Corona Tagebuch Tag 3

Heute morgen suchte Monsieur unsere Hausärztin auf, damit Sie ihm einen „Passierschein“ fürs Meer ausstellen möge, damit er dort seine Venenerkrankung durch Wassertreten behandeln kann, wie alle Zeit. Strand und Meer gehören nämlich nicht zu unserem Ausgangssektor. Mit dem „Passierschein“ und dem anderen Dokument bewaffnet und einem Handtuch unterm Arm zieht er glückselig von dannen.

Ich laufe vom Haus aus zum Naturpark, der zumindest zu Teilen gerade noch zu unserem Sektor gehört; Monsieurs Tochter, die eine große Tour laufen wollte, wurde von der Polizei aufgehalten, kontrolliert und zurückgeschickt. Ich lief nur ein Ründchen und das war zumindest heute noch erlaubt. Unser Bürgermeister läuft selbst Marathon und hat in ganz Cannes Laufpfade eingerichtet, ich war ihm dafür heute wirklich dankbar. Ich laufe nicht in dem Sinn, ich marschiere dynamisch, könnte man sagen und eigentlich tue ich es nicht so wahnsinnig gerne, die Knie und das Übergewicht bremsen meinen Bewegungsdrang erheblich. Aber seit Januar marschiere ich wenigstens einmal die Woche und heute hat es mich wirklich beglückt. Die Möglichkeit, dass es morgen schon nicht mehr möglich sein kann, ließen mich Sonne, Wind, das Grün und den Blick aufs Meer umso mehr genießen.

Heute hatte ich zum ersten Mal auch Lust weiter zu laufen als die kleine Runde. Hey, wir machen Fortschritte! Auf dem Rückweg pflückte ich ein paar Blumen, es wachsen so viele wilde Freesien, es ist eine Freude!

Der Gatte kommt beglückt vom Meer, aber es war das letzte Mal, seit heute Mittag ist der Zugang zum Meer untersagt, es gab zu viele Menschen, die sich dort vergnügten. Und wir haben ja keine Ferien sondern Ausgangssperre. Im Naturschutzpark liefen auch allerhand Menschen herum, mit Hund und ohne, Hundeausführen könnte gerade das einzig lukrative Geschäft sein, ich leih dir meinen Hund, so könnten auch Drogendealer noch arbeiten, denn deren Geschäft geht, ähnlich wie das der Prostituierten, gerade gegen Null. Tut mir leid, das ist die Krimischriftstellerin in mir, die immer auch die weniger legalen Tätigkeiten mitdenkt. Einbruch wird auch gegen Null gehen, sind ja alle zuhause. Vermutlich wird es viel Totschlag im Affekt geben in den nächsten Monaten, denn das Laufen im Naturpark wird demnächst auch untersagt, so geht zumindest das Gerücht, und wohin soll man dann hin mit seinen Aggressionen gegen den Ehepartner, der einen am dritten Tag der Ausgangssperre schon nervt bis zum Anschlag? Nein, nicht bei uns, alles friedlich hier, aber in China soll es nach der Aufhebung der Ausgangssperre einen Run auf Scheidungsanwälte gegeben haben. 

Heute möchte ich Ihnen ein paar Links geben, mit denen Sie sich vielleicht beschäftigen können oder möchten in Ihrer vielen freien Zeit zuhause. Ich weiß, es gibt nicht nur Menschen, die nicht wissen, wie sie die Einsamkeit und die Zeit alleine zuhause herumkriegen, sondern auch solche, die Homeoffice machen sollen mit zwei quengeligen Kleinkindern oder zwei energiestrotzenden Teenagern (wir haben zwei über uns wohnen, ich bin indirekt betroffen) oder auch drei und vielleicht reicht auch ein gelangweiltes Kind schon, und all das auf ein paar wenigen Quadratmetern ohne Balkon. Ich bin zwar in Cannes aber nicht aus der Welt, ich weiß, wie Menschen wohnen können. In Frankreich sind die Wohnungen in der Regel kleiner als in Deutschland, Touristen spotten in der Regel, dass man das Hotelzimmer um das Bett gebaut hat, so klein ist es. Hier werden auch Räume unter den 9 Quadratmetern, die offiziell ein Zimmer ausmachen, als „Wohnung“ vermietet und das Klo ist auf dem Gang. Gibts alles noch. Anyway, darum geht es gar nicht, ich will sagen, ich bin mir bewusst, dass nicht alle mein „Betreuungsprogramm“ brauchen, aber vielleicht kann der oder die eine oder andere etwas damit anfangen.

Mir wurde von einer Leserin (merci Beate!) dieser Hinweis auf Raphael Bonelli, einen Wiener Psychiater gegeben, der bisher zumindest, jeden Tag ein Video veröffentlicht zur Corona-Lage. Ich mag den sehr, aber ich habe auch eine Schwäche für das Wienerische und diese leise Ironie und ich habe einen Hang zu Sinnfragen, daher also bitte, ich weiß nicht, ob Sie sich mit ihm anfreunden können, ich gebe Ihnen hier mal ein Video, nicht das erste, weil das fast eine Stunde dauert und dadurch eher abschreckt.

So, ein paar andere Hör-Tipps, jenseits von Panik und Sinnhaftigkeit, einfach nur Hörspiele gibts zum Beispiel beim Deutschlandfunk oder beim WDR . Die Berliner Philharmoniker geben demnächst kostenlose Konzerte per Internet hör- und vielleicht auch sichtbar, man muss nur bis Ende März einen Gutschein einlösen. Die Oper in Paris bietet Livestreams ihrer Opern an, aber leider nur in Frankreich abzurufen und die MET in New York soll das ebenso und sogar weltweit abrufbar anbieten, ich hab den richtigen Link zwar nicht gefunden, aber die Info gebe ich gern weiter. Im Louvre und vielen anderen Museen soll man nun auch virtuell herumlaufen können, ich schau mir das gleich noch genauer an.

So viel für heute! Bleiben Sie weiterhin zu Hause und außerdem gesund!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 3

  1. Franziska sagt:

    Bonsoir,

    als bisher stille Mitleserin, melde ich mich heute Abend kurz bei Ihnen.
    Einigen wäre es sehr recht, wenn das Theater mit der mangelnden Disziplin per Ausgangssperre beendet würde. Auch heute waren akurat nur zwei Personen mit Schutz unterwegs: Eine Buspassagierin mit Atemschutzmaske, dafür ohne Handschuhe. Und ich mit letzteren, dafür ohne erstere. Die Mitarbeiter der Lebensmittelgeschäfte trugen bis vorhin weder das eine noch das andere und Einlaßkontrollen sind hier inexistent. Das Amusement hält sich in argen Grenzen, wenn auch noch Abstände zum jeweils anderen nicht eingehalten werden. Bonn meldet zudem bereits Überlastung bei der Überprüfung der Proben an.

    Damit es jedoch nicht nur eine unschöne Schilderung bleibt, steuere ich gerne meinerseits einen Tip für virtuelle Rundgänge bei https://artsandculture.google.com/
    und sage merci beaucoup! für die hier zur Verfügung gestellten Anregungen.

    Restez en bonne santé et une bonne soirée!

    Franziska

    • dreher sagt:

      Vielen Dank Franziska!
      Ich muss sagen, dass wir hier alle weder Masken noch Handschuhe tragen, einfach weil es keine Masken (mehr) gibt. Die, die es gibt sind für die Ärzte, Apotheker etc. reserviert. Die, die sich mit Maske zeigen, gelten als Virusinfiziert, und da machen alle erschrocken einen Bogen. Abstand wird, zumindest hier in meinem Viertel, beim Einkaufen schon gemacht. Viel weiter rum komme ich ja nicht (mehr) und Busse nehme ich auch nicht (mehr).
      Getestet im großen Stil wird hier auch nicht, es gibt da unterschiedliche Ansichten – wenn ich den Virus heute nicht habe, kann es sein, dass ich ihn zwei Tage später doch habe, also sind die Tests sinnlos. Das sagt man uns hier, liegt aber wohl auch daran, dass es nicht ausreichend Tests gibt.
      Danke für den virtuellen Rundgang, ich teste die gerade alle und komme nicht wirklich weit … Alles Gute! Bleiben Sie gesund!

  2. Beate Zinke sagt:

    Liebe Christiane,
    ganz herzlichen Dank für den Tipp „Berliner Philharmoniker “ Gutschein. Habe ich sofort gemacht. Freue mich auf viele digitale Konzerte.

    Merci🤗😊

  3. Vinni sagt:

    Was die Verbrechen angeht, liebe Frau Kriminalschriftstellerin, ist jetzt wohl die Hochzeit der Callcenter-Betrüger, wenn alle daheim sind. Die ersten Betrüger ziehen wohl auch schon von Haus zu Haus mit Schutzanzug und angeblich vom Gesundheitsamt. :/

    Ansonsten wohl Körperverletzung und Totschlag und alle mögliche andere Gewalt, wenn Leute gezwungen sind, lange aufeinanderzuhocken :/

    • dreher sagt:

      Oh Mann! Ich stelle danke Ihres Kommentars gerade fest, dass wir nicht mehr von den Callcentern belästigt werden, hurrah!!!, denn die arbeiten jetzt auch nicht, bei uns zumindest, ihre Arbeit wird nicht als „lebenswichtig“ eingestuft, genau wie die des Handwerkers, der nicht mehr kommt und die Freitagshilfe kommt auch nicht. Betrüger in Schutzanzügen dürfen hier auch nicht mehr rumlaufen, da sind schon die Polizeikontrollen ein Hindernis und wir haben ja wirklich Ausgangssperre. Gewalt und Körperverletzung, ja, das glaube ich auch. Vor allem, wenn man uns den Außerhaus-Sport wegnimmt :(

  4. Mumbai sagt:

    beneidenswert, dass Sie wenigstens heute noch durch diese bunte Landschaft walken durften und Monsieur am Meer war. Hier ist totale, wirlich totale Ausgangssperre, denn in unserer Community ist ein Coronafall. Gestern war ich noch mal im Supermarkt um fuer die naechsten 5 Tage vorzusorgen. Es waren mehr Leute als gedacht, doch 95% diszipliniert mit Maske und Handschuhen. Aber wie ich schon in vorigen Kommentaren meinte, es ist erst der Anfang und die wirtschaftl. Folgen werden voraussichtlich viel laenger andauern. Im „The Guardian“ erklaert man dsbzgl. dazu mehr ohne Panik zu machen. Ich wuensche Ihnen und Monsieur weiterhin gute Gesundheit und freue mich auf die naechste Tagebucheintragung.

  5. Eleonore Braun-Folta sagt:

    An Franziska, Mundschutz und Handschuhe sind auch nicht nötig, die sind für Ärzte und Krankenschwestern. Eine allgemeine Hygiene, wie Niesen Husten in die Ellenbeuge, häufiges Händewaschen mit Seife, einen großen Abstand zum Gegenüber, kein Händeschütteln und Busse geben reicht.

  6. Croco sagt:

    Habe erst grade entdeckt, dass Du auch Tagebuch schreibst. Schön😊.
    Man muss sich einfinden, genau wie Du es sagst. Privilegien habe ich auch, allerdings auch eine Vorerkrankung und einen Mann, der dem Ganzen sehr ausgesetzt ist.
    Es beruhigt mich, dass bei Euch kaum einer mit Mundschutz unterwegs ist.
    Ich habe einen hier, da ich die Arbeitsplatzwäsche des Mannes wasche, mit Handschuhen und Mundschutz. Ich hoffe nur, dass wir das Mündliche Abitur nächste Woche durchführen.
    Der Psychiater redet wirklich allerliebst. Früher dachte ich, entweder heirate ich einen italienischen Kellner oder einen Burgenländer. Den ersten wegen der Eleganz der Bewegungen und den zweiten wegen des Dialektes. Ich schmelze dahin.
    Liebe Grüsse, und bleibt gesund.

    • dreher sagt:

      Oh! Und jetzt erst habe ICH entdeckt dass DU auch Tagebuch schreibst, toll! Danke für das Positive, ich verlinke dich gleich!
      Und welche Nationalität hat dein Mann? Burgenländer mit italienischen Wurzeln? :D
      Pass(t) gut auf dich/euch auf! Liebe Grüße!

  7. Croco sagt:

    Freut mich, dass Du mein Blog freundlich findest, und dass Du mich verlinkt hast. Die Geschichte ist so schrecklich, dass man sich mühen muss, nicht verrückt zu werden. Das würde einen lähmen und handlungsunfähig machen.
    Mein Mann ist weder Österreicher noch Italiener, aber er hatte mal schwarze Locken und kann wunderbar elegant den Tisch decken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.