dem täglichen Weg jetzt einen Themenspaziergang. Heute nur mal die leeren Straßen. Das Besondere ist, dass ich mich in die Mitte der Straße stellen konnte, um sie aufzunehmen. Undenkbar vorher, die Avenue de Grasse ist die Alternativroute zur Autobahn, seitdem der Boulevard Carnot verkehrsberuhigt ist, fahren alle hier durch. Auch Lkw’s. Es ist ein unablässiger Autostrom. Normalerweise.

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11 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 2

  1. Christiane Haas sagt:

    Coucou Christine

    es geht mir ganz ähnlich wie Ihnen, am Sonntag genoss ich die Ruhe, das Fastnichtvorhandesein von Autos, überall Familien mit Kinderwagen, Trottinette
    ( Roller), Rollschuhen, Skateboard…. es erinnerte mich sofort an die autofreien Sonntage Anfang der 70 ger.
    Ab Montag alle Restaurants, Bars, Eisdielen, Frisörsalons usw geschlossen.
    Am Montag dann die Nachricht, dass die Spielplätze geschlossen werden, dass man draußen sein kann, aber eben nicht in Gruppen, nicht so wie die 5 Mütter zusammengedrängt auf einer Parkbank. Irgendetwas scheinen die meisten noch nicht verstanden zu haben. Nach der Rede unseres Premiers und der Gesundheitsministerin dann….müsste aber auch jeder verstanden haben , dass er zuhause bleiben soll.
    Ungewohnt, dass es fast überhaupt keinen „normalen“ Flugverkehr gibt, aber ich muss zugeben die dicken, lauten Cargoflugzeuge machen mich nachdenklich, wie muss das erst gewesen sein als Kampfflugzeuge über die Städte flogen.
    Am Dienstag dann, Baustellen schließen, keine Handwerker mehr wie bei euch im Keller ( außer es handelt sich um einen Notfall), bei unserem Metzger darf man nur noch einzeln eintreten, es gibt Nummern und man muss im Auto warten.
    Mittwoch dann der état de crise wird ausgerufen …. und so wird es weiter gehen.Es ist schon ein mulmiges Gefühl wenn man hört, dass Messehallen als eine Art Krankenhaus ausgebaut werden
    Bitte bleibt zuhause, bitte telefoniert mit den Eltern, winkt euren Nachbarn zu! Es ist nicht einfach ganz alleine zuhause zu bleiben, und es werden noch viele Wochen kommen. Zuerst genieße ich noch das Lesen, Stricken, etwas Gutes Kochen ohne Hetze ( da ich im Moment nicht arbeiten gehen darf, und das Allerwichtigste von zuhause aus arbeite). Der Kontakt mit den Mitmenschen fehlt mir, aber ich bin dankbar dass ich geschützt werde.
    Unverständlich die Hamsterkäufe, das Stehlen von Desinfektionsspendern in den Krankenhäusern,
    Extrem dankbar bin ich über die Pendler aus Frankreich und Deutschland ohne die unser Gesundheitssystem zusammenbrechen würde ( 60% aus dem Pflege und Krankenhausmilieu kommen als Pendler zu uns) . Jene die wollen können jetzt mit ihren Familien hier in Hotels wohnen, so müssen sie nicht ewig in den Staus der Grenzkontrollen stehen. Hoffentlich halten alle durch und bleiben selbst gesund

    Bitte bleibt zuhause und passt auf euch und auf die anderen auf

    • dreher sagt:

      Coucou Christiane! Du bist in Luxemburg, wenn ich mich recht erinnere?! Diese kleinen Länder haben wir la leider nicht so richtig im Blick, danke für deinen ausführlichen Bericht! Der Handwerker kam auch gar nicht und wird auch nicht mehr kommen (keine lebenswichtige Arbeit). Es war Monsieur, der den restlichen Beton selbst verstrichen hat, bevor er abgehärtet war ;-) Das habe ich aber erst vorhin erfahren.
      Alles Gute! Ich hoffe, dass Euer Gesundheitssystem stabil bleibt!

  2. Eleonore Braun-Folta sagt:

    In unserem 880 Einwohner Ort geht es natürlich immer ruhig zu. Es gibt viel Grün drumrum und ein großes Waldgebiet. Da kann man Stunden alleine sein, ohne dass man jemandem begegnet. Abgesagt sind das Seniorenkaffee , der Ostertanz und das Ostereiersuchen für die Kinder. Bei uns kommt mittwochs ein Bäckerwagen und der war gut besucht. Aber alle hielten 2 m Abstand. Unser kleiner Edeka Laden im Nachbarort war gestern gut besucht, aber nicht überfüllt. Aber auch hier war Mehl und Klopapier ausverkauft. Was machen die Leute nur damit.
    Wir vom Dorfgemeinschaftsverein haben eine Art Notfall Telefon eingerichtet. Für die Älteren, die Hilfe brauchen beim Einkaufen oder Arztbesuch.
    Die Leute in Hannover scheinen nicht so diszipliniert zu sein. Die Einkaufsmeile hinter dem Bahnhof war brechend voll. Die Leute haben es anscheinend noch nicht kapiert.
    Da muss wohl auch eine Ausgangssperre verhängt werden

    • dreher sagt:

      Danke Elli! Auf dem Land und in kleinen Gemeinden ist Nachbarschaftshilfe immer viel selbstverständlicher. Ich glaube man spürt da noch, dass es um jeden einzelnen geht. Und dass jeder etwas beitragen kann. Alles Gute und bleib(t) gesund!

  3. pitdieerste sagt:

    ich hatte das so verstanden, dass man mit Menschen, mit denen man zusammenlebt auch zusammen unterwegs sein darf? Anders klingt es doch unsinnig…

    • dreher sagt:

      Ja, das galt auch mal kurz, wurde aber nicht beibehalten. Ob wir wirklich (einzeln) an den Strand dürfen, ist auch unsicher, ist nicht unser Sektor 🙄

  4. Trulla sagt:

    Ich erlebe derzeit auf den Kanaren eine sehr strikte Regelung, die ich auch für angebracht halte. Denn auf verantwortliches Verhalten des Bürgers von sich aus ist wohl kein Verlass.

    Außerhäusliches Leben, also auch Spazierengehen ist verboten, nur Hunde dürfen Gassi geführt werden. Und ansonsten sind nur Versorgungsgänge, Arzt- und Apothekenbesuch erlaubt.
    In den Supermarkt darf nur einzeln eingetreten werden, am Eingang ist die Polizei präsent.

    Alles andere ist geschlossen.

    Vorhin hörte ich die Rede der Bundeskanzlerin Merkel. Sehr eindringlich appellierte sie an jeden einzelnen Menschen, sich dieser Krise angemessen zu verhalten. Sie setzt auf Vernunft.

    Ob man will oder nicht, die Lage ist ernst zu nehmen. Es geht um viel – um unser Leben. Das scheint aber bei vielen noch nicht angekommen zu sein.

    Es ist eine bedrückende Zeit voller Ungewissheit.

  5. Beate Zinke sagt:

    Zur Ermutigung und Reflexion in Coronazeiten: Raphael Bonelli , Wiener Psychiater, macht jetzt täglich ein Video auf YouTube . Er macht es mit Charme, Klugheit und Humor. Für mich ist es tröstlich. Vielleicht für andere auch eine Anregung . Wie ich es verlinken kann, weiß ich grad nicht. Findet man aber leicht auf YouTube.
    Bleiben Sie alle gesund und klug.
    Liebe Grüße aus dem Nordschwarzwald schickt Beate

  6. Christiane Haas sagt:

    gudde Moien all zesummen
    Ich sitze hier mit meinem café au lait und finde es schön, dass wir uns hier bei Christine treffen, und ich hoffe, auf weiteren Ausstausch bei guter Gesundheit von euch allen.
    Basteltip ;-))) Klopapier mit Wasser und Mehl könnte eine Art Papier-maché werden

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