Corona Tagebuch – Tag 19

Heute habe ich endlich eine App gefunden, die mir den einen Kilometer anzeigt, den ich in alle Richtungen gehen kann. Ungeahnte Freiheiten tun sich auf. Ich käme sogar bis ans Meer. Also in Sichtweite zum Meer, richtig hin darf man ja nicht mehr. Es sind aber dort so viele Menschen unterwegs, dass ich mir das überlege, ob ich das wirklich machen will. Vielleicht ganz früh, wenn ich es denn schaffe, mal wieder „früh“ aufzustehen.


Auf der Straße roch es wie Schwimmbad: unsere tägliche Portion Chlor gib uns heute … Zwar war ich Brot und Rosé und noch zwei, drei Kleinigkeiten einkaufen (bei uns gibt es Klopapier und Eier, jedoch immer noch kein Mehl) und habe bei der Apothekerin „coucou“ gesagt, aber ich war unentschlossen, was ich fotografieren könnte: Gullideckel? Briefkästen? Zäune? Ich konnte mich nicht entscheiden und nahm nur mal eben die Straße in beide Richtungen auf, es ist aber gefährlicher geworden, die Autos schießen jetzt heran, die Fahrer sind unaufmerksam(er), aber gestresst wie eh und je. Während ich beim Bäcker in der Schlange stehe, knäulen sich drei Autos in einem Ministau am Zebrastreifen und schon wird gehupt!

Wir aßen, Premiere!, im Innenhof, aber bis alles soweit war, war die Sonne schon fast verschwunden. Es gab weißen Spargel aus dem Ofen (superlecker), Schweinekotelett und Gnocchi und kleine Minidesserts vom Bäcker. Im Bild nur die Spargel.


Was gibts Neues? Das Abitur gibts dieses Jahr ohne Prüfungen. Man wird einen Mittelwert aus den bisherigen Noten errechnen und hat das Abi dann geschafft oder auch nicht. Der Enkel ist noch ein Jahr vor dem Abi, die Enkelin aber hat ihr brevet, eine Art Realschulabschluss, jetzt auch einfach so in der Tasche. Sie ist erleichtert, in der Probeprüfung, dem „brevet blanc“ (hier werden die Prüfungen zu Übungszwecken, immer mindestens einmal „blanc“ absolviert) hatte sie nämlich deutlich schlechter abgeschnitten als ihr Notendurchschnitt sonst ist.

Das Ausgangsformular gibt es jetzt in der Zeitung auch in der Version „light“ mit Bildchen für des Schreibens Unkundige. Das war bitter nötig, wir haben mehrfach für zwei der senegalesischen Straßenhändler das Formular ausgefüllt, das sie jetzt krakelig kopieren. „Fotokopieren“ sagen sie. Wir „fotokopieren“ es. Ich habe es erst nicht verstanden, aber sie kopieren, sie übertragen die Angaben in die leeren Formulare.

Wir erwarten das höchste Hoch der Krise für Montag. Die Zahlen für Frankreich sind aber schon jetzt ziemlich unschön, wir stehen in der weltweiten Statistik gleich hinter Italien und Spanien und ich fürchte, es ist alles noch viel schlimmer, denn da wir aus Mangel an Tests niemanden testen, wissen wir nicht, wieviele Infizierte es wirklich gibt. Außerdem werden die Toten in den Altersheimen nicht mitgezählt. Aus Rücksicht auf meine älteren LeserInnen, erzähle ich Ihnen nichts von der Situation in den Altersheimen der Region. Nicht lustig. Österreich immerhin steht ganz gut da. Bravo!

Á propos, Herr Bonelli ist wieder Vater geworden (wir gratulieren), liefert dessen ungeachtet immer noch Videos, ich sehe und höre sie mir auch an, fand aber keines so interessant, dass ich es hier hineinstellen wollte.

Bill Withers ist schon vor ein paar Tagen gestorben. Aber immerhin nicht an COVID19. Eine französische Hommage in sieben Songs. Ich habe ihn erst Ende der Achtziger mit diesem Remix entdeckt und dann komplett alles von ihm in der Endlosschleife gehört. Über ihn wusste ich aber (*schäm*) nichts, erfahre das eben erst aus den Nachrufen.

Eins noch kurz vor Schluss, das habe ich gerade via Herrn B. entdeckt, eine Schule in Hamburg macht für die Schüler zuhause eine „Late-Night-Show“, großartig und unglaublich! Ich habe mehrere dieser Videos angeschaut und habe mich jetzt doch wieder für das hier entschieden, weil mich die Seifenblasen des Hausmeisters (?) auf dem verlassenen Schulhof so gerührt haben und die gemalte Oster-Deko eines Schülers. Ich hatte sofort Lust auf Seifenblasen und überlege nochmal, ob ich nicht doch Osterdeko mache, was ich eben in einem Telefonat noch müde abgewehrt habe.

Late-Night-Show passt ja, ich werde jeden Tag später …

Bis morgen! Und Sie wissen schon … zuhause und gesund!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 19

  1. Caroline Bahri sagt:

    Danke, wie immer, meine Liebe. Diesmal für den Tipp, wie ich „meinen“ Kilometer Freiraum ansehen kann. Wo finde ich die App? Stimmt es, dass man sich die Attestation auch aufs Portable laden kann? Wenn ja, wo und wie?
    Da wir keinen Drucker haben, setze ich Datum und Uhrzeit immer mit Bleistift ein. Bald ist das Blatt an der Stelle durch radiert…

    Liebe Grüße Caro

    • dreher sagt:

      Die Attestation auf dem Handy ist nicht gültig, soll ich dir ein paar Formulare schicken?! In Nice Matin ist jeden Tag eine zum Ausschneiden… Die App heißt geoportail, ich habe sie ueber einen link, der freundlicherweise erklärt wie sie funktioniert, ich such das nochmal und liefere das nach

      schau mal hier: https://parissecret.com/confinement-une-application-pour-savoir-la-zone-de-1km-autorisee-pour-vos-sorties/ darin ist der link zu Geoportail und es wird erklärt, wie es funktioniert

      • Caroline Bahri sagt:

        Ganz lieben Dank für den Link. Es ist wirklich lieb, dass du mir die Zettel schicken willst. Aber die Post funktioniert ja auch nicht zuverlässig 🙄 Ich habe noch 2 Blankoformulare als Reserve. Wir bleiben einfach zu Hause und spielen ein Scrabble nach dem anderen

    • Wolfram sagt:

      Vorsicht, die Vorschrift sagt, das Formular muß jedes Mal neu ausgefüllt werden, und zwar mit nicht löschbarer Tinte (Kugelschreiber). Man will damit zum einen den Bürger nerven, damit er sich noch einmal überlegt, ob er wirklich raus muß („dissuasion“), zum anderen auch vorbeugen, daß nicht jemand das Formular nur halb ausfüllt und die Daten erst mit Bleistift einträgt, wenn er die Uniformierten auf sich zukommen sieht.
      Ich weiß aber von mehreren Leuten, die aus Umweltschutzgründen ähnlich verfahren: wie viel Papier soll man denn vergeuden, wenn man jeden Tag viermal mit dem Hund raus muß?
      Die App ist nicht erlaubt, weil die Beamten viel zu nah an den Bürger heran müßten, um sie zu kontrollieren. Den Zettel kann man auch auf den Tisch legen und dann auf Abstand gehen.
      Oder als Papierflieger hinüberwerfen vielleicht? (Das würde ich hier aber nur wagen, wenn es unsere Dorfpolizisten sind; die kennen mich und ich sie. Mit den „richtigen“ von der Police Nationale ist dagegen nicht zu scherzen.)

  2. Croco sagt:

    So ein schöner Schulfilm!
    Und Frankreich macht das gut: einfach die Vornoten ergeben das Abi. Hier wird immer noch gegurkt. In Bawü sollen nur die Abiturienten in die Schule kommen und sich auf das Schriftliche vorbereiten. Wenn da nur einer krank ist und die anderen ansteckt….
    Möchtest Du wissen, wie man die Seifenblasen macht? Ich kann das nämlich. Auch das mit den Stäben und der Baumwollschnur.
    Morgen backe ich Lämmchen.

    • dreher sagt:

      Ja, der Schulfilm ist toll! Und bitte bitte Seifenblasen erklären, und meine Mutter schlug vor, ob ich nicht Häschen backen wolle, ich war da eher ablehnend, back mal du Schäfchen, vielleicht inspiriert mich das 😊

  3. Trulla sagt:

    Ich kann aufklären: der seifenblasende „Hausmeister“ ist der Rektor der Schule selbst, Björn Lengwenus. Die „late night“ ist eine tolle Sache, die ihm einfiel, weil er zu Recht wichtig findet, in diesen Zeiten die Verbindung und das Gemeinschaftsgefühl der Schule aufrecht zu erhalten.

    Die Situation der alten Menschen ist bedrückend. Ich bin zwar mit fast allen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einverstanden. Lebe selbst jetzt seit Wochen klaglos und einsichtig in Quarantäne, bin aber der Meinung, dass eine strikte generelle Trennung von den Angehörigen nicht akzeptabel ist. Mit gutem Willen müssten sich wenigstens für Ausnahmefälle Besuchsregelungen organisieren lassen. Im Angesicht des Todes wie z.B. in Hospizen darf es nicht sein, dass der Abschied unmöglich wird.

    Die Durchschnittsnotenregelung als Bildungsabschluss finde ich – übrigens auch zu Normalzeiten – ausgezeichnet.

  4. Marion sagt:

    Danke, danke… Mal was Anderes: Ich habe Dein Buch bestellt, nächste Woche wird es per DHL und auf Rechnung, pünktlich zum Erscheinungsdatum, geliefert. Derzeit lese ich noch einen Erfahrungsbericht über die Odyssee einer Herzkranken (eine Verwandte von mir, die Journalistin ist) durch das deutsche Gesundheitssystem (und das hat auch seine Macken). Danach freue ich mich aber schon auf Fiktion und Spannung in Südfrankreich! Einen schönen Sonntag!