Corona Tagebuch – Tag 17

Ich komme immer schwerer aus dem Bett. Ich gehe auch spät zu Bett, nie vor Mitternacht, ein Uhr. Monsieur und ich, wir sind schon immer ein bisschen décalé, der Frühaufsteher und die Langschläferin, gerade wird es noch etwas extremer. Ich konnte lange nicht einschlafen, weil ich über die Zeit in der Buchhandlung nachdachte, Anfang der Achtziger Jahre war das, auch wenn das Ambiente dort so ein bisschen wie späte Fünfziger war. Ein andermal schreibe ich dazu weiter. Heute früh wollte ich laufen, naja laufen, Sie wissen schon, zügig marschieren im Naturschutzpark. Es wurde aber 11 Uhr, bis ich loskam. Zum ersten Mal stand die Police Municipale an der Ecke zur Nachbarstraße. Ich hatte mein Dokument dabei, in dem ich jetzt auch Geburtstag und Geburtsort eintragen muss und um wieviel Uhr ich das Haus verlassen habe.

Ich habe „Sport“ angekreuzt und mich vorsichtshalber auch in Sportklamotten geworfen, ich wollte aber auf dem Rückweg auch Brot und Pommes frites im kleinen Laden einkaufen und überlege mir nun eine Route, die für den Hin- und Rückweg passt, angesichts eventueller Kontrollen. Die Polizisten kontrollieren mich jetzt zumindest aber nicht. Ich war schon lange nicht mehr draußen. Monsieur ist bange, dass ich ihm einen Virus mitbringen könnte, weshalb ich aus Rücksicht auf ihn mein Ausgehbedürfnis zurückschraube. Heute fühle ich mich wie ein Fohlen, ich hopse die Straße entlang, die Sonne scheint, ich bin draußen! In der Kurve, wo man über einen kleinen Pfad zum ersten Mal in den Naturpark abbiegen kann, sehe ich mit Befremden, dass der Weg gesperrt ist.

Ich denke noch, dass sie den kleinen Weg, der so halb illegal ist, vielleicht zuwachsen lassen wollen. Der Zugang zu meiner Runde ist sowieso weiter oben, ich laufe weiter und wundere mich über all die Absperrgitter auf der Straße,

bis ich den daran festgeklebten Erlass lese: Der Zugang zu sämtlichen Waldgebieten im Département Alpes-Maritimes ist seit dem 20. März schon verboten. Das war mir komplett entgangen.

Richtig kommen mir die Tränen dann dort, wo ich eigentlich in den Naturschutzpark laufen wollte. Abgesperrt klar. Ich stehe ein bisschen dumm herum und schluchze kurz.

Die Straße weiterzulaufen ist nicht besonders attraktiv, überall rund um das Gelände stehen Absperrgitter; ich kehre um und versuche meine Enttäuschung nicht zu groß werden zu lassen und konzentriere mich auf das, was trotzden ist: der blaue Himmel, die frischen Blätter der Feigenbäume, die wilden Freesien, zum ersten Mal sehe ich blühenden Salbei! Ich mache auch Fotos von den ersten Lavendelsorten, aber ich zittere vor Aufgewühltheit, dass wir nicht mal mehr ins Grüne dürfen, so wird alles ein bisschen unscharf, aber nicht unscharf genug, als dass man es als künstlerisch durchgehen lassen kann.

Ich suche den Blick auf das Meer, habe aber nur einen auf den Friedhof. Zurück wähle ich eine Abkürzung über die Stufen, da oben, das weiß ich, ist mein Lieblingsblick und ich bleibe heute lange dort stehen und schaue. Sie haben Glück die Leute, die hier wohnen, mit Meerblick ist schon sehr besonders.

Dann pflücke ich etwas Rosmarin, der hier als Wegbegrünung überall wächst und stelle mich am Lädchen und anschließend in der Bäckerei an.

Ist die Inhaberin des Lädchens mit Maske und Handschuhen ungebrochen gutgelaunt, so sind die beiden Frauen in der Bäckerei, sonst überschwänglich herzlich (und etwas hypocrite), heute kaum zu einem Gruß fähig. Mutter und Tochter, die BesitzerInnen der Bäckerei, haben sichtlich Sorgen. Die Regale und Kühlschränke der Bäckerei, die sonst überquillt von Sandwiches, Pizza, pissaladière, Quiches, Kuchen, Torten, Flans, éclairs, mille feuilles, madeleines, zig Sorten Brot, selbstgemachtem Eis, macarons, Pralinen und Schokolade, in dieser Jahreszeit zusätzlich mit Schokolade für Ostern in Form von Glocken, Glucken, Hasen oder Eichhörnchen, ist so gut wie leer.

Ich kaufe heute auch nur ein Brot, aber immerhin das kaufe ich dort. Ich war etwas über eine Stunde unterwegs, das Schlangestehen hat mich eine Viertelstunde gekostet. Die Polizei steht dann aber nicht mehr an der Ecke.

Zuhause mache ich Moules frites. Moules marinières und frites aus dem Backofen. Ich habe noch nie Muscheln selbst gemacht, der Gatte freut sich schon darauf, seit seine Tochter sie kürzlich ungefragt für uns erworben hat. Eigentlich ist das Rezept super einfach, ich schaffe es aber trotzdem, den Sud zu versalzen, was mich ärgert. Es war trotzdem nicht schlecht.

Zur Lage: Wir erwarten die schlimmste Welle in Frankreich genau JETZT. Der Mann einer von Monsieurs Bridgepartnerinnen ist in seinem Altersheim an COVID19 verstorben. Er war schon 93 und liegt jetzt in einem Kühlfach in Nizza, bis er beerdigt werden kann. In einem anderen Altersheim sind 12 alte Menschen innerhalb kürzester Zeit gestorben. COVID19 auch hier, die Angehörigen sind außer sich. Und doch sind wir hier im Département und trotz der Nähe zu Italien, (bislang) noch glimpflich davongekommen, haben sogar in den Krankenhäusern Menschen aus anderen Départements aufgenommen, die per Hubschrauber und in einem extra bereitgestellten TGV transportiert werden.

Man hat eine Doppelblindstudie zu Chloroquine begonnen, um herauszufinden, ob das Medikament wirkt oder nicht. Mit Ergebnissen wird in etwa 3 Wochen gerechnet.

Man erzählt uns gute Nachrichten: Die Unterwäschefirmen Éminence (Herren) und Lejaby (Damen) nähen jetzt Masken, andere Firmen produzieren neuerdings Desinfektionsgel, und die Auto- und Eisenbahnindustrie bauen zusammen mit Air Liquide vorübergehend Beatmungsgeräte. Alle tun das natürlich aus Solidarität, aber auch, um überhaupt in gewissem Maß etwas zu produzieren und nicht alle Mitarbeiter in „chômage partiel“ oder „chômage technique“, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu schicken. 

Die Stadt Nizza hat eine Kulturseite cultivez vous, restez chez vous aufgebaut, auf der kostenlos Kinofilme, Konzerte, Balletaufführungen, Vorträge und Museumsbesuche angeboten werden. Für die Filme schreibt man sich ganz unkompliziert in der Mediathek ein, dann hat man Zugriff. Alles ist bien evidemment in französischer Sprache. Sie könnten aber ein Konzert oder ein Ballet anklicken, das versteht man auch ohne französische Sprachkenntnisse. 

Manfred Hammes hat einen 

sehr schönen Dokumentarfilm

über Marseille, Sanary und Les Milles gedreht, auch wenn Manfred Hammes Deutscher ist, die Filmsprache ist (leider) französisch (und ich kann den Film nicht anders einfügen, als über den freistehenden Link oben), aber, wenn Sie in Manfred Hammes Reiseverführer gelesen haben, haben Sie eine Vorstellung, wie und von was der Film erzählt. Zu Marseille sagt er: „In dieser Stadt, die aufregend ist für ihre Bewohner wie die Besucher, sind Leidenschaft, Drogenhandel, Marienglaube, Fußball, Seifenproduktion, Rechtsextremismus, Bouillabaisse, Seelenheil und Einwanderer aus aller Herren Länder unentwirrbar miteinander verflochten. Doch in Wahrheit ist die Sache viel komplexer.“ ;-)

Es geht um all das und noch viel mehr. Man wird aber vom komplexen Leben in Marseille sowieso nicht alles verstehen, vielleicht reicht es daher, wenn Sie die Bilder betrachten, die Möwen kreischen hören oder sich vom Singsang der Südfranzosen einlullen und sich so ein bisschen in den Süden entführen lassen. (Es geht auch ein bisschen um die Exilschriftsteller in Sanary und um das Internierungslager Les Milles)

Und zum Ende eine Vogel-Oper.

So viel für heute. Bleiben Sie zu Hause! Ich wünsche Ihnen, dass Sie und Ihre Familien und Freunde alle gesund sind und es bleiben.

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12 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 17

  1. Croco sagt:

    Das ist traurig!
    Habe meinem Mann erzählt, dass Du noch im Park laufen darfst. Wir machen ja erzählblogging. Ich erzähle ihm, was ich in den Blogs lese.
    Und jetzt geht das nicht mehr, wie schade.
    Aber das Meer ist noch da! Danke für das Foto.
    Die Blüten sind so hübsch, und die Vogeloper erst.
    Sie machen Freude.

  2. dreher sagt:

    Ja traurig, ich war tatsächlich am 19. März das letzte Mal dort laufen – und habe es nirgends gelesen :(
    Das Meer ist noch da ja, ich mag den Blick auch sehr! Und die Oper ist soo süß!
    Schön, dass es dir gefällt! Grüße an den systemrelevanten Gatten!

  3. Es tut mir leid, dass Sie nicht mehr auf die Waldwege dürfen. Ich kann das so gut nachvollziehen; es ist Frühling, aber draußen ist feindlich.
    Die Feige bei uns an der Hauswand hat noch keine Blätter, das ist auch gut so, weil wir gerade in der Nacht noch Minusgrade haben. Aber bald sieht sie so aus wie die Feige auf Ihrem Bild und erinnert uns an das Mittelmeer, das wir so bald nicht mehr sehen werden. Liebe Grüße aus Berlin, Andreas.

    • dreher sagt:

      Herr Ackerbau! Das ehrt mich! Ich bin viel zu selten auf Ihrem und generell auf anderen Blogs. Die Tage sind bei mir nicht leer sondern merkwürdig voll.
      Die Feige, wie ich gerade nebenan schrieb, steht am Straßenrand und gleich daneben gibt es eine zögerlichere, deren Blätter noch ganz winzig sind. Ich habe sie schon mehrfach, auch mit den ersten Sprösschen fotografiert, aber fand es zu unspekatkulär zum Veröffentlichen. Doch, Sie werden das Mittelmeer wieder sehen! Nicht im Mai, aber vielleicht im September? Wir behalten die Hoffnung!
      Liebe Grüße nach Pankow!

  4. Gabriele sagt:

    Liebe Christiane, ich schaue grad ein Live-gestreamtes Konzert von einem britischen Musiker, Frank Turner, den wir schon ganz oft live in Berlin gesehen haben. Und gerade das deprimiert mich total – wenn man weiß, wie toll und mitreißend ein Livekonzert ist, das Mithüpfen in der Menschenmasse, das gebrüllte Mitsingen, die Atmosphäre eines vollen Konzertsaals – es sind die Gewohnheiten, an denen man nie gezweifelt hat und die verschwinden, wie Deine Gewohnheit, einfach in den Park zu gehen. Und so richtig Licht am Ende des Tunnels gibt es auch nicht… nur die Hoffnung bleibt. Und die Feige, letztes Jahr konnten wir zwei Mal ernten, vielleicht klappt es in diesem Jahr wieder. Pass gut auf Dich und Deine Familie auf! Liebe Grüße Gabriele

    • dreher sagt:

      Danke, liebe Gabriele,
      Doch, ich glaube, dass zumindest das „frei-sein“ wieder kommen wird, auf der Promenade des Anglais laufen auch wieder Menschen vergnügt herum, ohne an das Attentat zu denken. (Ich allerdings denke immer daran, das kann ich nicht nicht mitdenken). Die Leute wollen sich gerade nach dem Eingesperrtsein wieder vergnügen. Es wird wieder Konzerte geben und Menschenmassen dicht gedrängt, die Franzosen werden sich wieder Küsschen geben, ich hoffe allerdings weniger, wenn sie erkältet sind, das wurde manchmal nachlässig gehandhabt. Ich glaube nur, dass es weniger Vergnügungsreisen und vor allem weniger Kreuzfahrten geben wird, (das wäre kein Verlust) aber wenn sie billig genug angeboten werden, wer weiß …
      Die Feige steht am Straßenrand, ich habe dort noch nie eine geerntet…
      Alles Gute dir und deiner Familie! Passt auch euch auf!

  5. Ursula Weber sagt:

    Vielen Dank, liebe Christiane, für die schönen Bilder und das süße Vogel-Konzert – und deine täglichen interessanten Berichte.
    Herzliche Grüße und gute Gesundheit!

  6. Martina sagt:

    Die Vogeloper ist absolut fantastisch!!!
    Vielen Dank dafür, Christjann

  7. Jürgen Hollstein sagt:

    Merci für Deine immer wieder lesenswerten täglichen Berichte. Die Ausgangssperre ist ja wirklich eine ziemlich einschneidende oder besser gesagt einengende Maßnahme 🤨.
    Gibt es den eine Erklärung für die Sperrung der Wälder und des Naturschutzgebiet?
    Liebe Grüße aus Köln Anne und Jürgen

    • dreher sagt:

      Zu viele Menschen. Eigentlich wundert es mich nicht, die anderen Parks wurden ja auch deswegen gesperrt – und selbst, wenn der Naturschutzpark größer und weitläufiger ist, nachdem dies der letzte Spaziergangs-Ausweg wurde, waren dort dann auch zu viele Menschen. Es wurde in den sozialen Medien viel gemeckert, „wer jetzt plötzlich alles Sport mache“, weshalb ich dachte, ok, ich übertreibs nicht, ich gehe jetzt auch nur hin und wieder, wie schon immer – und ich war am 19. März, dem Vortag der Sperrung, das letzte Mal dort. Ich wundere mich nur, dass ich es nicht mitgekriegt habe.
      Liebe Grüße an Euch beide!

      es steht auch auf dem zugegeben etwas schlecht fotografierten Erlass, ganz unten „Versammlungsverbot“