Corona Tagebuch – Tag 20 Sonntag

„Wie riecht das Meer?“, frage ich Monsieur, weil wir am Meer sind und mich Croco das neulich fragte und ich es nicht wusste. Ich rieche jetzt immer noch nichts. „Nach Jod“, sagt Monsieur ohne Nachzudenken. Mich macht es nicht schlauer, ich gebe es aber so weiter. Ich rieche das Meer nicht, aber ich höre es. Es plätschert ganz leise an den Strand heute, beinahe spiegelglatt ist es. Und rauscht nur leise hin und zurück. Das Meer atmet denke ich. Aus und ein. Die Stadt ist still. Wir sind am Meer. Es ist so schön.

Ich weiß ja nicht, ob wir uns alle gegenseitig beeinflussen, oder ob wir alle in derselben Energie sind, wie es immer heißt, aber ich habe tief und dennoch schlecht geschlafen und schwer geträumt. Ich irrte zwischen Florenz und Paris herum, es wurde Italienisch, Englisch und Deutsch gesprochen, kein Französisch bizarrerweise, heißt es nicht immer, wenn man in der Sprache des anderen Landes träume, sei man angekommen? Ich irrte herum, verstand aber alle Sprachen. Es ging um einen Prozess und ich hatte vergessen, mich einzuschreiben, um dem Prozess im Publikum beizuwohnen. „Zwei Schöne“, sagt die elegante kleine Dame mit Pagenkopf, die für uns zahlt, damit wir in einem Restaurant auf Toilette dürfen. „Zwei Schöne“, dabei waren wir in Florenz oder ist es jetzt doch wieder Paris? Ich wache auf, es war kein Alptraum, es war ja immerhin nicht mein Prozess, ich bin trotzdem erschöpft und denke an Kafka. Aber es ist früh! Halb Acht! Die Sonne scheint. Ich trinke Kaffee und überrede Monsieur mit mir ans Meer zu gehen. Um halb Neun (oder Halb Neun/halb neun/Halb neun?) sind wir fertig, haben die Ausgehdokumente unterschrieben und laufen los. Im Vorgarten riecht der Pittosporum süß und ich HÖRE Bienen herumsummen! Es ist so ruhig, dass ich die Bienen zuerst höre. Es beglückt mich, letztes Jahr dachte ich, keine einzige Biene im Vorgarten gesehen, geschweige denn gehört zu haben, weshalb ich zu Weihnachten Bienenfreundlichen Blumensamen verschenkte. Selbst habe ich aber keinen gesät.

Wir laufen los, nur wenige Menschen führen einen Hund spazieren, es ist so ruhig, sogar auf der Schnellstraße kein Auto. Blick von Weitem auf das Meer, neben der nun geschlossenen Épicerie. Dort nehme ich erstmals die Karosserie-Werkstatt auf. Hier befindet sich auch die protestantische Kirche, die ich für Wolfram aufnehme. Das kleine Rinnsal, le riou, hat vor ein paar Jahren das gesamte Viertel überschwemmt.

Auf der Uferstraße kein Auto weit und breit. Ich finde es himmlisch. Nur zwei angetrunkene Gestalten drehen mit dem Handy Videos und brüllen „Cest la merde ici, y a rien, la merde“. Nichts sei los und es sei Scheiße. Ich finde es vermutlich als Einzige wundervoll, dass „Nichts“ ist, kein Geräusch, keine Menschenseele, doch, in der Bucht ein Fischer! Ein grüner Papagei sitzt im Dattelbaum und bewirft uns mit Datteln. Wir promenieren am Meer entlang, dann am Hafen. Ein schöner alter Segler aus New York liegt hier, eine Art Hausboot aus Amsterdam neben einem großen weißen Plastikschiff. Und es ist so still. Ich liebe es.

Dann gehen wir zum Fischmarkt am Hafen: Nach dem Hände desinfizieren dürfen in einen vorgeschriebenen und abgesperrten Parcours immer nur ein bis drei Menschen hinein. Mehr Kunden sind wir auch gerade nicht. Drinnen vier Fischverkäuferinnen, ein Fischer. Sie sind gut gelaunt, die Cannois nehmen das Angebot an. Die Zutaten für die Fischsuppe sind so frisch, es zuckt noch auf dem Eis, das ist mir aber zu viel Arbeit. Es wird ein kleiner Barracuda für uns und eine Pelamide, eine Art Thunfisch, für die Familie über uns.

Wir gehen durch den Suquet wieder nach Hause. Exakt eine Stunde waren wir unterwegs und bewegten uns in unserem erlaubten Radius. Es war beglückend!


Bei Herrn B. fand ich heute früh ein ebenso wundervoll stilles Venedig und diese sanfte Musik: Dota vertonte Gedichte von Mascha Kaleko: „Die andern sind das weite Meer, du aber bist der Hafen …“

Ich war da schon sehr weichgespült. Und dann sang Joan Baez à la France, den L’Auvergnat von Brassens. Mehr geht nicht für einen Sonntag.

ps: der Barracuda wurde gegrillt, dazu gab es Reis und ebenso gegrillte allererste und regionale Zucchini, war alles köstlich! Und wir aßen draußen. In der Sonne diesmal. Die Katze bekam den Barracudakopf und macht jetzt eine erschöpfte Sieste. Monsieur ebenso und ich werde das jetzt auch tun.

Genießen Sie den Tag, den Frühling, die Sonne, wie Sie können. Wenige und erträgliche Schmerzen wünsche ich dorthin, wo Menschen Schmerzen haben und krank sind. Und bleiben Sie von diesem Virus verschont!

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10 Responses to Corona Tagebuch – Tag 20 Sonntag

  1. Vielen Dank für L’Auvergnat. Das Lied habe ich vor Jahrzehnten im Französischunterricht gelernt und mich später bei diversen passenden Gelegenheiten an den Text erinnert.

  2. Mumbai sagt:

    den Fischmarkt am Sonntag in seinem Radius zu erreichen ist schon mehr als Glueck…und das zu Zweit. Hier duerfen wir nur Einzeln rauss zum Einkaufen, jedoch ist spazierengehen untersagt. Ja die sind streng die Spanier, ob’s was hilft werden wir bald merken, denn es sind noch immer viel zu viele unterwegs die sich weder um sich noch um andere kuemmern.

    • dreher sagt:

      Ja, ein großes Glück, das fand ich auch. Ich hatte Sportkleidung an und wir liefen auch zügig. Vorsichtshalber. Personen des gleichen Haushalts dürfen neuerdings gemeinsam draußen sein, anfangs war es verboten. Hier sind auch viele Menschen „unrechtmäßig“ unterwegs, vor allem nachts und in den problematischen Vierteln, und es hagelt Anzeigen.

  3. Sunni sagt:

    Oh, die Fotos, das ist , als sei mein dabei gewesen, habe riechen dürfen und schauen auf das wunderbare Meer. Und der Fischmarkt! Wie schön ein gutes Essen im Freien doch ist.
    Was die Träume angeht, so spülen mir die letzten 10 Nächte Unglaubliches hoch, von Stürzen über Treppen und Rennen durch unenedliche Gänge mit geheimen Sprachzeichen und Gesichtern, die ich mir bekannten Personen zuordnen kann. Blut, viel Blut. Ich denke, der Kopf spielt die Dinge exakter durch, als wir es gern haben wollen.
    Genießen Sie Sonne und Meer und Ruhe. Wundervolle Ruhe! Herzlich, Sunni

  4. Wendy sagt:

    Immer wenn ich bei Dir lese, werde ich ganz traurig. Bei uns in Bayern sind die Regeln ja auch „vergleichsweise“ streng im Gegensatz zum restlichen Deutschland – aber eigentlich ist es unkompliziert und pragmatisch. Man soll 1,50 m Abstand halten. Man darf zu Sport etc. hinaus – wohin man möchte. Man darf aber nicht Platz nehmen (also auf Parkbänken), egal ob allein oder mit mehreren Personen. Man darf nicht auf Spielplätze und auch Picknick ist natürlich nicht erlaubt. Kontrolliert wird das in den üblichen Naherholungsgebieten – ich nehme an, wenn man abseits jeglicher Wege allein im Wald mit Gatten auf einer Bank oder Wiese Platz nehmen würde, gäbe es keine Probleme.

    Der Radius ist nicht eingeschränkt, man braucht auch keinen „Passierschein“. Wir können einkaufen, wann und wo wir wollen. Und auch die Versorgungslage ist im Grunde reichlich (es gibt fast überall wieder Toilettenpapier – teilweise Berge davon – andere geschäfte werden noch nicht so üppig beliefert – aber grundsätzlich ist es ausreichend verfügbar). Nudeln etc. gibt es auch wieder. Der derzeitige Notstand ist Hefe. Wohl dem, der noch Trockenhefe hat – denn weder frische noch Trockenhefe sind in den Geschäften zu bekommen. Vermutlich stellten alle die, die Berge von Mehl kauften fest, daß man zum verbacken auch Treibmittel braucht – deswegen ist auf einmal die Hefe weg. Der nächste „Notstand“ ist vermutlich dann Backpulver. Wobei mir eine Verkäuferin sagte, daß es tatsächlich immer mal wieder eine Hefeknappheit gibt – nur fällt es normal nicht so auf.
    Im Internet kursieren derzeit massenweise Rezepte, wie man Hefe selbst herstellen oder vermehren kann – schwer ist es nicht.
    Sonst ist es hier eigentlich gut – nur macht die Situation tatsächlich melancholisch – ein Wesenszug, der mir sonst fremd ist. Ich bin ein pragmatischer Mensch, der Dinge nimmt, wie sie sind und sich damit arrangiert. Das mache ich auch jetzt – aber mir fehlen einige Menschen schon sehr.
    Und dabei bin ich viel viel besser dran als andere – denn ich gehe nach wie vor täglich in die Arbeit – und da ist Arbeit. Ich komme aus dem Haus. Ich darf mich also glücklich schätzen.
    Ich wünsche noch einen schönen Sonntag – und Genuß an den Dingen, die erlaubt sind.

  5. Michael Chevalier sagt:

    Herzlichen Dank für die wunderschönen Fotos – da bekomme ich richtig Sehnsucht, aber die Grenzen sind ja noch immer zu – und bleiben es sicher noch lange. Liebe Grüsse und alles Gute aus Südbaden.

  6. Croco sagt:

    Viiiiiiieeeeeelen Dank für die Fotos.
    Wie schön, das Meer, die Boote und die Fische. Mein Herz hüpft :)
    Was für ein bezaubernder Tag. Es tut so gut, zu wissen, dass alles noch da ist und wartet.

    Ich hatte schon Nina Hagen rausgesucht, als ich Deinen Beitrag las. Bin sehr verzückt.

    Träume habe ich keine, an die ich mich erinnere. Aber den Tag über kommen ungemein viele Erinnerungen hoch.

  7. Marion sagt:

    Ich genieße die Ruhe und die wenigen Menschen auch – bei mir ist ja sonst auch immer soviel los vor der Haustür. Das ist aber schon das einzig Positive. Jetzt gab es auch schon Fälle in Kölner Seniorenheimen – aber zum Glück nicht in dem von meiner Mutter…

  8. Wolfram sagt:

    Merci fürs Photo – das ist die Kirche der Église Protestante Évangélique, die zur Union des Églises Évangéliques Libres de France gehört, intern auch „Libristes“ genannt. Die sind entstanden, weil sie nicht der Oberaufsicht des Staates unterstehen wollten im 19. Jahrhundert.
    Der Temple Réformé steht in der Rue Notre Dame, Nummer 7. Er gilt als besuchenswert, und weist eine dreimanualige Orgel auf – für französische evangelische Kirchen außerhalb des Elsaß ist das absolut ungewöhnlich! Für Cannes aber vielleicht wieder nicht, weil dort Pierre Valloton seine letzten Amtsjahre verbracht hat. Seine Schwester hat die schönen Bibelillustrationen gezeichnet und auch die Fenster der Kirche in Saint Dié, wo Pierre Valloton in den Sechzigern eine große Orgel gebaut hat, mit vier Manualen, und wo ich gewissermaßen sein Nachnach…nachfolger war.

    La Chanson de l’Auvergnat – die Intention berührt mich; aber für mich müssen sich alle, die Chansons von anderen singen, am Original messen. Ob van Veen an Brel oder Joan Baez an Brassens. Auch wenn Brassens wirklich nicht immer sauber singt!
    Ich habe über diese Melodie aber schon im Gottesdienst an der Orgel improvisiert – natürlich zur Kollekte. ;)

    Und schön, daß bei euch der Weg bis zum Strand kurz genug ist. Wir hätten fast zwei Kilometer; wir hören das Meer rauschen, aber sehen können wir es nicht.

  9. David sagt:

    „Wie riecht das Meer“ – danke für diese wunderbare Sinnesanregung!
    Liebe Grüße, der D