Corona Tagebuch Tag 4

Gestern kam die Post der letzten Woche(n) auf einen Schlag, darunter schöne Hefte, ein Buch und viel offizielle Post verschiedener Abteilungen des Finanzamtes. Ich war so viel Nähe zum Finanzamt in Deutschland, wo einem alle Sozialabgaben schon beim Gehalt abgezogen werden, nicht gewohnt. In Frankreich gab es eine Reform, die nun vorsieht, dass es (ähnlich) wie in Deutschland sein soll. Bis es funktioniert ist es aber vermutlich noch ein langer Weg. Ich bin immer ein schwieriger Sonderfall mit meinen Einkünften aus Deutschland, und zusätzlich auch noch „Künstlerin“. Bis vor kurzem gehörte ich der französischen Künstlersozialkasse AGESSA an, die nun aber in die allgemeine Sozialversicherung URSSAF aufgegangen ist. Waren die Ansprechpartner bei der AGESSA reizend und kompetent, sind es die Menschen bei der URSSAF, die allgemein gefürchtet wird, nun nicht mehr. Um dort nun meine Sozialabgaben zahlen zu dürfen (!) muss ich zunächst eine Micro-Entreprise gründen, und schon werde ich von einer neuen Stelle des Finanzamts angeschrieben, ich möge bitte angeben, wieviele Quadratmeter mein Arbeitsort „zu Hause“ habe. Mein PC auf einem vollgestopften Esstisch und mein Kopf, das macht wieviel Quadratmeter?

Homeoffice

Egal, was ich angebe, ich werde von nun an auch dafür (zusätzlich) besteuert. Sage ich „Null Quadratmeter“, weil ich eine „intellektuelle“ und „dématerialisierte“ Tätigkeit ausübe, werde ich zukünftig prozentual vom Einkommen besteuert. Alle sehr tricky, ich versuche also eine Organisation zu kontaktieren, die mir hoffentlich sagen kann, wie ich das Problem am besten löse. Diese Centres agrées  sind eine französische Besonderheit und eine zusätzliche Institution zwischen Buchhaltung und Finanzamt, für mich alles immer schwer zu verstehen und ich mache bislang nicht mal Buchhaltung, geschweige denn habe ich jemanden, der das für mich macht. Egal, ich rufe dort an und versuche meinen Fall zu erklären. Ich bin noch im Nachthemd, das sieht die Dame nicht, aber während ich spreche, sucht Pepita ihr Katzenklo auf und scharrt wie eine Wahnsinnige, kackt und scharrt erneut. Ich kann mich vor lauter Scham über das Geräusch und die nachfolgende Geruchsbelästigung kaum auf die Informationen konzentrieren. Homeoffice, sage ich nur. Ist für mich zwar nichts Neues, aber manchmal ist es peinlich, auch wenn die Waschmaschine unvermutet schleudert und piepst. Sie erinnern sich an den Journalisten Robert Kelly, der von zu Hause aus der BBC über die politische Lage in Nord- und Südkorea berichtete?

Es gibt bei mir im Anschluss dieses Videos übrigens eines von Ellen de Generes, auch sehr witzig, sie glaubt zu sehen, dass die Frau des Journalisten mit offener Hose ins Büro rannte, so als käme sie gerade hektisch vom Klo (sie sagt natürlich nicht Klo, sondern höflich „bathroom“). Man kann nicht mal aufs Klo gehen, ohne dass die Kids in dieser Zeit Unsinn machen. Haha. Der Journalist und seine Familie wurden innerhalb kürzester Zeit berühmt, so dass man sie kurz darauf als komplette Familie vorstellte. Befragt, was die Gattin gemacht habe in der Zeit, in der die Kids das Büro eroberten, ist sie kurz verlegen, vielleicht war sie wirklich auf dem Klo. Sie antwortet jedoch, sie habe im Nebenraum das Live Interview im Fernsehen angesehen und sozusagen im Fernsehen entdeckt, dass die Kinder gerade das Büro ihres Mannes enterten. Robert Kelly gibt übrigens zu, dass er nicht aufstehen konnte, weil er obenrum zwar Hemd und Krawatte trug, unten aber bereits seine Pyjamahose, weil das Interview (für koreanische Zeit) spät abends stattfand. Homeoffice eben. Vielleicht sollten wir zukünftig unsere jeweiligen Businesses viel weniger cool und smart machen, sondern menschlicher. Es kann sich gerade so viel ändern, warum nicht auch das?

Monsieur lechzt nach Ausgang, füllt sich seine Attestation de déplacement aus und geht einkaufen: Brot beim Bäcker und, um es etwas auszudehnen, geht er noch in den kleinen Lebensmittelladen, schon wegen des Rosé. Derzeit wird hier ein Rosé aus dem Var bevorzugt. Rosé aus dem Luberon ist im eingeschränkten Angebot des Lädchens nicht vorhanden. Er ist schneller zurück als erwartet und erzählt nichts von seinem spannenden Ausflug, Herrgott! Aber immerhin weiß er, Prinz Albert aus Monaco, Sie wissen schon, der Sohn von Rainier und Grace, der blasse Bruder von Caroline und der rundliche Gatte der schmallippigen Charlene, er hat heute Geburtstag, wir gratulieren!, aber viel schlimmer, er hat den Virus!!! Und das bringt das Fürstentum nebenan zum Klagen! „Er hatte enge Kontakte zu anderen Top-Royals!“ klagt auch diese Gazette hier in ihrer Eilmeldung. Die Titelzeile ist auch wunderschön: „Coronavirus erreicht europäischen Adel“ und „erster positiver Test in prominentem Königshaus“ (sic!). Der Fürst macht jetzt auch Homeoffice in seinem Schloss und wird ärztlich überwacht. „Ärzte und Spezialisten im Princess Grace Hospital Center haben ein Auge auf den Gesundheitszustand des Fürsten, heißt es vom Palast.“ Wir müssen uns also keine Sorgen machen. In Monaco herrscht nun auch Ausgangssperre. Aber Sie sehen, der Virus ist gnadenlos und macht auch vor dem Hochadel nicht Halt. ps: der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi hat das Virus auch! Diese Herren schütteln eben einfach zu viele Hände!

Hier die tägliche Dosis Psychotherapie aus Wien. Die sind uns dort einen Tag voraus mit der Ausgangssperre. Unter anderem wird Lesen empfohlen. Stefan Zweig schlägt Herr Bonelli vor. Die Schachnovelle fällt mir ein. Wie dankbar war der in einem Zimmer eingesperrte Held über das einzige Büchlein, dem er eines Tages habhaft werden konnte, bedauerlicherweise nur ein Schachbuch. Ok, es gibt noch andere Tipps :D

Ich bekam von einer Leserin (huhu Uschi!) den Hinweis auf die Kunsthalle Mannheim, die unter dem Hashtag #kumachallenge klitzekleine Museumsführungen macht und jeden Tag ein anderes Kunstwerk vorstellt. Toll! Allerdings nur über Facebook oder Instagram anzusehen, auf der Homepage des Museums gibt es leider keine Museumsführung. Ich kam auch mit den von mir gestern angegebenen online-Museumstipps nicht wirklich weit. Kompliziert!

In der gestrigen Post war nicht nur die Riviera Zeit sondern auch das neue Frankreichmagazin mit dem „Special“ Provence und Côte d’Azur. Was für ein schönes Heft! Ich bin wirklich glücklich, für dieses Heft jetzt Kolumnen schreiben zu dürfen. Schöne Alternative, wenn Sie nicht reisen können!

Noch ein bisschen Frankreich für zuhause gibt es bei Frankreich Webazine, dort können Sie zum Beispiel Ihr Französisch etwas aufpolieren (leider ohne Aussprachehilfe), für den Tag, an dem Sie endlich wieder dorthin reisen dürfen, und wie immer bei Hilke Maunder.

Ich mach mal Schluss für heute, damit ich noch zu etwas anderem komme. Das Schwierige im Homeoffice ist ja, wie man sich organisiert … hier ein netter Beitrag dazu!  Bis morgen, bleiben Sie schön zuhause und vor allem gesund!

oh mon Dieu und jetzt stürzt laufend das Internet ab … beten wir alle zusammen zum Internetgott, dass er es uns erhalte in diesen schwierigen Zeiten!

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6 Kommentare zu Corona Tagebuch Tag 4

  1. Michael Chevalier sagt:

    Liebe Christiane,

    wieder einmal herzerfrischend dein Bericht und deine Entdeckungen zum Thema Home Office, Finanzamt, etc!

    Ich muss inzwischen zugeben – ich habe mich lange gesträubt, weil es in unserem kleinen südbadischen Dreiländereck noch so schön und unbeschwert ist – einzusehen, dass tatsächlich eine andere, nie und nimmer vorhergesehene Zeit angebrochen ist.

    Ich denke nicht an die wohl ab morgen drohende Ausgangssperre – heute war alles noch so super gemütlich, entschleunigt, in Ordnung, wenig Verkehr, viele Parkplätze, überschaubare Supermärkte und sympathische kleine Läden mit viel Zeit für Gedankenaustausch, sogar mit völlig fremden Menschen – , sondern an das, was man plötzlich erfährt, über was man beginnt nachzudenken, was man lernt , wenn man plötzlich statt fader Unterhaltungen im Fernsehen Situationsberichte und Interviews sieht, die man vorher nie gesehen oder beachtet hat. Ich habe bisher weder gewusst, welchen Weg beispielsweise ein Salatpflänzchen von der Anzucht bis zum Wochenmarkt nehmen muss – nicht das Pflänzchen aus dem Bauerngarten. sondern das aus der hektargrossen Gemüsefarm – und wie viele Menschen daran beteiligt sind. Und nie darüber nachgedacht, was passieren wird, wenn uns plötzlich 300.000 osteuropäische Erntehelfer wegen Aus- und Einreiseschwierigkeiten fehlen.

    Ich wusste auch nicht, dass auf der internationalen Handelsschifffahrt, die unser Leben, unseren Komfort, unseren Wohlstand und unseren Luxus am Laufen hält, monatlich 100.000 Crewmember ausgetauscht werden müssen, aus und in Länder, in die sie jetzt weder heraus- noch hineinkommen können.

    Weh getan hat mir der Anblick der fast 90 Prozent der wunderschönen holländischen Tulpen und Rosen, die statt auf den blitzschnellen Transportrouten regelmässig zu mir zu kommen, jetzt weggeworfen, getötet, verschrottet werden, weil diese europäischen Transportrouten nicht mehr so funktionieren, wie wir es seit eh und jeh gewohnt sind, die wir bis heute für selbstverständlich und unangreifbar halten.

    Ich könnte noch viele, viele Gedanken ansprechen, die mich jetzt durch plötzlich völlig neue und bisher mir fremde Medieninformation bewegen und mein Denken in Kraft setzen, ….
    Ich glaube aber, dieses Denken-in-Kraft-Setzen ist zumindest ein positiver Effekt dieser unglaublichen Situation, der vielleicht, hoffentlich, ein wenig anhalten wird, wenn wir das alles gut überstanden haben.

    Und dir, deinen Lesern und meinen Wanderfreunden an der CdA wünsche ich, dass alle das gut überstehen!

    Bien amicalement,
    Michael

    • dreher sagt:

      Danke Michael für alle deine Eindrücke und Gedanken! Man weiß so vieles nicht, weil man immer in seinem kleinen Hamsterrad-Leben festhängt. Insofern hat die Krise doch auch etwas Gutes, sie rüttelt uns auf und öffnet uns die Augen für anderes, wenn man neugierig ist zumindest. Alles Gute dir und denen, die dir lieb sind, alles Gute uns allen eigentlich! Bleib(t) gesund! à bientôt (wir werden mit einem ganz anderen Bewusstsein wandern nach zwei Monaten Ausgangssperre, das ist sicher!)

  2. Gabriele sagt:

    Ich kann mich noch gut an die Szene mit Robert Kelly erinnern – damals meinte ein Großteil der Menschen, das Kindermädchen habe die Kids nicht im Griff. Dass es seine Frau war, konnten sich offenbar viele nicht vorstellen- weißer Professor, asiatische Frau – ganz normaler Alltagsrassismus. Ich hoffe, Du bekommst den ganzen Papierkram gut hin, ich stelle mir das sehr schwer vor, mit den Feinheiten des französischen Versicherungssystems zurechtzukommen. Und grad habe ich im Nice Matin gelesen, dass es nächtliche Ausgangssperren gibt – irgendwie erscheint einem das Leben grad sehr surreal… Danke für die Tipps. bleibt gesund und passt auf Euch auf, liebe Christiane. Herzliche Grüße Gabriele

    • dreher sagt:

      Danke Gabriele!
      Nein, es ist nicht leicht mit der französischen Verwaltung zurechtzukommen, seufz –
      Und ja, ich erinnere mich auch daran, dass man glaubte, sie sei das Kindermädchen :(
      Ich glaube, dadurch dass der Nizzaer Bürgermeister selbst das/den Virus hat, ist er noch mehr betroffen, wenn man das so sagen kann. Gestern sah man im Fernsehen so viele Leute in Nizza am Strand liegen mit dieser „je m’en fous-Haltung“ und so viele feiern noch Parties. Deswegen jetzt (zumindest in Nizza) nach dem confinement das couvre-feu. Eine ganz strenge Ausgangssperre (wie im Krieg) nach 20 Uhr. Wir lernen lauter neue Vokabeln.
      Bleib(t) auch gesund!

  3. Beate Zinke sagt:

    Liebe Christiane, ich freue mich sehr, dass Sie Raphael Bonelli anführen. Doch, doch, er hat auch heute ein neues Video gebracht: „Das Virus und die Meinungsfreiheit.“ Ich finde es gescheit und wichtig… allerings muss man ca 45 Minuten Zeit investieren, die sich aber m.E. sehr lohnen.
    Versuchen wir, klug zu sein…
    Beste Grüße von Ihrem langjährigen aber meist still lesenden Fan
    Beate

    • dreher sagt:

      Liebe Beate, danke Ihnen, ich habe es gerade gehört und auch das Video davor, auf das er Bezug nimmt. Es macht mich sehr nachdenklich und ich muss jetzt erstmal darüber schlafen, wenn ich es schaffe, mich beschäftigt das alles viel mehr als ich es eigentlich will. Danke auf jeden Fall für den Hinweis auf Bonelli, ich finde ihn großartig!