(Kein) Corona Tagebuch – Tag 18 – Erinnerungen an eine Buchhandlung

Die Buchhandlung also. Ich freue mich, dass es bei Ihnen so viel auslöst. Danke für die Kommentare der unbekannten Kolleginnen und für den langen Kommentar von Wolfram aus seiner Zeit als „Laufbursche“ für schwergewichtige theologische Literatur. Das Bestellbuch! Die Auswahlsendungen! Die Büchertische! Die Remittenden! Die langen Samstage, die Inventur und das Weihnachtsgeschäft! So viele Erinnerungen drängen sich in meinem Kopf, seit ich angefangen habe, darüber zu schreiben.

Ich habe Fotos gesucht und leider nicht gefunden. Nur das hier. So sah ich damals aus. Unten links das Bewerbungsfoto aus der Zeit. Das andere hatte jemand von mir bei einer Friedensveranstaltung gemacht. Frieden schaffen ohne Waffen, war ein Slogan der Zeit. Schwerter zu Pflugscharen, ein anderer. Ich sammelte Unterschriften gegen die Aufrüstung, gegen die Stationierung der Pershing II Raketen und sang und diskutierte und demonstrierte für den Frieden. So war das zu Anfang der Achtziger Jahre. Jugend im Kalten Krieg. Ich bin eigentlich katholisch, zumindest wurde ich so getauft und erzogen, suchte damals aber eine „frischere“ und „freiere“ Alternative und landete in der evangelischen Gemeinde des Nachbardorfes, wo ich fürderhin (zum Verdruss und Unverständnis meiner katholischen Gemeinde) mithalf. Dass ich meine Ausbildung in der evangelischen Stadtmissionsbuchhandlung anfing, war also durchaus kohärent. Das nur zur Vorgeschichte. In der Buchhandlung war es aber leider nicht frischer und schon gar nicht freier, es war sehr viel konservativer, altbackener, man wünschte sich die Damen und Fräuleins wohlfrisiert und im Rock, brav und gesittet, man bekam keinen Urlaub genehmigt, wenn man dumm genug war zu sagen, dass man die freien Tage mit seinem Freund verbringen wollte, anstelle vage etwas von Familienurlaub zu faseln. Aber Lügen lag mir nicht. Meine freiheitlichen, rebellischen Flügel, die mir gerade wuchsen, wurden energisch zurückgestutzt. Abgesehen davon mochte ich es, umgeben von Büchern zu sein, es machte mir nichts aus, sie zu ordnen und die Regale abzustauben, etwas, das ich damals so oft tat und brav in mein Ausbildungsheft eintrug, dass meine Chefin wünschte, ich möge das ändern, wie sieht das denn aus! Als hätten Sie hier immer nur aufgeräumt und abgestaubt! Ich liebte es, wenn Neuerscheinungen im Laden ankamen, ich liebte das Auspacken der riesigen Buchpakete, es war wie Weihnachten, neue Bücher, ganz egal welche, ich fand alle spannend und las in alles hinein, ich mochte das Auszeichnen mit einer Maschine oder bei empfindlichen Dingen per Hand und mit Bleistift zart auf der Rückseite von Kärtchen oder Heftchen. Ich liebte es, dafür Platz zu schaffen und zu dekorieren. Schaufenster zu gestalten, liebte ich etwas weniger, weil sie entgegen dessen, was wir auf der Buchhändlerschule lernten, nicht „gestaltet“, sondern vollgestopft sein mussten. Wann immer ich einen Platz ließ, quetschte die Chefin noch Bücher hinein, ob sie vom Konzept passten oder nicht. Raum lassen war Platz verschwenden. Wir hatten nur zwei große Schaufenster, die Buchhandlung lag außerhalb der Stadt, es gab keine Laufkundschaft, man musste alles zeigen, was wir hatten.

Auch drinnen war mehr mehr, alle Regale, alle Tische, alle Wände und alle Schubladen des Ladens waren voll. Und auch der Platz um die Kasse füllte sich, obwohl wir noch ganz am Anfang waren von „Zusatzverkäufen“, all dem Schnickschnack, der jetzt in Buchhandlungen mitverkauft wird. Die ersten Buchzeichenkalender, die als „Mitnahmeartikel“ an der Kasse standen, fanden wir noch schrecklich. Unwürdig irgendwie. Meine Chefin, die sich sehr fortschrittlich schon in einer sogenannten ERFA-Gruppe mit anderen christlichen Buchhandlungen, darunter auch die von Wolfram erwähnte Buchhandlung Franck, jedoch die Filiale in Velbert (wenn ich es recht erinnere), austauschte, hatte ständig „neue Ideen“. Kalenderchen an der Kasse war nur eine. Die Tür sollte geöffnet sein und vor dem Laden standen immer Körbe und Regale, die wir morgens rausschleppten und zur Mittagspause (damals gab es noch eine feste anderthalbstündige Mittagspause) und abends wieder hinein, die zufällig vorbeigehende Kunden anziehen sollten. „Schwellenangst“, einen „elitären Ort“ wie eine Buchhandlung zu betreten, waren Themen, die später viel diskutiert wurden, weshalb es heute nur noch sich selbst öffnende Schiebetüren gibt oder gleich gar keine, und der Übergang von außen und innen mit vielen Büchertischen fließend gestaltet wird. Schwupp ist der Kunde drin, und merkt, es hat gar nicht weh getan und vielleicht kauft er auch etwas. Die Chefin hatte sicher Recht mit ihren Aktionen, denn man sah so von Weitem, „dort ist ein Laden“ und „dort ist geöffnet“, ich schämte mich aber immer ein bisschen, denn ich fand, es sah ärmlich aus.

Der Chefin aber war das egal. Regal war Regal. Man nutzte pragmatisch, was da war und Sparsamkeit war das oberste Gebot. Die Chefin, die den Krieg und vor allem den Mangel der Nachkriegszeit erlebt hatte, hob im Laden alles auf, was immer noch gebraucht werden konnte. Als ich an meinem ersten Arbeitstag im Lager (jede Ausbildung beginnt im Lager!) schändlicherweise eine Kordel, mit der ein Paket verschnürt war, mit der Schere durchschnitt, anstelle sie aufzudröseln, erlebte ich schon das erste Donnerwetter. ALLES wurde aufgehoben, alle Kartons, jede Schnur, jedes Stück Papier, jede Büroklammer wurde wiederverwendet.

Im Herbst hängten wir zusätzlich noch Kalender und Adventskalender an einer kompliziert vertäuten Schnur über unseren Köpfen auf und Herrnhuter Sterne ins Schaufenster und nutzten jeden Stauraum, um tausende von Losungen und christliche Tageskalender unterzubringen. Das Weihnachtsgeschäft war gefürchtet und geliebt gleichzeitig, wir hatten während der Adventszeit durchgehend auf und arbeiteten alle vier Samstage bis abends. Frei gabs in der Zeit kaum noch. In meinem ersten Weihnachtsgeschäft heulte ich ständig vor Erschöpfung, so viel Arbeit, so viel Gerenne, soviele Menschen und Wünsche und Sonderwünsche und Buchempfehlungen und Bestellungen und Päckcheneinpacken hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Dass ich gerne Buchhändlerin war, merkte ich, als ich zum ersten Berufschullehrgang in die Buchändlerschule nach Seckbach bei Frankfurt durfte. Es waren mehrere Wochen Internat und Berufsschule in einem. Hier merkte ich aber auch, was andere in anderen Buchhandlungen alles hatten, durften und konnten und vor allem lasen! Was für aufregende Romane es gab! Bei uns im Laden machte schon „Miriam“ von Luise Rinser einen Skandal oder „Der große Boss“, eine provokative Neuerzählung des Alten Testaments, vom Eichborn Verlag. Wir hätten das Buch stapelweise und mit Sonderrabatt einkaufen können, so viele verkauften wir davon, aber wir hatten es aus Prinzip nicht vorrätig, bestellten es immer nur auf Anfrage und fassten dieses unverschämte Skandalbuch mit spitzen Fingern an, als handele es sich um Pornographie. Ich bestellte während des Berufsschulkurses jede Menge Bücher, die ich in meiner Buchhandlung nicht gewagt hätte zu bestellen („Unser Körper unser Leben“). Ich strickte meine ersten Pullover, im Aufenthaltsraum dröhnte Relax von Frankie goes to Hollywood und wir tranken aromatisierten Tee. Die Kurse und die Lehrer dort waren großartig. Ich habe so viel gelernt und auch wieder so gerne, es war so viel freier und interessanter als in der Schule, es gab so viel zu entdecken; ich verbrachte Stunden in der Bibliothek und las und las. Abends gab es zusätzlich Lesungen, ich erinnere mich vor allem an Jurek Becker, der damals Stadtschreiber in Bergen war. Und am Wochenende erkundete ich Frankfurt.

Zurück im Laden wurde die Welt wieder enger und es war mir klar, dass ich, obwohl die Damen nichts mehr wünschten, als mich zu behalten, dort nicht bleiben konnte. Anders als meine Fräulein-Kolleginnen und der eine Kollege, der erste männliche Auszubildende, der nach mir kam, und an dem es nun war, Schimpfe einzustecken und Kisten zu tragen, musste ich weiter. Ich verließ alle religiösen Institutionen, ich hatte genug davon und war reichlich desillusioniert. Der Kontakt verlor sich. Erst zum hundertjährigen Jubiläum der Buchhandlung im April 2010 suchte und fand man mich mit einem Klick im Internet. Seitdem besteht wieder ein sehr herzlicher Kontakt, gehalten vor allem dank des Kollegen und dem „neuen“ Inhaber, der die meiste Zeit seines Arbeitslebens dort verbracht hat. Joachim Keidl und seine MitarbeiterInnen haben die Buchhandlung umgestaltet, aufgepeppt, Vorträge, Lesenächte und Lesungen organisiert, auch mit mir, und sie haben, so treu wie keine andere Buchhandlung, und obwohl Kriminalromane zu meiner Zeit dort ein no-go gewesen wären, meine Krimis immer vorrätig gehabt und auch gut verkauft! Von Herzen Dank dafür!

Hat sich die Buchhandlung wegen ihrer Spezialisierung auf religiöse und theologische Literatur länger gehalten als andere, so bedeutete die Tatsache, dass die christlichen Verlage den Weg in die allgemeinen Buchhandlungen gefunden haben, das langsame Aus. Ein Rückgang der Religiosität tut ein übriges. Es gibt so gut wie keine Konfirmanden mehr. Besondere Bücher oder andere Konfirmationsgeschenke, die von sämtlichen Gemeinden des Landkreises in riesiger Menge bestellt und abgenommen wurden, gibt es nicht mehr. Die Buchhandlung hat im oberen Stock, wo es zu meiner Zeit Schallplatten, Kinderbücher und Devotionalien gab (Kreuze, Kerzen, Krippe- und andere Figuren), zunächst noch ein Café eingerichtet, leckersten Cappuccino und selbstgebackenen Kuchen angeboten, zusätzlich mit einem Kinderzirkus kooperiert und sich letzten Ende verkleinert. Ich besuchte die Buchhandlung noch einmal während des letzten Weihnachtsgeschäfts. Noch immer wurden die Herrnhuter Sterne dort verkauft, noch immer erklärte man, wie man ihn zusammenstecken muss, noch immer fand ich dort schöne Karten, tolle Bücher und eine besondere Stimmung. Aber kaum noch Kunden. Am 10. Januar, 110 Jahre nach Gründung der Stadtmissions-Buchhandlung, wurde sie definitiv geschlossen. (Ich habe davon auch ein Foto, aber es will hier nicht so wie ich will.)

Für die beiden Fotos des letzten Sommer-Schaufensters danke ich meiner Freundin Sabine B. So leere Schaufenster hätte es früher nicht gegeben! ;)

Ein Tag ohne Corona. Ich hoffe, es ist für Sie in Ordnung. Bleiben Sie trotzdem zu Hause und bitte auch gesund!

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10 Kommentare zu (Kein) Corona Tagebuch – Tag 18 – Erinnerungen an eine Buchhandlung

  1. Caroline Bahri sagt:

    Liebe Christiane,

    Danke für die Schilderung deiner Lehre. Es hat so viele Bilder in mir wach gerufen! Ich habe 1969 meine Lehre als Bürogehilfin – so hieß das damals – an der RWTH Aachen begonnen und kann deine Gefühle so gut verstehen. Ich musste nicht nur regelmäßig den Gummibaum bei Herrn Professor entstauben, sondern auch Leinsamenbrot und Delicado Sahnebutter einkaufen. Ich war auch in der Bibliothek der Germanisten eingesetzt und weiß seitdem, wie schwer Bücher sein können. Unser Institutsleiter war Spezialist für Goethe und als ich die Festschrift zu seiner Emeritierung tippen mußte, unterlief mir einige Male der „Tippfehler“ Goethes Frust. Gemerkt hat es keiner (gelesen wahrscheinlich auch nicht).

    Danke für Erinnerungen, die Corona mal vergessen lassen.
    LG Caro

    • dreher sagt:

      Leinsamenbrot und Delicado Butter! Und Goethes Frust. Sehr schön! :D Ich habe bei meinen Botengängen auch Kaffee und Kaffeesahne mitgebracht, allerdings für die Gemeinschaft, Kaffee gab es immer in dem winzigen Räumchen unterm Dach.
      Danke für deine Erinnerungen! Liebe Grüße nach nebenan!

  2. Marion sagt:

    Haha, diese Nerdbrillen sind doch jetzt wieder der letzte Schrei.
    Tut doch gut, mal an was anderes als Corona zu denken. Ich mache neuerdings auch häufiger gedankliche Ausflüge in die Vergangenheit, oft mit meiner Mutter zusammen; wer weiß, wie lange wir noch Erinnerungen teilen können. Bei mir war’s umgekehrt – ich habe die Berufsschule gehasst und die Schule vermisst. Ich habe meinen Ausbildungsbetrieb auch verlassen, und das, obwohl ich dort eine gute Zeit hatte.
    Vielen Dank für die vielen täglichen Anregungen, das tut gerade ganz gut in dieser schwierigen Zeit. *Herz*.

    • dreher sagt:

      Nerdbrille? Das war eine meiner coolsten Brillen überhaupt, abgesehen von der Aktuellen vielleicht. Auf Facebook kramen jetzt alle Kinderfotos raus, irgendsoeine Challenge, aber erzählen tut keiner was von früher.
      Gemeinsam Fotos anschauen und sich erinnern ist eine schöne Beschäftigung!
      Liebe Grüße, schön, wenn du magst, was ich schreibe, pass auf dich auf!

  3. Sunni sagt:

    Was für eine wunderbare Schilderung vergangener Zeiten mit einem doch traurig anmutendem Ende. Aber die Bücher! Die Bücher bleiben uns, immer und unter allen ungünstigen Vorzeichen. Ich kann bis heute, trotz großer Aktivität am PC, kein Buch auf dem Reader lesen. Mir fehlt das Papier, mir fehlt der Geruch, das Rascheln, das Umblättern per Hand, das sinnliche – im besten Sinne – Erfassen eines Buches. Durch wieviel Höhen und Tiefen haben mit meine unendlichen Schätze da schon gebracht. Ohne Bücher….“Das ist doch kein Leben!“, wie meine kluge und tatkräftige Großmutter schon sagte! Bleiben Sie gesund! Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Ja, Bücher, so richtige aus Papier, sind es immer noch, und ich bin auch immer noch stolz Sortiments-Buchhändlerin zu sein, obwohl ich viel länger in Bibliotheken und Verlagen und Werbeagenturen gearbeitet habe.
      Bleiben Sie (und die Familie) auch gesund!

  4. Evelyn Kerry sagt:

    Liebe Christiane.
    Was bist Du doch für ein gewissenhafter, beständiger Mensch! Ich glaube, wenn man mich in diesen Rahmen gesteckt hätte, wäre ich innerhalb einer halben Woche, was sage ich da, innerhalb eines halben Tages im hohen Bogen rausgeflogen. Gut, dass es so Menschen wie Dich gibt und die Welt nicht mit, wie mein Sohn mich, als er klein war, als dicken, fetten Schmetterling, bezeichneten Menschen gefüllt ist. Denn dann wäre die Welt schon lange in einer kakaphonischen Apokalypse im Weltall zerschellt. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass es viele, viele verschiedene Charaktäre geben muss, damit der Laden halbwegs rund läuft, wobei ich mir momentan, das heißt eigentlich schon seit Jahren, die Frage stelle, ob es noch rund läuft. Auch ohne Pandemie finde ich, dass die Welt ganz schön aus dem Ruder läuft, wenn man bedenkt, dass der Faschismus wieder sein schmutzig braunes Haupt in vielen Ländern erhebt und die moralischen Hemmschwellen, sich zum Rassenhass zu bekennen zunehmend verschwinden, dass überall die sozialen Errungenschaften kategorisch den Bach hinunter gestrichen werden, und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter klafft, immer unter dem Deckmantel des Wirtschaftswachstums, wohin der auch immer gehen mag und wer da in erster Linie von profitiert.

    Tapfere, gewissenhafte, geduldige Menschen wie Du einer bist, helfen sicher, Dinge in der Waage zu halten, während meine Wenigkeit die Waage zum eher buntem Ungleichgewicht pendeln lassen würde, was die Welt sicher nur in kleinen Dosen verkraften könnte. Ich meine, wo kämen wir denn hin, wenn sich alle einfach aus der Gesellschaft verabschieden würden, um ein eigenbrötlerisches, naturnahes Aussteigerleben zu führen? Wo blieben der Fortschritt und die Wirtschaft, die der brave Konsument beständig ankurbeln muss? Was kann man denn schon konstruktives zum Weltgeschen beitragen, wenn man sich schon in jungen Jahren aus dem ganzen Trubel zurückzieht in die Bergeinsamkeit, um Schmetterling zu spielen. Ich muss manchmal lachen, weil unser Minidorf Einwohner hat, die keine Ahnung haben, dass wir hier oben überhaupt existieren. Wenn ich einmal alle Jubeljahre auf der Mairie auftauche, um ein paar, als Steuerzahler , (doch, doch, wir zahlen brav alle Steuern), berechtigte Ansprüche stelle, ernte ich erstaunte Blicke, weil mich, außer der Sekträrin und der Bürgermeister kein Mensch kennt und Anwesende aus allen Wolken fallen, wenn ich ihnen sage, dass wir schon seit neununddreißig Jahren Bürger unserer 174 Seelen zählenden Gemeinde sind.

    Jetzt kann man sicher argumentieren, dass wir unsere Bergeinsamkeit dem modernen demokratischen Staat verdanken und das ist sicherlich richtig. Beim radikalen Kommunismus oder anderen tyrannischen Staatsformen, wären wir vermutlich im nächsten Gulag verschwunden, also bin ich unserer Gesellschaft durchaus dankbar, dass sie Leute wie uns unbehelligt ihr gesellschaftsfeindliches, unproduktives Dasein fristen lässt!

    Dafür steuert ein Teil unserer Kinder fleißig zum Wirtschaftwachstum bei, denn wir haben es ihnen immer freigestellt, den Lebensweg zu wählen, der ihnen am besten zusagt, in dem wir sie in die Schule geschickt haben, damit ihnen eine frei Wahl ihrer Karirieren nicht versagt werden könnte. Es geht ja schließlich nicht an, dass man seinen Kindern den Weg verbaut, nur weil man andere Lebensvorstellungen hat. So haben wir zwei Architekten, eine, wie man das heute so schön bezeichnet, Financial Managerin, einen Sozialpädagogen, einen Informatiker, eine Sprachwissenschaftlerin, eine Töpfer in und Porzelanmalerin, die als bester Lehrling ihres Faches von Frankreich prämiert wurde und last , but not least, einen sehr guten Dachdecker- Zimmermann, der obendrein ein Spezialist für exotische Pflanzen ist und den grünsten Daumen hat, den ich je gesehen habe. Und eine grünen Daumen habe ich selber, aber der ist , was den Vergleich zu meinem Sohn anbetrifft, höchstens blassgrün, eben ein wenig chlorphylarm.
    Tja, und der Koronavirus? Heute erfuhr ich, dass eine Dame aus dem Dorf im Krankenhaus liegt, aber nicht in Lebensgefahr ist. Er ist auch hier, hat sich in den hintersten Pampa- Winkel unserer Pyrenäeneinsamkeit eingenistet. Man kann ihm eben nicht entkommen, nur die Maßnahmen beachten, sich isolieren, wie es sich gehört und hoffen, dass er nicht im eigenen Haus an die Türe klopft.

    So, ich hoffe, Du wirst uns weiter mit Deinen Erlebnissen beglücken. Ich freu mich schon auf Deinen nächsten Beitrag, zum Gleichgewicht der Welten!!!

    • dreher sagt:

      Liebe Evelyn, wie gut, dass ich schreibe, damit erfahren wir gleichzeitig auch aus deinem so anderen Leben. Zwei Leben für den Preis von einem ;)
      Naja, tapfer und geduldig weiß ich nicht, gewissenhaft schon. Aber ich hatte die Ausbildung, die sich meine Eltern gewünscht hatten, abgesagt und diese gewählt, und auch diese Buchhandlung der anderen vorgezogen, es war meine Wahl, also zog ich das durch. Ich bin nichtmal auf die Idee gekommen, dass ich die Ausbildung hätte abbrechen und eventuell anderswo weiterführen können. Es war ja auch nicht alles schlecht, die Fräulein-Kolleginnen waren lange Zeit gute Freundinnen, da gab es viel Solidarität und der Kollege ist auch ein guter Freund geblieben. Nur ich musste eben weiter … ein gewisses Freiheitsbedürfnis und die Suche nach einem anderen Leben hat mich ja dann auch, wenn auch spät, bis in den Süden Frankreichs geführt. Spannend, dass deine Kinder dann nicht Schäfer sondern Architekt (und anderes) geworden sind. Es ist ein stetes Hin und Her in dieser Welt, die sich hoffentlich weiter dreht. Hier zumindest wird es Frühling. Liebe Grüße in die andere Ecke!

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  6. Reiner Wadel sagt:

    Ich habe heute zwei Fotos vom ehemaligen Buchladen gemacht, Wenn Sie Interesse haben kann ich sie ihnen schicken oder Sie klicken sich bei https://photos.app.goo.gl/cqZWB3NmznP2Yhj48 ein.Gruß aus Darmstadt!