Je suis française oder Wahlen in Zeiten von Corona

Die Situation galoppiert hier davon. Sie wissen es sicher schon. Seit heute Nacht 00.00 Uhr sind alle Restaurants, Bars, Diskotheken und Läden, die nicht dringend geöffnet sein müssen, also alle, die nicht Lebensmittel verkaufen, in Frankreich geschlossen. Bäcker sind geöffnet, Metzger, der kleine Tante-Emma-Laden im Viertel und auch der Zigarettenkiosk (für einige ist das lebenswichtig, machen wir uns nichts vor) und die großen Supermärkte. Wie es mit den Lebensmittelmärkten aussieht, weiß ich nicht. Wir machten gestern dort einen Gemüsegroßeinkauf. Der kleine Fisch, ein loup de mer,war fast genauso teuer wie der Rest der Einkäufe. Aber ausgezeichnet. 

Apotheken sind ebenso weiterhin geöffnet und sie dürfen jetzt ihre eigenes Desinfektionsgel brauen und zu einem staatlich festgesetzten Preis verkaufen. Alles andere zu, geschlossen. Alle Einzelhandelsläden, seien es Optiker(in), Patissier(ière), Klamotten- und Schuhläden, Souvenirshops, Tättowierstudio, Buchhandlung oder Büroartikel und was es nicht alles gibt. Alles zu. Auch die Markt-Händler der typischen französischen Gemischtwarenmärkte, Straßenhändler, Künstler, professionelle Brocanteurs, also Leute die Flohmärkte und Antikmärkte machen, keine(r) darf arbeiten. Viele von ihnen, viele Einzelhändler und kleine Unternehmen werden das nicht überleben, fürchte ich. Ich bekam vor drei Tagen noch eine geradezu händeringende Mail meines Optikers, „zu kommen“, aber jetzt ist er zwangsläufig geschlossen. Die Tochter von Monsieur ist freie Dienstleisterin und wurde Freitag bereits von ihrer Firma „freigestellt“. Ihr zweites Standbein als Mitarbeiterin bei den Kongressen ist auch weggebrochen. Der Lebensgefährte des Sohnes ist unfreiwillig und bis auf weiteres in unbezahltem Urlaub. Die Kinder sind zu Hause, denn Schulen und Crèches, Universitäten sind sind sowieso geschlossen. Alle Veranstaltungen abgesagt, alle Kongresse, Theateraufführungen, Konzerte, Marathons, Flohmärkte, Sportfeste, und sogar das ehrwürdige Filmfestival findet dieses Jahr nicht statt. Kinos sind auch geschlossen.

Alle Vereine zu. Privat werden Hochzeiten und Geburtstagsfeste abgesagt und jede Menge Urlaube. Wir sollen stattdessen zu Hause bleiben. Nur wählen dürfen wir noch, die Kommunalwahlen finden bizarrerweise statt, immerhin unter Hygieneauflagen, und so machten wir heute vermutlich den letzten Ausflug für lange Zeit in die Berge, aber nur ein aller-retour, morgens hin, nachmittags zurück, denn ich wollte es dieses Mal nicht verpassen, bin ich doch vor kurzem Französin geworden und darf jetzt ganz offiziell wählen! Ok, bei Kommunalwahlen durfte ich schon immer wählen, stand aber bisher als Ausländerin in einem gesonderten Verzeichnis, und dieses Mal wählte ich „comme tout le monde“, wie alle, wie die Bürgermeisterin des Bergdorfs sagte.

Vor kurzem erhielt ich einen Anruf des Rathauses von Cannes und kurz darauf einen aus der Mairie des Bergdorfes: Félicitations! Glückwunsch! Die Kommission hat Ihrem Antrag zur naturalisation zugestimmt! Vous êtes française! Ich habe mich wirklich viel mehr gefreut, als ich selbst erwartet habe, ich sprang hier durch die Wohnung, als hätte ich im Lotto gewonnen. Monsieur war gerührt, dass ich mich so freute, und führte die neue kleine Französin standesgemäß zum Essen aus. Dann haben sich beide Gemeinden darum gerissen, mich als Wählerin zu bekommen und ich habe mich für das Bergdorf entschieden. Da bin ich jetzt die 102. Wählerin :-) Verstehen wir uns nicht falsch, da oben leben ganzjährig derzeit nur etwa 25 Menschen, aber einige mehr (Zweitwohnsitzler) sind dort auf der Wählerliste eingeschrieben: mit mir jetzt 102. Nicht wirklich viel, alle kennen alle, deswegen konnte ich auch wählen, obwohl ich bislang weder ein französisches Ausweisdokument noch die Wählerkarte rechtzeitig erhalten habe, weil „ich bekannt bin“, wie mir die Sekretärin der Mairie zusicherte.

Nun fuhren wir also in die Berge. Heute Morgen kaum ein Auto auf der Straße und nur hier und da ein Mensch mit einem Baguette unterm Arm. Die Autobahn fast so leer wie an den Autofreien Sonntagen in den Siebziger Jahren während der Erdölkrise, falls die Älteren unter uns sich daran noch erinnern. Ich bin damals Rollschuh gelaufen auf der Autobahn, es kann aber auch ein noch nicht fertig gestellter Abschnitt gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr. Nur dieses tolle Gefühl von so viel freier und glattester Rollschuhpiste! Damals bin ich ja noch mit so eigenartigen Dingern gerollert, die man unter die Schuhe geschnallt hat, und mit denen dann über Stock und Stein. Die Autobahnpiste sonntags war wirklich genial! So leer war es also heute früh. Wir waren schon nach anderthalb Stunden im Bergdorf, das dort noch von schneebedeckten Bergen umringt ist.

Da oben schien die Sonne, der Himmel so blau und auf der Terrasse vor der Mairie standen weit gestreut Stühle, damit man in Ruhe warten konnte, denn es durfte immer nur ein(e) Wähler(in) in den Raum.

Madame le Maire

Wir haben im Dorf jetzt auch einen öffentlichen Bücherschrank und ich habe zwei nette zeitgeschichtliche Alben mitgenommen: Les Francais en vacances und Les métiers des Francais.

Wir gaben uns alle keine Küsschen, sondern winkten uns zu und schickten Luftküsse und setzten uns auf die weit entfernten Stühle und plauderten in der Sonne. Eine 100 jährige Einwohnerin und ihre kranke Tochter besuchten wir zu Hause, blieben aber winkend an der Eingangstür stehen. „Wir haben keinen Virus“, rief die Dorfälteste abwinkend, „ihr könnt ruhig reinkommen.“ „Naja“, sagen wir, mit Blick auf ihre schwer atmende Tochter, „wir aber vielleicht, und wir wollen ihn besser nicht mit euch teilen.“

In der Mairie wurden wahlweise Hände gewaschen oder Handschuhe gewählt, man bekam seine Liste (es gab nur eine Liste :D , man konnte also das Team wählen oder nicht, aber es gab keine Alternative) und einen kleinen Umschlag. Einen Stift hatte man selbst mitzubringen, für den Fall, dass man einen Kandidaten auf der Liste streichen wollte. So geht das hier. Ich hatte einen Stift, strich aber niemanden, ich finde das Team prima und bin auch mit der scheidenden Bürgermeisterin für weitere sechs Jahre einverstanden.

Zu Mittag aßen wir mit großem Sicherheitsabstand am großen Esstisch bei einer Freundin und gegen 16 Uhr fuhren wir wieder zurück. Jetzt waren die Straßen voller, an der Küste waren zwar alle Etablissements geschlossen, die Menschen aber liefen bei schönstem Wetter in Gruppen auf den Uferpromenaden spazieren oder saßen dort gruppiert herum, und da war nix mit Abstand. Der Franzose ist ja eher ungehorsam.

Gerade erhielt ich die Wahlergebnisse aus dem Dorf: Wahlbeteiligung 79; gültig 77, das Team ist im ersten Wahlgang fast einstimmig von allen und die Bürgermeisterin wieder gewählt worden. Super! Und abends waren sie dann alle im Haus der ältesten Dorfbewohnerin (und ihrer kranken Tochter!) und haben gefeiert. Abstand? Virus? Welcher Virus? So ist er der Franzose.

Die ersten Hochrechnungen für die großen Städte Frankreichs trudeln gerade ein, es ist unübersichtlich mit all den Arrondissements in Marseille und Paris, aber in Paris scheint Anne Hidalgo, wegen ihrer Umweltpolitik sehr umstrittene Bürgermeisterin, es doch wieder zu schaffen; es gibt bei mehreren KandidatInnen (in Paris gleich drei Frauen!) unter den beiden KandidatInnen, die am besten abgeschnitten haben, nächsten Sonntag eine weitere Wahl; man spricht insgesamt von einer geringen Wahlbeteiligung. We’ll keep you informed!


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Kommentare zu Je suis française oder Wahlen in Zeiten von Corona

  1. Caroline Bahri sagt:

    Liebe Christiane, ich gratuliere dir ganz herzlich, dass du jetzt Französin bist! Mein Sohn ist, dem Brexit geschuldet, jetzt Engländer. Hat aber beide Staatsangehörigkeiten. Du auch? Geht das hier? Ich bin weiter eine Deutsche, die sich die meiste Zeit in Frankreich aufhält. Und bin auch eher wieder auf dem Rückzug. Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, möchte ich bei uns in Cannes nicht ins Krankenhaus müssen. Nun ja, in Bremen auch nicht…

    Heute war das Wetter ja so wunderbar, dass wir doch noch hier bleiben, auch wenn alle Boules-Turniere gecancelt sind. Und unsere Freunde, die nächste Woche aus Deutschland kommen wollten, haben abgesagt. Die Grenze ist zu. Und das finde ich sehr beängstigend. Dass ich nicht fahren kann, wohin ich will, ist eine neue Qualität. Das macht mir Angst.

    Ganz liebe Grüße von Caro

    • dreher sagt:

      Liebe Caro, danke für deine Glückwünsche! Ja, ich bin auch noch Deutsche, doppelte Staatsangehörigkeit ist Dank eines Abkommens mit Deutschland und Frankreich möglich, ich wusste allerdings nicht, dass es auch in UK möglich ist, beide Nationalitäten zu haben.
      Tut mir leid für Euch, dass die Boule-Turniere abgesagt wurden, und das bei dem schönen Wetter!
      Ja, es ist eine andere Situation im Ausland, wenn man krank ist – ich spüre da zunehmend auch eine Fragilität, die ich vor Jahren noch locker weggewischt hätte. Ich habe jetzt eine deutsche Hausärztin und fühle mich da in guten Händen, sie ist sympathisch und kompetent, selbst Thierry geht jetzt zu ihr! Dr. Anette Wolf in Le Cannet, sie arbeitet Teilzeit mit einem französischen Kollegen im gleichen Cabinet. Falls du ärztliche Hilfe brauchst, einen Rat für einen Spezialisten, Medikamente etc. ich kann sie empfehlen!
      Liebe Grüße nach nebenan!

  2. Ursula Weber sagt:

    Herzlichen Glückwunsch, liebe „Neufranzösin“.
    Da ist Monsieur bestimmt sehr glücklich.
    Und stolz ist er sowieso auf seine erfolgreiche Autorin.
    Herzliche Grüße und alles Gute für Euch – bleibt gesund!
    Uschi

    • dreher sagt:

      Merci Uschi! Ja, er ist sehr stolz :) Danke für deine Wünsche! Bleib du und alle Lieben um dich herum, klein und groß, auch gesund!

  3. Jürgen Hollstein sagt:

    Félicitations zu diesem konsequenten Schritt, und dann noch just passenden zum Wahltermin ;-)
    Danke für die Möglichkeit, an Deinen Erlebnisse und Eindrücken teilhaben zu dürfen.

    Wir hoffen, dass wir bald wieder in die Region kommen können.
    Liebe Grüße und bliebt gesund
    Anne und Jürgen

    • dreher sagt:

      Danke Ihr beiden! Ich hatte ein bisschen den Verdacht, dass die Kommission gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen zusammengekommen ist, damit die Neufranzosen gleich zu ihrer bürgerlichen Tat schreiten konnten ;) Ich bin auch noch Deutsche, nur kann ich jetzt in Frankreich „richtig“ (auch den Präsidenten) wählen, das war mir wichtig!
      Tut mir leid für Euch, dass Ihr Euer schönes zweites Zuhause derzeit nicht genießen könnt! Aber es wird wieder besser werden. Bleibt Ihr auch gesund! À bientôt!

  4. Trulla sagt:

    Was für schöne Fotos. Naja, allein schon diese attraktiven Motive! Aber ohne den richtigen Blick dafür geht’s auch nicht. Und den haben Sie!

    Herzlichen Glückwunsch zur Eingemeindung. Es ist sicher richtig und wichtig, sich an seinem Lebensort mit Rechten und Pflichten einbringen zu können. Normalerweise machen mich zwar fast 100% ige Wahlergebnisse misstrauisch – keine Gegenkandidaten? – aber nun ja, ihre liebevolle Schilderung der dörflichen Besonderheiten sprechen für sich.

    Corona betrifft uns alle, man kann sich nicht entziehen. Ich finde, das macht demütig. Vor kurzem erst habe ich einen unglaublich heftigen Calimasturm erlebt und nun das!
    Wie klein und machtlos man sich fühlt – vielleicht hilft es manchem, die Maßstäbe zurecht zu rücken.

    Ach, das Rollschuhlaufen, wie ich das vermisse. Früher als Kind hatte ich auch das Modell zum Unterschnallen, bis vor 10 Jahren waren es dann die Inlineskates. Lange Asphaltstrecken hinterm Deich entlang (die Elbe parallel), wie schön das war. Geht leider nicht mehr, ein Knie streikt.

    Alles hat eben seine Zeit. Hoffentlich überstehen wir die aktuelle Krise (die ja noch viel mehr Baustellen hat) in mitmenschlicher Solidarität.

    • dreher sagt:

      Vielen Dank für die Glückwünsche und die Komplimente!
      Vor sechs Jahren gab es eine zweite Liste, einen anderen Kandidaten und ein alternatives Team, da gab es im Vorfeld viel Tamtam, aber die aktuelle Kandidatin hat sich durchgesetzt. Sie war damals noch Gemeindesekretärin in einem anderen Dorf, jetzt ist sie pensioniert, sie hatte also aktive Erfahrung mit Politikern vorzuweisen, weiß, wie man Subventionen anleiert und so weiter. Der Gegenkandidat war jünger, aber unerfahren, das hat die durchschnittlich ältere Bevölkerung nicht überzeugt. Sie hat es gut gemacht die letzten sechs Jahre, weshalb sich jetzt keine unzufriedene alternative Liste mehr gebildet hat, was auch mit so wenigen Menschen nicht einfach ist. Die müssen wirklich Zeit und Engagement mitbringen und es hätte nur dieselben gegeben, wie schon letztes Mal. Ich denke in sechs Jahren, wenn die jetzige Mannschaft sicher auch altersbedingt nicht mehr kandidieren wird, ergeben sich neue (jüngere) Möglichkeiten für das Dorf.

      Rollschuhfahren und Schlittschuhlaufen! Ich habe es so geliebt! Und ich war so erschüttert, dass ich es nicht mehr konnte, dass ich plötzlich Angst hatte, als ich in meinen letzten Wintern in Deutschland schwungvoll die geliehenen Schlittschuhe angezogen hatte. Ich stolperte so herum, es war ein Elend!

      Ich hoffe auch, dass die menschliche Solidarität den egoistischen Toilettenpapier-und-Nudel-Hamsterkauf überwindet! Bleiben Sie gesund!

  5. Herzlichen Glückwunsch der Neufranzösin. Kommunalwahlen waren hier auch, das lief wohl ähnlich. Es wird eine Stichwahl geben, aber dann per Briefwahl.

    • dreher sagt:

      Dankeschön! Hier wurde gerade von unserem Präsidenten gesagt, dass die Stichwahl bis auf weiteres verschoben wurde!

  6. Sunni sagt:

    Oh, une nouvelle française! Pour votre bien-être, madame! J’espère que Monsieur a célébré cela avec vous avec une coupe de champagne. Et ce merveilleux choix dans le petit village de montagne avec de belles photos, super! Nos 2 petits-enfants à Würzburg sont aussi français, la moitié d’entre eux et papa moitié français, moitié italien et grand-mère, un tiers algérien, français et italien, pour ainsi dire, la maman est allemande. L’Europe et un morceau d’Afrique unis. Le virus a une belle liste de ce que les nations achètent comme fournitures d’urgence: Amérique: médicaments et armes, français: vin rouge et préservatifs, italiens: grappa et cigarettes, néerlandais: haschisch et fromage. Allemagne: papier hygiénique et nouilles. Oh ciel, quel pays! En ce sens: Mieux vaut Loup de Mer que … la version allemande! Bien, vous restez en bonne santé tous les deux! A bientôt, Sunni

    • dreher sagt:

      Oh wie süß! Merci! Bleiben Sie auch alle gesund! Ich hoffe, die Tochter in der Quarantäne kommt zurecht. Wir sind jetzt auch alle in Quarantäne!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.